Friedrich Glauser – Beichte in der Nacht & ein Holzpferd

Mongolischer Jäger - historische Fotografie um 1911
Mongolischer Jäger – historische Fotografie um 1911

Beichte in der Nacht

Nun, junger Mann? Was sagen Sie jetzt? Sie haben wohl nicht gedacht, dass ich mich an Ihren Tisch setzen würde? Sie waren tapferer, als Sie mit Ihrer Suite zusammensaßen, den aufgedonnerten Mädchen – obwohl aufgedonnert ein altmodisches Wort ist und abgedonnert für Ihre Begleiterinnen besser passen würde. Als Sie in Gesellschaft waren, da hatten Sie ein besseres Maul. Warum sind Sie auch zurückgeblieben, allein? Ein wenig Kater gehabt? Die Gesellschaft ist Ihnen auf die Nerven gegangen? Ja, Sie waren sehr lustig, und ich war die gegebene Zielscheibe Ihrer Witze. Mein altmodischer Smoking, meine Leibesfülle. Glauben Sie mir nur, die täuscht. Ich bin gar nicht so dick, wie Sie meinen, gepolstert könnte man eher sagen, und es gibt Frauen, die dies zu schätzen wissen. Natürlich spreche ich nicht von der Art Dämchen, die Sie da um sich versammelt hatten. Richtige Frauen, meine ich, die noch Gefühl haben für den Wert, den transzendentalen Wert eines Mannes. Und der liegt nicht in einer modischen Kleidung, liegt nicht in der Tatsache, dass einer gut tanzen kann – der Wert, von dem ich spreche, liegt tiefer, glauben Sie mir. Aber das versteht die Jugend nicht, das verstehen die Frauen nicht, solange sie noch jung sind, Ausnahmen gibt es natürlich; wissen Sie, was ein großer Dichter über uns Männer sagt, die der Schlankheit entbehren? Natürlich wissen Sie es nicht. Sie sind nur orientiert über den Demi-Final und den letzten Boxsieg, aber dass es einmal einen Dichter gegeben hat, der Shakespeare hieß – was? Sie haben den Namen auch gehört? Den Namen? Haha. Aber sonst wissen Sie nichts von dem Herrn? Oder? Wann er gelebt hat? … Schulweisheit, selbstverständlich, und Sie stehen im praktischen Leben. Da war doch Ihr Doppelgänger ein anderer Kerl …

Ja, glauben Sie vielleicht, ich hätte mich zu Ihnen gesetzt, weil Ihre Visage mich angezogen hat? Da trompieren Sie sich schwer. Der Grund liegt viel tiefer. Sie gleichen jemandem, Sie gleichen ihm dermaßen, dass ich einen Augenblick gedacht habe, er sei es. Darum habe ich auch versäumt, Sie zur Rede zu stellen, als Sie mich auslachten, ob meiner Dicke. Ich bin dick, junger Mann, gewiss bin ich dick, aber kann ich etwas dafür? Mein Vater war dick, meine Mutter war dick, ich selbst, mein Herr, habe zwei Abmagerungskuren durchgemacht. Mit welchem Erfolg? Nun, den Erfolg sehen Sie ja. Wir wollen etwas trinken … Lasst dicke Männer um mich sein, sagt Shakespeare, und die nachts gut schlafen – oder so ähnlich. Aber da macht der englische Dichter einen Fehler. Mein Schlaf ist nicht gut, meine Verdauung will nicht recht funktionieren, das wird es wohl sein. Ich habe übrigens letzthin einen Spezialisten konsultiert, er hat mir Diät verschrieben, gut und recht, er will eine neue Kur an mir probieren. Aber ich kann mich doch nicht einen Monat ins Bett legen. Was denkt er auch! Ich habe Pflichten gegen die Gesellschaft, ich stehe auf einem verantwortungsvollen Posten, wenn ich die Arbeit nicht tue, ist keiner da, der mich ersetzen könnte … der mich ersetzen kann. Aber wenn ich nun sterben sollte, wird man mir wohl einen Nachfolger geben. Nun, der soll dann sehen, wie er zurecht kommt. Glauben Sie mir, ohne mich ist der Finanzdirektor hilflos wie ein kleines Kind. Unsere Stadt würde schon lange mit einem Defizit arbeiten, wenn ich nicht wäre. Ich bin es, der immer alles ins Geleise bringt, der unmögliche Projekte einfach in den Papierkorb wirft oder sie in einem Aktenschrank verschwinden lässt – zur gelegentlichen Erledigung. Haha, hahaha, das ist ein Witz von mir, eine Trouvaille, wie der Franzose sagt. Zur gelegentlichen Erledigung! Gut gesagt, nicht?

Ah, hier kommt der Wein … Aber Emmy, ich habe Ihnen doch deutlich befohlen, den Wein zu temperieren, und er ist eiskalt … Nein, nein, liebes Kind, wo denken Sie hin, ihn wieder mitnehmen, wo er doch schon da ist? Nein, da wärme ich lieber mein Glas in den Händen … Hübsches Kind, nicht wahr? … Nicht Ihr Geschmack? Sie sind wählerisch, aber auf eine falsche Art. Im Grunde sind Sie ein Vielfrass, Sie nehmen jede, die sich Ihnen anbietet, hab‘ ich nicht recht? … Nein? … Aber ein Feinschmecker sind Sie nicht, ich sehe das an der Art, wie Sie diesen Wein hinunterschütten. Den Wein lässt man auf der Zunge zergehen, man kostet ihn aus. Und mit den Frauen? … Haha, lieber Herr, mit den Frauen dito, desgleichen. Wie heisst das schöne Lied? »Wenn man fünfzig ist, man noch gerne küsst, besonders wenn man spaaaarsam gewesen ist«, aber »wenn man sechzig ist, schmeckt allaaain nur der Waaaain.« Hehe. Sie hören, wir alten Herren sind auch noch auf der Höhe, wenn es sich um die neusten Schlager handelt. »Schmeckt allaaain nur der Waaain.«

