Georg Weerth – Die Langeweile, der Spleen und die Seekrankheit

John O'Connor - From Pentonville Road looking west evening, 1884. Museum of London.
John O’Connor – From Pentonville Road looking west evening, 1884. Museum of London.

Zufällig war ich neulich in Babylon, d.h. in London. Die Themse rauschte an meinem Fenster vorüber. Bridgehouse Hotel liegt nämlich unmittelbar am Wasser, und man sieht den Fluß hinauf und hinab, und wenn die Dampfboote unter der Londoner Brücke herfahren, da neigen sie mit einem Male Schlot und Mast wie zu einer zierlichen Verbeugung, die höflichen Dampfboote, und rasch fliegen sie an dir vorüber.
Als ich aber sämtlichen Dampfbooten, Kuttern, Fregatten und ähnlichen untergeordneten Fahrzeugen während einer halben Stunde Gelegenheit gegeben hatte, sich ganz ergebenst vor mir zu verbeugen, und als nun der Abend herankam und die letzten Strahlen der sinkenden Sonne mit dem immer finstrer hereinbrechenden Nebel jenen luftigen Wolkenkampf begannen, in dem sich alle Boxereien und Keilereien des lieben platten Landes widerzuspiegeln scheinen, als links die Türme der Westminsterabtei in bläulicher Ferne schamrötlich abendlich emporglühten und rechts der alte, schreckliche Tower wie ein versteinerter Seufzer zum letzten Male aus dem Schattenmantel der Nacht hervorschaute, ja, und als endlich gerade gegenüber in der Kuppel der St.-Pauls-Kirche die großen Episkopalglocken ihr Abendlied begonnen: da rührte ich immer langsamer mit meinem Teelöffel in dem großen Glase Grog, das vor mir auf dem Tische stand, und meine Augen sanken, und mein Kopf fiel auf die Brust, und ich schlief ein und träumte den folgenden entsetzlichen Traum.

Georg Weerth
Georg Weerth

Es träumte mir, ich hätte das beste Diner bestellt, das man für soundso viele Pfund Sterling in London haben kann. Nicht ohne Ursache, denn ich erwartete drei der liebenswürdigsten Gäste.

Dadurch, daß ich Menschen zum Mittagessen einlud, unterschied ich mich vorteilhaft von vielen meiner Landsleute, die sich gewöhnlich in London einladen lassen. Von allen meinen Empfehlungsbriefen: »gut für ein Diner«, hatte ich in der Tat nicht den geringsten Gebrauch gemacht, und wenn ich Herrn von Raumer bei seiner nächsten wissenschaftlichen Reise nach Alt-England damit gefällig sein kann, so werde ich mir diesen Dienst zu besonderm Vergnügen gereichen lassen.

Ein Kellner, wie man ihn nur in England findet, ein spindeldürrer, blasser Seeräuber in großen Schuhen mit silberner Schnalle, in seidenen Strümpfen, die bis ans Knie reichten, in schwarzer Hose und in schwarzem altertümlichem Frack mit dolchspitzen Zipfeln, kurz, ein höflicher, zerknirschter Mensch, der wie der leibhaftige Katzenjammer aussah, riskierte eine höchst graziöse Verbeugung – graziöser hatten sich nicht die schwarzen Schornsteine der Dampfer verneigt – und kündigte mir mit lispelnder Stimme an, daß soeben der erste meiner Gäste arriviert sei.

Man kann sich meine Freude denken, denn ich war sehr hungrig, hungrig wie ein Wolf, wie ein Flamländer, und mit der Begeisterung des Hungers rannte ich an die Tür und an den Wagenschlag.

Eine hohe verschleierte Dame, ein wahrer Kirchturm in schneeweißem Atlas, setzte eben mit großbritannischer Würde den langen Fuß auf die Schwelle des Hotels. Ich küßte der Schönen die unbewegliche Hand und erkundigte mich nach dero Wohlbefinden. Die Bevölkerung des Hotels leuchtete mit Wachskerzen, und feierlich wallten wir in unser teppichweiches Gemach, das eigentümlich nach Kohlen und nach Seekrebsen duftete.

Die Flammen des Kamins schlugen lustiger empor und mischten ihre Streiflichter mit dem Glanze des Gases, das wie flüssiger Mondschein durch die mattgeschliffenen Kristallschalen der Kandelaber wogte. Des Daseins süßer Komfort lachte uns entgegen, und das Wohlleben streckte seine weichen Arme aus, um uns herabzuziehen auf die schwellenden Polster des Vergnügens.

Als aber der Schleier meiner Dame niederrollte, da stand vor mir: eine jener hohen, kalten, schlankgewachsenen Engländerinnen, von denen man nicht weiß, ob sie eben erst aus Marmor geworden oder ob sie gleich zu Marmor werden sollen. Schneeweißer Teint, himmelblaue Augen, blondes Haar, rote Lippen und vortreffliche Zähne. Das schönste Modell von einem weiblichen Wesen, das ich je gesehen habe.

Im Frühling schuf Gott die Französinnen, im brennenden Sommer schuf er die Weiber von Rom und Madrid. Im humoristischen Herbst erfand er die deutschen Mädchen, doch die Engländerinnen machte Gott im Winter.

So eine kühle Tochter Britanniens ist wie ein schöner festgefrorner Wintermorgen, und wenn ihre Wangen in der Lust des Küssens erröten, da meint man, die Morgensonne zittre Rosen streuend über ein Schneefeld.

Still, kalt und schneeweiß stand meine Freundin vor mir. Einem aufmerksamen Beobachter würde es nicht entgangen sein, daß alles an der bemerkenswerten Dame mehr lang als kurz oder rund war. Lang war ihr Fuß, lang ihre Hände, lang ihre Nase, länglich ihr Gesicht und lang ihre ganze Figur. »Seit langer Zeit haben wir uns nicht gesehen«, begann ich die Konversation. – »Sehr lange nicht«, erwiderte die Holde. – »Ich habe mich lange nach Ihnen gesehnt.« – »Lange war es auch mein Wunsch, Ihnen wieder zu begegnen.« Unser ganzes Gespräch drehte sich um die Länge, und die Zeit wäre mir gewiß lang geworden, wenn nicht mein längst erwarteter zweiter Gast endlich in höchsteigener Person hereingetreten wäre.

Es war dies einer jener würdigen Gesellen, die wir jahraus, jahrein zwischen Ostende und Basel hin und her teekesseln sehen. Er trug eine graukarierte Hose, eine graukarierte Weste und einen graukarierten Frack. Grau waren Haare und Augen. Grau der Bart. Der ganze Kerl sah aus wie die Dämmerung. Die Umrisse seines Körpers verschwammen fast mit der Atmosphäre, und erst als er mitten zwischen den Flammen des Kamins und den Gaslichtern stand, erkannte ich meinen alten Bekannten und fiel ihm grüßend um den Hals; ganz gegen alle englische Sitte und Gewohnheit.

Die längliche Dame und der graue Herr gehörten zu meinen besten Freunden, als ich früher das Glück hatte, drei Jahre in England verweilen zu müssen. Die Dame füllte manche meiner müßigen Stunden aus. Doch noch häufiger besuchte mich der graue Herr. Nächtelang saßen wir miteinander stumm am Kamine, Grog trinkend und Zigarren rauchend. Steif starrten wir ins Feuer, und hatten wir sechs Stunden lang so gesessen, da erhob sich mein alter Freund, drückte mir die Hand und versicherte mir, daß er sich ungeheuer amüsiert habe. Trotz seiner unangenehmen Angewohnheiten liebte ich meinen grauen Freund von ganzem Herzen. Ich verzieh es ihm z.B., daß er stets seine Nasenspitze besah, daß er manchmal die Füße statt der Hände in die Hosentaschen zu stecken suchte und daß er nie zu Bette ging, ohne gegen allenfallsige Raubmörder einen großen Korkzieher in der Tasche seiner Unterhose mit sich zu führen.

Meiner Begrüßung folgten die Komplimente, die Herr und Dame einander schuldig zu sein glaubten. Beide waren sich keineswegs fremd. Sie sahen sich häufig in jenen interessanten englischen Gesellschaften, in denen man wenig spricht. Der böse Leumund wollte sogar wissen, Herr und Dame seien einst in eine so lebendige Unterhaltung geraten, daß sie, plötzlich beide einschlafend, nickend mit den Nasen aneinandergerannt wären und unter seltsamen Grimassen den Schwur getan hätten, sich nie wieder dergestalt von dem Feuer der Unterredung fortreißen zu lassen. Wie dem auch sei: meine beiden Gäste waren hocherfreut, sich wiederzusehen. Lang und feierlich erhob sich die Dame und blickte verschämt zu Boden, was meinen grauen Freund so ungemein rührte, daß er für einen Augenblick alle Geistesgegenwart verlor und mitten in seiner besten Verbeugung wie ein schiefer Meilenzeiger regungslos stehenblieb.

Ich benutzte diese Erstarrung der gegenseitigen Komplimente, um mich der Tür zuzuwenden, die eben zum dritten Male geöffnet wurde. Es war der letzte meiner Gäste, den man hineinführte, und wahrhaftig, er erschien in sonderbarer Begleitung. Wenn nämlich die lange, weißatlassene Dame zu Wagen herankam und mein grauer Freund zu Pferde herbeisprengte, so fuhr der dritte Besuch zu Schiff bis an mein Hotel und ließ sich von zwei Matrosen in blauen Hemden und roten Jakken bis in mein Zimmer tragen.

Meine Leser werden sich wundern, in dem hereingetragenen Wesen abermals etwas Weibliches zu finden. Aber schon der Symmetrie wegen hatte ich die Sache so einrichten müssen, denn wollte ich der langen Dame bei Tisch gegenübersitzen, so mußte ich auch für meinen grauen Freund ein erbauliches Visavis einladen, eine Aufgabe, die bei meiner strengen Auswahl für eine so feierliche Gelegenheit wirklich schwer zu lösen war. Nach langem Hin- und Hersinnen geriet ich endlich auf die höchst ausgezeichnete Person, welche eben im Begriff war, meiner Einladung nachzukommen. Wir finden in ihr eine Dame, deren Alter beim besten Willen nicht nachzuweisen ist. Sie trägt grüne Kleider, gelöste Locken und duftet nach Teer und Seewasser. Man könnte sie hübsch nennen und würde sie ihres nymphenhaften Wuchses wegen vielleicht schön finden, wenn nicht der erdfahle Teint ihres Gesichtes unwillkürlich zurückstieße. Feucht glänzt ihr Auge durch die langen Wimpern. Ihr Gang hat etwas sehr Eigentümliches; man merkt, daß sie mehr auf der See als auf dem Lande lebt.

Ich stellte die Neuhereingetretene meinen beiden andern Gästen ohne weiteres vor. Sie hatten sich gerade von ihrer Erstarrung erholt, und es war wirklich eine Genugtuung für mich, als ich alle drei nach den ersten Artigkeitsbezeugungen sofort in der Erinnerung längst gemachter und endlich erneuerter Bekanntschaft schwelgen sah.

