Hans Paasche: Brief 5 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Fünfter Brief

Hans Paasche-ReiseDein königliches Herz erzürnt sich, weil ich Dir noch nicht schrieb, was die Wasungu essen?

Großer und mächtiger Herr! Gebiete Deinem Volke zwei Tage Schweigen, damit das Furchtbare, was ich Dir jetzt erzählen werde, in Deinem Verstande Platz finde: Die Wasungu sind Seelenesser, sind Kannibalen.

Sie vermischen die Nahrung, die die Erde spendet, mit Teilen verschiedener Tiere. Besonders Schweine, Rinder und Pferde werden getötet und in viele Teile zerschnitten und zerhackt [Fußnote].

Hunde werden in einer Stadt mit Namen Halle geschlachtet und gegessen. Katzenfleisch wird nur heimlich unter die Nahrung gemischt. Niemand würde es kaufen, wenn jemand es anböte, deshalb wird es kleingeschnitten und mit anderen Fleischstücken in Tonnen gesammelt, dann wird es in Därme von Rindern hineingetan und verkauft. An einigen Orten vermischen sie es auch mit Mehl und Fett und essen es aus Muschelschalen. Nur Menschen dürfen nicht geschlachtet und gegessen werden.Einiges von diesem weiß ich, nicht, weil ich es selbst sah, sondern weil es mir ein Mann von dem weitverbreiteten Stamme der Korongo [Fußnote] erzählte. Manches aber sah ich selbst, und deshalb glaube ich, was mir der Korongo erzählte.

Ich sah einen Mann, der aufgeschnittene Kälberleichen, die noch blutig waren, von einem Wagen auf die Schulter nahm und in einem Hause so aufhängte, daß jeder, der vorbeiging, die Leichen sehen mußte. Und Männer und Frauen gingen vorbei und waren fröhlich, obwohl sie das sahen. Der Mann hängte auch innere Teile von Tieren auf und schrieb Zahlen daran, weil er Geld dafür haben wollte, wenn Menschen es kaufen. Die Leichen werden in Teile gerissen und die Teile einzeln verkauft, als seien es Früchte. Auch das Blut der Tiere wird gegessen.

Ich sagte: die Wasungu essen. Das ist nicht richtig: sie schlucken. Und alles, was sie in ihren Mund hineintun, ist dazu vorbereitet, daß es hinuntergeschluckt und nicht gegessen werde. Es sind unter den Wasungu wohl einige, die sich darauf verstehen, Nahrung zu essen; die meisten aber sind Schlucker.

Ihre Sprache kennt zwei Worte für »Nahrung eintun«: »Essen« und »Fressen«. Die Schlucker sagen von sich selbst, daß sie essen und daß die Tiere fressen. Als ich aber einem Sungu zeigte, wie ein Rind auf der Weide Kräuter suchte und ihm sagte, auch er sollte doch lieber »fressen« wie das Tier, da wurde er böse.

Die Wasungu machen die Schweine, die sie essen wollen, künstlich krank, damit sie ganz dick werden. Sie zwingen diese Tiere, hastig zu schlucken und dann zu ruhen. So mästen sie die Tiere. Und wie die Schweine mästen sie auch sich selbst. Sie erreichen das durch viele Mittel. Ein Sungu wartet nicht mit Essen, bis sich Hunger meldet, sondern er geht hin und versucht, ob er irgend etwas ausfindig macht, was er gerne schlucken möchte.

Damit er sicher ist, daß er sich mästet, setzt er sich zu ganz bestimmter Zeit, auch ohne Hunger, zum Schlucken hin. Und nicht im dunklen Raum und nicht allein, sondern mit anderen Wasungu zusammen. Die Augen hat er beim Schlucken weit geöffnet. Während er eine Speise hinunterschluckt, sieht er auf einen Zettel, auf dem die nächste Speise geschrieben steht. Dadurch erreicht er schnelleres Hinunterschlucken. Weil er ja nicht aus Hunger ißt und die Speise nicht schmeckt, ißt er mit den Augen, und er ißt dann immer die nächste Speise, und nicht die, die er gerade im Munde hat. Auf dem Zettel steht keine Nahrung geschrieben, sondern Gemengtes und Erhitztes. Damit es nicht gekaut werde, gießt der Schlucker Getränke dazu in den Mund. Alle Wasungu gewöhnen sich, auch Getränke zu schlucken, anstatt sie zu saugen.

Ein allgemein gebrauchtes Mittel, die Körpermast zu fördern, ist dies: die Wasungu verabreden sich, zu mehreren gemeinsam um einen Tisch herumzusitzen und dieselben Speisen zu schlucken. Obwohl sie keinen Hunger haben, gelingt es ihnen, dann sehr viel zu schlucken. Es kommen Diener, die versuchen, die Gier der Schlucker zu reizen. Sie tun das, indem sie die Speisen, deren Namen der Schlucker vorher auf dem Zettel gelesen hat, der Reihe nach jedem einzelnen Schlucker kurze Zeit von hinten vor das Gesicht halten, bis er etwas davon genommen hat. Weil nun alle Schlucker von derselben Schüssel nehmen, erwecken sie gegenseitig die Vorstellung, als gelte es, den anderen etwas wegzunehmen und sich recht viel zu sichern.

Wenn sie dann anfangen, davon etwas in den Mund zu tun, schreien sie sich gegenseitig an und zwingen sich dadurch zu schnellerem Hinunterschlucken. Außerdem ist es Aufgabe der Diener, die Schlucker von hinten fortwährend zu bedrohen, als sollten die Teller, auf denen die Speise liegt, plötzlich weggenommen werden, und auch dadurch wird der Zweck schnelleren Schluckens erreicht. Damit die Schlucker aber recht laut schreien müssen, läßt man zwölf Männer auf Hörnern blasen und Lärm schlagen.