Verzeihen Sie, ich singe nicht mehr gut, aber es gab eine Zeit, da hatte ich eine schöne Stimme, eine richtige Baritonstimme. Und ich habe sogar einmal in unserer Kirche gesungen, im Chor versteht sich, aber ich hatte ein Solo. Alle Leute haben mich nachher beglückwünscht. Sie waren ergriffen. Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich nicht hätte zur Oper gehen sollen, mich ausbilden lassen. Theater, Erfolg, das wäre etwas für mich gewesen. Aber ich habe eben die ernstere Seite des Lebens vorgezogen. Lassen Sie sich sagen, und beherzigen Sie meine Worte: Das Leben ist kein Kinderspiel! Ihr Doppelgänger, der Mann, dem Sie ähnlich sehen, er glaubte auch, das Leben sei da zum spielen, aber er hat sie bitter bereut, seine Einstellung. Er ist verdorben und vielleicht gestorben, das weiss ich nicht. Und ich hatte mir so Mühe gegeben, ihn vor dem Abgrund zu retten, aber er war undankbar, hat mich betrogen, bestohlen, seine Schulden habe ich zahlen müssen. Er war nur zwölf Jahre jünger als ich, ich war wie ein älterer Bruder zu ihm, ich habe ihn bei mir aufgenommen, ich habe ihn aus der peinlichsten Situation gerettet, und wie hat er mir gedankt? Haben Sie die Dame bemerkt, mit der ich getanzt habe? Es war meine Frau … Das täuscht, sie ist gar nicht soviel jünger als ich, obwohl sie so aussieht. Sie versteht es eben, sich zu schminken, herzurichten. Sie haben wohl bemerkt, wie begehrt sie war, nur einmal habe ich mit ihr tanzen können, sonst waren all ihre Tänze versprochen. Ja, es war meine Frau, sie heisst Emilie mit dem Vornamen, aber ich nenne sie immer Mowgli, das hat sich so gegeben mit der Zeit. Der Name stammt ja nicht von mir. So heisst ein Junge in einem Buch des englischen Dichters Kipling, von dem Sie wahrscheinlich auch nie etwas gehört haben …

Soll das Hohn sein, junger Mann? Sie spotten über meine Belesenheit … Gut, ich will Ihnen glauben, Sie haben das nicht gemeint, ich will es gerne glauben, ich glaube Ihnen alles, was Sie sagen. Sie werden einen Unglücklichen nicht anlügen. Wie habe ich gesagt? Einen Unglücklichen? Ich bin gar nicht unglücklich, Herr, es ist freundlich von Ihnen, dass Sie eine bedauernde Miene ziehen, ich brauche Ihr Bedauern nicht. Ich bin vollkommen glücklich, ich führe die harmonischste Ehe, die Sie sich denken können, wir sind ein Herz und eine Seele, meine Frau und ich … Ja, wenngleich sie heute nicht bei mir geblieben ist, sie ist heimgegangen, sie war müde und hatte Kopfweh, Freunde von uns, eine bekannte Familie, der Mann ist Sekundarlehrer, ich sage Ihnen, ein bedeutender Kopf … ja, mit diesem Sekundarlehrer und seiner Frau (die Frau ist ein wenig klatschsüchtig, aber das schadet nichts, eine ausgezeichnete Hausfrau ist sie und sparsam, sparsamer als …), also dieses Ehepaar hat sich anerboten, meine Frau heimzubegleiten. Ich wollte noch ein wenig bleiben. In Ruhe ein Glas Wein trinken, in angenehmer Gesellschaft. Und die habe ich ja gefunden. Ich hätte nie gedacht, dass ich einen so sympathischen Kumpan finden würde, ich hätte nie gedacht, dass wir uns so gut verstehen würden, damals als ich bemerkte, dass Sie mich auslachten. Aber sehen Sie, das ist eben der springende Punkt. Ich schmeichle mir, ein Menschenkenner zu sein. Ich habe sofort gesehen, dass Sie tiefer veranlagt sind. Mich täuscht man nicht so leicht. Und ich habe Sie durchschaut, vom ersten Augenblick an, als Sie im Kreise Ihrer Dämchen … Nun, genug davon, ich will Sie nicht beleidigen. Sie gefallen mir, junger Mann, Sie sind ein aufmerksamer Zuhörer, ermüde ich Sie nicht mit meinem Geschwätz? Gut, ich danke Ihnen … Aber dann müssen Sie mir gestatten, mir, als dem Älteren … darf ich Ihnen das »Du« anbieten? Wollen wir Schmollis trinken? Nach alter Väter Sitte, haha. Wie heissen Sie mit dem Vornamen? … Waaas … Da hört doch alles auf. Wirklich Peter? … So hiess er nämlich auch, der Doppelgänger, wir nannten ihn Pit … So nennt man Sie auch? Zeichen und Wunder! … Nun, prost Pit, sollst leben! Aber Ex … Ich heisse Hans. So, Pit, das wäre erledigt, deine Hand …

Lass nur, Pit, lass nur. Es geht vorbei. Ich bin sonst nicht sentimental, aber manchmal überkommt es mich. Weisst du, was mir in diesem Moment, den wir wohl als erhebend qualifizieren können, weisst du, was mir in diesem Momente einfällt? Eine andere Szene, aber eine Szene gleicher Art. Und du hast genau das gleiche Gesicht gemacht wie dein Doppelgänger, als ich ihm das »Du« antrug. Jaja, Ihr gleicht Euch sogar in der Mimik. Ist das nicht merkwürdig? …