Unser Diner war indes aufgetragen, und ich lud meine Gäste ein, sich zu setzen. Die ganze Geschichte hatte etwas sehr Feierliches. Der weite teppichbedeckte Raum, die schweren seidnen Vorhänge der Fenster, der riesige Kamin mit seiner Kohlenglut, der kleine Tisch in der Mitte des Zimmers, umringt von vier großen Fauteuils, das blendendweiße Tischtuch, das fast bis auf die Erde hinabhing, das Silbergeschirr, die Kristallflaschen und die kolossalen verdeckten Schüsseln – alles harmonierte miteinander und versprach einen Naturgenuß, der dem Wirte keine Schande machen konnte.

Der Naturgenuß des Essens und des Trinkens bleibt trotz der häufigen Wiederkehr ein außerordentlich wichtiger Akt im menschlichen Leben. Ich finde es daher passend, daß man ihn jedesmal mit einem kurzen Spruch, mit einem Gebet oder mit einer heiteren Anrede eröffnet, sei es in biblischen Rhythmen, in Hexametern oder in einfacher Prosa. Essend und trinkend nähert sich der Mensch mehr als je dem Ursprünglichen. Er schwelgt am Busen der Natur, deren Schätze uns die Kochkunst erst recht eigentlich zugänglich machte. Essen und Trinken ist Kunst- und Naturgenuß zu gleicher Zeit. Da liegen die Austern der unerforschlichen See; da flutet die Schildkrötensuppe, die herzerfreuende. Da prangt das Rippenstück eines schwerwandelnden friesischen Ochsen, und hier ragt die Keule eines schottischen Widders. Die Schnepfe und das Birkhuhn Alt-Englands, der französische Fasan und die deutsche Lerche. Transatlantische Äpfel, die Orangen Italiens und spanische Trauben. In dem Kristall der Flaschen der gelbe Xeres, der tiefrote Portwein, der wilde Champagner und das Gold der rheinischen Hügel – – o stelle dich auf den Gipfel des Chimborasso, und du hast keine schönere Aussicht; vor allen Dingen erhebe du aber deine Hand und danke der Mutter Natur, denn sie hat alles weise geordnet, und die Welt ist voll ihrer Güte.

Ich träumte famos.

Meine Gäste hatten sich gesetzt. Ich saß der weißen Dame gegenüber. Mein grauer Freund hatte die Meerentstiegene zu seinem Visavis. Doch es ist durchaus nötig, daß ich die Namen der Unbekannten nenne. Die weißatlassene lange Dame mit ihrem himmlisch schönen, aber regungslos nichtssagenden Gesichte war niemand anders als die personifizierte »Langeweile«. Mein grauer Freund, der so zakisch angelsächsisch auf seinem Stuhle saß, war der englische »Spleen«; ach, und das Weib, was zu Schiffe kam: es war die »Seekrankheit«.

Und wir tranken und tranken.

Nachdem aber das damastene Tischtuch mit allem, was daraufstand, entfernt war und die geschäftigen Kellner neue Kristalldekanter und neue Gläser auf den nackten Mahagonitisch gestellt hatten, nahm ich das Wort und erklärte der mir gegenübersitzenden lieben langen Göttin der Langenweile, daß ich ungemein glücklich sein würde, ein Glas Wein mit ihr zu trinken.

Die Holde lächelte und erwiderte sofort, daß es ihr zu ganz außerordentlichem Vergnügen gereiche, meiner Einladung zu folgen. Ich füllte daher mein Glas bis an den Rand, und die Göttin füllte das ihrige.

Der Akt des gemeinschaftlichen Weintrinkens ist ein Akt von hoher Bedeutung in England. Zwei Heidelberger Corpsburschen, die die Schlachtfelder von sechs Semestern hinter sich haben, können sich nicht mit mehr Anstand und Würde auf krumme Säbel oder Pistolen fordern, als zwei Engländer sich zum Genuß eines Glases Portwein einladen. Es ist, als ob sich die Türme der Westminsterabtei und die Kuppel von St. Paul bei aufgehender Sonne still »guten Morgen« wünschten. Mit demselben Ernste, mit dem Cromwell König Karl aufs Schafott brachte, mit derselben Würde, mit der einst Pitt im Parlamente aufstand, um den Krieg gegen die französische Republik zu verlangen, und mit derselben Feier, mit der Lord Hardinge nach der Schlacht von Sobraon den Völkern des Indus und des Ganges eröffnete, daß sie hinfort den Nacken unter das britische Szepter zu beugen hätten – mit demselben Ernste, mit derselben Würde und mit derselben Feier trinken die Engländer ihren Portwein und Cherry und schauen sich mit ihren starren großbritannischen Augen so schrecklich dabei an, als söffen sie Rattengift, um dann hinabzufahren zum Styx oder zum Satan.

Da ich zu Wasser und zu Lande schon oft genug Gelegenheit hatte, mich in dem Naturgenuß des Portweintrinkens zu üben, so konnte es natürlich nicht fehlen, daß mein Duett mit der langweiligen Göttin über alle Maßen vortrefflich ausfiel. Beide ergriffen wir das schimmernde Kristall, in dem das edle Blut der pyrenäischen Halbinsel so mystisch wogte und blitzte wie flüssige Rubinen; beide erhoben wir dann die Gläser, und jetzt uns messend mit stieren Blicken, neigten wir die Köpfe, kaum bemerkbar und möglich steif, um endlich mit todernsten Gesichtern à tempo den großen Moment des Trinkens zu vollenden.

Als aber auch die Göttin der Seekrankheit und der graue Spleen einen Becher miteinander gewechselt hatten, da wandte ich mich wieder zu der Langenweile und sprach zu ihr in dem zierlichsten Englisch, was je ein Insulaner gesprochen hat von dem galanten Sir Walter Raleigh an bis auf Benjamin Disraeli: »Teuerste Göttin, ich gebe Ihnen hierdurch das Wort. Sie werden sich dieses Wortes vortrefflich zu bedienen wissen, und gern wollen wir Ihren Erzählungen lauschen, denn niemand kann interessanter sein als die Langeweile.«

Sprach’s und verstummte.

Die Göttin der Langenweile warf aber ihre blonden Locken über das schneeweiße Angesicht; der Atlas ihres Kleides krachte verführerisch, und langsam öffnete sie jetzt die rosigen Lippen und hub folgendermaßen zu reden an:

»Groß ist das Reich, das ich beherrsche. Ja wahrlich, in meinem Reiche geht die Sonne niemals unter. Mein Einfluß erstreckt sich über alle Teile der Erde. Ich beherrsche die Welt seit den grausten Zeiten. Älter bin ich als der älteste der lebenden Menschen; älter als der älteste Kirchturm, als die älteste Pyramide, als die Arche Noah, ja mit Adam wohnte ich schon im Paradiese, ehe ihm Gott sein Weib geschaffen zu unendlichem Vergnügen – ja mit Gott selbst stand ich auf vertrautem Fuße, ehe er aus lauter Langerweile die Welt erschuf und alles, was darinnen ist. Unumschränkt war meine Macht in dem sogenannten goldnen Zeitalter der Menschheit; mit den ersten Hirten langweilte ich mich auf den grasreichen Ebnen des Orients; bauen half ich an dem großen sprachverwirrenden Turme, und wenn auch die heitern Gelage von Babylon und Ninive manchmal meinen stillen Einfluß störten, so fand ich doch Eingang in den Herzen vieler einfältiger Leute, die wie Jakob vierzehn Jahre lang um dasselbe Weib freiten oder wie Joseph lieber ihrem Herrn treu blieben, als sich ihrer Gebieterin angenehm machten. Ja, als ein besonderes Faktum bitte ich es zu konstatieren, daß Methusalem nur aus reiner Langerweile seine tausend Jahre alt wurde.

Doch der langweiligen patriarchalischen Zeit folgten, ach, die fröhlichen Jahrhunderte der Griechen. Die Götter, die damals en vogue waren, verwilderten im Himmel und die Menschen auf Erden. Unsittlich nackt thronten die Unsterblichen auf dem Gipfel des Olymps, stets bereit zu den verliebtesten Streichen, zu den ausgelassensten Aventüren. Selbst der Vater der Götter verschmähte es nicht, sich unter jederlei Gestalt zu den Nymphen des platten Landes herabzulassen und zu ihrer Heiterkeit ein Erkleckliches beizutragen. Wie konnte damals von Langerweile die Rede sein? Die Menschen nahmen ein böses Beispiel an ihren Vorgesetzten. Auf offenem Markte saßen die reizenden Athener und freuten sich ihres Lebens, und unerbittlich schlossen sich vor mir alle Türen. Hatte ich je einmal Zutritt zu einem hellenischen Wesen, nun, so war es höchstens eine Penelopeia, die mich aufnahm, als sie sich jahrelang ihrem herrlichen Dulder entgegensehnte.

Auch unter dem Waffenlärm der Römer war meines Bleibens nicht, und ich atmete erst wieder auf, als die christliche Zeit kam mit ihren feisten Mönchen, denen ich in stiller Zelle gern Gesellschaft leistete. Das Christentum brachte mich damals auch nach Deutschland, wo ich in den langen Lehrgedichten der ausgezeichnetsten Poeten die deutlichsten Spuren zurückließ. Das Mittelalter halte ich überhaupt für die Glanzperiode meines Daseins, und ich habe nur zu bedauern, daß es von so kurzer Dauer war, denn mit der Erfindung des Pulvers ging die Welt leider einer Epoche entgegen, die bis auf die jüngsten Tage hin immer kurzweiliger geworden ist.

