Frida Schanz – Die Uhr – Eine Erzählung

Die Uhr
Eine Kindheitserinnerung.

Juan-Gris - Flasche und Uhr
Juan Gris – Flasche und Uhr – 1915


Sie hatte mich an sich gebunden, indem sie mir angedeutet hatte, ich sollte ihre goldene Taschenuhr erben.

Ich habe die Uhr, die mit einem zarten, wackligen Uhrschlüsselchen aufzuziehen war – den ich wahrscheinlich doch niemals zur rechten Zeit bei der Hand gehabt hätte –, nie geerbt. Immerhin bin ich eine lachende Erbin gewesen. Denn manchen Monat hat die magnetische Anziehung, die das Erbversprechen ausübte, gedauert. Es faßte in sich, daß ich von der Tante mit dem scharfen Mund und dem gesäuerten Herzen gern gesehen und vor meinen Geschwistern bevorzugt war. Es verpflichtete mich in geheimnisvoll bindender Weise, jede nur einigermaßen freie Stunde zum Dienst der Erblasserin blindlings durch meiner Heimatstadt liebe verworrene Gäßchenwelt dahinzustürmen.

Die Uhr schien mir unendlich kostbar. Das kam wohl daher, daß sie sich aus einer unsagbaren Armut als einziger Besitz heraushob. Für mich war sie – eine goldene Uhr.

Frida Schanz - c tripeda uni trier
Frida Schanz – c tripeda uni trier

Ich war ja auch nur ein Ding von zehn Jahren, als die nunmehrige Beherrscherin meiner Gedanken von Meißen nach Dresden zog, in eine Dachstube, so klein, wie ihr Ausblick über das Dächerkreuzundquer des uralten inneren Stadtteils, den dies hohe Eckhaus-Dachfenster beherrschte, weit und groß war.
Über einen Holzkasten mit Kressen sah man aus der Mansarde in den dämmerzarten, feuchten Lufthauch, der die mit soviel Sandsteinverwendung erbaute Stadt am großen Strom meist umschwebt. Von den ärmlichen Möbeln im Raum war nur der nette Nähtisch nicht mit gemietet. Über zahllose Strähnen leuchtendbunter Wolle und Seide, deren Fäden ich zurechtschneiden und in lange, blanke Sticknadeln einfädeln durfte, über altmodisches, silbernes und elfenbeinernes, mit Siegellack vielgeflicktes Nähtischgerät hinweg, in dessen Anblick ich schwelgte, sah ich die fieberhaft fleißige Stickerin mit von Tag zu Tag zunehmender geheimnisvoller Erregung verstohlen unter gesenkten Wimpern auf ihre Baufälligkeit hin an. Ja, sichtlich älter und hagerer wurde sie von Tag zu Tag.
Sie war in Wirklichkeit damals achtundzwanzig Jahr.
Aber es mochte wohl in der Tat wenig Unterschied zwischen wirklichem Altern und dieser in leidenschaftlicher Selbstkasteiung freiwillig zertretenen Jugend bestehen.
Aus zu Hause erschnappten Gesprächshappen und stolz hingeworfenen Vertrauensbrocken der Tante wußte ich, daß ein dauernd-donnerndes Schmerzgewitter in der Seele meiner Gönnerin tobte. Sie war zu tief gekränkt worden, als daß sie verzeihen konnte. Sie war davongegangen, vom Haus, vom Heim, noch dazu von ihrem Heim – in Meißen, das dem Dresdner Kinde von einem Ausflug her wie die Hochburg aus einem Märchenbuch, wie in Licht gebadet und mit Kirschkuchen gepflastert erschien –, vom Mann, noch dazu von ihrem Mann, von diesem Mann, von Riedeln! Mehrmals hatte ich das Ehepaar früher noch beisammen gesehen bei einem ihrer anspruchsvollen Besuche, bei denen die Wirte nicht die Anmaßung haben durften, die Zeit in Anrechnung zu bringen und bei denen sich erstklassige Kaffee- und Kuchenbewirtung von selbst verstand. Sie, die Riedeln, mittelgroß, schon damals äußerst mager, in lilaseidnem Falbelkleid und taftener Hutschleife unter dem Kinn, die vollbewußte Gattin des feueraugigen, dunkelhaarigen, hochgewachsenen Herrn im grauen Zylinder, schwarzen Gehrock, der weißen Weste und der langen Gliederuhrkette mit dem dicken Korallenschieber und dem großen Büschel verschiedener Berlocken, Gattin des ausgesprochen schönen Mannes.

