Hausse und Baisse – Joseph Roth

Walter Ruttmann - Cellist - 1913
Walter Ruttmann – Cellist – 1913

In einem Wiener Staatsgymnasium taten sich die Schüler einer Klasse zusammen und bildeten ein Konsortium. Ein Handelskonsortium. Sie spielten auf der Börse, gewannen, verloren. Sie sprachen von Aktien, gingen des Vormittags nicht in die Schule, sondern auf den Schottenring. Fünfzehnjährige Börsianer.
In einem Wiener Bureau machte der Chef eines Tages die Entdeckung, daß seine Tippmamsells vorzügliche Kenntnis und Gewandtheit in fachlichen Börseredewendungen hatten. Er forschte nach und es erwies sich, daß die Tippmamsells Effekten besaßen. Börsen-Effekten.
Zwischen elf und ein Uhr mittags ist das Vestibül der Börse voll von Mittelschülern aller Kategorien und Altersstufen. Sie haben die Beschäftigung mit antiken Versfüßen aufgegeben, Homer wird in Zinsfüßen skandiert. Die ganze höhere Mathematik schrumpft zusammen auf das Kapitel von Zinsen- und Prozentrechnung. Die Lehre von der Wärme wird am Sinken und Steigen der Kurse studiert. Es gibt keine Umsetzung der Energie mehr, sondern einen Umsatz der Papiere. Die Notenskala ist um neue Bezeichnungen bereichert. Kein Sehr gut, sondern »lebhaft«, kein Ungenügend, sondern »flau«. Der Papa ist ein Fixbesoldeter, ein Staatsbeamter, gewendet und zergrämt. Der Sohn Börsianer, Kapitalist, Grundspekulant.

So ist die Welt.

Es ist eine große Hausse in Schiebungen und eine Baisse in Moral. Es ist eine Umwertung aller Werte in – Börsenwerte.
Der Börsenaufschwung begann mit dem großen Lesebuchkrach. Als die Morgenstunde Eisenschrappnells im Munde hatte; als Tachinieren am längsten währte; die Armeekommandanten die sanftesten Ruhekissen hatten; dem Tüchtigsten der C-Befund gehörte; und der Anschluß ans Vaterland, ans teure, Annexion und Besetzung hieß: da fing der Blutrausch der Weltgeschichte in ihren motorischen Bestandteilen zu wirken an. Die beschwipste Moral taumelte. Der Weltanschauung drehte sich der Kopf. Da die Religion den lieben Gott genötigt hatte, ein nationales Bekenntnis abzulegen, sanken die Tempel zu der Bedeutungslosigkeit von Parlamenten herab. Da die Altäre des Vaterlandes rauchten, vernachlässigte man die der Götter. Da man Respekt und Gehorsam schuldig war, verlor man die Ehrfurcht. Da die Ehrenbezeigung Pflicht ward, war die Ehrlosigkeit Brauch.

Einstmals, in einer weiten und wilden Welt, gab es Glücksritter mit Schwert und Spieß. Der Krieg war ja Romantik, die Revolution gesund – brachiale, eruptive Traumverwirklichung. Die Brutalität der Guillotine selbst war noch gesund. Aber dieser Krieg und diese Revolution in seinem Gefolge, sie waren raffinierte Naturerscheinungsimitationen. Die überlegt wilden Gebärden eines armseligen Zirkusmenschen, der in einem Pantherfell steckt. Wie wenn eine ausgestopfte Bestie falsche Zähne fletschen würde. Die Weltgeschichte ward eine politische Börsenspekulation. Setzte sich der waghalsige Jüngling aufs Roß, wenn die Zeiten wild waren und von Waffengetöse erfüllt, so geht er heute – spekulieren. Jeder Krieg hat seine speziellen Abenteurer. Man kann heute nicht mehr mit Schwert und Spieß Schlösser, Frauen, Herzogtümer gewinnen. Man kann Kaufleute im Expreßzug nicht mehr recht ausplündern. Man kann sie nur »hineinlegen«. Durch Geschäfte, Handel, Spekulationen.

Im Grunde ist es dieselbe Abenteurerlust, die Tannhäuser auf den Venusberg, Siegfried zum Nibelungenschatz, Parsival zum Gral brachte. Man bedarf nur heute keiner Rüstung mehr, um diese Ziele zu erreichen. Das Graltum ist eine Schiebung, der Nibelungenschatz liegt auf dem Bakkarattisch, der Venusberg heißt »Nachtfalter«. Alles ist mit Geld bequem zu erringen. Geld gewinnt man leicht und mühelos auf der Börse. Und selbst das Prickeln des Abenteurertums, der Kitzel des Sensatiönchens ist auch dabei. Also spielt man auf der Börse.

Börsenagenturen entstehen an allen Straßenecken. Alle Banken vermitteln Börsengeschäfte. Die ganze Schöpfung ist die verfehlte Börsenspekulation eines Gottes, der pleite gegangen ist.

Allmählich wandelt sich das Aussehen der Welt. Schieben die Wolken nicht? Sind sie »Kulissen«? Gewitter sind Geldkrisen, Blitze erleuchtende Spekulationseinfälle. Und ein Donner, nun, das ist natürlich ein »Krach«.
Die Winde, kommen sie noch aus Aeolus‘ Höhle? – Sie blasen aus hohlen Kassenschränken.
Regnet es, schneit es noch? – Ich glaube, erbitterte Kaufleute spucken aus.
Die Menschen vermehren sich nicht mehr durch Geschlechtskopulation, sondern durch Aktiengewinstverdoppelung.
Die Meere sind vielleicht riesengroße, quadrierte Aktienpapiere.
Und selbst die Nummern der Meridiane und Parallelkreise sind zu gewinnen und zu verlieren.
Zwischen Hausse und Baisse – Nordpol und Südpol – dreht sich die Erde um ihre eigene Profitaxe.

Josephus
Der Neue Tag, 7. 12. 1919


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