Hartwig Rademacher | Akute Literatur

PEIGER, H., Die Wohltat der Verstellung. In: Wilbert Drohn (Hrsg.), Die Überwindung des Wissens, S. 65-83. Essen 1993.

» Ich habe keine Bücher, die Bücher haben mich. « Dieses Zitat des Mitbegründers und langjährigen Geschäftsführers des Merve Verlags Peter Gente kam mir bei diesem Buch in den Sinn, als es mir in die Hände fiel.
Dieser bibliographische Zeilenwurf, vom Autor so untertitelt, besteht aus Hunderten Literaturangaben aus den Bereichen Ästhetik, Religion, Soziologie und vornehmlich Psychologie. Nicht mehr und nicht weniger. Weder die angeführten AutorInnen noch deren Texte gibt es wirklich und es scheint, dass Hartwig Rademacher LeserIn und möglicherweise sich selbst einlädt, daraus Tatsachen zu schaffen. Viele der Titel locken mehr wissen zu wollen, werfen das Kopfkino an, irritieren, werfen Fragen auf, regen zum Nachdenken an, bringen zum Schmunzeln. Bei einigen Titeln habe ich einen Moment länger gebraucht um das „Akute“ darin zu entdecken. Und: nicht wenige genügen bereits als Textminiaturen, als „schöne Worte“ die man so stehen lassen kann.

Hartwig Rademacher | Akute Literatur | Merve Verlag Berlin

Der Autor hat sein Werk „Akute Literatur“ genannt; und Hanns-Josef Ortheil hat in seiner Kurzrezension für die Zeitung „Die Welt“ angemerkt, dass hier eine Bibliographie von Titeln vorliegt, in denen Rademacher etwas „Akutes“ entdeckt hat. Nun bedeutet ja der Begriff u.a. „in einem bestimmten Moment (sehr) wichtig“. Im Zusammenhang mit Rademachers Werk gefällt mir persönlich die herkunftliche Entlehnung aus dem Lateinischen acutus „scharf, spitz“, gebildet zu lateinisch acuere „schärfen, spitzen“ sehr gut; indem ich beim Lesen die Einladung annehme, den Titeln eine individuelle Form zu geben.

FLOCK, D., Natürliche Trennungen. In: Isolde Dunsten (Hrsg.), Sündenwahn und Freiheit, S. 77-101

Die Bibliografie bezieht sich ausnahmslos auf Sachliteratur; zumindest konnte ich nichts aus Prosa oder Lyrik finden…wobei ich mich gefragt habe, ob sich die Titel teils nicht mindestens genauso gut in einem Gedicht oder einer Kurzgeschichte ausarbeiten lassen. Um auf das obige Zitat von Peter Gente zurückzukommen: dieses Buch hat einen, und man kommt immer wieder darauf zurück. Zumindest mir geht es mir so.

Der Autor | Hartwig Rademacher, geboren 1969 in Paderborn, studierte Psychologie in Bielefeld und Boca Raton. Er lebt in Bielefeld. Das Buch ist Elisabeth gewidmet.
Die Lektüre brachte mich schlussendlich zu der Frage: ist der Name des Autors vielleicht ein Pseudonym? Es würde zum Konzept passen.


Hartwig Rademacher | Akute Literatur
Bibliographischer Zeilenwurf
Merve Verlag Berlin 2003
Taschenbuch
ISBN 3-88396-191-4
Preis: 8 €

 


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