Blasiert über das Familienleben mischte ich mich damals in die öffentlichen Angelegenheiten der Völker. Vor allen Dingen suchte ich aber stets meinen Einfluß in der Literatur geltend zu machen, und ich muß selbst gestehen, daß ich auf dem Felde der Theologie das Unerhörte geleistet habe. Ärgerlich war es mir, daß ich fast nie bei den Franzosen Glück machte. Aber wir scheinen nicht füreinander geschaffen zu sein. Sie behandelten mich stets mit Geringschätzung, und da ich vor ihrer eingewurzelten Frivolität den tiefsten Abscheu habe, so gab ich mir auch zuletzt keine Mühe mehr, sie durch das Wohltuende meines Einflusses auf die Bahn der Tugend hinüberzuleiten.«

Als die langweilige Göttin soweit gesprochen hatte, mußte ich entsetzlich gähnen und wollte mich eben dieses Verstoßes wegen entschuldigen, als ich noch zur rechten Zeit bemerkte, daß mir unwillkürlich die größte Artigkeit passiert war. Das Antlitz der langen Göttin überflog nämlich ein Zug der ungeteiltesten Befriedigung, als sie mich gähnen sah, und mit wahrer Begeisterung setzte sie, namentlich mir zugewandt, ihre Rede fort:

»Sie können hieraus abnehmen, daß ich schon seit geraumer Zeit auf der Erde wirksam umhergespukt habe. Oh, teuerster Freund, ich versichere Ihnen, Deutschland gehörte zu den Ländern, in denen ich mich immer am heimischsten fühlte. Gelebt und geliebt habe ich mit dem edlen Volke der Deutschen, und herrlich hat sich mein Geist offenbart in Germaniens denkwürdigsten Kunstschöpfungen. Wie begeisterte ich nicht den unerreichten Klopstock! Wie hat nicht Platen mich in die weichsten Formen zu bannen gewußt! Aber auch den neueren Autoren wandte ich mich gerne zu. Sind nicht die Gutzkowschen Dramen wahre Meisterwerke der Langenweile? Wer ist nicht schon einmal bei den lyrischen Ergüssen der jüngeren rheinischen Dichter selig zusammengeschlummert! Doch auch in der Journalistik bin ich vertreten. Die ›Kölnische Zeitung‹ wurde mein Zentralorgan. Über all zeigt sich mein stilles Walten, und auch Sie, teuerster Freund, werden vielleicht meinen heilsamen Einfluß spüren, wenn Sie nach Ihrer Rückkehr aus England wiederum der Krankheit schriftstellerischer Versuche anheimfallen.«

Trotz der großen Bonhomie, mit der die Göttin diese Worte sprach, hätte ich die letzte Bemerkung doch beinah sehr anzüglich gefunden. Aber die Holde ließ mir keine Zeit, irgend etwas zu erwidern.

»Zwar entfernt von Deutschland«, fuhr sie fort, »nehme ich doch an der Entwicklung Ihres Vaterlandes den wärmsten Anteil. Auf eine erfreuliche Weise zieht sich bei Ihnen wiederum alles in die Länge. Aber das kommt, weil ich mit den besten Rednern der Paulskirche auf ein und derselben Bank saß. – – Wie umsäuselte ich nicht den früher so berühmten Soiron! Wie leitete ich nicht die Beredsamkeit eines Venedey! Oh, nur ein einziges Mal ist man in Frankfurt aus der Rolle der Langenweile gefallen: als man den Verfasser des Schnapphahnski gerichtlich verfolgen ließ!

Ja wahrlich, wenn es nicht ein England in der Welt gäbe, so möchte ich in Deutschland wohnen! Aber die Revolutionen des Kontinents haben mich vertrieben, und auf diesem konstitutionellen Kreidefelsen, auf diesem Hort der Ruhe und der gesetzlichen Ordnung, will ich Hütten bauen, eine für mich, eine für dich, o teurer Spleen, und die letzte für dich, du liebenswürdigste und interessanteste aller Krankheiten, ja für dich, o Seekrankheit!«

Hier schwieg die holde Göttin, und der Spleen, der bisher so steif und unbeweglich wie eine Eule auf seinem Stuhl dagesessen hatte, suchte plötzlich aus lauter Begeisterung über den herrlichen »Speech« die Füße in die Hosentaschen zu stecken, indem er entsetzlich dabei nieste und ein schnarrendes »hear, hear!« ausstieß. Auch die Seekrankheit erwachte aus ihrer Lethargie und machte einige unheimliche Bewegungen. Ihr fahles Angesicht verzog sich zu einer jener unbeschreiblichen Grimassen, die man bei stürmischem Wetter an seinen Seegefährten zu studieren pflegt, und hätte ich nicht rasch meine Augen verhüllt, ich glaube wahrhaftig, das Schrecklichste wäre mir passiert.

Aber meine Gäste kehrten sich wenig an meine tiefen Empfindungen. Sie schauten mit dem süßen Einverständnis verwandter Seelen lächelnd einander an, und ein Bund wurde zwischen ihnen geschlossen, der noch manches Zeitliche überdauern wird.

Ich muß gestehen, ich spielte eine sehr traurige Rolle in diesem Augenblick.

Die Portweinflasche machte aber bald von neuem die Runde, und die Langeweile, der Spleen, die Seekrankheit und ich selbst füllten die Gläser bis zum Rande. Jetzt erhoben wir das schimmernde Kristall, und jetzt uns messend mit stierem Blick, neigten wir die Köpfe, kaum bemerkbar und möglichst steif, um endlich mit todernsten Gesichtern à tempo den großen Moment des Trinkens zu vollenden – und lautlos wurde es in dem weiten Gemache, und nur die Themse schlug murmelnd an die Quadern unseres Hauses, und fernher klang durch die Nacht das Brausen Londons, verhallend wie der Donnerfall des Niagara.

Das Gespräch erstreckte sich jetzt über die Zustände Englands, und die Göttin der Langenweile versicherte mir unter anderm, daß sie eine fleißige Kirchengängerin sei.

»Den englischen Gottesdienst«, meinte sie, »kann ich Ihnen nicht genug rühmen. Unten in dem Schiff der Kirche stehen die Repräsentanten der kleinen Mittelklasse; Menschen, die während der Wochentage so gern Sand in den Zucker streuen, die den Wein mit Schnaps vermischen und die Milch, wenn auch nicht mit Wasser aus dem Jordan, so doch mit dem Segen ihrer Pumpe taufen – mit einem Wort: kleine, ehrliche Leute, die sich mit einem mäßigen Nutzen begnügen. Sie haben sich für heute einmal gründlich die Hände gewaschen und erscheinen in den Kirchenstühlen feierlich schwarz wie Stare und steif wie Böcke.

Rings auf den Galerien sammeln sich die höhern Klassen der Gesellschaft. Fabrikanten, die von reduzierten Arbeitslöhnen leben, unternehmende Spekulanten, die z.B. am Sonntag ungemein für Missionsangelegenheiten und Bibelgesellschaften schwärmen und in der Woche Götzenbilder fabrizieren, zum Export nach dem Innern von Afrika, nach Hindostan oder nach den Inseln der Südsee. Bankiers ferner, die das Skalpieren besser verstehen als die Mohikaner des fernen Westens. Makler, die gewiß in den Himmel kommen, weil sie den Teufel mit der größesten Leichtigkeit um ihre Seelen prellen werden. Advokaten, die so berüchtigt sind, daß man die Kinder mit ihrem Namen bange macht. Unbestechliche Beamte, die bei 300 Pfund Einnahme jährlich 500 Pfund Ersparnisse zurücklegen. Gelehrte, die jederzeit bereit sind, für die Emanzipation der Sklaven aufzutreten, und die sich à la Lord Brougham das Gesangbuch in die Haut eines Negers einbinden lassen. Fromme, mildtätige Rentner, die zur Buße für ihre Sünden die gesetzliche Armentaxe bis auf Heller und Pfennig einbezahlen. Wie gesagt, es sind die bessern Klassen der Gesellschaft, welche die gepolsterten Sitze der Galerien einnehmen; Leute, die von 5000 bis zu 20000 Pfund wert sind, Geschäftsmänner ersten Ranges, die man an der Börse kennt, die stets gutes Papier remittieren, manchmal Wagen und Pferde halten und deswegen sehr respektabel sind. Die noch reicheren Leute dienen dem Herrn ihrem Gotte in aparten Logen.

Mitten zwischen den Männern sitzen die kaninchenkeuschen Gattinnen und Töchter der liebenden Familienväter. Die unten in dem Schiff der Kirche nach Rosinen und Korinthen, kurz, nach allen Gerüchen der Levante duftend; die auf den Galerien möglichst geschmacklos in die reichsten Seiden – und Atlasstoffe gekleidet.

Während der Organist auf seinem herrlichen Instrumente sehr schlecht präludiert, füllt sich der Raum allmählich mit Andächtigen. Jeden läßt man herein, und wohlgekleideten Fremden weist man mit der größesten Artigkeit die besten Plätze an. Nur zerlumpte Arbeiter und Bettler, die keinen Kirchenstuhl bezahlen können, werden in die Zugluft des Einganges oder gar hinausgewiesen.

Endlich erscheint der Pastor. Er ist ein würdiger Mann, der sogar abends bei einer Flasche Portwein ein ganz fideler Kerl ist, der auch bisweilen in Eisenbahnaktien spekuliert und überhaupt die irdischen mit den himmlischen Interessen aufs vorteilhafteste zu verbinden weiß. Er hat das Alte und das Neue Testament im Kopfe, und räuspernd stellt er sich auf die Hinterbeine und schnarrt den Text.

Da erhebt sich die ganze fromme Gemeinde. Man wackelt mit den Köpfen, man wendet sich rechts und links, man verdreht die Augen, und säuselnd beginnen sie ihren Davidschen Psalm.

O liebliches Säuseln! Wie wird mir – bin ich auf Erden? Sitze ich unter Sterblichen? Sind das die Leute, die während sechs Wochentagen so trefflich zu schachern wissen, die von reduzierten Arbeitslöhnen leben, die Götzenbilder fabrizieren, die ihre gesetzliche Armentaxe bezahlen? Nein, es ist nicht möglich! Ich bin im Himmel. Ich höre die himmlischen Heerscharen singen; sie jauchzen von Liebe und Glauben, von Entsagung und göttlicher Barmherzigkeit – ja wahrhaftig, teuerster Freund, ich kann Ihnen den anglikanischen Gottesdienst nicht genug empfehlen.«

Hier machte die Göttin eine kleine Pause und trank ein großes Glas Portwein. Ich war etwas erstaunt über ihre Schilderung, denn nach alledem, was ich vernahm, mußte ich doch diese kirchlichen Feierlichkeiten für ungemein ergötzlich halten, und es war mir nur ein Rätsel, wie die Langeweile sich so sehr damit einverstanden erklären konnte. Die Göttin schien meine Zweifel zu erraten, und rasch fuhr sie zu reden fort: »Glauben Sie indes ja nicht, teuerster Freund, daß das allerdings belustigende Orgeln, Singen, Jauchzen, Wackeln und Augenverdrehen länger als eine halbe Stunde dauert.

Den heitern Präliminarien folgt endlich die langweilige Predigt. Sie können sich gar nicht denken, wie mächtig ich in der Rede eines englischen Geistlichen bin. Schon nach den ersten zwanzig Phrasen bringe ich die Leute, trotz ihres festen Vorsatzes, wach zu bleiben, zum leisen Einnicken, und ist der Redner gar bis an das Herz seines Gegenstandes vorgedrungen, da dominiere ich total, und es passiert nicht selten, daß der sprechende Pastor und ich selbst die einzigen Wesen sind, welche von vielen Tausenden die Augen offen behalten.

Ja, ich schwärme für den englischen Gottesdienst. Sie können die verschiedenen Momente desselben wie folgt zusammenfassen: zuerst das Geläut der Glocken, dann der Gesang; hierauf die Predigt und der Schlaf. Zuletzt das Vaterunser. Der Schlaf dauert am längsten. Dreimal habe ich sonntäglich das Vergnügen dieser Feierlichkeiten, unzählige schlaftrunkene Kränzchen und Konventikelchen nicht mitgerechnet.«

Jetzt begriff ich die religiöse Begeisterung meiner Freundin, und gern schickte ich mich an, ihren ferneren belehrenden Mitteilungen ein aufmerksames Ohr zu leihen.

