Georg Heym • Prosaskizzen • Eine Einladung den Faden weiter zu spinnen

Nicht unerwähnt lassen wollen wir eine kleine, 1911 entstandene »Skizze« aus den nachgelassenen Schriften Heyms. In der phantastischtraumhaften Diktion des Vorworts zum Shakletoon-Tagebuch beschreibt Heym dort seine Gespräche mit einem „Wolkenwalfisch“aus dem „Schnee-Meer“ des Himmels. Man unterhält sich in der Furchi jorchu Sprache, die die Menschen mit den weißen Mausköpfen sprechen, dort oben in den unentdeckten Eispalmenhainen der Insel Boothia-Felix….

Georg Heym – Skizzen

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Illustration: >>current<<

Weiß und Violett. Farbe der Krankheiten. Ein weißes Mädchenhaar, offen um ein weißes Gesicht herumgegossen, in einem Kranze von Nachtschatten, der wie der siebenarmige Leuchter zu ihrem Haupte steht. Auf der mittelsten Blüte sitzt der kleine graue Vogel, die Fledermaus des Todes. Sie wartet bis die Sonne fort ist, um mit dem scheußlichen Leder ihrer Flügel das Gesicht der Sterbenden zu bedecken.

Nachmittags um vier erscheint in einem Schnee-Meer der Wolkenwalfisch. Er hat einen großen Rüssel wie ein Elefant, und schnobert in den Krippen der Wolken herum.
Dann kommt er auf mein Fenster. Ich unterhalte mich mit ihm in der Furchi jorchu Sprache, die die Menschen mit den weißen Mausköpfchen sprechen, dort oben in den unentdeckten Eispalmenhainen der Insel Boothia-Felix. Manchmal legt er sich schlafen auf die großen, tausendjährigen Pappeln, die um den See stehen. Dann kommen die grünen Papageien und fressen die Würmer aus seiner Haut. Manchmal wird er auch ganz klein, wie ein kleiner blauer Wurm. Himmelblau wie eine Indigoraupe, purpurn und goldig, als trüge er die Sonne in seinem Leib.
Er hat mir versprochen, er würde L. W. verschlucken, denn ich liebe sie zu sehr.

Ich werde in meiner Wohnung einige Hampelmänner halten, die ich eine besondere Sprache lehren werde. Denn wir sind zu gut, um uns zu unterhalten. Ich werde ihnen mit Kohle schwarze Augen malen, die sie nie schließen werden, denn sie sollen wie die Fische schlafen in dem Tang meines Sofas, in dem grünen Schatten, den der Mond in den Zimmerecken erbaut, tief wie in einem grünen See, und jedem einen Phallus geben, grün, von einem Kohlstrunk, in dicker haariger Wolle. Damit werden sie mich ins Ohr kitzeln. Sie werden an meinem Bette Wachen stehen, und meine chinesische Lampe, die die Kaiserin Himeko in Pekche, Reich in Korea, für mich anfertigen ließ, wird auf ihre Glatze scheinen. O Himeko, alle Glasbläsereien von Korea rauchten. Und der Himmel wurde so weiß, und glasförmig wie Korea selbst. Er wurde wie eine kleine Glasglocke, dünn, seidig knisternd. Und die langen schwarzen Wimpern meiner Königin bestrichen ihn morgens mit einer feinen farbigen Tusche.

Ich beschloss mich verbrennen zu lassen, denn die ganze Straße war voll Geschrei. Und das Gelb der Kranken, deren riesige Backen aus allen Fenstern hingen, wollte ein Opfer. Wahrhaftig, sie sahen aus, wie riesige große Affen. Und ihre Maultaschen bedeckten drei Stockwerke. Wenn sie sich begrüßten, so schlugen sie ihre Stirn gegeneinander. Und die riesige Elephantiasis ihrer Backen bedeckte die Straße unten wie mit schwarzer Nacht. Wenn man unten stand, so hätte man ihre gewaltigen Ohrlappen für riesige fliegende Hunde halten können, die um den Mond stürmten mit einem Geschrei, das wie das Auskratzen von Töpfen klang.
[Aber, wo die Straße zu Ende war, waren die grünen Schilfriesen, blaugrün, und man konnte sie nicht ansehen, ohne geblendet zu werden. Ein Mann ging hindurch. Sein Kopf war eine riesige Soldatenflöte, die in seiner Luftröhre stak. Und wenn er atmete, sang die Flöte. Und sie sang: Ognibene – Caracosa.] Hört ihr, wie der Wind pfeift. Ihr habt eine kalte Faust, Wind. Ihr setzt rote Nasen auf.
Kurzum, habe ich nicht recht Herr Mond, Herr gelber Puffärmel, Herr Laterne, Herr Einauge.
Ihr seid auf den Tisch geworfen, wie ein Eierkuchen.
Ach Ihr, Ihr bleibt immer blank, immer klar. Ihr wäret vielleicht schon einmal grau, wie ein Streusandglas voller Jahre.
Ach ich bin hier ganz allein. Warum darf es überhaupt Nacht werden. Mindestens sollte die Zeit bei Mitternacht aufhören. Dann was nachher kommt zwischen Mitternacht und erstem Hahnenschrei –
Würde mich ein Mädchen lieben, wäre ich nie so betrunken. Herr Ulme, Herr Marktbrunnen.