Es war am Weihnachtsabend, vor … wart einmal, … vor zehn? … nein vor zwölf Jahren … Jaja, man wird alt … Da hatte ich ihm das Du angetragen. Und er zog genau das gleiche verlegene Maul wie du. Aber wir tranken unsere Gläser aus, mit verschlungenen Armen, wie es sich gehört, und nachher war er sehr rot, dein Bruder Pit … Prost, junger Pit, sollst leben … Und dann wollte auch Mowgli mit ihm Schmollis trinken, natürlich, warum nicht. Da weigerte er sich zuerst. Der dumme Kerl! Als ob ich nicht gemerkt hätte, schon lange gemerkt hätte, dass sie sich duzten, meine Frau und Pit. Was ging das mich an? Nun, gewiss, es tat manchmal weh, wenn ich aus dem Büro heimkam, und die beiden hockten im Wohnzimmer, und wenn ich in der Türe erschien, da lastete plötzlich ein Schweigen über dem Zimmer … Ich machte gewöhnlich recht laut die Korridortüre auf, dass man nur ja nicht etwa meine, ich wolle sie überraschen, aber einmal, und es war lange vor jenem Weihnachtsabend, da bin ich fortgegangen, am Abend, und die beiden haben mich bis auf den Flur begleitet; ich war schon fast an der Haustür, da fiel mir ein, dass ich meine Handschuhe vergessen hatte, und ich stieg wieder in die Höhe, ich hatte Gummisohlen an meinen Halbschuhen, und die beiden standen noch auf dem Gang. Da hab‘ ich es gehört! »Du!« sagte Pit gerade, und es klang sehr zärtlich. Ich bin leise wieder die Treppen hinunter und habe auf die Handschuhe verzichtet … Ja, es war merkwürdig, solche Szenen liest man oft in Romanen, da schiesst der Ehemann oder er verprügelt den Nebenbuhler … Das Papier ist geduldig, in der Wirklichkeit sieht es eben anders aus. Warum Pathos? Und dann hatte ich Pit eigentlich ganz gern, so, wie man einen Menschen gern hat, der das gerade Gegenteil von einem selber ist. Dann kommen einem die Berührungspunkte, die man mit ihm hat, doppelt kostbar vor … Was rede ich da für einen Stuss zusammen: Berührungspunkte, die kostbar sind. Aber es ist nun doch einmal so. Siehst du, Pit – du Pit, der da vor mir sitzt –, dem andern, deinem Doppelgänger, habe ich ja die Sache nie erklären können, er hielt so verteufelt auf Distanz; nur ein Beispiel: Ich sang ihm einmal einen Vers vor aus dem schönen Liede »Die Wirtin an der Lahn«, du kennst es doch auch, im Militärdienst haben wir es gesungen, weisst du: »Frau Wirtin hatte auch einen Star, der war ein Vogel sonderbar … und sang die Marseilläääse!« Haha, hahahaha, den kanntest du nicht? Haha … »Und sang die Marseilläääse« … So lach doch, du bist gerade so steif wie der andere Pit, der hat nämlich auch nicht gelacht. Ganz kalt hat er mir gesagt: »Ich liebe unanständige Witze nur, wenn sie gut sind, für reine Schweinereien habe ich keine Sympathie« … Da stand ich da … und dabei küsste er meine Frau und sagte Du zu ihr … »Habe ich keine Sympathie!« … War doch ganze zwölf Jahre jünger als ich und erlaubte sich, mir … mir … Direktiven zu geben über mein Verhalten … Mir, der damals schon Bürochef war, rechte Hand des Bürgermeisters, ständiger Berater in Finanzdingen … »Und sang die Marseilläse« … Findest du es nicht auch komisch, Pit? Nun, schadet nichts.

