Hans Paasche: Brief 3 – Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland

Dritter Brief

Hans Paasche-ReiseKamerere Rugawa, Vater der Rinder!

Dies ist das dritte Mal, daß ich Dir schreibe, und Du wirst schon sagen: Lukanga soll doch heimkommen und soll uns erzählen, anstatt Boten zu senden mit dem beschriebenen Papier. Werde nicht ungeduldig! Komme ich bald, dann sah ich nicht viel, bleibe ich aber lange, dann kannst Du von mir erwarten, daß ich das Land der Wasungu genau kenne und so vieles in mich aufgenommen habe, daß ich jahrelang erzählen und Du jahrelang zuhören kannst.

Was nun gerade das Handwerk des Schreibens angeht, so ist es rein unbegreiflich, daß mir in diesem Lande kein Sungu begegnet, der nicht schreiben gelernt hätte. Auch die Kinder der Bauern wissen mit Farbsaft und Federspalt umzugehen und können die Zeichen anderer lesen. Und die, welche sie das Handwerk des Schreibens lehren, glauben, daß die Bauern dadurch längere Ähren ernten und mehr Vieh besitzen.Es ist gewiß, daß einige Wasungu vom Schreiben und Lesen Nutzen haben und sehr weise werden; manche im Volk aber verlieren auch durch dies Können, und sehr viele Zeichenkundige werden um nichts besser, denn sieh, es gibt in diesem Lande zwar Gesetze, die jedem gebieten, schreiben und lesen zu lernen, es gibt aber kein Gesetz, das verbietet, Schlechtes zu schreiben, Schlechtes zu lesen. Und so wird viel Schlechtes über ein Volk, das schreiben kann, hingeschrieben. Es kann kein Gesetz geben, das verbietet, Schlechtes zu schreiben. Denn wer will abmessen, wo die Grenze des Guten liege? Und gerade das Schlechte, das sich unter dem Schein des Guten verbirgt, ist den Menschen am gefährlichsten. Die Wasungu haben Geschriebenes, das so gut ist und so rein wie die Luft in den Bergen von Bugoie in der Regenzeit. Aber wenige nur atmen diese reine Luft. Die meisten werden festgehalten im dumpfen Dunst der Sümpfe. Unter denen, die schreiben und Geschriebenes verkaufen, gibt es allzu viele, die nicht schreiben, um den Lesern Notwendiges zu sagen, sondern nur, um recht viel Geld zu bekommen. Deshalb schmeicheln und reizen sie die Leser und erzählen ihnen von einer Welt, in der auch der Dümmste und Faulste mit sich zufrieden sein muß, ohne daß in ihm der Wille geweckt werde, zu Besserem hinaufzusteigen. Wie soll denn jemand Besseres wollen, wenn ihm Schlechtes als das Beste geschildert wird! So ist es mit dem, was geschrieben, erzählt und weiter verbreitet wird unter Zeichenkundigen. Aber auch im täglichen Leben bringt das Geschriebene Gefahr.

Der Hutu in Kitara kann nicht schreiben und darf es nicht lernen. Er sieht sich den Mann an, der spricht, fragt nach seiner Herkunft und Vergangenheit und beurteilt danach den Wert seines Wortes. Mißfällt ihm der Sprechende, dann beachtet er ihn nicht. Der Bauer in Deutschland hat es schwer, hinter dem Geschriebenen den Mann zu erkennen, dem er vertrauen soll.

Du fragst gewiß, wie denn der deutsche Bauer Früchte ernte, obwohl er schreiben und lesen kann? Mukama, wie er das kann, ist mir auf meiner Reise im Lande klar geworden. Der deutsche Bauer weiß sich einzurichten: er macht vom Schreiben und Lesen wenig Gebrauch, und oft vergißt er es recht bald. Wenn er dann jemandem etwas mitzuteilen hat, dann schreibt er nicht, sondern geht, gerade so wie der Hutu, fünf Stunden über Land. Er bringt dann die Antwort, die besser ist als eine geschriebene, gleich mit nach Hause. So kommte es, daß trotz den Gesetzen, welche das Schreiben gebieten, das deutsche Land vor jeder Ernte von hohem Getreide wogt und das Wiesengrün über den Rücken der Riedböcke zusammenschlägt.