Riedel hatte die kleine trockene Gefährtin mit dem lodernden Selbstgefühl nicht ganz ohne Hinblick auf ihr bescheidenes Vermögen gefreit. Auch das hatte ich gelegentlich einmal zu Hause erschnappt.
Sie war irgendwie in höherer dienender Stellung gewesen. Ihr rückhaltlos ausgesprochener Wunsch, sich zu verheiraten, schien über den lieben Meinen wie eine Art Geißel geschwebt zu haben. Nun hatte sie ihnen eines Tages – wer weiß nach welchen Bemühungen und durch welche Verschlingungen – mit Riedeln aufwarten können. Riedel war Unterbeamter in Meißen, Katasterbeamter, vernahm ich zu meiner Bewunderung. »Du bist mein Geschmack!« war seine Liebeserklärung an die Erwählte gewesen.
Demgemäß behandelte er seine Frau bei all seinen körperlichen Vorzügen, die eine gewisse Überhebung entschuldigt hätten, außerordentlich höflich und fein.

Ihre Hauptanziehung schien er darin zu erblicken, daß sie Agnes hieß. Er handhabte das Wort in jedem von ihr und zu ihr gesprochenen Satz. Ag–nes, zog er es auseinander. Sie nannte ihn mit viel selbstverständlicherer Gattensicherheit: »Riedel«.
Sie machten sicher aus ihrer Ehe, was möglich war.
Sie sollten ein nettes kleines Haus in Meißen bewohnen, vernahm ich. Drei Stuben, noch von Riedels Junggesellenzeit her mit seinen hübschen Sachen möbliert und im Blumengärtchen nach der Straße zu außerdem eine reell gezimmerte bohnenumwachsene Kaffeelaube; Kaninchenstall; – Taubenboden. – Diese Laube, diese drei Stuben, ihren Frauenstand, Riedeln – das alles hatte Ag–nes in beleidigtem Stolze von sich geworfen.

Aus mündlichen Familienüberlieferungen habe ich es später lückenlos herausgeklaubt, wie das Unglaubliche gekommen war.
Riedels lebten in Frieden, bis Herrn Riedels Stiefmutter starb und Riedel der Alte als etwas gar zu vergnügter zweitmaliger Witwer nach Meißen zog, um ein neues Geschäft anzufangen. Nach Meißen, und zu Riedels, den Jungen. Erst zu vorübergehendem Besuch – für die Genauigkeit der Hausfrau schon ziemlich anstrengend – dann zu ganz selbstverständlicher, von Tag zu Tag gedehnter »Bleibe«.
Empörend wohl für einen so frischen Witwer im Wiederholungsfall, fand Agnes, fühlte sich der Alte im Nest des Sohnes. Und der Junge für einen fünfmonatigen Ehemann kränkend gemütlich in Gesellschaft seines so rasch getrösteten Alten.

