Hans Paasche: Brief 4 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Vierter Brief

Hans Paasche-ReiseMukama!

Du fragst, wozu die Wasungu Wagen gebrauchen und weshalb sie ohne Unterschied hin und her fahren? So denke an den Weg von Niansa nach Rubengera. Jetzt geht dort ein Träger vier Tage, ein Bote zwei. Der Sungu würde einen Eisenbalkenweg bauen, damit dieser Bote in einem Tage hinkommt. Um den Weg zu bauen, müssen viele Tausende von Menschen dorthin gehen und arbeiten und zurückgehen. Andere müssen diesen Nahrung und Brennholz bringen. Die Arbeiter bekommen Lohn. Den wollen sie ausgeben. Deshalb muß ein Inder mit vielen Lasten Stoffen, Mützen, Perlen und Schnaps kommen. Dann ein Sungu, der dabei steht, schreit und aufschreibt. Dann Waren für den Sungu. Dann Träger, die Holz und Steine für ein Haus für die Waren des Sungu bringen. Dann ein Sungu, der diese Waren zählt und aufschreibt und eine Abgabe dafür einnimmt. Auch für den muß ein Haus gebaut werden und ein zweites für den, der aufpaßt, daß der Geldeinnehmer das Geld nicht für sich behält. So sind wir schon mitten in einem »gesunden« Wirtschaftsleben oder in einer »gesunden wirtschaftlichen Entwicklung«. Es kommt dann schon ein Sungu, der von dem Betrieb Bilder macht und ein Buch darüber schreibt. Es wird ein Haus gebaut, in dem die Wagen der Eisenbahn repariert werden. In dem Hause arbeiten Menschen, die mit den Wagen geholt werden. Dazu braucht man Kohle und Holz, die holt man mit den Wagen und heizt die Maschine des Wagens mit Kohlen. Man baut also die Wagen, um Kohlen zu holen und holt Kohlen, um die Wagen zu bauen. Betrieb, Verkehr, Rauch, Lärm und Fortschritt, also das, was die Wasungu Kultur nennen, ist dann im Gange. Auch siedeln sich Kaufleute, Schnapsverkäufer und käufliche Mädchen an, um den Arbeitern das Geld wieder abzunehmen. Weil dann durch die Begehrlichkeit, die in den Arbeitern geweckt wurde, und durch den Schnaps Unordnung entsteht, müssen bewaffnete Aufseher mit den Wagen gebracht werden und andere Männer, die aufschreiben, welcher Art die Unordnung ist und wie das heißt, was die Arbeiter Unordentliches getan haben. Für diese Schreiber aber mu wieder ein Haus gebaut werden, und damit die Arbeiter, die Unordentliches getan haben, nicht nach Hause gehen, bevor alles fertig aufgeschrieben ist, müssen Käfige gebaut werden, in die man die Arbeiter einsperrt, füttert und bewacht. Es muß aber wieder mit den Wagen Kohle und Eisen geholt werden, um die Gitterstäbe der Käfige zu machen. Dann muß Wasser in die Häuser bei Schreiber und Aufseher geleitet werden und künstliches Licht, damit auch nachts geschrieben werden kann, wenn die Natur es verbietet. Dann muß ein Haus gebaut werden für den Mann, der aufschreibt, welche von den Schreibern »Herr Ober« heißen und ein anderes, in dem ausgedacht wird, wieviel jedes Haus bezahlen soll, um die Aufseher und die Schreiber zu bezahlen. Dieses alles nennen sie die »Regierung«. So entsteht eine große Stadt, eine Kulturzentrale, wie die Wasungu sagen, und alles nur, weil ein Bote den Weg von Niansa nach Rubengera schneller zurücklegen sollte. Diese Stadt vergrößert sich und dann müssen mehr Wagen fahren und immer mehr. Dann braucht man Häuser, in denen die Wagen untergestellt werden und wieder Menschen, die diese Häuser bauen, bewachen, zählen und darüber schreiben. Weil aber die Menschen in solcher Stadt und bei solcher Beschäftigung verrückt werden, muß man große Häuser außerhalb der Städte bauen, in die man die Verrückten einsperrt. Dadurch entsteht wieder Arbeit und neues wirtschaftliches Leben. Die aber, die noch nicht ganz verrückt sind, müssen, um nicht völlig verrückt zu werden, sehr oft aus der Stadt hinausfahren, um in der Steppe und im Urwald zu schreien, Blumen