Fundorte | Bei Günther in der Frommestraße

An einem Wochenende im April besuche ich meine Tochter in Lüneburg. Sie studiert dort und es ist mein erster Aufenthalt in der Hansestadt. Beim Herumstreunen entdecke ich im sogenannten Senkungsgebiet einen Zeitungskiosk. Einer von dieser Sorte, wo der Mensch, der Lesestoff, Schnaps, Süßkram und Tabak verkauft, aus einem kleinen quadratischen Loch schaut und dabei- sofern die Laune entsprechend ist – über Gott und die Welt plaudern kann.
Diesen suche ich auf, halb um mir den aktuellen Spiegel zu besorgen und halb um ins Gespräch zu kommen. Wie der Dachs in seiner Höhle, sitzt Herr Sauer dort und schaut in den Regen, der so langsam einsetzt. Ich frage, ob ich ihn und seine Bude fotografieren darf und ein paar Zeichenskizzen anfertigen darf. „Wenigstens fragen Sie. Meinetwegen.“
Während ich also skizziere und Knipse, lausche ich den Gesprächen mit den Stammkunden. Eine Frau aus der Nachbarschaft erzählt von ihren Wohnungsproblemen. Ich erfahre, dass Herr Sauer seinen Treffpunkt bald verlassen muss. Die Stadt wolle das so. Er wird dann das Zeitungverkaufen sein lassen, es wird sowieso dauernd bei ihm eingebrochen. Wegen Schnaps und so. Trotzdem hängt er an dem Laden mit diesen 08/15 Schmökern, der gruseligen Boulevardpresse und den Horrorskopen. Zwei Polizisten kommen vorbei und Herr Sauer wirft einen grantelnden Gruß herüber und wünscht gute Verrichtung bei der Bürgeranbahnung. Dann folgen ein paar unverständliche Worte, in denen es wohl um seine Einbrüche geht.
Frau Reiß kommt vorbei.Sie verkauft seit 35 Jahren auf dem Wochenmarkt Eier.  Lange wird sie das nicht mehr machen, die Beine wollen nicht mehr so. Beide unterhalten sich über die Ausländerberatung, die um die Ecke aufgemacht hat.

Im Nieselregen stehend, spricht mich Günther an. Einer dieser zahllosen Straßenmusiker, die für ein paar Cent Unterhaltung bieten. Wieso ich nicht mal bei ihm vorbei komme?! Ja, warum eigentlich nicht. Ich begleite den vermeintlichen Troubadix in die Frommestraße, wo die Häuser vom Herabsenken schief und krumm sind. Wir erklimmen eine Wendeltreppe, durchwaten einen Schlafraum mit Wäschehaufen und Gerümpel auf dem Boden. An der Decke hängt ein roter Plastikreifen um eine nackte Glühbirne. Günther fängt meinen Blick ein. „Das ist der Uranus.“ Soso.
Auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer dann eine halbleere Weinflasche, eine angebrochene Klopapierrolle, diverse Zeitungen und zerlesene Musikmagazine.
In der Mitte LPs und ein alter Barbierstuhl. Ich habe das Gefühl, in den späten 70er einer Studentenbude zu sein. „Hinter mir ist eine Schmiedewerkstatt. Wenn ich den Lärm beim Üben nicht ertrage, stell ich Matratzen vors Fenster oder den Verstärker an,“ erzählt der Günther.  Aber man könne sich ja irgendwie an alles gewöhnen. Auch an die Vorstellung, dass das Haus irgendwann in sich zusammenbricht. Er redet ohne Punkt und Komma; ein offenbar einsamer Mensch. Er spiele auf Straßenfesten, in Kneipen oder halt auf der Sraße. Am liebsten Bob Dylan.

„Auf Teneriffa habe ich gelebt. Mit ohne Geld. Da hatte ich den ganzen Tag zu tun mit Überleben.“ – Das hat er auch hier. Nur sagt er das nicht. Bevor ich gehe, darf ich noch ein Foto von seinem Wohnzimmer machen. Im Gegenlicht. Aber die Erinnerung an diese Begegnung ist eh wichtiger.

Dieser Fundort stammt von Roland Starck [*1959] Essen.
Aufgezeichnet von Oliver Simon.

Die Rubrik Fundorte stellt Orte & Begegnungen vor. Besondere Orte, die im Gedächtnis geblieben sind.

Der nächste Fundort in der kommenden Woche: Skulpturen des Schweizer Künstlers Markus Raetz auf der Lofoteninsel Vestvågøy in der Nähe des Dörfchens Eggum direkt an der Küste.


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