»Der einzige Prediger in England, der die Leute nicht zum Schlafen bringt«, erzählte die Göttin weiter, »ist ein deutscher Jude, namens Wolff. Dieser Dr. Wolff ist eine so merkwürdige Persönlichkeit, daß Sie gewiß verzeihen werden, wenn ich Sie ausführlich über diesen ausgezeichneten Mann unterhalte. Es versteht sich von selbst, daß ich den Doktor hasse, denn durch seine interessanten Predigten droht er die Langeweile der englischen Kirchen auf eine sehr bedauerliche Weise zu meinem Nachteil umzugestalten.

Die Kindheit des ehrwürdigen Doktors gehörte dem patriarchalischen Glauben der Väter an. Das Mittelalter seines Lebens war dem Katholizismus gewidmet. In der neuern Zeit warf sich Wolff aber der Religion der Gegenwart, der anglikanischen Industrie, in die Arme. Alle großen Epochen der Weltgeschichte spiegeln sich also in dem Leben dieses Mannes wider.

Wolff wurde zu Frankfurt a.M. geboren, in derselben Stadt, die in alter und neuer Zeit so viele komische Geburten erlebt hat. Die ersten Lebensjahre unseres Helden verstrichen bedeutungslos. Wolff war seinen Eltern untertan. Zärtlich, wie Väter und Mütter sind, bestimmten die Wölffischen Eltern ihren Sohn für den Handel, und frühe schon unterwies Vater Wolff seinen Sohn in der hohen Kunst des Addierens und des Multiplizierens. Im Dividieren und im Subtrahieren unterrichtete er ihn nicht, denn Vater Wolff war der Ansicht, daß man dieses leider im Leben von selbst lerne.

Das Gemüt des Knaben ergötzte sich an dem geheimnisvollen Zauber der Zahlen, und sein Geist entwickelte sich zusehends.

Als aber Wölffchen so weit gekommen war, daß er selbständig zu rechnen verstand, da ging er mit sich zu Rate und machte die Entdeckung, daß er allerdings ein schönes Talent für die Vervielfältigung der beschnittenen Dukaten besitze, daß er aber einen Verrat an diesem Talente begehe, wenn er es in der untergeordneten Manier seiner Vorfahren ausbeute.

Das Kostbarste, was du besitzest – sagte Wolff zu sich selbst –, ist nicht deine angeborne Zähigkeit, dein scharfer Verstand und deine schleichende Courage, nein, noch viel kostbarer ist dein alter Glaube! Suche dieses rostige Vermächtnis mit Zähigkeit, mit Verstand und mit Courage in die kurrente Münze der Jetztzeit umzusetzen, denn nur auf diese Weise wirst du das große Rechen-exempel deines Lebens ersprießlich lösen können.

Und Wolff wurde sehr ernst, und er setzte sich hin und studierte Tag und Nacht. Als er aber viele der ältern und der neuern Sprachen gründlich erlernt hatte und in fremden Zungen geradeso gut sprach und in fremden Zügen geradeso gut schrieb, wie er in Buchstaben und Zahlen, addierend und multiplizierend, glücklich fühlte und dachte: da reiste er nach Rom und legte sein orientalisches Gewand ab und schlüpfte in den weihrauchduftenden Rock eines Zöglings der Societas de propaganda fide.

Sein ewiges Volk vergaß der Abtrünnige in der Ewigen Stadt, und zu lächelnden Raffaelischen Madonnen betete der Jüngling, der sich beugen sollte vor dem alten Herrn Zebaoth der Frankfurter Börse.

Doch der alte Judengott lachte über den törichten verlornen Sohn, denn der Gott des Gewinnes und des Verlustes wußte sehr wohl, daß Wölffchen sich verspekuliert hatte. Ja, der alte Bankier Zebaoth ist blasiert über seine christlichen Debitoren; er kennt ihre Handlungsbücher so gut wie die seinigen, und er weiß, daß der heilige Petrus sich glücklich schätzt, wenn das alte Geschäft des Sinai die christlichen Wechsel noch ferner diskontieren will.

Bei seinem Übertritt zur katholischen Kirche hatte Wolff an alles gedacht, nur nicht an dies. Zu seinem nicht geringen Schrecken wurde er plötzlich des fatalsten aller Mißgriffe inne.

Er glaubte, bei reichen, mittelalterlichen Äbten und Kardinälen angekommen zu sein, und er war zu den allermodernsten Bettelmönchen geraten; und ob die Raffaelischen Madonnen auch noch so lieblich lächelten und ob der Weihrauch auch noch so lieblich duftete, Wolff fühlte sich sehr unbehaglich in dem vermeintlichen Mittelalter, er lernte damals das Dividieren und das Subtrahieren, und gern hätte er den Rock der Propaganda wieder mit dem Gewande des Orients vertauscht.

Doch das war nicht mehr möglich, der Kredit unseres Helden war bei der orthodoxen Bank Sinai zu sehr erschüttert. Er konnte nicht zurück; er konnte nur vorwärts, und rasch beschäftigte er sich damit, die hindernden Widersprüche seines Daseins zu versöhnen, um endlich einer erfreulicheren Karriere entgegenzusteuern –.

Der Jude, der ein Römer geworden war, wurde nämlich aus einem Römer ein Engländer. Ist eine vortrefflichere Verwandlung denkbar?

Wolff ging zur anglikanischen Kirche über, und vollkommen gelang es ihm jetzt, seine patriarchalischen Reminiszenzen und seine ganze mittelalterliche Anschauung in die praktischen Interessen der Jetztzeit aufzulösen.

Ein ganz besonderer Umstand kam ihm hierbei trefflich zustatten. Wolff machte sich nämlich anheischig, zwei in Indien verlorengegangene englische Offiziere wiederaufzusuchen. Er reiste wirklich nach jenen fernen Gegenden ab, und in allen englischen Journalen las man bald die wunderbare Nachricht, daß der würdige Doktor, auf einem Esel reitend, in wallendem Talare, das Wort des lebendigen Gottes aufgeschlagen in der Hand, alle feindlichen Positionen passiert habe und bis nach Bokhara vorgedrungen sei. Wochen und Monate verstrichen indes, und Wölffchen langte endlich wieder wohlbehalten in Alt-England an – ohne die beiden Offiziere.

Sein Glück war aber gemacht. Er war der Mann des Tages. Die englischen Journale machten sich ein Vergnügen daraus, ihre Spalten durch die abenteuerlichen Berichte des Doktors zu würzen, und der Doktor selbst stieg auf alle Kanzeln und Tribünen, um auch mündlich den erstaunten Pfarrkindern seine Don Quijotiaden vorzutragen. Eine Pfarre, die etwa 600 Pfund einbrachte, und eine Lady mit ebensoviel Rente waren bald die Belohnung des jüdisch-römisch-anglikanischen Frankfurters, und nie hat wohl jemand den frommen Bewohnern Großbritanniens eine entsetzlichere Nase gedreht als unser Wölffchen.«

Hier schwieg die holde Göttin der Langenweile. Der Spleen kaute an den Fingern, die Seekrankheit schaukelte sich auf ihrem Sessel, und ich selbst war so entzückt über die interessanten Mitteilungen meiner Freundin, daß ich das Trinken ganz darüber vergessen hatte – was gewiß viel heißen will.

Aber seht, ihr Romanschreiber und Novellendichter: wenn ich von der Langenweile träume, so bin ich interessanter, als wenn ihr wachend eure kurzweiligsten Schätze zu produzieren versucht.

»Ja, teuerster Freund, ich dominiere in England –«, sprach die Göttin der Langenweile, etwas ermüdet von dem vielen Erzählen. – »Oh, Verehrteste«, erwiderte ich ihr, »ich bin ganz davon überzeugt; ich hatte die beste Gelegenheit, Ihr stilles Walten an Ort und Stelle zu bewundern. So wohnte ich z.B. einst in der Nähe einer Familie, deren Geschichte zu den langweiligsten gehört, die Sie hören können –«

»Erzählen Sie!« riefen meine Gäste, und ich mußte natürlich gehorchen.

»Besagte Familie bestand aus drei Personen. Aus dem Vater, der Mutter und der Tochter. Der Vater war ein Ehrenmann; er sprach wenig und aß viel. Den Trunk liebte er aber über die Maßen. Seines Zeichens war er ein Fabrikant von Grabsteinen, woraus Sie abnehmen können, daß der Herr Thompson nur mit den bessern Klassen der Gesellschaft zu tun hatte, denn ein Arbeiter reflektiert selten auf ein Monument, ein Arbeiter ist schon damit zufrieden, wenn er tot ist, ein Arbeiter ist ein ungebildeter Mann – – So dachte Herr Thompson, und wie gesagt, machte er nur mit reichen Fabrikanten, mit feisten Pächtern, mit ehrwürdigen Pastoren, kurz, mit Leuten Geschäfte, die schon bei Lebzeiten einsehen, daß es dereinst gar nicht schaden kann, wenn man ihnen schwarz auf weiß auf die Grabsteine schreibt, daß sie einen tugendhaften Lebenswandel führten, niemand betrogen und gen Himmel fuhren als anständige Bürger der Stadt und gläubige Jünger Jesu Christi – – Herr Thompson machte vortreffliche Geschäfte. Aber der Trunk, der Trunk! Herr Thompson liebte den Trunk mehr als sein Leben, und er trank sich deshalb zu Tode.

Als er aber nun eine schöne respektable Leiche war, da ging seine hinterlassene Gemahlin mit sich zu Rate und setzte ihm auf sein Grab den schönsten Leichenstein, der je die Asche eines Gerechten gedrückt hat. ›Hier ruht Herr Thompson‹, hieß die Inschrift, ›Fabrikant von Grabsteinen, Eigentümer mehrerer Häuser und Familienvater. Wandrer, stehe still usw.‹ – Nichtsdestoweniger war die Witwe unglücklich genug, keinen zweiten Wandrer durchs Leben auftreiben zu können.

Ja, dies war sehr schlimm, denn der verstorbene Herr Thompson hatte seiner Gattin außer mehreren Häusern und außer seinem restierenden Vorrat an Grabsteinen auch noch dieselbe Leidenschaft hinterlassen, aus welcher er selbst in ein besseres Leben hinüberschlummerte, und je mehr sich die Aussicht der Witwe verschlechterte, einen andern Gatten wiederzufinden, desto mehr verringerte sich bald der Wert der Häuser und die Zahl der Grabsteine, so daß von Häusern und Grabsteinen nur ein einziger unversetzter und nicht vertrunkener Grabstein übrigblieb, den Frau Thompson mit sich ins oder vielmehr aufs Grab nahm, als sie, dem Beispiele ihres vorangegangenen Gemahles treu, endlich ebenfalls am Trunke dahinschied, um ihr Töchterchen ohne Häuser und ohne Grabsteine allein auf der Oberwelt zurückzulassen.