Dabei, wenn du ihn gesehen hättest, den Pit, deinen sauberen Bruder, wie er zu uns gekommen ist. Sein Anzug war zu eng, zu kurz die Ärmel des Rockes, die Hosen liessen die Knöchel frei, er trug Halbschuhe. Was mich aber wunderte, war, dass er sich deswegen gar nicht zu genieren schien, er bewegte sich mit einer Sicherheit, die wundernahm bei einem eigentlich so jungen Menschen, er war erst sechsundzwanzig Jahre alt, zwölf Jahre jünger als ich … Er war Maler, behauptete er wenigstens, und ausserdem wurde er von der Polizei gesucht, war ausgeschrieben im Fahndungsanzeiger. Das gab er ohne weiteres zu, schämte sich nicht einmal. Es war wohl eigentlich nichts Wichtiges: Schulden, die man im Begriff war, als Unterschlagung und Betrug auszulegen, ein Herr, der ihm hundert Franken gepumpt hatte auf ein Bild, das schliesslich nicht gemalt wurde, so irgend etwas war es. Nun, ich brachte die Sache in Ordnung. Leistete sogar Bürgschaft. Ich kannte den Statthalter, der die Untersuchung zu leiten hatte, ich schrieb ihm, ich bürgte … Habe ich mich nicht etwa anständig benommen? Gewiss, Mowgli war daran schuld, dass ich mich so für ihn einsetzte. Sie kam mich mit ihm an einem schönen Abend vom Büro abholen, und dann sprach ich mit dem Menschen. »Mowgli«, sagte ich zu meiner Frau und fasste sie zärtlich um die Schulter, denn dies Recht hatte ich doch, auch auf der Gasse, als Ehemann, nicht wahr? »Mowgli«, sagte ich, »lass mich mit dem jungen Mann allein, wir Männer können solche Sachen besser ohne weibliche Mithilfe erledigen.« Aber sie schüttelte meinen Arm ab, das fiel ihr nicht schwer, Sie … du wollte ich sagen, du hast ja gesehen, dass sie viel grösser ist als ich. Hast du ihr Gesicht gesehen, Bruder Pit? Oder warst du anderweitig beschäftigt? Du hast es gesehen … So … Und was sagst du zu diesem Gesicht? Ja, das sagte er auch, dein Doppelgänger, ein anziehendes Gesicht, sagte er, erinnert an eine Vollblutstute, das macht der Mund, weisst du, der grosse Mund, der manchmal so zitternd und nervös lächeln kann … Bist du etwa auch Maler? Was treibst du eigentlich? Ich habe dich da apostrophiert und hab‘ dich für einen Ladenschwengel gehalten, der sich um die letzte Schönheitskonkurrenz und das Lächeln der Lilian Harvey mehr kümmert als um … So, so, auch du bist Maler … Brotlose Kunst, oder … Du verkaufst gut? Ja, dann … Natürlich, Plakate und Graphik, das geht noch, da lässt sich wohl ein wenig Geld damit verdienen … Glaub’s schon, dass du schwer hast unten durchmüssen … Ihr seid eben Idealisten, Ihr Maler und Künstler, aber wenn Ihr uns nicht hättet, uns Männer des praktischen Lebens, so würdet Ihr ja glatt vor die Hunde gehen … Ich will schauen, ob ich dir nicht … ich kann viel ausrichten … eine Bestellung verschaffen kann. Man fragt mich oft um Rat in Kunstdingen, ich gelte als Sachverständiger, weisst du, der Stadtpräsident hört auf mich, und damals hat er auch auf mich gehört, als ich mit ihm wegen Pit verhandelte … Gib nur acht, dass ich Euch beide nicht durcheinanderbringe.

Was wollte ich erzählen? Prost! Auf guten Erfolg … Weisst du, da war auch einmal so ein Abend, es war nach dem Weihnachtsabend, von dem ich dir erzählt habe. Er hatte uns damals ein Bild geschenkt, ich habe es auf den Estrich getan, weil ich es nicht mehr sehen konnte. Denk dir doch, ich hatte ihm bei uns daheim ein Atelier eingerichtet, nun, ein richtiges Atelier war es nicht, eine grosse Bodenkammer, aber Nordlicht hatte es. Mowgli hatte zu mir gesagt: »Siehst du denn nicht, dass der Junge Ordnung braucht, ein geregeltes Leben? Wir wollen ihn bei uns behalten, die Kammer oben ist frei, da kann er malen oder zeichnen, wenn er Lust hat. Und essen kann er bei uns.« – »Ja«, habe ich gesagt, »bong und schön, aber er muss schauen, dass er uns Miete zahlt, Pension, meine ich, so hundert Franken wird er schon aufbringen können. Ich will schauen, dass ich ihm Bestellungen verschaffe. Aber zuerst muss ich natürlich sehen, was er kann.« Seine Bilder waren irgendwo in der weiten Welt, das eine hier, das andere da, es schien, als sei es ihm ganz Wurst, was mit seinen Werken geschehe. Dann kamen endlich zwei, das eine sollst du sehen, es ist eben jenes, das ich auf den Estrich gestellt habe. Es war merkwürdig, es war sehr, sehr merkwürdig: Stell dir vor, ein Holzpferd, wie man es auf den Karussells sieht, im Vordergrund, und darauf, im Damensitz, ein Weibsbild mit einer ganz weißen, ausdruckslosen Fratze. Dieses Weibsbild trug einen blauseidenen Rock, aber die Seide war so durchscheinend, dass man den roten Unterrock erriet, den sie darunter trug. Und hinter diesem Weibsbild, steif aufgepflanzt, drei Männergestalten, eckig, verschlafen: ein Pierrot, ein Arbeiter, in braunem Anzug, und ein Gigolo im Frack. Und die Gesichter der drei waren sehr ähnlich, nur trug jedes einen verschiedenen Ausdruck, einen verschiedenen Ausdruck der Verschlafenheit. Ich hab‘ mir das Bild angesehen, hab‘ den Pit angesehen und gefragt: »Sind das nicht drei Selbstporträts?« – »Vielleicht«, hat er geantwortet. – »Und ist das symbolisch gemeint, diese drei Figuren mit Ihrem Gesicht?« – »Quatsch, symbolisch!« hat er gesagt. »Sehen Sie denn nicht, wie das gelöst ist? Ich meine in den Farben? Ich garantiere Ihnen, so ein verrücktes Violett, wie der Rock, der doch eigentlich blau ist, das hat nicht einmal der alte Renoir fertig gebracht, und der konnte doch allerhand …« Ja, siehst du, Pit, das ist es eben, wenn man diesen Leuten mit Höherem kommt, mit urtümlichen Bildern oder mit dem Kollektivunterbewusstsein, da versagen sie, da verstehen sie nichts mehr. Da reden sie von Handwerk … von Handwerk, spielen sich als solide Arbeiter auf, und in ihnen ist das Chaos, das Chaos, ich wiederhole es dir. Und du bist auch nicht anders, das seh‘ ich deinen Augen an; du bist ganz gleich, im Grunde, wie dein Namensvetter, wie dein Doppelgänger … Wenn du mich ansiehst, denkst du nicht an das, was hinter meiner Stirne vorgeht, sondern du siehst nur, wie das Rot meiner Wangen zur Farbe meiner Augen passt, und welche Farbe du für meine Glatze wählen musst, damit das Ganze eine Einheit gibt. Du schüttelst den Kopf, meinst, ich sei besoffen? Gar nicht, ich sehe unglaublich klar. Du hast dich schwer getäuscht in mir, Pit, ich bin nicht nur der kleine dicke Mann, der Verse aus dem Wirtinnenlied singt, vielleicht bin ich auch etwas anderes. Wir haben alle zwei Gesichter, wenn nicht mehr … Jetzt lachst du, das sei eine alte Weisheit, meinst du? Nun, ich bin nicht originell, ich kann es mir nicht leisten. Aber man wird wohl die Erkenntnisse aussprechen dürfen.