Ich erzählte Dir schon, daß die Wasungu sich Menschen nennen, und ich weiß, weshalb sie es tun. Es ist ihnen von Riangombe, dem immer Wachen, eingegeben worden, sich als Menschen zu fühlen. Willst auch Du es begreifen, dann breite Du, Leuchtender, das Fell eines Otters am Hain Deiner göttlichen Ahnen aus, setze Dich dort ruhig hin und sieh den Termiten zu, die in ihrem Erdhause leben. Was bist Du diesen kleinen Geschöpfen? Dein Schatten streift sie, wie uns der Schatten einer geballten Wolke. Sie kümmern sich nicht um Dich. Nichts Größeres kennen sie unter der Sonne als sich. »Wir sind die Menschen«, sagen sie, »sind die denkenden Geschöpfe, für deren Empfindung allein die Welt gemacht ist. Um uns dreht sich die ganze Welt.« Die Wanderameisen und alle anderen Ameisen sind nach ihrem Begriff »Wilde«, und von den Raupen und Käfern, die sie in ihre Baue schleppen, sagen sie, es seien Geschöpfe niederer Art, ohne Gefühle, ohne Verstand, nur mit »Instinkten« begabt. Sie sagen auch von sich, sie allein hätten die richtige Weltanschauung. So gab Riangombe jedem Geschöpf ein, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten und die Erde zu seinen Füßen zu sehen.

Es ist mit den Wasungu nicht anders. Auch sie glauben, die Erde sei um ihretwillen gemacht und halten sich für das Beste, was auf dieser Erde hervorgebracht worden ist.

Schimmerndes Haupt, hat es der Schöpfer nicht weise eingerichtet, daß jeder mit seinem Lose zufrieden sein kann? Zufrieden ist, wenn er das eine tut: wenn er sich selbst erfüllt. Sieh, auch der Arme kann zufrieden sein, und nur der Hunger verbittert die, welche zusehen müssen, wie andere Nahrung vergeuden. Wenn aber jemand allein ist, kann er sogar Hunger ertragen: wo nicht gerade der unerträglichste Hunger ist, da kann selbst der Bedrückte, kann sogar der Arme zufrieden sein. Denn wenn einer reicher ist und sich mit mehr Schauspiel umgibt als der Arme, dann denkt doch der Arme, der Reiche sei nur für ihn da, daß er ihn mit seinem Glanz und mit den vielen bunten Sachen, die er der Reihe nach anziehen muß, erfreue, und er bedauert den Reichen noch, daß er nicht den Genuß des Zuschauens haben kann, weil niemand reicher ist als er. Und der Reiche und Mächtige vergißt, daß er eigentlich nur ein Schauspieler ist, der sich pünktlich bekleiden und bemalen lassen muß und pünktlich, von rechts oder links, auftreten, damit die Armen etwas sehen. Er vergißt das, glaubt sogar, der Arme sei nur um seinetwillen da, den Zuschauer zu bilden, und bedauert den Armen.

Hier will ich Dir als Beispiel ein Erlebnis mitteilen, das ich hatte. Ein großer Feldherr des Landes wollte sich den versammelten Kriegern zeigen, um ihre Waffenlust in Friedenszeit anzuspornen. Er wollte sich auch dem gemeinen Volke zeigen, und das stand dichtgedrängt auf dem Platze und sah zu. Auch ich war unter dem niederen Volke als Zuschauer. Es war ein heißer Tag. Der Feldherr kam. Er saß auf einem schönen Pferde, hatte dichte und schwere Stoffen um den Leib geschnürt und war auf dem ganzen Körper mit bunten Metallblättchen und Ketten behangen. Auf dem Kopfe hatte er, wie alle seine Krieger, ein umgekehrtes Gefäß, daran waren die Schwänze von weißen Hühnern befestigt. Wo er vorbeikam, schrie das Volk, und der Feldherr mußte dann mit rechten Arm seinen Kopf anfassen, wobei ihm sehr warm wurde. Viele buntbehangene Adlige folgten dem Feldherrn zu Pferde, und allen war sehr warm.

Da erkannte ich, daß der einfachste unter den Zuschauern auch diesen mühevollen Aufwand nur auf sich bezog und sich freier fühlen kann als selbst der bewunderte Feldherr und sein Gefolge. Neben mir sagte ein Mann zu einem anderen: »Du, Emel, komm, laß die man alleene schwitzen, mir jehn pennen.« Aus diesen Worten, die zugleich die Sprechweise einer bestimmten Gegend wiedergeben, wurde mir das bestätigt, was ich Dir heute schrieb: ein jeder sieht die Welt und seine eigne Stellung von der Mitte seines Kreises aus.

Und das ist auch der Grund, weshalb die Wasungu dazu kommen, sich Menschen zu nennen. Sie tun es ganz selbstbewußt, sie glauben wirklich, Menschen zu sein. Riangombe gab ihnen ein, sich als Menschen zu fühlen.

