Hans Paasche: Brief 9 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Neunter Brief

Birkhain, den 15. Oktober 1913.

Hans Paasche-ReiseMukama, Herr der Rinder!

Seit drei Monden bin ich wieder in einer Einsamkeit und lebe auf einem Berge und in einem Walde. Hier traf mich beides: Regen und Sonne; beides: Kälte und Wärme; beides: Leid und Freude, bis endlich die Freude größer war, und das war in den letzten Tagen. Es kamen da die, welche mich lehrten, daß es eine große Hoffnung gibt in dem Volke der Wasungu. Von ihnen will ich Dir jetzt erzählen.

Als ich zum Bergwald zog, war die Zeit der Kornernte, dann begann der Gras- und Kräuterschnitt, und als der Mond wiederkehrte, gruben die Bauern die Knollen aus der Erde und pflückten die Früchte. Da war es eines Morgens. Ich hatte die wilden Horntiere belauscht, die in dem Wald brüllten, weil die Zeit ihrer Zeugung war, und ich hatte an Weisheit zugenommen, denn auch in diesem Lande sind die Tiere die einzigen Lehrmeister des Menschen. Nun legte ich mich in meiner Grashütte am Bergbache zur Ruhe. Da hörte ich unten am Wege Stimmen und erkannte in einem Rudel junger Wasungu einen Bekannten, den Mann vom Stamme der Korongo. Ich schnürte mein Bündel und eilte den Wanderern nach. Ich ergriff die Hand des Korongo. Er freute sich, und alle waren gut zu mir, die Knaben und die Mädchen. Denn auch Mädchen waren darunter, und ich sah, daß diese schön waren. Gehen konnten sie und springen; sprechen, lachen und singen. Sie hatten kein Leibgerüst und keine Zwangsschuhe. Sie trugen keine Steißfedern wilder Tiere auf dem Kopfe. Ihr eigenes Haar hing in goldenen Flechten über den Rücken, und Kränze roter Beeren schmückten die Köpfe. Als Lukanga das alles sah, war er froh und folgte ihnen, wohin sie gingen: den Berg hinab und wieder auf einen andern Berg hinauf, wo ein alter Häuptlingssitz emporragte.Hier kamen viele Jünglinge und Mädchen zusammen. Sie setzten sich nieder. Einer sprach, und die andern hörten zu, was der Sprecher sagte.

Mukama, als ich selbst es hörte, wußte ich Neues. Ich wußte, daß es Schlechtes gibt, von dem sich dies Volk befreien kann. Und ich sah, daß die Wasungu Kinder haben, die Großes leisten werden.

Da stand ein Sungu auf und sagte: »Wir wollen, daß jeder Sungu Land habe, und hassen es, daß viele beisammen wohnen. Nur wer Land hat und eine Vaterhütte, hat eine Heimat und kann für das Volkland kämpfen.« Und alle riefen laut, als Zeichen, daß auch sie das wollten, so, wie er es sagte.

Da sagte ein anderer: »Wir wollen uns freuen über unser Volk, was es kann und was es ist, und wollen zusammenhalten, weil wir Kinder eines Volkes sind. Wir sprechen alle dieselbe Sprache, wir kennen gemeinsame Taten der Väter; so tun wir denn, was wir tun, als Glieder eines Volkes: wir sind Wasungu.« Wenn Du, Mukama, nun denkst, ich hätte nicht mitgerufen, als ich das hörte, dann irrst Du dich. Ich erkannte, daß es göttlich ist, wenn jedes Volk seine eigene Größe hat.

Es sprachen aber auch welche, die es anders wollten als diese alle. Sie sagten: »Wir wollen eine Unterschied machen zwischen Jungen und Alten: die Jungen sind nämlich klug, die Alten dumm. Wir wollen niemand gehorchen und jeden, der für sein Volk etwas tut, auslachen. Wir wollen nämlich nur an uns denken. Denken und Jungsein allein genügt.« Da riefen nur einige, die andern sagten: »Was du sagst, kannst du selbst wollen; wir aber wollen es nicht, wir wollen das andere.« Und das war gut, denn dies ist nämlich der alte Fehler der Wasungu: Immer wieder hat es bei ihnen welche gegeben, die das Gute vor sich sahen. Weil aber mehrere Wege hinführten, haben sie sich erst untereinander gestritten, welcher Weg der beste sei. Und das haben sie ganz gründlich gemacht und haben dabei viel in sich hineingegossen, bis sie überhaupt keine Lust mehr hatten, nach dem Guten hinzugehen, und andere Völker sich das Gute nahmen.

Es sprach dann ein erfahrener Mann, den alle kannten, weil er viel gedacht hat und es den andern geschrieben, wenn er etwas gefunden hatte.

Er sagte: »Wir wollen dafür sein, daß jeder Sungu die Sachen sagt, wie sie sind, und nicht, wie sie nicht sind. Wir wollen auch, daß jeder, der falsche Sachen sagt, ein schlechter Mensch genannt werde.« Und alle riefen laut.