Ich habe begonnen, dir etwas zu erzählen … Was war es nur? Ja, von einem Abend wollte ich dir erzählen, einem Abend, der sehr merkwürdig war. An einem Sonntagnachmittag, im Februar muss es gewesen sein, lud ich Pit ein, mit mir spazieren zu gehen. Mowgli hatte Besuch von ihrer Mutter, außerdem war sie nicht wohl und lag im Bett. Da sagte ich, Pit, sagte ich, wir wollen einen Bummel machen. Er nickt, zieht seinen Mantel an und kommt mit (übrigens hatte er sich einen neuen Anzug gekauft, er hatte ganz gut verdient in der letzten Zeit, ein Plakat für unser Schützenfest hatte er gemacht, und ein paar Programmentwürfe für Liebhabervorstellungen, auch Zeichnungen hatte er verkauft, es ging ihm nicht schlecht, er hatte auch pünktlich seine Pension gezahlt, aber immer erst, wenn ich ihn daran mahnte). Anderthalb Kopf grösser als ich war er, der Pit – weißt du, wie meine Frau ihn nannte? – Teddybär … Ein merkwürdiger Name, der gar nicht zu ihm passte, höchstens im übertragenen Sinne. Er sah gar nicht wie ein Spielzeug aus, aber Frauen sehen da manchmal schärfer, vielleicht war er eben doch nur ein Spielzeug, seelenlos … Was hältst du von der Seele, Pit? Nein, schweig, ich will nichts wissen … Wir zogen los. Bummelten durch den Wald, der kahl war, und nur ein wenig Wind pfiff durch die Zweige. Wir schwiegen. Ich setzte ein paarmal zum Reden an, aber über den Menschen da neben mir war eine so schwere Traurigkeit hereingebrochen, … hereingebrochen, ich wiederhole das Wort, dass ich mich nicht getraute zu reden. Und ich bin sonst nicht scheu, das kannst du mir glauben. Wenn man mitten im Leben steht wie ich, täglich mit soundso vielen Leuten verhandeln muss, mit unzufriedenen Steuerzahlern, mit schlecht aufgelegten Vorgesetzten, da lernt man das Reden, da könnte man Reisender werden, so gut versteht man es, mit Menschen umzugehen. Aber mit diesem Schweiger da? Er war traurig, sag‘ ich dir, wie … ich habe einmal eine gefangene Giraffe im Zoologischen gesehen. Wie eine traurige Giraffe sah er aus, mit seinem langen Hals und der vorstehenden Mundpartie, kein Kinn, und auch über dem Mund floh das Profil in schiefer Linie nach hinten. Schön war er nicht, nein, gerade so wenig wie du, ohne dich beleidigen zu wollen … Warum hast du eigentlich nicht mit meiner Frau getanzt, Pit? War sie dir nicht schön genug … Nein, schweig, ich will dich ohnehin um etwas bitten, aber später. Jetzt lass mich fertig erzählen. Ich bin ja bald zu Ende.