Die arme Miss Thompson war nun wirklich übel dran. Übrigens war sie schön, und das ist schon immer etwas. Nachdem sie daher als echte Engländerin bei sich überlegt hatte, ob sie nach Australien gehen, ob sie sich den Hals abschneiden oder ob sie lieber heiraten solle: zog sie schließlich das letztere vor und verfügte sich sofort zu ihrer Nachbarin.

Der Zufall wollte es, daß ich bei eben dieser Nachbarin im Hause wohnte. Sie war eine der vortrefflichsten und ehrlichsten Frauen, die ich je gesehen habe. In der Kochkunst war sie nur bis zu einem Beefsteak gekommen, aber in der Frömmigkeit blieb sie hinter David und Salomo wenig zurück. Die Psalmen des erstern wußte sie vortrefflich falsch zu singen; die Katze, der siedende Teekessel und die Wetterfahne auf dem Dache stimmten in den Gesang ein, und ich werde wohl nie wieder ein solches Konzert zu ertragen haben.

Meine alte Wirtin hatte den Besuch der jungen Miss Thompson freudig entgegengenommen und sofort die nötige Rücksprache mit ihr getroffen. Es war ihr bald klar, was das Herz des armen Kindes verlangte, und keine zehn Minuten verflossen, da klopfte die ehrliche Frau auch schon an mein Zimmer.

Ich war nicht wenig erstaunt, die Alte mit der Jungen hereintreten zu sehen. Ich springe empor, ich lade die junge Dame aufs freundlichste ein, sich zu setzen, und nachdem wir die gewöhnlichen Artigkeitsphrasen miteinander gewechselt haben, erkundige ich mich darnach, was mir die Ehre dieses schönen Besuches verschafft hat.

Traurig schlägt da die kleine Miss ihre blauen Augen nieder; ich ergreife ihre weiche Hand und bitte sie, Zutrauen zu mir zu fassen und alles von mir zu verlangen, was ein Sterblicher zu leisten imstande ist – aber vergebens. Eine peinliche Windstille entsteht in der Konversation. Ich habe Zeit, die junge Person zu betrachten; sie ist allerliebst. Die blonden Haare, der schlanke Wuchs, die weißen Hände und die schwermütig verhangenen Augenlider: alles zieht mich unwillkürlich zu ihr hinüber; ich bitte sie inständigst, mir die Rätsel ihres kleinen Herzens zu erschließen, und tausend Eide schwöre ich, nichts davon verraten zu wollen – aber umsonst!

Da ist endlich meine alte Wirtin so gescheit, der allseitigen Verlegenheit ein Ende zu machen. Sie stemmt die Hände in die Seiten und erzählt mir die Geschichte von den Eltern des Mädchens, von den Häusern und den Grabsteinen: ›Und sehn Sie‹, fährt sie dann fort, ›Miss Eliza ist jetzt ein verlassenes Kind.

Was soll sie tun? Es ist am besten, daß sie heiratet. Sie trägt Ihnen daher ihr Herz und ihre Hand an, und es wird ihr jedenfalls lieb sein, wenn Sie sich bald entschließen wollen, denn das Alleinsein ist langweilig, und der Mann findet den besten Komfort in seinem geliebten Weibe –‹

Einen Davidschen Psalm beginnend, endet die Alte ihren Vortrag, und verwundert blicke ich bald auf die würdige Matrone, bald auf das schüchterne Mädchen. Die Unbeweglichkeit und das Schweigen der jungen Miss scheinen mir zu beweisen, daß die Alte die reine Wahrheit gesprochen hat. Ich rücke daher näher mit meinem Sessel und lege die Hand vertraulich auf den Arm des hübschen Kindes. ›Sie wollen mich also heiraten?‹ – ›Yes, Sir.‹ Es wird mir ganz angenehm zumute. ›Wie der Prophet Habakuk‹, fahre ich fort, ›bin ich capable de tout, aber erlauben Sie wenigstens, liebe Miss, daß ich Ihnen vorher eine Woche oder einen Monat lang Gelegenheit gebe, mich kennenzulernen. Es kann Ihnen doch unmöglich recht sein, so ohne weiteres eine Verbindung einzugehen, welche die interessantesten Folgen haben könnte. In der Tat – –‹

Die Alte unterbricht mich: ›Vierundzwanzig Stunden! Vierundzwanzig Stunden haben Sie Bedenkzeit!‹ – ›Ja, vierundzwanzig Stunden‹, lispelt die Miss, und sie erhebt sich und verschwindet.«

»Aber Sie werden doch, beim Teufel, das Frauenzimmer nicht geheiratet haben?« fragte hier mein grauer Freund, der Spleen, indem er sich erschrocken emporrichtete.

»Teuerster Spleen, ich wäre wirklich fast so toll gewesen. Vor allen Dingen hielt ich es für meine Pflicht, der heiratslustigen Kleinen den gemachten Besuch sofort zu erwidern. Ich traf sie sehr gefaßt in ihrem Zimmer an; ich setzte mich zu ihr und erzählte ihr einen halben Tag lang alles, was mir gerade in den Sinn kam. ›Vierundzwanzig Stunden!‹ blieb aber der Termin. Der Starrsinn der Kleinen war nicht zu beugen.

Das Ende vom Liede war, daß meine Schöne nach vierundzwanzig Stunden den ersten andern Menschen zum Manne nahm, der ihr in den Wurf kam. Ich begleitete das glückliche Ehepaar zur Kirche, und wir sind stets besonders gute Freunde geblieben.«

»Kam die junge Frau mit einem Knaben oder mit einem Mädchen nieder?« fragte die Langeweile.

»Mit einem Grabstein!« murmelte der Spleen, und die Seekrankheit wälzte sich vor Lachen.

Die Göttin der Langenweile wunderte sich keineswegs über die Geschichte der jungen Miss Thompson: »Mit den Heiraten ist es ein eigenes Ding in England«, fuhr sie fort, »die Heiraten stehen in England in genauem Zusammenhange mit den Weizenpreisen. Wahrscheinlich ist dies in andern Ländern nicht weniger der Fall, aber ich möchte fest behaupten, daß sich namentlich in England die gegenseitige Annäherung junger Personen, ja, mit einem Worte, daß sich die Liebe beider Geschlechter genau nach den Notierungen der Kornhändler von Mark Lane richtet. So wurden z.B. im Jahre 1832 bei einem Weizenpreise von 52 Schilling p. Quarter 242469 Ehen geschlossen, eine Anzahl, die sich im Jahre 1835 bei einem Weizenpreise von 34 Schilling bis auf 275508 Ehen vergrößerte.

Haben Sie nur die Güte, die höchst interessanten statistischen Tabellen über die Population der Vereinigten Königreiche in Porters ›Progress of the Nation‹ nachzuschlagen, und Sie werden nicht nur finden, daß diese Angaben durchaus richtig sind, sondern daß sich dieselben Schwankungen auch in allen übrigen Jahren seit dem Beginn dieses Jahrhunderts wiederholten.

Ja, der Gott Amor hängt von den Fruchthändlern der Londoner City ab; die Fruchthändler der City richten sich nach dem Wind und dem Wetter, und die Liebe ist eine rein ökonomische Frage.

Wenn Ihnen die allerliebste Miss Thompson einen Heiratsantrag machte, so glauben Sie daher ja nicht, daß diese Artigkeit Ihren geistigen und körperlichen Vorzügen gegolten hätte – nein, Fräulein Thompson hatte vielleicht gerade in irgendeiner Zeitung gelesen, daß wegen des schlechten Wetters und infolge einer bevorstehenden Mißernte die Fruchtpreise bedeutend in die Höhe gehen würden, und es verstand sich daher von selbst, daß sie als echte Engländerin sofort den Entschluß faßte, sich zu verlieben, um Sie noch zur rechten Zeit zu der Torheit einer ehelichen Verbindung zu verleiten.

Die Ehe ist in England eine Geschäftssache, welche man so rasch und so rund als nur möglich abzutun pflegt, und wenn man der Liebe noch keinen besondern Platz auf der Börse anwies, unterblieb dies nur deswegen, weil man bisher dergleichen geringfügige Geschichten en passant abmachte und sie mehr unter die Rubrik der Spekulationen brachte, welche ganz im stillen und ohne viel Geräusch behandelt werden wollen.

Die englischen Arbeiter machen einzig und allein eine Ausnahme in dem Geschäftsabschluß der Ehe. Es liegt auf der Hand, daß diese armen Leute sich nur durch den Frühling, durch einen singenden Vogel oder durch eine hübsche Blume zur Liebe hinreißen lassen, denn die Konsequenzen ihrer ehelichen Verbindungen kommen nicht in Pfunden Sterling, sondern nur in jenen hungrigen Kindern zum Vorschein, deren Sterblichkeit, wie bekannt, nach einer schlechten Ernte oder nach einer Handelskrise um 25 bis 30 Prozent über die Summe des gewöhnlichen Totenzettels hinauszusteigen pflegt.

Die Aristokratie verheiratet sich in England, um ihre Rasse fortzupflanzen; die Mittelklasse sucht ein Zinsengeschäft zu machen, und der Arbeiter nimmt ein Weib, damit ein gleichgestimmtes Wesen seine Not und seine Langeweile teile, denn man langweilt sich jedenfalls weniger zu zweien als allein.

Aus diesem Grunde bin ich gegen jede Ehe!

Ostern und Pfingsten sind die Zeitpunkte, wo namentlich die englischen Arbeiter ihre Ehen schließen. Es ist nicht selten, daß man dann vierzig bis sechzig Paare vor den verschiedenen Kirchentüren einer Fabrikstadt antrifft. Die heiratslustigen Männer, junge Burschen von 18 bis 22 Jahren, haben sich so hübsch als möglich herausgeputzt. Ihre Bräute tragen schwarze Merinokleider und ein schneeweißes wollenes Tuch darüber. Beiläufig bemerkt, unterscheiden sich die Fabrikarbeiterinnen in ihrer Kleidung sehr von den weiblichen Dienstboten. Während die ersten nämlich im gewöhnlichen Leben alle Farben und an ihrem Hochzeitstage schwarz tragen, kleiden sich die Dienstboten, namentlich die der wohlhabendern Familien, fast durchgängig violett, eine Farbe, die sich sehr hübsch macht, besonders im Gegensatze zu dem schneeweißen englischen Teint des Halses und des Busens, der bei dem tiefen Einschnitt der Kleider stets Gelegenheit hat, sich dem Auge des aufmerksamen Beobachters in seinen vorteilhaftesten Formen zu zeigen.