Gewiß, Mukama, sind die Wasungu keine Menschen; denn sie sind Heiden und wissen nichts von Riangombe und den Blumenopfern. Und dennoch sollten wir sie zu verstehen suchen und nicht glauben, allein erleuchtet zu sein. Riangombe schuf in jedem Geschöpf von sich ein anderes Bild und wollte auch, daß jedes seiner Geschöpfe auf seine eigene Weise groß sei. Gerade darin erkenne ich seine Größe und Erhabenheit. Und wenn ich Dir auch manches schildere, was mir an den Sitten und an dem Denken der Wasungu allzu unsinnig erscheint, so sehe ich doch schon jetzt, daß wir die Wasungu nicht bessern und nicht ändern könnten, selbst wenn wir es versuchten. Denn wenn wir ihnen irgend etwas bringen wollten, unsere Sprache, unsere Tänze oder gar unsere Sitten und unser Denken, so würden wir ihnen etwas Fremdes bringen, was nicht in ihnen entstand. Sie würden es annehmen, aber wenn sie dann auch etwas hätten, was bei uns gut ist, so wäre es doch bei ihnen nicht gut. Ich spotte über sie; wenn aber gar nichts Gutes an ihnen wäre, dann würde es mich doch nicht locken, sie lange und gründlich zu betrachten. Mir fallen da die Worte ein, die Rugaba, der Weise von Sabinjo, oft sagte: »In allen Seienden ist Gott, und alles, was ist, ist groß. Nur was Gott Dir nicht gab zu begreifen, das siehst Du als klein an in der Natur. Er will, daß Du es klein siehst; du darfst es aber nicht ändern wollen: denn es ist ebenso groß wie Du.«

Dem Stamme der Wakintu gab Riangombe die Fähigkeit, in anderen Geschöpfen Vollkommenes zu sehen. Deshalb sind die Wakintu die Menschen; jener Weise von Sabinjo hat aber an Deinem Hofe oft die Geschichte von dem Hunde erzählt, der einen Sinn mehr hat als der Mensch:

Du gehst mit dem Hunde und führst ihn an der Leine. Da drängt er vorwärts und schiebt sich mit Gewalt über eine Spur, die Dein Auge jetzt erst erkennt. Wie Du ein weißes Rind aus einer Herde herausfindest, so riecht der Hund die Fährte des einen Steppenbocks heraus, den er verfolgt. Und während Du im Bambusgehölz nicht drei Schritt weit siehst, sagt es dem Hunde der Wind, wo das Wild in der Nähe steht. Wie der Hund die Gabe hat, wahrzunehmen, was Du nicht erkennen kannst, so gibt es Geschöpfe, welche die Dinge mit anderen Verstandeskräften ansehen und erfassen als wir, und leichter ist es, zu sagen: »Ich rieche nichts, also ist nichts da«, als einzugestehen, daß unsere Gaben nur uns verbieten, alles zu erkennen.

Ich erzählte Dir schon, Mukama, von der Kleidung der Wasungu und will Dir nun auch von den Frauen erzählen. Schwer ist es da für mich, den Dingen auf den Grund zu gehen. Nur das eine weiß ich schon gewiß: die Frauen der Wasungu werden künstlich mißgestaltet, und die entstandene Mißgestalt wird durch Felle, Stoffe, Geflecht, Leder und Federn wilder Tiere so umkleidet, daß eine neue Gestalt entsteht, die mit der natürlichen, schönen Frauengestalt, wie wir sie bei den Wakintu kennen, nichts mehr gemein hat. Nackte Frauen und Mädchen sieht man nirgends, weder auf den Straßen noch bei der Feldarbeit. Auch baden sie nicht alle, und die, welche baden, sind mit Anzügen bekleidet, und es ist nicht erlaubt, sie aus der Nähe anzusehen. Nur abends, wenn die Wasungu gemeinsam essen und tanzen, sind die Mädchen so gut wie nackt, und nur ein Teil des Körpers ist von Kleidung bedeckt. Sie dürfen es nicht wagen, ganz ohne Kleider zu kommen, weil ihr Leib aus zwei Teilen besteht, die nur lose miteinander verbunden sind und durch ein äußeres, starres Gerüst zusammengehalten werden. Dies Gerüst nun verdecken sie auch abends durch ein wenig Kleidung. Aber natürlich nicht mehr als unbedingt notwendig ist.