Wie eine Giraffe habe ich gesagt, und ich begriff da zum ersten Mal, warum Mowgli ihn Teddybär nannte. Ich fühlte eine ganz merkwürdige Zärtlichkeit zu ihm, wie zu einem fremden Tier, das sich in ein unbekanntes Klima verirrt hat und mit dem Klima nicht zurechtkommt, krank wird … was Klima! Mit den Verhältnissen meine ich. Und gerade, wie ich ihn fragen will, ob er sich denn bei uns nicht wohlfühlt, ob er wieder in den Dreck zurück will, aus dem ich ihn gezogen habe, gerade in diesem Augenblick sagt er zu mir: »Du, Finanzminister«, so nannte er mich nämlich immer im Spaß, aber jetzt war kein Spaß in seiner Stimme, und das Wort war ihm nur herausgerutscht, so mehr aus Gewohnheit, »du, Finanzminister«, sagt er, »du solltest deine Frau anständiger behandeln«. Ja, Pit, das hat er gesagt. Ich war sprachlos, dann, als ich mich ein wenig gefasst hatte und ihm gehörig meine Meinung sagen wollte (obwohl es eigentlich schwer war; denn ich durfte ihm doch nicht sagen, dass ich gehört hatte, einmal vor der Tür, wie er mit meiner Frau stand), da spricht er weiter: »Denn du musst bedenken, Finanzminister, dass Ihr zwei beide nicht auseinander könnt, du kommst von ihr nicht los, und sie … ja, sie auch nicht von dir, obwohl …« Dann schweigt er wieder, und ich schaue ihn an, schaue ihn an … »Du darfst nie vergessen, dass sie es schwer gehabt hat, in ihrer ersten Ehe« (hab‘ ich dir gesagt, Bruder Pit, dass sie sich von ihrem ersten Mann hat scheiden lassen, es ging nicht mehr, er war ein Säufer und schlug sie, ist an Delirium tremens gestorben) »und nachher, wie sie sich hat ihr Brot verdienen müssen, als Ladenfräulein und dann als Empfangsdame bei einem Arzt. Sie hat’s nicht schön gehabt, weiß Gott nicht.« Dann schweigt er wieder. Ich will mit ein paar leichten Worten die Situation retten, das war doch peinlich, was er da sagte, mir, einem Ehemann Vorschriften zu machen, wie ich meine Frau zu behandeln habe; aber ich muss doch vorsichtig sein, dass ich mich nicht verschnappe, er darf ja nicht wissen, dass ich weiß, und vielleicht weiß er doch … Eine richtige Strindbergsituation, von einem schweizerischen Strindberg entworfen, aber gerade wie ich ansetze zur Rede, fährt er schon fort. »Schau, ich will ganz ehrlich sein mit dir, Finanzminister, ich hätte ja mit ihr durchbrennen können, mit Mowgli, ich hab‘ sie gern, aber das würd‘ nicht gehen. Wir sind einander zu ähnlich, verstehst du? Vorgeschlagen hat sie mir’s ja, denk dir, sie hat sogar ihren Schmuck verkaufen wollen. Aber ich hab‘ nein gesagt. Und dafür sollst du mir dankbar sein. Du musst ihr das aber nicht vorwerfen, sie kann ja nichts dafür, ich werd‘ schauen, dass ich mich so bald als möglich von hier drücken kann. Aber ich weiß nicht recht, was ich anfangen soll. Du verstehst solche Sachen wohl nicht, Finanzminister, nämlich, dass man eine Frau im Blut haben kann. Das ist unangenehm. Was will man da machen?« Ja, da bin ich stehen geblieben. Vorher haben unsere Schritte im Laube gerauscht, und die Zweige der Büsche am Wegrand haben geklirrt, es war elend kalt, und mein Unterkiefer hat angefangen zu zittern, ich musste die Zähne zusammenbeißen – aber ich brachte kein Wort heraus.

»Komm«, sagt da dein Doppelgänger, »komm, Finanzminister, wir wollen trinken gehen. Kennst du keine Beiz in der Stadt, wo man sich einmal ordentlich besaufen kann?«

Und packt mich unter dem Arm und schlagt einen Galopp an, dass ich mit meinen kleinen Beinen gar nicht mitkomme. Es ging bergab, die Wege waren glitschig, aber er hält mich fest, manchmal, wenn ich stolpere, lüpft er mich, so dass ich glaube, ich fliege. Dann waren wir in der Stadt. Und dann hockten wir in der Beiz. Cognac, dann Rotwein, dann Weißen, dann wieder Schnaps. Alles auf nüchternen Magen. »Prost, Finanzminister«, sagte er, aber er blickte mir nie in die Augen, starrte auf den Tisch. Das viele Trinken hat mir Courage gegeben, weißt du, ich kann sehr böse werden, ich bin jähzornig, das ist eine Erbschaft von meinem Vater … der hat mich manchmal geprügelt, im Jähzorn, dass die Mutter mich hat fortreißen müssen, sonst hätte er mich totgeschlagen … Und so eine Wut ist plötzlich über mich gekommen, ich hätte den Kerl da vor mir, der so stumpfsinnig trank und mich verhöhnte mit seinem Finanzminister, glatt erwürgen können. Aber … ja, aber … es stand zu viel auf dem Spiel. In der Stadt klatschten sie ohnehin schon über mich und fragten mich so spöttisch, ob meine Frau denn zufrieden sei mit dem neuen Zimmerherrn, und erzählten mir Witze über Hörner und solche Sachen, und ob ich es bald zu einem Sechzehnender bringen werde, man sehe das Geweih ja wachsen; – wie sie es in einer Kleinstadt eben tun … Aber ich hatte doch nur Verachtung für die Leute … Ich blieb still, aber ich wurde langsam rot, vielleicht habe ich auch mit den Zähnen geknirscht, es war eine aufregende Situation, das begreifst du doch, einem so gerade auf den Kopf zu sagen, dass die eigene Frau einen hat verlassen wollen, mit wem? Mit einem kleinen Kunstmaler? Während man doch selber immerhin ein nützliches Mitglied der Gesellschaft ist und die rechte Hand vom Finanzdirektor, man gilt etwas … ich gelte etwas, eine sichere Position … und alles nur, weil ich zu gutmütig war, weil ich einen Menschen aus purer Güte vor dem Abgrund gerettet hatte … Purer Güte? … Wir wollen ehrlich sein. Glaubst du, Bruder Pit, ich habe nicht gemerkt, dass meine Frau nicht zufrieden war mit mir? Und ich hab‘ sie doch lieb gehabt. Wie sie damals am Abend zu mir gekommen ist und gesagt hat, dass ich dem Menschen da, dem Kunstmaler, der traurigen Giraffe helfen soll, wie hat sie da ausgesehen? Weißt du das, du Stummer? Wie ein junges Mädchen hat sie ausgesehen, zehn Jahre jünger. Und ich hab‘ ihr doch eine Freude machen wollen, ein Spielzeug, nicht wahr? Ihr einen Teddybären schenken. Einen lebenden. Hat sie das nicht verstanden, hat sie nicht begriffen, dass ich gern bereit war, ein Auge zuzudrücken, wenn sie nur ihren Spaß hat. Aber Spaß, wohlverstanden, nur Spaß … Und da ist es ernst geworden? Kann sie von mir fort? Kann sie mich wirklich verlassen wollen, um mit solch einem Vaganten durchzugehen, und ich soll dem p.p. Vaganten noch dankbar sein, dass er … dass er nicht eingestiegen ist, sonst wären sie über alle Berge … Aber nicht lange wären sie über alle Berge gewesen, ich habe meine Connexionen, ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe in solchen Situationen, ich hätte die Bundespolizei hinter sie gehetzt, sie wären ins Gefängnis gekommen … nicht wahr, man kann immer so etwas inszenieren, Anklage auf Diebstahl, nicht wahr? Das wäre doch eine Haupt- und Staatsaktion geworden, ich hätte mich rächen können. Warum ist er nicht mit ihr fort? Sondern erzählt mir noch die Sache? Der soll aber seinen Finanzminister noch kennen lernen, ich will schweigen, sag‘ ich zu mir, aber dich Bürschlein, dich erwische ich noch in der Kurve. Wart du nur, denk‘ ich; und sage in aller Seelenruhe: »Prost, Pit, bist ein guter Kerl.« Er schaut auf, und jetzt zum ersten Mal lässt er seine Augäpfel langsam aufwärts rollen, bis wir uns in die Augen schauen. Dann lächelt er mit seinem breiten Mund, zeigt seine gelben Zähne und sagt langsam, während er mit mir anstößt: »Tu’s nicht, Finanzminister, ich hab‘ dir ja nicht weh tun wollen. Aber ein wenig Sauberkeit … Ihr habt alle so wenig Sauberkeit … Nur Kompromisse kennt ihr. Und dann bildet ihr euch soviel ein, auf eure Zivilisiertheit … Wir sind doch alle arme Hunde, du, Finanzminister, ich und das Mowgli.« Dann lässt er die Lider zuklappen, fuhrwerkt in seiner Tasche und zündet sich eine Zigarette an. Zieht den Rauch tief ein und sagt: »Wir wollen heimgehen. Aber dass du mir dem Mowgli nichts sagst, sonst …« Und droht mir mit seiner Spachtelhand.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Ob er Mowgli sagte, dass er mit mir gesprochen hat, weiß ich nicht. Aber meine Frau bekam Angst vor mir. Denk dir doch so etwas: Schickt sie mir den Vaganten weiß Gott eines Tages ins Büro, es war an einem fünfzehnten, glaub‘ ich, und lässt mich fragen, ob ich ihr nicht hundert Franken schicken könne, sie müsse Rechnungen bezahlen. Dabei gab ich die Hälfte meines Gehaltes als Haushaltungsgeld, vierhundert Franken, und die Wohnungsmiete hab‘ ich immer selbst bezahlt. Das hab‘ ich nicht verputzen können. Und dann kam’s noch ärger. Ich hab‘ natürlich dem Pit zu verstehen gegeben, es wäre mir lieber, er würd‘ nicht mehr bei uns essen, hab‘ ihm eine gute Pension angeraten und ihm ans Herz gelegt er soll sich ein anderes Zimmer suchen. Tat er dann auch, hat aber keins gefunden, so hockte er immer in seinem Dachzimmer, und ob die Frau ihn noch sah, weiß ich nicht, ging mich nichts an … Ihren Teddybär …