Ist die Ehe kirchlich eingesegnet, so ziehen die Neuvermählten, ein Paar hinter dem andern, durch die Stadt, um nach einem schnell beendigten Mittagessen gemeinschaftlich eine Hochzeitsreise in die nächsten Felder oder auf die umliegenden Hügel zu unternehmen, wo man sie in dem geselligsten Zusammensein bis gegen Abend durch Spielen, Tanzen und Singen ihren Hochzeitstag feiern sieht.

Wie die englischen Arbeiter in fast allem, was sie tun und treiben, aus der gewöhnlichen guten Sitte der steifen Mittelklasse heraustreten, so zeichnen sie sich auch durch diese massenhaftere und deswegen viel interessantere Hochzeitsfeier vor den übrigen Klassen der Gesellschaft vorteilhaft aus. Statt eines einzigen frisch vermählten Paares, das von seiner Umgebung mit dummen Glossen und mit abgenutzten Witzen umringt wird, begehen die Arbeiter in Gesellschaft den Tag der ersten Liebe, und der Himmel ist auch fast immer so gefällig, die kurze Feier mit seiner Oster- oder Pfingstsonne aufs freundlichste zu begünstigen.

In früheren Jahren dehnten Neuvermählte fast nie ihre Hochzeitsreisen weiter als auf den Besuch der nächsten Felder aus. Erst seit die Eisenbahnen den Verkehr erleichtert haben, unternehmen sie auch Touren nach den benachbarten Städten und Dörfern. Von einer solchen Reise hatte ich neulich das komischste Beispiel. Tom Holmes, ein Fabrikarbeiter, liebte nämlich Mary Ann Wilson, das Dienstmädchen einer vornehmen Kaufmannsfamilie in Manchester. Der Frühling kam, und Tom bestand darauf, daß man Hochzeit halte. Mary Ann mußte sich daher am Sonntag für einige Stunden Urlaub ausbitten; man ging zur Kirche und ließ sich kopulieren. Leider waren aber so viele Brautleute vor Tom und Mary Ann eingeschrieben, daß unser junges Paar fast drei Stunden auf seinen Segen warten mußte. Von den vier Stunden, welche Mary Ann Urlaub erhalten hatte, blieb daher nach dem Schluß der kirchlichen Feier nur noch eine Stunde übrig. Es war nun zu spät, eine beabsichtigte Eisenbahntour nach Liverpool zu machen, und Mary Ann schlich zur bestimmten Stunde wieder zurück in das Haus ihrer Herrschaft. Traurig langweilig traf ich das arme Mädchen hier an. Den Kopf auf die Hand gestützt und die hellen Tränen im Auge, saß das verlassene Kind in dem stillen Zimmer der Küche und begriff eigentlich nicht recht, weshalb man nur deswegen heirate, um sich gleich wieder von seinem Manne zu trennen. Da tritt die Dame des Hauses vor ihre Magd. Sie sieht, daß das schöne Mädchen geweint hat, und sie erkundigt sich nach der Ursache ihres Kummers. Mary Ann will lange Zeit nicht mit der Sprache heraus, zuletzt gesteht sie, daß Tom es ›nicht länger habe aushalten können‹, daß sie geheiratet hätten und daß der Urlaub leider nur gerade für die Kirchenfeier ausgereicht habe und daß Tom, da sie gezwungen gewesen sei, nach Hause zurückzukehren, nun ›allein‹ die beabsichtigte Hochzeitsreise nach Liverpool unternommen habe, von der er hoffentlich zurückkehren werde, um dann später einmal seine Frau wiederzusehen.«

Die Göttin der Langenweile schwieg. »Diese Heirat scheint also weder aus Spekulation noch aus Vergnügen unternommen worden zu sein?« setzte ich hinzu. »Ja, nicht einmal die Fruchtpreise wurden dabei berücksichtigt.«

»Tom konnte es nicht länger aushalten«, wiederholte die Göttin, und der graue Spleen meinte, daß er sehr wahrscheinlich in dieser Geschichte ein bedeutendes mitgespielt habe.

Ich hatte den Erzählungen der Göttin der Langenweile mit der größten Aufmerksamkeit zugehört, aber ich muß gestehen, ich fühlte allmählich den Einfuß der holden Dame. Es war mir zumute, als hörte ich einen evangelischen Kandidaten die erste Sonntagnachmittagspredigt säuseln, als läse ich einen Leitartikel der »Kölnischen Zeitung«, als sähe ich Regenwürmer aus der Erde kriechen und nach der Musik eines Dudelsacks den Fandango tanzen.

Meine Nase wurde unwillkürlich länger, ich fühlte, daß meine Beine sich dehnten, und ich mußte gähnen, entsetzlich gähnen.

Alles das encouragierte aber die würdige Göttin nur, immer weiter fortzufahren. Ich legte mich daher ins Mittel und bemerkte ihr, daß ihre Mitteilungen allerdings von dem höchsten Interesse gewesen seien, daß ich aber nun über das Familien- und Kirchenleben der Briten hinlänglich unterrichtet wäre und daß es mir angenehm sein würde, auch über sonstige Dinge noch etwas zu erfahren.

»Ach, da muß ich Ihnen vom Parlamente erzählen!« rief da die Göttin, und ohne weiteres schickte sie sich an, mich in das Haus der Gemeinen einzuführen.

»Das provisorische Haus der Commons ist ein wenig räumliches, aber gut eingerichtetes Gebäude. Im Sirzungssaale bemerken Sie rechts und links auf gepolsterten Bänken die ehrenwerten Mitglieder; die Hüte auf den Köpfen, die Beine übereinandergeschlagen. Im Hintergrunde, zwischen den beiden Reihen der Mitglieder, sitzt der ›Sprecher‹, der Präsident, der wohl nur deswegen Sprecher heißt, weil er nie spricht, auf einem ziemlich hohen Stuhle. Er trägt eine große Allongeperücke und schneidet ein todernstes Gesicht. Vor dem Sprecher sitzen zwei Schreiber, ebenfalls mit Perücken, und vor den Schreibern steht ein Tisch, auf dem sich die für die Debatte erforderlichen Papiere usw. befinden. Dem Sprecher gegenüber, an dem andern Ende des Saales, ist die sogenannte Bar, welche nur Parlamentsmitglieder passieren dürfen. Dies die Einrichtung des untern Teiles des Hauses. Oben laufen Galerien um alle Wände. Die Galerien rechts und links sind nur den Mitgliedern zugänglich. Die Galerie über dem Sprecher ist für die Berichterstatter bestimmt; die ihm gegenüberliegende Tribüne gehört den Fremden.

Beiläufig bemerke ich Ihnen noch, daß die Bänke zur Rechten des Sprechers von der ministeriellen Partei eingenommen werden und daß auf der ersten Bank die Minister sitzen. Links vom Sprecher läßt sich die Opposition nieder. Die Mitglieder sprechen nicht von einer Tribüne, sondern von ihren Plätzen, indem sie sich von der Bank erheben und für die Dauer der Rede ihre Häupter entblößen.

Ich hoffe, daß Ihnen meine Schilderung klar ist. Wenn Sie als Fremder auf der Fremdengalerie sitzen, so sind Sie in dem umgekehrten Falle wie der Sprecher. Zu Ihrer Linken haben Sie dann das Ministerium; zu Ihrer Rechten die Opposition, und zwischen beiden Parteien durch blicken Sie über den Tisch des Hauses hinweg geradezu auf die große Nase des Sprechers.«

»Verstanden!« unterbrach ich die Göttin und weckte mich aus meinem Geistesschlummer durch ein großes Glas Portwein.

»Oh, selige Nächte habe ich schon in diesem Hause verlebt«, fuhr die Langeweile fort, »denn die Sitzungen dauern häufig ihre acht bis zehn Stunden und ziehen sich nicht selten bis 4 oder 5 Uhr morgens hin. In solchen Fällen bin ich allmächtig. Die geduldigsten Mitglieder des Hauses bringe ich zur Verzweiflung und die hitzigsten Gemüter zum Einschlafen. Mit Recht kann ich von den endlos langen Debatten sagen, daß sie diejenigen sind, in welchen ich eine fast unumschränkte Herrschaft ausübe, und ich habe nur zu bedauern, daß gewöhnlich die meisten ehrenwerten Mitglieder davonlaufen, wenn eine derartige Diskussion beginnt. Ja, die Engländer sind blasiert über das irische Elend; sie hörten es schon zu oft wiederholen, daß Paddy ein armer Teufel ist; es ist eine Sache, die sich von selbst versteht, und niemand begreift, warum man noch viele Worte darum verlieren soll.

Als der alte Daniel O’Connell noch lebte, da war freilich die Geschichte anders, denn der König Dan war eine zu merkwürdige Persönlichkeit, als daß man nicht mit Aufmerksamkeit hätte zuhören sollen. Sowie er vom Sprecher das Wort erhielt, stürzte auch ein Türsteher in den nächsten Konversationssaal, um den schwatzenden Mitgliedern die Wendung der Debatte anzuzeigen, und sofort füllten sich alle Bänke mit Zuhörern. Wie ein General auf dem Schlachtfeld stand der alte Dan auf seinem Platze, und wenn er bald mit Donnerstimme den Engländern das Elend seiner Landsleute ins Gedächtnis zurückrief und bald in süßen, melodischen Tönen von dem ›Edelstein der See‹, von der ›schönsten Insel der Welt‹ lispelte, da schlief niemand ein, da lauschte man jedem Worte, und selbst die Gegner konnten den Beifall nicht versagen.

König Dan war ein schlauer Mann. Er hing seine Advokatur an den Nagel und wurde Agitator, eine Beschäftigung, die ihm jährlich etwa 30.000 Pfund einbrachte. Solange die Agitation dauerte, solange bezog Dan auch diese Rente, und es war daher ganz in seinem wohlverstandenen Interesse, daß er der Leidenschaft des Volkes nie zu sehr den Zügel schießen ließ und nie den Versuch machte, die revolutionäre Bewegung und damit das Elend seiner Landsleute zum Schluß zu bringen. Leute, die nicht auf der Höhe ihrer Zeit stehen, könnten hieraus schließen, daß Dan eigentlich ein großer Schuft gewesen sei – – Aber was wollen Sie? Dan war Geschäftsmann. Dan spekulierte in irischem Elend, und wenn sich auch die Irländer dazu gratulieren konnten, daß Dan endlich starb und daß ihnen die Augen aufgingen, so verlor doch das britische Parlament jedenfalls einen Mann, der zu den besten Rednern gehörte. Ja, der alte Dan hat mir durch seine fulminanten Reden oft genug Eintrag getan, und ich kann ihm nur deswegen verzeihen, weil er einst einen Streich beging, der das Haus für mehrere Tage langweiliger machte, als es vielleicht seit sei nem Bestehen gewesen ist.