Wenn ich dagegen an die Verse des Rubega denke, dann ist es mir, als ob ich aus dem Rauche hinaus und in den Zugwind trete. Laß mich, Mukama, die Worte des großen Priesters hier niederschreiben, damit ich selbst mich ihrer wieder scharf erinnere. Rubega sagt:

»Besieh Dir, Mensch, eine Nuß. Weshalb ist ihr Kern umkleidet? Damit der eine Mensch sie entkleide und der andere sie esse?! Nein! Damit der, der sie essen soll, den Kern herausschäle und nicht das Maul auf einmal bis oben hin anfülle.Du sollst, wenn du issest, noch den Boden wissen, von dem die Frucht genommen wurde. Und warst du selber nie dort, so soll doch Deine Sehnsucht dort weilen, während Du issest.Darum gehe in den Raum, der für Speisung gemacht ist und bleibe allein dort, bis Deine Sehnsucht sich gesättigt hat.Du sollst aber liegen, während Du issest.So hast Du an der Öffnung des Raumes den Himmel über Dir, an dem geschrieben steht, wann Du essen darfst.

Bei Tage nämlich sollst Du essen, beim unendlichen Blau. Aber des Nachts stehen Sterne da, und Deine Gedanken haften an ihnen. Da sollst Du fasten.« Mukama, wenn ich die Wasungu neben die Wakintu stelle, dann weiß ich, welches Volk die besseren Ratgeber hatte.

Es sind unter den Wasungu viele, die besonders starke Mast betreiben, und unter jeder Arbeitsgemeinschaft findet sich ein bestimmter Teil solcher Mästlinge. Aber, obwohl sie alles tun, um möglichst schnell unfähig zu werden, Waffen zu führen und gegen den Feind zu gehen, verlieren sie doch keins der Bürgerrechte, und wenn ich einem solchen zur Mast aufgestellten Krieger sage, daß in Kitara nur der die vollen Ehrenrechte des Staatsbürgers hat, der im Schnellauf Gewisses leiste, dann schluckt er nur noch mehr.

Sie leben alle in beständiger Angst, daß sie nicht genug Gemischtes und Erhitztes in den Leib bekommen. Nur um wirkliche Nahrung sind sie ganz unbesorgt, ja sie verachten die Nahrung, weil sie fürchten, dadurch nur tatkräftig und lebensfroh und nicht dick zu werden.

Sie wenden viele Mühe an, die Dinge, die sie in ihre Töpfe werfen, zu zerstören und ihnen den Sonnengeschmack zu nehmen, wobei starkes und lang andauerndes Feuer ihr wichtigstes Hilfsmittel ist.

Danach tun sie an alle Speisen Salz, und dann sagen sie: »Es schmeckt.« Salz ist bei den Wasungu dasselbe wie »Geschmack«. Und was nach Salz schmeckt, davon schlucken sie so viel hinunter, bis sie nicht mehr hineintun können.

Schlechte Sachen, die niemand essen würde, so zurechtzumachen, daß sie geschluckt werden können, und gute so weit zu zerstören, daß sie den schlechten gleich sind: das gilt bei ihnen als eine große Kunst, und besonders die Frauen beschäftigen sich fast den ganzen Tag über mit dieser Kunst, die »Kochen« oder »Braten« heißt, je nachdem, ob Wasser oder Fett dabei erhitzt wird.

Ich erzählte Dir im letzten Brief von dem Leibgerüst der Frauen und sagte, daß die Männer es erfanden, um die Frauen schwach zu machen. Ich glaube, daß auch das Kochen von den Männern erfunden wurde, um den Frauen Zeit zum Denken zu nehmen und sie in Dummheit zu halten. Und jetzt glauben alle, daß es zum Leben nötig sei. Vielleicht aber rächt eine höhere Gewalt den Frevel der Männer; denn er zwingt sie ja, das Gekochte zu schlucken, damit die Frauen nicht aufhören, zu kochen. Und so werden sie auch zur Trägheit verdammt, weil sie gemästet werden.

Strahlender Fürst! Deinem Diener ist es hier nicht leicht gemacht, sich menschenwürdig zu nähren. Aber fürchte nichts: Lukanga nährt sich auch unter den Hundefressern mit Sonnenkraft.

Und wenn er bei Tage zwischen Steinen auf der Kuppe eines Berges liegt und seine Augen im weiten Blau des Himmels ruhen läßt, dann weckt der Duft einer Frucht ihm tiefe Lebenslust.

Allein auf einem Berge im Lande der Wasungu: Welch ein Gefühl ist es doch, als erster Neger auf dem Gipfel eines Berges zu stehen! Und gar als Dein Ausgesandter Lukanga Mukara


Inhalt – Übersicht

Einleitung des Autors & Editorial
Brief 1
– Von Münzen, deutscher „Kultur“ & Briefen

Brief 2 – Vom Rauch, von der Arbeit und der Unsitte des Bekleidens
Brief 3 – Das Handwerk des Schreibens und Lesens / Reiche und Arme / Die Wasungu sind keine Menschen / Die Frauen
Brief 4 – Weshalb die Wasungu hin und her laufen und fahren
Brief 5 – Was und wie die Wasungu essen
Brief 6 – Über die Narrheit, die die Wasungu „Volkswirtschaft“ nennen
Brief 7 – Wie die Deutschen ihren König feiern
Brief 8 – Über das Rauchstinken der Wasungu
Brief 9 – Lukanga auf dem Hohen Meißner

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