Und dann kam der große Krach. Wir waren alle drei eingeladen eben bei jenem Sekundarlehrer, es war ein fideler Abend, ich bin richtig aufgetaut, der Wein war gut, und die Frau vom Sekundarlehrer, die war nicht wie üblich, hatte Sympathie für mich, ich war wohl eine angenehme Abwechslung gegen ihren Mann, das Knochengerüst. Nur Mowgli ist den ganzen Abend abwesend herumgesessen; direkt unhöflich war sie diesen netten Leuten gegenüber, und ich brauchte doch den Mann, den Sekundarlehrer, er war Vorsitzender von irgendeiner Wahlkommission. Also, auf dem Nachhausewege sage ich ihr ganz nett und freundschaftlich, sie müsse sich ein wenig mehr zusammennehmen, ihre Launen etwas zügeln … Nun, was man bei diesen Gelegenheiten eben sagt. Sie antwortet spitz, sie werde wohl noch tun und lassen können, was ihr beliebe, und wenn sie Kopfschmerzen habe, so könne sie doch nicht lustig sein, und übrigens ginge ihr die Frau Sekundarlehrer auf die Nerven. – Worauf ich anmerkte, dass sie mir meine Stellung nicht noch mehr erschweren solle, ich hätte ohnehin zu kämpfen genug, und die Missstimmung in den bürgerlichen Kreisen der Stadt sei ohnehin groß gewesen bei meiner Heirat, und die Leute hätten viel geklatscht. – Gewiss, das hätte ich nicht sagen sollen, aber ich hatte ziemlich Rotwein genossen. Übrigens ging Mowgli zwischen uns, ich als Ehemann ging an ihrer linken Seite, Pit hatte sie rechts untergefasst. Darauf schweigt Mowgli, dann schluchzt sie einmal trocken auf und macht ihren Arm von mir frei. Aber den Pit lässt sie nicht los. Schwierige Situation, kannst du dir denken; warten wir, bis wir daheim sind, dort wird sich alles klären, sobald uns der Kunstmaler allein lässt. Aber der Pit, der drängt sich uns nach, in die Wohnung, statt in sein Bodenzimmer zu steigen, und nun stehen wir alle im Salon. Mowgli trug eine kurze Pelzjacke und einen kleinen, schwarzen Hut mit einem Schleier, der ihr Gesicht bis zur Nasenspitze bedeckte. Sie setzt sich auf die Ottomane, ich bleibe ihr zu Häupten stehen, Pit pflanzt sich am Fußende auf. Und da stehen wir. Ich rede vernünftig, ich rede ruhig, aber ich muss mich zur Ruhe zwingen, denn ich bin ein jähzorniger Mensch, mein Vater … ich habe das von meinem Vater … Ich ziehe den Mantel aus, Pit behält den seinen an, hat die Hände in den Taschen vergraben und beobachtet mich. Beobachtet mich. Er sieht mich nicht etwa an, er hat einen abwesenden Blick, sehr starr, so, als wären seine Augen die beiden Linsen eines Aufnahmeapparats für stereoskopische Bilder. Mowgli hält den Kopf gesenkt, und da sehe ich plötzlich, wie mein Gegenüber, der Pit, seine Linsen senkt, und ich blicke auch hin, und weiss Gott, Mowgli lässt stillschweigend Tränen in ihren Schoss tröpfeln. Eine Märtyrerin, ich bitte dich, eine Märtyrerin, als ob ich der grausamste Ehemann wäre. Da hat mich die Wut gepackt, der Jähzorn, du weisst, und ich brülle los, das sei eine verdammt niederträchtige Schweinerei, wie man mir mitspiele, mich zum Haustyrannen stempeln wolle. Mowgli schluchzt. Pit schweigt. Ich rede mich immer mehr in Wut, ich fühle, dass ich rot werde, und schon damals hatte mir der Arzt dringend geraten, mich nicht aufzuregen, es könne böse Folgen haben, wegen meiner Korpulenz, die Blutzirkulation sei auch nicht, wie sie sein sollte, wegen meiner sitzenden Lebensweise, aber wie soll unsereiner zu Bewegung kommen … Ich brülle also – »Finanzminister«, sagt der Pit und grinst unverschämt mit seinen Giraffenzähnen, »Sie sollten Ihre Frau anständiger behandeln«. »Sie«, sagt er, sonst sind es die gleichen Worte wie damals auf dem Spaziergang. Da packt mich erst recht die Wut, ich werfe ihm alles an den Kopf, was ich auf dem Herzen habe, er sei ein Vagant und so und störe das friedliche, harmonische Eheleben eines anständigen Menschen. Pit schweigt. Aber da muss ich Atem holen, ich habe starkes Herzklopfen, der Schweiß steht mir auf der Stirne, und da sagt Pit, während ich in allen Taschen nach meinem Nastuch suche, sagt Pit: »Jetzt sollte man Sie malen, Finanzminister!« Und Mowgli lacht, lacht unter Tränen, ein hohes, kreischendes Lachen, dass mir die Ohren weh tun und ich nur rufen möchte (nicht brüllen): »Hör auf! Hör auf!« Aber ich krieg‘ keinen Ton heraus. Dieser Hohn, wie ein Faustschlag in den Magen. Ich springe vor und haue dem Pit eine herunter. Ganz einfach eine Ohrfeige. Dazu gehörte Tapferkeit, weißt du, denn der Pit war anderthalb Kopf grösser als ich. Aber ich lange ihm eine, und dann weise ich ihm mit dem Finger die Tür, er soll meine Schwelle nicht mehr überschreiten, wir sind geschiedene Leute … Und er geht, sieht traurig auf Mowgli, zuckt die Achseln, als ob er sagen wolle, er könne doch nicht helfen. Geht. Und dann höre ich seine Schritte droben in der Bodenkammer.