Die Sache verhielt sich nämlich einfach so, daß man O’Connell bei irgendeiner Debatte durch allerlei Intrigen halb rasend gemacht hatte. Vergebens ließ Dan alle Minen springen, um seine Gegner wenigstens in etwa für seine Pläne zu interessieren – aber man lachte ihn aus und trieb ihn dadurch schließlich zu einer der schlimmsten Maßregeln, welche je dagewesen. Jedesmal nämlich, wenn die Verhandlungen ihren Anfang nahmen, erhob sich O’Connell von seiner Bank und bemerkte dem Sprecher, daß Fremde auf der Galerie zugegen seien und daß er ihnen sofort befehlen möge, sich zurückzuziehen. Da es nun wirklich in England noch ein altes Gesetz gibt – more honoured in the breach, than the observance –, wonach jeder Fremdenbesuch im Parlamente und deswegen auch jede Veröffentlichung der Debatten untersagt ist, so mußte der Sprecher dem Aufruf des Irländers gehorchen, und im Nu wurden dann jedesmal die Galerien der Fremden und der Berichterstatter geräumt. Schrecklich war dies für die ehrenwerten Mitglieder, denn nichts von allen ihren schönen Reden drang jetzt mehr in die Öffentlichkeit, und da O’Connell eine Woche lang bei seiner Maßregel beharrte, so stellte sich bald eine solche Lauheit und eine solche Schlafsucht ein, daß man das Parlament zuletzt gar nicht mehr wiedererkannte. Es schien, als ob alle Energie versiegt wäre, und ich bin der Meinung, daß die damalige Zeit die interessanteste war, welche die Langeweile je erlebt hat.

Dan ist nun längst tot und vergessen, aber er hat uns ein köstliches Kleinod hinterlassen in seinem Sohn John! Ja, wenn Tristram Shandy meinte, daß er nur deswegen ein so lustiger und humoristischer Bursche sei, weil ihn sein Vater in dem Momente zeugte, wo ihm mit Schrecken einfiel, daß er das monatliche Geschäft des Aufziehens seiner großen Hausuhr vergaß, so sollte man von Herrn John O’Connell, wenn er nicht gar zu alt wäre, fast vermuten, daß ihn sein Vater in jener Periode zustande brachte, wo das britische Parlament so traurig aussah, als litte es an den sieben ägyptischen Plagen. Stellen Sie sich in diesem John O’Connell, der unglücklicherweise weder den Verstand noch die Rente seines Vaters geerbt hat, einen Mann vor, von dem man nicht weiß, ob er mehr einem Frage- als einem Ausrufungszeichen gleicht. Zackig und winkelig sind alle seine Bewegungen; platt ist seine Nase und platt sein Schädel. Wie ein Pilz aus dem Sumpfe schießt er empor von seiner Bank, und mit der Stimme eines Frosches hebt er jetzt stotternd an zu sprechen von dem Elend seiner Landsleute, von dem ›Edelstein der See‹, von der ›schönsten Insel der Welt‹.

Was man einst von einem Riesen vortragen hörte, man vernimmt es jetzt aus dem Munde eines Krüppels. Nach und nach verlassen die Mitglieder des Hauses ihre Plätze; die, welche sitzenbleiben, rücken zu traulicher Konversation näher aneinander, und selbst der Sprecher neigt sein Haupt auf die Schulter, um irgendeinem alten Bekannten zu lauschen, der die Dauer der O’Connellschen Rede durch die Erzählung eines Spaßes zu betrügen weiß.

Wie ein Betrunkener sich mit seinen Beinen in einem Bunde Stroh verwickelt, so verwickelt sich der Redner in dem Stroh seines Vortrags. Je mehr er in das Herz seiner Litanei vordringt, desto mehr vergißt er, daß alle Mitglieder des Hauses längst aufgehört haben, ihm zuzuhören, daß Lord John seine Papiere durchsieht, daß Sir George Grey mit einigen Nachbarn die heitersten Witze reißt, daß Sir James Graham sinnend seine kahle Glatze reibt und daß die Nase des alten Hume längst hinabgesunken ist in die weiße Hemdkrause. – Unaufhaltsam ist aber der holprige Fluß der O’Connellschen Beredsamkeit; er zerbricht die Worte mit seiner Zunge, wie man Pfeifenstiele zerbricht mit den Fingern, und wenn er jetzt mit seinen Fäusten auf die Lehne der Bank schlägt wie mit zwei Hämmern auf den Amboß und wenn ihm der Angstschweiß auf die Stirn tritt und wenn er mit röchelnder Stimme jetzt zum Schlusse erklärt, daß er auf der Flur des Hauses sterben werde, wenn diese oder jene Maßregel gegen Irland passiere, und wenn er nun erschöpft zusammensinkt: da erwachen mit einem Male alle ehrenwerten Mitglieder aus ihrer Lethargie und rufen ein ironisches ›Hört! Hört!‹ und lachen aus vollem Halse, weil Herr O’Connell schon sechsmal versprochen hat, auf der Flur des Hauses sterben zu wollen, und noch immer nicht gestorben ist – und mit Schrecken sieht man, daß ein egoistischer Gauner, aber ein vortrefflicher Redner das arme Irland vielleicht noch besser verteidigte als ein ehrlicher Mensch, aber ein parlamentarischer Tropf.

Oh, diese irischen Debatten sind ein wahres Gaudium für mich«, vollendete die Göttin der Langenweile, »und nur dann erhalten sie plötzlich eine andre Wendung, wenn der große Polterer in ihnen auftritt: der Chartist Feargus O’Connor.

Langsam und feierlich erhebt der Sprecher seine Hand, und zu vornehmem Gruße neigt er kaum bemerkbar sein Haupt.

›Mr. Feargus O’Connor!‹ ruft er dann im tiefsten Tone, indem er hinüberblickt nach der ersten Oppositionsbank, und sofort erhebt sich der Chef der Chartisten, merkwürdigerweise gerade zwischen Sir Robert Peel und Sir James Graham.

O’Connor ist ein stattlicher Mann. Auf wohlgebildeten und gewandten Schenkeln und Lenden erhebt sich ein breitschultriger, brustgewölbter Oberkörper, der einen mehr interessanten als schönen Kopf mit breiter, nach vorn stehender Stirn trägt. O’Connors Haare sind rötlich, seine Augen liegen tief, seine Nase ist etwas aufgestülpt. In O’Connors Auftreten liegt Würde und Festigkeit; seine Gestikulation ist lebendig, der Ton seiner Stimme kräftig, metallen.

Zu der Zeit, als Daniel O’Connell seine Advokatur an den Nagel hing, um sich ausschließlich mit der irischen Repeal-Agitation zu befassen, da glaubte er in seinem Landsmanne Feargus O’Connor ein treffliches Werkzeug für seine Pläne gefunden zu haben; Freund Dan protegierte daher den jungen Feargus in auffallender Weise. Eine Zeitlang harmonierten die beiden aufs beste miteinander; als der schlaue Daniel aber sah, daß der junge Feargus viel zu wild und zu entschieden auftrat, um die Agitation in einer der O’Connellschen Rente vorteilhaften Weise zu befördern, da schob er ihn leise beiseite und sandte ihn hinüber nach England, wo nach Henry Hunts Tode ein tüchtiger Agitator unter den Arbeitern immer nötiger geworden war. O’Connor begriff den Zusammenhang seiner Sendung erst später und hat sein Beiseiteschieben dem alten Dan nie vergessen können.

Einmal in England angekommen, warf sich der ›wilde Feargus‹ mit aller Energie in die Bewegung der arbeitenden Klasse und imponierte sofort durch seine große Courage, durch seine namenlose Tätigkeit, vor allen Dingen aber durch seine vollkommene Rechtlichkeit, die freilich vielfach angefochten ist, von der aber das gänzliche Verschulden der O’Connorschen Besitzungen in Irland den besten Beweis liefert. Ihn unterstützte bei seiner Agitation der eigentümliche Reiz, der über dem Namen der O’Connors liegt. Denn seinen Stammbaum leitet O’Connor zurück bis zu den fernsten, halbverschollenen Königen des grünen Erin. Verwachsen ist der Name seines Hauses mit allen blutigen Ereignissen jener unglücklichen Insel; durch das Tosen einer jeden Revolte klingt der Ruf eines O’Connor. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich in diesem Manne. Er erschien wie ein vom Thron gestürzter König, der als kecker Proletarier wieder auferstand, ohne Leid um das Geschehene, mit allen Fasern seines Lebens wurzelnd in der Gegenwart und mit der Riesenfaust donnernd vor die Pforte der Zukunft, daß sie weit dem Volke sich erschließe und nur dem Volke! War es ein Wunder, daß er bald als Chef der englischen Chartisten dastand?

Ja, das Volk liebte O’Connor. In seinem O’Connor sah das Volk sich selbst.

Abwechselnd himmlisch weise und niederträchtig dumm; tragisch ernst und bis zum Entzücken ergötzlich – naiv und sentimental in einem Atem; manchmal fein und gewandt wie ein Franzose und plötzlich wieder grob und plump gleich einem Shakespeareschen Stallknecht; zutraulich schmeichelnd wie ein kleines Mädchen und wieder stolz und despotisch wie ein römischer Imperator; von Liebe lispelnd wie Hafis und in barbarischen Derbheiten sich ergehend trotz Meister Franz Rabelais; großmütig wie ein Leu, aber auch grausam wie ein Tiger; ebenso enthusiastisch für das einmal Begriffene als widerspenstig gegen das Unverstandene; launig-poetisch und leichtsinnig in der Liebe und dem Wein wie der echte Irländer; plötzlich wieder ökonomisch und wirtschaftlich besorgt gleich dem filzigsten Schotten und endlich: stolz, energisch und kühn wie der Sohn Alt-Englands – alles das war dieser O’Connor! Ein tolles Gemisch aller Volksleidenschaften, ausgeschmückt mit allen Tugenden und mit allen Lastern des Volkes; mit einem Charakter, in dem sich die Grundzüge des Volkes der Rose, der Distel und des Klees in einer Weise widerspiegelten, wie sie noch in keinem britischen oder irischen Agitator, weder in Cartwright noch in Cobbett, noch in Hunt, noch in O’Connell zum Vorschein kamen.

Oh, nie werde ich den Augenblick vergessen, wo ich den Irländer zum ersten Male reden hörte. Er war damals in der Epoche seines höchsten Glanzes. Die Versammlung hatte lange auf ihn gewartet, der Saal war gedrängt voll. Viele der Anwesenden hatten sich schon in die Fensternischen geflüchtet, um nicht er drückt zu werden. Frauen und Mädchen wurden auf die Stufen der Tribüne gebracht. Über dem Ganzen lag eine schwere, dumpfige Atmosphäre, und die Lichter der Ampeln warfen einen trüben Schein auf die Gesichter von etwa fünftausend Arbeitern. Rings herrschte eine unheimliche Stille. Wie einem Gewitter sah man dem Erscheinen O’Connors ernst und bang entgegen.

