Gustav Falke • Gestorben • Lyrik • 1906

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Gestorben.

Der Himmel senkte seine grauen Fahnen
tief auf des Parks umflorte Sommerwipfel,
und durch die stillen Schattengänge schwebten
der Schwermut dunkle Falter leisen Fluges.
Die hohen Ulmen weinten und die Birken,
die ernsten Koniferen und die Rosen,
und durch den feuchten Schleier sah das Haus
mit seinen dichtverhängten Fenstern wie
ein müdes, bleiches Menschenangesicht,
dem Gram die heißen, kranken Lider schloß.

Des Gartens offnes Gitter lockte mich,
und ich trat ein. Die dunklen Ulmen leerten
wie fassungslos des Kummers Schalen aus,
und auf den Beeten weinten alle Blumen,
und von den Rasen neigten sich die Gräser
auf meinen Fuß und netzten ihn mit Tränen.

Die erzgegossene Sphinx nur an der Treppe
sah kalt und unbewegt in diesen Jammer
mit großen, leeren Augen, daß mir grauste.
Und doch war über ihren schwarzen Leib
ein ganzer Zweig voll schwerer gelber Rosen,
wie aufgelöst in lauter Leid, gesunken
und schüttelte der Schmerzen heiligen Tau
aus seinen goldenen Kelchen auf sie nieder.

Und aus der Villa trat ein dürres Männchen,
ein alter Herr mit einer Aktenmappe,
mit Brille, Regenschirm und Florzylinder.
Er sah mich fragend an: »Was suchst du hier?«
Und zögernd kam es von den schmalen Lippen:
»Sie wissen doch? die Poesie ist tot.«

Wie Dolchstich traf das Wort, und ich erschrak.
Und wie ein Schluchzen ging es durch die Bäume,
stieg aus den Wurzeln bis in alle Kronen.
Die Birken weinten und die hohen Ulmen,
die Koniferen und die dunklen Rosen,
und wie ein Schüttelfrost durchlief es jäh
den gramgebeugten gelben Rosenstrauch,
der um den Hals der strengen, starren Sphinx
die schlanken Arme warf: Fühlst du denn nichts?
Fühlst du denn nichts? Die Poesie ist tot.

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