Hätten die Frauen das Gerüst nicht, so würden sie zusammenklappen und könnten nicht aufrecht gehen. Das Gerüst ist wahrscheinlich eine uralte Erfindung der Männer. Sie haben es, um trotz Trägheit und schlechten Lebensgewohnheiten an Ausdauer und Gesundheit überlegen sein zu können, den Frauen aufgezwungen. Das Leibgerüst ist so eingerichtet, daß die Frau nicht vollständig atmen kann. Der Leib wird an der Stelle, wo er sich ausdehnen soll, fest zusammengehalten, und ein Teil der Lunge fault innen und stirbt, weil er gehindert wird zu leben. Es fehlt ihr nämlich der tiefe Atem. Infolgedessen kann die Frau nicht laufen und keine Bewegung ausführen. Deshalb verkümmert das Fleisch unter dem Gerüst, und der Körper wird oben und unten furchtbar dick, was die Wasungu schön finden. Schon im jungfräulichen Alter wird der Leib der Mädchen eingeschnürt, weil man fürchtet, sie könnten zu lange gesund bleiben. Der beabsichtigte Erfolg tritt auch ein: die meisten Frauen sind frühzeitig krank und hinfällig, und mit einer gewissen Schadenfreude sprechen die Männer dann von dem »schwachen Geschlecht«.

Die Frauen bewegen sich in ihren Leibgerüsten wie aufrechtgehende Schildkröten. Du kannst es Dir gar nicht vorstellen, wie es aussieht, wenn eine Frau auf der Straße geht und die Beine unter dem steifen Gerüst bewegt. Un wenn sie erst die bewegungslose Masse ihres Leibes auf einen Sitz schiebt, wenn die Glieder hinunterhängen und der Kopf hilflos hin und her bewegt wird, dann empfindet ein gebildeter Neger etwas wie Mitleid mit solch mißhandeltem Geschöpf.

Ich denkte oft an die biegsamen Gestalten der Mädchen von Kitara, wie sich sich über die Feldfrüchte neigen, wie sie mit bauchigen Tonkrügen auf dem Kopf einhergehen und wie ihr Leib die unruhige Last des wogenden Wassers im Gehen zur Ruhe bringt. Und auch an den Tanz am letzten Fest der Königslanze muß ich denken. Die Mädchen schritten im Kreise um die Wand der Speere und hielten weiße Blütenzweige hoch zwischen den erhobenen Armen. Der volle Mond färbte sie zu Gestalten aus Silber und Ebenholz. Die Gestalten aber lebten. Wie die saftigen Stengel der Maisstauden im Winde neigten sie sich im Takte, bei Trommelschlag und Flötenton.

Das steht mir vor meiner Seele, wenn ich hier in diesem Lande den freundlichen Ton der Flöte höre. Gar oft ist es, denn wenn die Wasungu auch als Geschöpfe tief unter den Wakintu stehen, so sind sie doch in einem über alle Begriffe groß: in ihrer Kunst, mit Klängen und Tönen die Welt zu schildern. Sie reiben mit Pferdehaar auf gedrehten Schafdärmen, die über hohles Holz gespannt sind; sie blasen auf Hohlflöten, die viel schöner sind als unsere Bambusrohre und Kuduhörner und Muscheln, die aus Metall nachgemacht sind und viele verschiedene Töne geben; sie schlagen auf Eisen, Holz und gestraffte Felle und bringen einen Strom von Tönen hervor, der oft mein Herz erregt, vor Freude und Schmerz. Ich glaube dann am Strande von Ukerewe zu sitzen und sehe die Sonne hinter den Kurwibergen untergehen. Von Ukara her weht der Wind, die Welle brandet, und Ibisse ziehen schreiend vorüber. Ja, denke nur, Mukama, die Klänge der Wasungu sind aus meiner Jugend genommen! Wer brachte sie nur den Wasungu? Wer gab ihnen ein, in Tönen das Land zu schildern, in dem Lukanga zuerst geliebt und gelitten hat? Lukanga spricht die Sprache der Wasungu und bleibt ihrem Denken fremd; aber mit ihren Tönen sprechen die Wasungu eine Sprache, in der er sie tief versteht.

Diesen dritten Brief sende ich Dir, großer Mukama, aus Deutschlands großer Stadt, geschrieben mit meiner Hand.

Dein niedriger Lukanga Mukara


Inhalt – Übersicht

Einleitung des Autors & Editorial
Brief 1
– Von Münzen, deutscher „Kultur“ & Briefen

Brief 2 – Vom Rauch, von der Arbeit und der Unsitte des Bekleidens
Brief 3 – Das Handwerk des Schreibens und Lesens / Reiche und Arme / Die Wasungu sind keine Menschen / Die Frauen
Brief 4 – Weshalb die Wasungu hin und her laufen und fahren
Brief 5 – Was und wie die Wasungu essen
Brief 6 – Über die Narrheit, die die Wasungu „Volkswirtschaft“ nennen
Brief 7 – Wie die Deutschen ihren König feiern
Brief 8 – Über das Rauchstinken der Wasungu
Brief 9 – Lukanga auf dem Hohen Meißner

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