Da entstand plötzlich vor der Tür ein wilder Spektakel; im Vordergrunde des Saales wogte es toll durcheinander; die Leute drehten sich rechts und links, man bekam Rippenstöße in Menge, und unwillkürlich wurde man nach der Richtung fortgezogen, von der der Lärm ausging. O’Connor hatte die Schwelle des Saales betreten. Von mehreren Freunden begleitet, brach er sich Bahn durch die Menge; vielen die Hände schüttelnd, manche bei Namen rufend, alle herzlich grüßend, wie ein heimkehrender Vater seine Kinder bewillkommt, und lachend und scherzend immer vorwärtsdrängend bis zum Fuß der Tribüne. ›There he is! There he is!‹ klang es von allen Lippen, und wie im Triumphe hoben ihn die Arme seiner Getreuen auf die Höhe der Plattform. Mit einer Stimme, die im Laufe des ersten Teiles der Rede mehr oder weniger ihren Ton beibehielt und durch Einförmigkeit gewissermaßen jedes Wort in das Gedächtnis der Zuhörer eingraben zu wollen schien, begann O’Connor seine Rede. Ich weiß nicht mehr alle Details derselben; nur so viel ist mir erinnerlich, daß einem halbstündigen aufmerksamen Zuhören allmählich eine sichtbare Bewegung der ganzen Masse folgte. O’Connor hatte über dieses und jenes Bericht abgestattet, dann folgte die Argumentation, jetzt rückte er in das Herz seines Gegenstandes vor.

Schon mehrere Male hatte er hörbar das Brett der Tribüne mit der Rechten geschlagen, schon mehrere Male zorniger mit dem Fuße gestampft und wilder das Haupt geschüttelt – er schickte sich an, den Angriff auf seine Feinde zu machen. Die Versammlung merkte dies und ermunterte ihn durch lauteren Beifall; es war, als hätte man einen Stier mit rotem Tuche gehetzt. Da hatte der Riese seinen Gegner gepackt! Die Stimme bekam einen volleren Klang, die Sätze wurden kürzer, stoßweise drangen sie aus der kochenden Brust, die Faust trommelte wilder auf den Rand der Tribüne, das Gesicht des Redners wurde feuerrot, seine Glieder zitterten, der Katarakt seines Zornes hatte das letzte Wehr überflutet, und hin donnerte nun die Woge der Beredsamkeit, alles vor sich niederwerfend, alles zerkrachend und zersplitternd, und ich glaube, der Mann hätte sich totgesprochen, wenn er nicht durch einen Applaus unterbrochen worden wäre, der das ganze Haus für eine Minute lang wie in eine schwingende Bewegung setzte.

O’Connor sprach etwa drei Stunden lang an jenem Abend. Sein Eindruck auf die Versammlung war unbeschreiblich. Mehr als einmal trockneten die Weiber, welche den Redner auf der Tribüne umringten, ihre heißen Tränen von den Wangen; mehr als einmal brachen sie in den unendlichsten Jubel aus. Auf den Gesichtern der Männer las man, was in ihren Herzen vorging – die Stimmung des Redners lebte in einem jeden. Die Irländer, die bei dem Meeting zugegen waren, kannten für ihren Enthusiasmus, wie gewöhnlich, keine Grenzen. Sie drängten sich mehrere Male durch die dichtesten Haufen, sprangen an der Tribüne hinauf und drückten O’Connors Hände. Mehrere Subjekte, die man als Unruhstifter und Spione erkannte, ergriff man und warf sie über die Köpfe der Versammlung von einer Hand zur andern, durch die ganze Länge des Saales, absichtliche Stöße den unwillkürlichen hinzufügend und an der Türe des Saales durch einige Fußtritte ihre schnelle Abreise sehr befördernd.

O’Connor stand damals auf dem Gipfel seines Ruhmes; gehaßt von der Aristokratie, gefürchtet von der Mittelklasse und vergöttert vom Volke. Er war der Diktator einer der furchtbarsten Parteien neuerer Zeit, der Partei der englischen Arbeiter.

Mehrere Jahre sind seitdem verstrichen. Als Abgeordneter für Nottingham sahen wir ihn heute im Parlamente. Er hat sich auf den Wink des Sprechers erhoben und ergreift das Wort gegen die von den Whigs vorgeschlagene Verlängerung der irischen Zwangs-Bill.

Festen Schrittes tritt er an den Tisch des Hauses; jetzt lehnt er den einen Arm auf die rote Büchse, und den andern in die Seite stemmend, beginnt er seine Rede. – Ja, das ist noch dieselbe Stirn, welche so kühn manchem Feinde getrotzt hat; ja, das ist noch dieselbe Brust, aus der mit dem Donner eines Gewitters so mancher gewaltige Ton über Tausende von Zuhörern dahinbrauste. Es ist wohltuend, nach dem stotternden Krüppel John O’Connell diesen Riesen O’Connor auftreten zu sehen. Ein ›Aha‹ geht durch die ganze Versammlung; neugierig recken die ehrenwerten Mitglieder ihre Hälse, viele erheben sich, um den wilden Chartisten noch einmal von Kopf bis zu Fuß zu beschauen – aber damit hat auch die Aufmerksamkeit des Parlaments ein Ende. Denn wie O’Connor in seiner Rede vorrückt, jetzt die Leiden Irlands schildernd, jetzt die Grausamkeiten des Gouvernements und jetzt die einzigen Mittel aufzählend, welche die unglückliche Insel vom Untergange retten können, da greift der kleine John Russell nach seinen Papieren, da knüpft Lord Palmerston eine Konversation mit dem Sprecher des Hauses an und da lehnt sich Sir George Grey zu einigen jungen Bekannten hintenüber, um von Fuchsjagden zu sprechen, von Pferderennen und von schönen Frauen. Aber auch die sonst so steifen Freetraders verlieren die Geduld. Der alte Colonel Thompson unterhält sich mit Herrn Hume, und beide lachen aus vollem Halse. Der Quäker Bright trommelt mit den Füßen; der fuchsige Wilson studiert in einer Zeitung, und Mr. Cobden hat sich mit vielen andern Mitgliedern hinaus in den Vorsaal geschlichen. Die Bänke der Torys sind aber erst recht verlassen; Sir James Graham ist hinauf zu den Peeliten gestiegen; die alten Glatzköpfe schlafen in den nächsten Ecken oder wandeln mit knarrenden Stiefeln über die Galerie. Disraeli spricht mit seinen Anhängern unter den lebendigsten Gestikulationen, und nur der junge Gladstone blickt unverwandt hinab auf den großen Sir Robert Peel, der, die Arme vor der Brust gekreuzt, die Beine übereinandergeschlagen und den Hut tief über der Stirn, schweigend dasitzt, um von Zeit zu Zeit langsam den Kopf zu erheben und den Redner anzuschauen mit einem mitleidigen Lächeln.

Ja, außer ihm sind wohl nur die irischen Mitglieder am Platze geblieben, und die Worte des Redners würden längst in dem allgemeinen Gemurmel verlorengegangen sein, wenn das Metall der O’Connorschen Stimme sich nicht trotz alldem geltend machte und das Haus erdröhnen ließe bis in seinen letzten Winkel.

Aber wie kommt es, daß der gewaltige Mann so durchaus unwirksam bleibt? Er, der die Bewegung des ganzen Volkes in seiner Hand hielt? Nichts ist leichter zu beantworten als das: O’Connor hat aufgehört, da draußen Triumphe zu feiern, und mit seinen Triumphen im Parlamente ist es für ewig zu Ende. Ja, nach einer Karriere, die fast ohne Beispiel in dem Leben der Agitatoren des Volkes ist, sehen wir den ›wilden Feargus‹ endlich fast auf demselben Punkte ankommen, den einst sein alter Gönner, der John Daniel O’Connell, erreichte, als das Volk über sein Treiben die Augen öffnete und als er von der Majorität seiner Partei verlassen und verachtet zusammensank und den Fluch seiner hungergefolterten Landsleute mit hinabnahm in ein ruhmloses Grab.

Klar ist es endlich, daß O’Connor zwar nicht wie der alte Dan das Volk für bares Geld verriet, daß er aber deswegen die ganze Bewegung der englischen Arbeiter durch seinen allmächtigen Einfluß stets in eine Farce verwandelte, weil er vor dem Äußersten zurückschreckte, weil er nicht jenen offenen Kampf wagte, ohne den keine Bewegung der Welt zu einem Resultat zu bringen ist.

Verdächtig war es, daß O’Connor hinüber nach Irland reiste, als im Jahre 1839 der Aufstand in Wales begann; verdächtig war es, daß er im Jahre 1842 nicht losschlug, als die Chartisten ganz Manchester besetzt und ganz Lancashire in ihrer Hand hatten – aber zu einem bloßen Polterer sank der große Agitator hinab, als endlich der Frühling von 1848 die revolutionäre Bewegung von halb Europa brachte und als der ›wilde Feargus‹ die Wut der Arbeiter zu nichts anderem benutzte als zu jenem unglückseligen Meeting des 10. April auf Kennington Common, wo er die schlagfertige Masse beschwor, keinen Tropfen Blut zu vergießen, und wo er in seiner Zeitung, im ›Northern Star‹, erklärte, daß er nie wieder eine Nacht ruhig in seinem Bette schlafen würde, wenn ein einziger Arbeiter durch die von ihm angefachte Bewegung ums Leben komme.

Mit diesen Worten schrieb Herr O’Connor seine eigene Grabschrift, und Sir Robert Peel hatte recht, daß er sich bald darauf entrüstet von seinem Sitze erhob, um auf die widerlichsten Schmeicheleien O’Connors nichts weiter zu erwidern, als daß er gewisse quäkende Frösche kenne, die zu feige seien, um große Verbrecher zu werden. Und recht hatte Richard Cobden, daß er die Artigkeiten des sonst so gefürchteten Chartisten höhnisch zurückwies, als O’Connor sich dazu herabwürdigte, sogar diesem Repräsentanten der Mittelklasse den Hof zu machen.

Aus war es mit der Achtung der Feinde und mit dem Vertrauen der Freunde, und wenn die Feinde sich damit begnügen, den gesunkenen Mann mit dem gerechtesten Hohn zu überschütten, so werden die früheren Freunde nicht dabei stehenbleiben, sondern einst den Fuß auf seinen Nacken setzen, um, über ihn hinweg, desto sicherer dem Siege entgegenzuschreiten.«

Die Göttin der Langenweile machte eine Pause. Gähnend schloß sie endlich mit den Worten: »Oh, dieser O’Connor ist mir verfallen! Er hörte auf, revolutionär zu sein, und er wurde langweilig – – da haben Sie das ganze Geständnis!«

Der Spleen nieste entsetzlich, und auf unser aller Bitten war er so freundlich, sein langes Schweigen zu brechen und die interessanten Mitteilungen der Langenweile fortzusetzen.


Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 4, Berlin 1956/57,
Erstdruck in: Neue Rheinische Zeitung (Köln), Nr. 238 bis 258 vom 6.-29.3.1849.
Redaktion: Jonas Rehbaunm

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