Eine von früher bestehende, nur durch ein halbes Jahrzehnt unterbrochene Kameradschaft zwischen Vater und Sohn machte sich für die Frau höchst störend und aufreizend geltend.
Sie rauchten, sie tranken, sie erzählten sich Witze, sie gingen aus, wenn die Frau zu Haus ihnen das einfache Bier zu sehr mit schiefen Blicken säuerte. Vergeblich suchte Riedel Ag–nes hineinzuziehen. »I! Mach doch mit!« bettelte er unzählige Male. Das hätte ihr gefehlt!
Zwei Verächtlichkeitsworte hatte sie von je zum Abschluß bereit auf ihres Lippenpaares Bogenstrang: ordinär – und »obskur«. – – Damit überschüttete sie jetzt bei ihren Besuchen in meinem holden Kindheitsheim den gemütlichen alten Sachsen in ihren Vertrauensausbrüchen gegen die Meinen. Mit der Wichtigkeit, die sie all ihren Sachen gab, zwang sie unserer ganzen Familie Teilnahme für ihre Seelenstürme auf.

Ich sehe sie sitzen auf unserem schönen, alten, geschnitzten Familiensofa. In erschütterndem, bebendem Zorn hab‘ ich sie schluchzen gehört: »Ich weiß es. Die alte Canaille macht mich schlecht und verleidet mich Riedeln. Ich hab’s vom ersten Tag an gewußt, der entwendet mir Riedels Herz. Sie spotten über mich und lassen mich links liegen. Um die beiden meckern zu hören, hab‘ ich nicht geheiratet. Ich wollte Riedeln für mich haben. Wenn ihr jetzt nur sähet, wie der gegen mich ist!«
»Solltest du das nicht selbst verschulden? Ihn nicht schwer kränken, indem du seinen Vater so wenig nett behandelst?« höre ich eine klare, liebe Stimme vorsichtig einwenden.
Und: »O Agnes, Agnes!« sagte diese zuredende Stimme dann noch im weiteren Gespräch: »Wenn du weiter nichts zu verzeihen hast, danke Gott, und gib doch nach! Dein Mann ist so anständig und nett! Reize ihn doch nicht bis aufs äußerste. Sei kein Spielverderber. Was muß eine Frau oft verzeihen! Gib nach, Agnes, lenke ein, zerstör nicht dein Glück. – Denk, wie gut alles noch werden kann! – Wenn ihr Kinder kriegtet – – Er ist doch brav – –«
Meine praktische Großmutter stellte ihr außerdem vor: »Der alte Mann hilft dir doch auch, Riedeln, gießt dir den Garten, hackt dir Holz, füttert die Tauben –«

Von Tante Riedels schroffen Einwendungen habe ich mir nur das eine immer wiederkehrende Wort gemerkt: »Nein! Ich bin zu tief empört!«

Nach Wochen kam sie dann und war aus Rand und Band. Taschentuch um Taschentuch, mit gehäkelten Spitzchen breit besetzt, sah ich triefend naß geweint. Tag für Tag wären Vater und Sohn ausgegangen. – Sie hatten Geschäfte vorgeschützt. – Das Geld, die paar Papiere von Riedeln und die ihren, sollten besser angelegt werden, irgendwo in Brauereiaktien. – Eine Frau hörte ich dabei nennen, von der ich später noch viel zu hören bekam. – Bei der sei Riedel öfter gewesen, allein, manchmal auch mit dem Alten.

Ein wundervolles Stück Altmeißner Kraft und Volkstum muß das gewesen sein, eine Frau schwer und voll, weiß und rosig, »zum Anbeißen«, Witwe mit braven Kindern, die Pechtgrunder Schneidemühlenbesitzerin – Tietze’n mit Namen.
An der ließ Agnes nun kein gutes Stück.
Meine süße kluge Mutter lenkte ab: »Ich glaub‘ kein Wort, Agnes! – Riedel ist brav. Und die Frau! Natürlich, wenn du dich so benimmst, spricht er sich doch mal gegen eine andere aus. Frau Tietze kennt er zehn Jahre länger als dich, das ist Freundschaft und Gevatterschaft von früher her. Gib ihm ein gutes Wort, fall ihm mal um den Hals, sprecht euch aus, und alles ist in Ordnung – –«
Noch droben in der Mansarde, in den ersten Tagen, nachdem Agnes ihren Trumpf ausgespielt, das Band ihrer Ehe zerschnitten, hat die gute Stimme zugeredet.