abzureißen, Tiere aufzuspießen oder zu verscheuchen. Deshalb fahren wieder sehr viele Wagen mit Menschen hin und her. Außerdem aber müssen in der Steppe und im Urwald Häuser gebaut werden, in denen diese Halbverrückten Schnaps und Rauchrollen kaufen können, und es müssen Kästen aufgestellt werden mit Maschinen, die Radau machen, was die Wasungu lieben. Sie machen dazu viel Rauch, gießen Flüssigkeit in ihren Hals und brüllen sich gegenseitig an. Dann lass n sie Bilder von sich machen mit Trinkgefäßen in der Hand. Damit man aber in der Steppe weiß, wo die Schnapshäuser liegen, müssen an den Wegeecken Schilder aufgestellt werden, auf denen der Name der nächsten Schnapsstelle angeschrieben steht und wie weit es ist. Diese Schilder wieder müssen bewacht werden, damit sie keiner mitnimmt. Dazu werden bewaffnete Wächter angestellt. Für die werden wiederum Häuser gebaut. Weil die Schilder Geld kosten, wird der Weg durch einen Baum versperrt, der nur geöffnet wird, wenn der Wanderer Geld bezahlt. Es muß dann bei dem Baum ein Haus gebaut werden, worin der wohnt, der das Geld einsammelt, und in der Stadt ein zweites, worin der wohnt, der aufpaßt, daß der, der das Geld einsammelt, es nicht für sich behält. Außerdem müssen Wächter aufpassen, daß niemand, anstatt zu bezahlen, um den Baum herumgeht, und wenn viele Halbverrückte kommen, daß sie auf der Seite des Weges gehen, wo die rechte Hand ist. Damit aber die Halbverrückten lesen können, was auf den Schildern steht und wie weit es zu der nächsten Schnapsbude ist, müssen Häuser gebaut werden, in denen ein Mann die Kinder haut, bis sie lesen und zählen können. Das dauert acht Jahre. Auch für den Mann muß ein Haus gebaut werden und ein anderes für den, der aufpaßt, wann dieser Mann soviel gehauen hat, daß er »Herr Ober« heißen darf. Dann eins für den, der auf diejenigen aufpaßt, die sich »Herr Ober« nennen, ohne Erlaubnis zu haben oder Metallplättchen über der Brustwarze tragen, bevor sie das dazugehörige Alter erreicht haben. Damit man aber weiß, wann jemand so alt ist, daß er Metallplättchen tragen darf, müssen die Lebensjahre gezählt werden und Bücher geschrieben, in denen man sehen kann, an welchem Tage jeder einzelne aus dem Leibe seiner Mutter gekommen ist. Deshalb müssen Häuser gebaut werden und müssen Wagen hin- und herfahren, bei Tage und bei Nacht.Dies also ist, weshalb die Wasungu Wagen gebrauchen, Wege mit Eisenbalken bauen und fortwährend hin- und herfahren. Eins aber habe ich noch vergessen zu erwähnen, und es wird dich vollends in Abscheu oder Erstaunen setzen: das Briefschreiben der Wasungu. Dieser Tollheit kann ich in Worten schwer beikommen. Es gibt in Usungu kein Haus, wo nicht täglich ein Bote hinkommt, der Briefe bringt. Was schreiben aber die Wasungu? Was jeder von selbst weiß: »Ich bin hier und trinke.« »Ich komme morgen«, »der Wagen fährt«, »das Essen schmeckt«. Oder sie schicken Bilder, wie sie ein Trinkgefäß vor sich halten und ein dummes Gesicht machen. Oder sie schreiben wegen Geld. Ich will so sagen: Alles, was sie tun und alles, was bewegt wird, schreiben sie noch mal. Deshalb fahren Boten mit Wagen hin und her, und Häuser müssen gebaut werden, in denen die Briefe nachgesehen werden und andere, in denen die wohnen, die aufpassen, wann die, welche Briefe nachsehen, »Herr Ober« heißen dürfen. Endlich müssen die Briefe gezählt werden und wieviel Personen hin und her fahren und wieviel Jahre die Briefboten länger leben als die, die den ganzen Tag Kleider nähen. Durch alle diese Dinge glauben die Wasungu klüger und besser zu werden, und wenn ein neues Haus gebaut wird, kommen sie zusammen, halten Reden und brüllen: »Ra! Ra! Ra!«, was der Ausdruck höchster Freude ist. Danach gießen sie Flüssigkeit in ihren Hals.