Er ist dann noch eine Woche im Haus geblieben. Am nächsten Tag hat er sich bei mir entschuldigt, ist ins Büro zu mir gekommen. Ich war ganz kalt und ruhig, denn ich hatte die notwendigen Schritte schon unternommen. Vormundschaftsbehörde antelephoniert, Fall auseinandergesetzt, Kunstmaler, wissen Sie, verkommene Existenz, Talent, gewiss, aber haltloser Charakter, ja, nach meiner Meinung wäre eine zeitweilige Versorgung angebracht, das Gesuch an den Statthalter besorgen Sie? Danke. Werde mich erkenntlich zeigen. Adieu, Herr Doktor, hat mich sehr gefreut, – wie das bei uns so geht.

Und sie wären ihn wirklich abholen gekommen; nach acht Tagen war die Sache perfekt. Aber ich hatte nicht schweigen können, mit Mowgli hatte ich mich versöhnt; wie sagte der Teddybär? »Denn du musst bedenken, Finanzminister, dass ihr zwei beide zusammengehört.« Und zusammengeblieben sind wir auch. Mowgli hat den Pit gewarnt, und wie man ihn holen wollte, war er fort, über die Grenze. Ich habe nie wieder von ihm gehört.

Prost, junger Pit, Doppelgänger. Es kommt der Morgen. »Die bange Nacht ist nun herum«, haha, könnte man singen. Oder mit Heine: »Es ist eine alte Geschichte und bleibt doch ewig neu, und wem sie just passieret …« Nun, mir ist das Herze nicht entzweigebrochen, im Gegenteil, unsere Ehe ist die harmonischste Ehe, die man sich denken kann. Ja, traurig ist Mowgli manchmal. Aber ich habe meinen festen Platz im Leben, ich bin unentbehrlich im Getriebe der Stadt… Mowgli ist manchmal traurig.

Sag mal, Bruder Pit, wir müssen uns verabschieden, ich muss heim, obwohl morgen Sonntag ist und ich ausschlafen kann. Aber wie wär’s … Komm doch zum Mittagessen zu uns? Weißt du, ganz sans Facon, auf einen Bissen. Und dann lernst du das Mowgli kennen. Weißt du, ich bin nicht so. Man muss mit den Frauen Mitleid haben, es wird sie zerstreuen. Sicher … Sie hat so lange keinen Teddybären gehabt, hehe. Jaja, wenn man älter wird, ein wenig kälter wird, bleibt allein nur der Wein …

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