»Gib nach! Daß die Brauereigesellschaft kaputt ist und ihr euer Geld verloren habt, ist ein Unglück; aber dein Mann hat da gar keine Schuld und tut mir furchtbar leid. Die Schuldigen sitzen ganz woanders. Laß ihn nun nicht im Stich, erst recht nicht, arbeitet euch heraus, miteinander, du bist ja so geschickt und fleißig. Eine Scheidung, Agnes, ist das Furchtbarste in der Welt, da bricht einem das Herz drüber. Aus Eigensinn tut man das nicht. Das mit der Frau glaubst du selber nicht – –«

Eine verstockte Stimme wies jede Beruhigung schroff zurück. »Was der mir angetan hat, ist nicht zu verzeihen – Ich bin auf den Tod gekränkt –« Sie ließ meine Mutter gehen, wie einen Lichtstrahl aus ihrer Mansarde entschwinden. Seltener kam sie nun zu uns, selten kam meine Mutter zu ihr. – In jener Zeit griff ihre Hand nach mir. Sie versprach mir die Uhr.

Man muß furchtbar viel Straminkissen, Teppiche und Hausschuhe damals gekauft haben. Sie stickte für ein großes Geschäft am Altmarkt Kreuzstiche von früh bis spät. Alle drei Tage trug sie ihre Arbeit fort, in Mantille und Kapotthut, in stolzester Haltung. Von einem Mal zum andern aber sah sie trotz feiner Haltung und gepflegtem Anzug älter, müder, fadenscheiniger aus.
»Aufgezehrt, rein aufgezehrt. Sie richtet sich hin mit Trotzen und Warten,« sagten die Meinen und schüttelten die Köpfe.
Ein gespanntes, fieberndes Warten, ein glutheißes Schwelen glühender Kohlen war ihr Leben. Sie hatte Riedeln »eingeschrieben« mitgeteilt, sie wolle sich scheiden lassen, er solle sie auf böswillige Verlassung verklagen. Seit zehn Wochen wartete sie nun auf Antwort. Das war in den Tagen, wo ich oft gedacht habe, ich wolle doch die Uhr lieber nicht. Aufregend nahe schien mir, nach diesem wächsernen Frauengesichtchen zu schließen, ihre endliche Auflösung.

Sie konnte aber noch viel wächserner aussehen und doch leben. Das war, als sie an jenem Tage von ihrem Ausgang wiederkam. Wie lebte sie da! Nie hab‘ ich so leidenschaftlich leben gesehen bei ganz steinernen Zügen, bei ganz stummem Mund. Ich ging. Sie winkte mir, ich solle gehen. Sie hatte unterwegs in der Schloßstraße Riedeln getroffen. Stumm, in fester Haltung sei sie an ihm vorbeigegangen, brachte meine Großmutter heim, die am Abend sich noch einmal resolut aufmachte, um nach ihr zu sehen.

Am andern Tag. Sie stickte eine riesige feuergelbe Rose. Ich schnitt feuergelbe Wolle in wohl zwanzig Schattierungen zu. Da klingelte es bescheiden, wenn auch dann noch durch die Stille gellend. Ich lief hinaus. Ich flog herein. Hinter mir schritt, ohne daß ich noch ein Wort der Anmeldung hätte hervorbringen können – Riedel.