Die Wasungu haben auch folgende Narrheit. Fragst du in Kitara: Wer ist da? So ist die Antwort: Muntu, ein Mensch! Die Wasungu aber teilen die Menschen ein nach dem, was sie tun. Sie wollen, daß jeder Mensch nur eine bestimmte Narrheit tue, damit Unterschiede entstehen und sie mehr zählen können. Der Zahlenkarl führte mich in ein Haus, in dem viele Männer Messer schliffen. Sie sahen sehr blaß aus. Ich fragte, wo diese Menschen ihren Acker hätten, worauf mir geantwortet wurde, sie täten nie etwas anderes, als Messer schleifen; nur dadurch könne man mit Bestimmtheit sagen, daß Menschen, die jeden Tag Messer schliffen, schon mit dreißig Jahren sterben. Und sein Auge leuchtete vor Freude, als er mir mitteilte, daß ein ebenso kurzes Lebensalter die Menschen hätten, die jeden Tag nichts anderes täten, als den Schluckern in den Steinhöhlen Leichenteile, Pombe und Rauchrollen zu bringen. Als ich vor Schrecken über diese Verrücktheit den Kopf schüttelte, sagte Karl, ich könne nicht zweifeln, das sei wissenschaftlich einwandfrei festgestellt und man hoffe, mit der Zeit noch genauere Zahlen zu bekommen. Als ich fragte, wozu denn diese Zahlen nötig seien, erzählte er mir eine Narrheit, die kein Mensch glauben wird. Aber höre: Sie bezahlen jedes Jahr eine Summe Geld; das wird von Menschen, die dazu in einem Hause wohnen, gesammelt und aufgeschrieben und nach dem Tode den Verwandten bezahlt. Sie glauben, dadurch glücklicher zu sein. Da bezahlt nun ein Messerschleifer eine andere Summe als ein Landbauer, weil die Zahlenkerle wissen, daß die verschieden lange leben. Damit diese Rechnung stimmt, muß jeder bei seiner Arbeit bleiben und darf nie etwas anderes tun. Wegen dieser Narrheit müssen also wieder Häuser gebaut und Briefe geschrieben werden und Wagen fahren hin und her. Hast Du es verstanden?

So wirst Du jetzt wissen, was eigentlich diese Wasungu tun und weshalb sie immerfort etwas tun. Ich sage es Dir: sie sind fortgesetzt in Bewegung, um sich gegenseitig in der Ruhe zu stören, um dafür zu sorgen, daß alle Menschen fortwährend durcheinander laufen müssen und nicht zum Nachdenken kommen. Nun beschäftigen sie sich aber damit, in die Unruhe eine Ordnung zu bringen, auf die sie stolz sind. Sie vergessen dann, daß sie selbst erst die Unruhe gemacht haben, die gar nicht nötig war, und sprechen dann von der Ordnung.

Nein, Lieber, Du kannst es nicht verstehen. Du wirst an Kitara denken. Wozu Ordnung? Die Berge sind da, und in den Tälern fließen die Bäche. Ist das Wasser angeschwollen, so wartet man, bis es sich verläuft. »Amri ya Mungu.« Es ist Gottes Befehl, murmelt der Wanderer und fügt sich in Demut. Die Ordnung aber ist gegen das Gebot Gottes, und seine Strafe bleibt nicht aus. Ich werde später von der Strafe sprechen. Diese Strafe ist gerecht; denn es sind unnütze Dinge und eine selbstgewollte Unordnung, in die von unnützen Menschen Ordnung gebracht wird.