Dann sagte wieder einer: »Wir haben eigene Lieder, die wollen wir singen, und Reigen, die wollen wir springen, und wenn wir das tun, wollen wir in das Land hinausgehen, von einem Berg zum andern und uns freuen. Wir wollen aber vorbeigehen an allen Orten, wo Schlucker sitzen und Lärm hören, denn da ist alles beisammen, was nicht Art echter Wasungu ist: Schlucken und Hineingießen und Rauchblasen und Mädchen mit Haaren anderer Menschen und mit Steißfedern wilder Tiere.«

Da riefen alle laut, und einer trat vor und sagte: »Ja, das ist es. Wir wollen überhaupt nicht mehr Rauch machen und hineingießen. Unser Atem soll nicht stinken, und unser Schluck soll nicht rülpsen, dann werden wir auch immer rein und jung bleiben, und unser ganzes Volk wird klug und stark sein, und die ganze Welt wird es an unserer Schönheit und an unsern Taten sehen, daß wir die Wasungu sind.« Jetzt schrie die ganze Menge einen lauten Ruf.

Mukama, ich war Zeuge eines gewaltigen Feuers, das in den Herzen edler Menschen abbrannte.

Diese jungen Menschen riefen Freude, weil es ihnen erlaubt sein sollte, täglich etwas für ihr Volk und Land zu tun. Ich fühlte dies: Die Wasungu werden jetzt sehr groß werden, weil die Zeit der Mästlinge sehr klein werden wird.

Sie sprachen noch viel, und einer nach dem andern trat vor. Ein jeder erschien mir schöner als der andere, und jede Stimme entzückte mich. Ich dachte zwei Gedanken: Achtzehn Monde wohnte ich in Kitara und sah den neuen Berg entstehen, der glühend aus der Erde quoll [Fußnote].

Ebensolange bin ich im Lande der Wasungu und sehe jetzt das neue Volk entstehen, auf dem Berge, bei den Wäldern.

Als es Nacht war, gingen alle, und auch die Korongo, den Berg hinab und wanderten bis in die Mitternacht. Und ich folgte ihnen. Sie gingen aber und sangen, und einer spielte dazu auf dem Fadenholz. Sie sangen von Blumen und Tieren, von Knaben und Mädchen, von Kampf und Liebe und Volkland.

Am Morgen stiegen sie früh auf einen andern Berg hinauf. Es ist nämlich ein Gesetz dieser jungen Wasungu, daß niemand weitersprechen darf, wo er schon einen Tag gesprochen hat. Sie wissen, daß die Gedanken des Menschen rein werden durch weiten Weg. Deshalb gehen sie auf einen andern Berg, bevor sie weitersprechen.

Die Jahreszeit war kalt. Wir aber wurden beim Gehen warm und badeten im Bergbache, unter hohen Bäumen. Dann gingen wir auf eine Wiese und fanden Menschen da, soviel wie Gras.

Sie sprachen im Kreis und faßten sich an den Händen, sie sangen und tanzten. Sie tanzten mit nackten Füßen, wie wir es tun in Kitara. Und obwohl sie bekleidet waren, waren sie schön; denn ihre Kleider waren anders als die anderer Wasungu. So war ich froh bei ihnen bis zum Abend. Da brannten sie ein hohes Feuer an und sangen. Dann schwiegen alle, und einer stand am Feuer und sprach die Sprache der Wasungu. Rundum war Nacht, und der Mond schien und die Sterne. Um den Berg aber lag das Land, dessen Feuer hier oben brannte.

Ich sah die Gestalten von jungen Männern und Mädchen. Ich sah ihre Augen und Feuerglanz darin. Ich sah, als Fremder, die Zukunft eines Menschenvolkes.

Da sangen tausend Stimmen das Lied: »Groß ist uns das Land der Wasungu.« Ein Wind wehte die Flamme hoch. Ich aber beugte den Kopf und weinte.

Großer König. Du sandtest aus Deinen Diener Lukanga Mukara


Inhalt – Übersicht

Einleitung des Autors & Editorial
Brief 1
– Von Münzen, deutscher „Kultur“ & Briefen

Brief 2 – Vom Rauch, von der Arbeit und der Unsitte des Bekleidens
Brief 3 – Das Handwerk des Schreibens und Lesens / Reiche und Arme / Die Wasungu sind keine Menschen / Die Frauen
Brief 4 – Weshalb die Wasungu hin und her laufen und fahren
Brief 5 – Was und wie die Wasungu essen
Brief 6 – Über die Narrheit, die die Wasungu „Volkswirtschaft“ nennen
Brief 7 – Wie die Deutschen ihren König feiern
Brief 8 – Über das Rauchstinken der Wasungu
Brief 9 – Lukanga auf dem Hohen Meißner

 

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