Stattlich, ruhig, traurig und gemütlich stand er in der sehr niedrigen Stube und sah auf die Frau herab, die nicht Kraft gefunden hatte, aufzuspringen. Wortlos holte er sich einen Stuhl, rückte dicht an ihren Nähtisch heran, sah sie an, schüttelte langsam mehrmals den Kopf, streckte die feste Hand aus und sagte mit einem Ausdruck, den ich nie habe vergessen können, nur: »Ag–nes!« –
Nach einer Weile noch einmal, noch bettelnder, da sie seine Hand nicht nahm: »Ag–nes!«
»Ag–nes, warum hast du mir das tun müssen?« begann er zum drittenmal und faßte nun selber mit mannhaftem Griff nach ihrer Hand. »Was hab‘ ich dir denn getan! Sei doch gut und komm wieder zu mir, Agnes! Du richtest dich ja zugrunde! Wie quälst du dich denn ab! Als ich dich gestern in der Schloßstraße sah, ist mir der Schreck in alle Glieder gefahren. Je, je, Agnes, ißt du denn ordentlich? Du siehst ja erbärmlich aus.« – Sie warf gereizt, konfus ein paar Worte hin. Das wäre ihre Sache! Sichtbar schlug dann ihre Stimmung um. Sichtbar pochte ihr Herz. Sie schlug die Augen nieder, stocherte mit der Sticknadel in einem durchlöcherten Fingerhut und ließ das Zureden Riedels über sich hinströmen, fein horchend, als höre sie seine Stimme zum erstenmal. Ich kannte sie doch und jede ihrer Mienen. Ich dachte: Jetzt, jetzt erweicht er sie! Jetzt wird sie’s tun! Jetzt springt sie auf und fällt Riedeln um den Hals –
Da tat Riedel aber etwas Unkluges.

»Ich bin dir’s doch auch schuldig,« sagte er pedantisch. »Mir ist es so entsetzlich, daß dein Geld weg ist. Da will ich dich lieber versorgen, als daß du dich hier so quälst –«

Ich weiß nicht, ob es Takt und Rücksicht war von mir: ich lief in diesem Augenblick auf den kleinen Treppenflur hinaus, schlug den Ball an die Wand und sang laut meinen Ballspielreim: Sommerradiesel, Winterradiesel, alter Student, wasch dir die Händ‘ – Lauter aber noch gingen drinnen die Stimmen. Zierig, pikiert die der Tante. Seine bittender, immer bittender. Da wurde ihre trotzig. Ein Aufdieprobestellen, ein Machtgenießen war darin. Mir wurde heiß und angst. Ich fühlte doch: sie wollte. Was fiel ihr nur ein?
Jetzt stand Riedel großmächtig in der niederen Tür und rief noch einmal hinein: »Also, Ag–nes, noch einmal frag‘ ich jetzt: Willst du?«
Krachend schlug ein Hammer nieder: »Nein!«
Wütend – ich möchte aus meinem Erinnerungsbild heraus behaupten funkensprühend – ist da der große dunkle Mann an meiner kleinen knicksenden Gestalt vorbei die geweißte rundgewundene Treppe heruntergestoben.

Als ich hinein ins Dachstübchen kam, lag drin eine tot. O Entsetzen! Entsetzen! Wilder, gräßlicher Aufschrei meines Herzens: »Ich will sie nicht! Ich will sie nicht! Ich will nicht die Uhr!« Glückseliges Aufatmen und Jubeln dann, als die herbeigeschriene Nachbarin phlegmatisch kundtat: »I, die is ja nur oh’mächt’g!«

In den nächsten Wochen ist vor meinen beobachtenden Blicken etwas Eigenartiges mit der dünnen, kleinen Tante am großen Stickrahmen vorgegangen. Sie wurde womöglich noch dünner, aber das Dünnsein schien nicht mehr eitel knochige Todesnähe. Ich sah sie verwundert an.
Etwas Erschrockenes, Erschüttertes, Erwachtes lag über ihr.
Ein junges Weib, nein, ein Mädchen schien vor mir zu sitzen, durchsichtig, mit fieberrosigen Wangen, schmal, sehr zart.
Es hatte einen Schleier über dem harten Blick der graugrünen Augen, beinahe wie in den sonnendurchblitzten Morgenstunden der über unserer alten, lieben, die Feuchtigkeit der Nacht aus den Sandsteinmauern herausatmenden Stadt.
Über das ziegelbraune, first- und giebelreiche Stadtbild sah sie manchmal ein paar feierliche Sekunden lang hin, immer nach einer bestimmten Richtung zu.