Da wohnte ich bei einem Manne, der Lenker ist auf einem Wagen, der auf Eisenbalken fährt. Ich begleitete ihn und ließ mir sagen, was die einzelnen Wasungu tun, die in dem Wagen fahren. Ein Mann fuhr mit, der baut Eisenteile für die Wagen. Daneben stand ein Mann mit einem Schwert und einer Metallspitze auf dem Kopf. Er hat aufzupassen, daß die Wagen auf der Straße keinen Sungu überfahren, und aufzuschreiben, wenn einer getötet wird. Dann stieg ebenso ein Spitzkopf auf den Wagen, dessen Arbeit bestand darin, aufzupassen, daß der andere ihn ansah, die Beine zusammenklappte und die Arme an den Leib, was ein Gruß ist. Dann saß da eine Frau mit einem roten Kreuz auf dem Arm. Sie verbindet die Menschen, die überfahren werden. Dann ein Mann, der die Hunde fängt, die keine Münze am Halse tragen. Daneben saß ein Mann, der in einem Hause Rauchrollen machen läßt. Dann einer, der Pillen gegen die Krankheiten verkauft, die durch Rauchstinken entstehen. Dann ein Zahlenkerl, der aufschreibt, welche Menschen Geld bezahlt haben für den Fall, daß sie überfahren werden. Wozu das ist, schreibe ich später. Dann einer, der die Kohlen verkauft, mit denen die Wagen getrieben werden, und einer, der die Bücher macht, in denen geschrieben steht, wann die Wagen fahren. Jeder einzelne trägt einen Zeitzeiger auf seinem Bauche und sieht nach, sobald der Wagen hält und sobald er weiterfährt. Dann saß da ein Mann mit Glasstücken vor den Augen. Seine Arbeit war, darüber zu reden, wie es früher war und wie es jetzt ist. Er sagte mir, dieser geordnete Verkehr sei ein Zeichen der hohen Kultur der Wasungu. Es habe einmal eine Zeit gegeben, wo noch keine Eisenbalken auf dem Wege lagen, den wir entlangfuhren. Damals hätte jeder gesagt, es sei nicht nötig, daß hier Wagen fahren, und es würde keiner mitfahren, und jetzt sähe man, welch gewaltigen Aufschwung der Verkehr durch den Bau der Wagen genommen habe.

Ich aber fand, daß alle diese Narren nur unterwegs waren, nicht um zu leben und Gutes zu arbeiten, sondern nur, damit die Wagen fahren können oder damit das wieder gutgemacht werde, was durch das Hinundherfahren an Schaden entsteht. Wenn alle diese Narren auf ihrem Acker blieben und bei ihren Kindern, dann brauchten keine Wagen auf Eisenbalken zu fahren, und wenn keine Wagen fahren, könnten alle einen Acker haben und glücklich sein.

Deshalb hüte, Kigeri, Dein schönes Land vor der Ordnung der Wasungu, vor den Wagen und Eisenbalken und verbiete, daß Zeitzeiger in das Land gebracht werden, durch deren Anblick die Menschen auf Narrheiten gebracht werden. Menschen brauchen keine Zeitzeiger. Bei Tagesgrauen kräht der Hahn. Bei Tage ist es hell, bei Nacht dunkel. Morgens geht die Sonne auf, mittags steht sie ganz hoch und abends geht sie unter. Das Leben aber endet mit dem Tode. Nur dieses braucht der Mensch zu wissen. Wo aber Wagen fahren, da müssen Zeitzeiger sein und wiederum Menschen, die diese Zeiger machen und in Ordnung halten, und daraus entsteht all die andere närrische, ganz unnütze Arbeit, bei der alle Menschen krank und freudlos werden. Ich finde, daß diese Zeitnarren alle nur durcheinanderlaufen, damit die Wagen fahren, und daß sie fahren, um durcheinander zu laufen und sich gegenseitig zu behindern. Ich habe von Dingen geschrieben, die den Weisen von Kitara fremd bleiben sollen, wenn sie Menschen bleiben wollen.

Dich grüßt Dein getreuer Lukanga.


Inhalt – Übersicht

Einleitung des Autors & Editorial
Brief 1
– Von Münzen, deutscher „Kultur“ & Briefen

Brief 2 – Vom Rauch, von der Arbeit und der Unsitte des Bekleidens
Brief 3 – Das Handwerk des Schreibens und Lesens / Reiche und Arme / Die Wasungu sind keine Menschen / Die Frauen
Brief 4 – Weshalb die Wasungu hin und her laufen und fahren
Brief 5 – Was und wie die Wasungu essen
Brief 6 – Über die Narrheit, die die Wasungu „Volkswirtschaft“ nennen
Brief 7 – Wie die Deutschen ihren König feiern
Brief 8 – Über das Rauchstinken der Wasungu
Brief 9 – Lukanga auf dem Hohen Meißner

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