Der Dichter hatte am Nachmittag eine Expedition unternommen, irgendwohin, nach einem entlegenen Stadtteil, wo ihn niemand kannte. Er war allein gewesen, in den Straßen, die in ihrer schrecklichen Eintönigkeit, sich [fortzusetzen schienen bis in das Unendliche, als wäre die ganze Welt in zahllose Quadrate eingeteilt.] Vielleicht habe ich geschlafen, dachte er plötzlich, und die Zeit ist über meinem Schlaf fortgegangen.
Vielleicht ist das schon der Tag, an dem die ganze Welt wie ein riesiges Gefängnis in unzählige dieser Häuserquadrate eingeteilt sein wird. Und vielleicht zeigt hinten der weiße (unl. Wort) dort in der Helle des letzten Baues, schon das letzte Kornfeld. [Ach ja, vielleicht ist schon der Tag, wo wir alle Nahrung in kondensierten Pillen einnehmen.] Das Signal in einer Fabrik rief. Andere antworteten. Und die Straßen füllten sich plötzlich aus tausend schmutzigen Torbögen. Er ließ sich von dem Strom treiben, durch ein paar Straßen weiter, und kam mit dem Heer der Arbeiter auf das Perron eines Bahnhofes.
Da überfiel ihn mit einem Male seine schreckliche Mutlosigkeit, wie ein Gespenst. Heut hielt ich die Krisis überwunden.

Wir werden die Meere sehen, die unermesslichen Meere, den Taifun, und die untergehende Sonne, die auf den haushohen Wellen ein Alpenglühen entzündet bis weit in den Horizont.
Wir werden durch Inseln fahren durch unermessliche Düfte, wir werden in die Urwälder steigen.
Wir werden die Nacht der Tropen genießen, die Geheimnisse der Städte und den Rausch der Gestirne.
Wir werden die Polynesierinnen erschauen, die nackt, geil, und schön sind wie der Tag.
Wir werden die Kraken in den Korallenlöchern sehen. –

Jeder Tag wird uns ein Gedicht eingeben.

sind wir so traurig,
warum sind wir so müde?
Wollte uns jemand lieben,
wollte uns jemand erlösen,
zart wie die Lilie, träumerisch
wie der Sommerabend, zärtlich
wie Immergrün, schwermütig
wie ein Herbstabend, jemand
mit dunklen Augen, und
feiner Stimme.
Warum sind wir so traurig,
warum sind wir so müde?

Wir haben die Fenster aufgetan. Der Schnee im Tale ist geschmolzen, die Weiden am Bache tragen das erste Grün, der Bach läuft in den Abend, wie eine feurige Straße. In den Abend, der lila und blass ist, wie ein Kuss, in den Märzwind gehaucht. Das Füllhorn des Frühlings ruht auf einer rosafarbenen Wolke und sein Geruch flattert daraus hervor, destilliert aus den Essenzen der kommenden Blumen, aus dem Duft künftiger meilenweiter weißer Weizenfelder, aus der Wärme der Julisonne.

In deinem Haar hat sich die Sonne eingenistet. In deinem Haar, das mich vor der Sonne verbirgt.
Ich liege tief in einem goldenen Meer, die Sonne ganz oben, sie wird mich nie mehr erwecken.
Deine Küsse haben mich vergiftet. Deine Küsse haben mich zu Stein gemacht, und ich sinke immer tiefer, fühlst du nicht, wie ich sinke?

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