Ich habe, wenn ich sie so starren sah, immer das dunkle Gefühl gehabt, Riedeln herbeizaubern zu wollen. Es ließe sich jetzt mit ihr reden, hätte ich ihm flüsternd zustecken mögen.
Dort, in der Richtung ihres Blicks, über den dicken, glockenrunden Turm und die beiden schlankaufgereckten Nachbartürme weg lag im flimmernden Sonnenglast irgendwo Meißen. – –

Die Großmutter zu Haus hielt ihre gescheiten, prächtigen Reden, von denen mancher Brocken in die neugierig gespitzten Kinderohren fiel.
»Da hat sie’s nun! Ihr dummer Stolz hat nein gesagt, gerade in dem Augenblick, wo ihr Herz überhaupt zum erstenmal richtig von innen ja gesagt hat. Diese Agnes! Diese Gans! Da hat sie ruhig und selbstverständlich über einen höflichen, stattlichen, wenn auch einfachen Mann herrschen wollen kraft ihres bissel Eingebrachten! Ja, Kirschen! Nun sieht sie, daß sie sich verrechnet hat! Hat nur Ehe, Versorgung und Frauenstand in Betracht gezogen, nicht, daß der Mensch ein Herz hat und daß man um einen Mann leiden, ihn über Nacht so liebhaben kann –. Wenn er’s auch ein bißchen plump angefangen hat, sie wiederzugewinnen. Nun sitzt sie und sehnt sich und wartet, daß er wiederkommt.
Der wird sich hüten! Da kann sie warten! Der kommt nicht wieder!« –
Trotz dieser Überzeugung muß es die gute, rührige Großmutter einmal irgendwie versucht haben, seiner und seiner Meinung habhaft zu werden. Ich sehe sie noch den Kopf schütteln und die heißen, hübschroten Backen kühlen nach vergeblichem Bemühen.
»Natürlich! Nu tückscht der! Er hat die Scheidungsklage richtig eingereicht. Er könne ihr im Leben nicht verzeihen, daß sie ihn mit seiner guten Absicht so hätte abfahren lassen.«

In den Wochen und Monaten, die dann gefolgt sind, erlebte Agnes, glaub‘ ich, ihre Jugend und Liebe – in harter Reue und zarter Sehnsuchtsnot.
Mit geneigtem Kopf habe ich sie auf Spaziergängen, zu denen sie sich jetzt eher einmal zureden ließ, neben meiner schönen, schlanken Mutter hergehen sehen.
Da kam es wie ein heißes, flüsterndes Raunen von ihrem Mund: »Ich weiß ja, ich bin an allem schuld! Ich hab‘ ihm bitter Unrecht getan. Ich war verrückt durch meine leidenschaftliche, böse Natur – – Wie muß ich mich nun schämen!«
Dabei hatte sie bereits eine Beschämung im Sinn, die namentlich meiner Großmutter gesunde, lebensfrohe Natur mit kolossaler Genugtuung labte, ja Agnes gegenüber mit rechter Schadenfreude erfüllte.

Der von Agnes so verachtete alte Riedel – er war übrigens erst fünfundfünfzig – und der ganze würdige, gewaltige, schwarzäugige »Junge« gerade dreißig – hatte noch einen strahlenden Lebensgewinn gemacht.

Die schmucke, weit und breit beliebte Müllerin im Pechtgrunde hatte dem gemütlichen, fleißigen Herrn den Platz des Ehegatten neben sich eingeräumt. Er hatte es der Großmutter, die er bei einem Markteinkauf auf dem Altmarkt getroffen, schmunzelnd erzählt. Es müsse wieder ein rühriger, behender Mann in der Mühle sein, und er möge der Frau wohl passen als zweiter, wie sie ihm als zweite passe. Mit einem schaudernden Abwinken soll er diejenige gestrichen haben, die zwischen seiner ersten und dieser eigentlich dritten inmitten lag.
Da wurde die arme Agnes nicht geschont!
»Siehst du, nun wärst du den auch los! Wie schön wär’s nun! Da siehst du, was deine blinde Eifersucht zusammenphantasiert hat.«

Agnes sagte still: »Ich muß es nun tragen. Den alten Vater im Haus zu haben, darum war mir’s übrigens schon lange nicht mehr bang! Darauf wär‘ mir’s nicht mehr angekommen. Wie gern hätt‘ ich’s getan! Nun ist alles aus!«

Und doch muß bei Riedeln die alte Liebe – angemessener gesagt: der Geschmack an Agnes noch einmal entscheidend durchgebrochen sein.
In dem schrecklichen alten düstern Gerichtsgebäude in der Landhausstraße, wo die beiderseitige Vorladung betreffs der eingereichten Scheidungsklage stattfand, hat der Ehemann die Ehefrau zuerst wiedergesehn. Da muß ihn wohl etwas ganz verzwickt ins Herz gegriffen haben.

Das richtige, gründliche Auskosten eines Böseseins »liegt« dem Sachsen; aber nach Befriedigung seines grollenden Seelenzustandes doch auch ebenso stark eine Neigung zu gerechtem Ausgleich und friedlicher Lösung. In solchen Zeiten der Schwebe ist er, einer Augenblickserleuchtung folgend, oft eines raschen und glücklichen Aufschwungs großzügig fähig.
Am Nachmittag des Vorladungstages hat Riedel durch einen Chaisenträger im kanariengelben, mit blauen Aufschlägen versehenen Frack, wie man sie damals zu »besseren Botengängen« verwandte, bei seiner bereits halb verflossenen Ehefrau anfragen lassen, ob es ihr wohl beliebe, zwecks einer freundschaftlichen Aussprache selbigen Nachmittag halb fünf noch einmal eine Tasse Kaffee bei Hellwigs im italienischen Dörfchen an der Elbe in seiner Gesellschaft zu trinken.

Was mir von diesem Augenblick unzerstörbar im Gedächtnis geblieben ist, ist der Griff der schmalen, bebenden Frauenhand zwischen die Knöpfe des vornherunter geknöpften, pflaumenblauen Wollripskleides nach der dort ruhenden kleinen tickenden Uhr. Ich habe nie im Leben einen Menschen mit so fiebernder, glücklicher Wichtigkeit eine Uhr nach der Zeit befragen sehn.

Vom nächsten Tag ist mir dann noch ein Erinnerungsbild geblieben. Meine Erbtante packte eine mit Rosen bestickte Reisetasche. Riedel stand hoch und schlank dabei und sagte: »Komm! Ag–nes! Komm!«

Eine am nächsten Droschkenstand aus ihrem gemütlichen Traum aufgeschreckte Droschke stand vor der Tür. Sommernachmittagssonne lag auf den braunen Dächern. Goldene Kirchenkreuze tauchten ferne traumzart aus flimmerndem Glanz.
»Auf den Neustädter Bahnhof!« gebot unten in stattlichem Ton Riedel. Seine junge hübsche Frau und er stiegen ein.
Ein etwas zerstreutes Winken von der Ecke des Gäßchens her zu mir. – Ich wußte in diesem Augenblick, daß mir die Uhr verloren war; und ich habe denn auch wirklich bis heute noch nicht Gelegenheit gehabt, mein Erbe anzutreten.
Und wenn sie auch wirklich noch existieren sollte: Mein würde sie kaum! –
Wohl zu einer Hundertzahl von Kindern, Enkeln und Urenkeln hat sich das steinalte Ehepaar ausgewachsen.
Vermessen wäre es, da noch Erbhoffnungen zu hegen.

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