Franz Schubert – ein Porträt von Dr. Fabian Schulte – Teil 1

Franz Schubert - Illustration: Stefan Otte
Franz Schubert – Illustration: Stefan Otte

Im kaiserlichen Konvikt

Still liegt der stattliche Bau des Kaiserlichen Konvikts zu Wien im Dunkel der Nacht. Das Lärmen der Gymnasiasten, Studenten und Sängerknaben der Hofkapelle, die in dem großen Internat zusammenleben, ist verstummt. Nur aus einem Fenster dringt noch Lichtschein. Hinter seinem Schreibpult grübelt ein Schüler über einem Bogen unbeschriebenen Papiers. Er ist klein und untersetzt, und lebendige, braune Augen, die sich in schnellem Wechsel vom begeisterten Leuchten zu melancholischer Tiefe verändern, schauen unter einer hohen Stirn und einem dunklen Wuschelkopf hervor. Der Fünfzehnjährige trägt die Uniform des Internats: einen altmodischen, rund ausgeschnittenen schwarzbraunen Rock, kurze Beinkleider mit Schnallen, lange Weste, weißes Halstuch und Schnallenschuhe. Der niedere Dreieckshut liegt achtlos auf das Bett geworfen. Auf dem goldenen Schulterstück, das dem schäbigen Rock des Schülers ein wenig Eleganz verleihen soll, spielt das Licht der Kerze. Unschlüssig dreht der Junge den Gänsekiel zwischen den Fingern. Endlich setzt er zum Schreiben an: „Wien, 24. November 1812.“ Noch einmal ruft er sich das Bild des Bruders vor Augen. Ja, vor ihm, dem Lieblingsbruder Ferdinand, braucht er nichts zu verbergen. Und er schreibt jetzt ohne Stocken: „Gleich heraus damit, was mir am Herzen liegt, und Du wirst nicht durch liebe Umschweife lang aufgehalten. Schon lange habe ich über meine Lage nachgedacht und gefunden, daß sie im ganzen genommen zwar gut sei, aber doch noch hie und da verbessert werden könnte; Du weißt aus Erfahrung, daß man doch manchmal eine Semmel und ein paar Äpfel essen möchte, um so mehr, wenn man nach einem mittelmäßigen Mittagsmahle nach achteinhalb Stunden erst ein armseliges Nachtmahl erwarten darf. Dieser schon oft mir aufgedrungene Wunsch stellt sich nun immer mehr ein, und ich mußte nolens volens eine Abänderung treffen. Die paar Groschen, die ich vom Herrn Vater bekomme, sind in den ersten Tagen beim Teufel, was soll ich denn die übrige Zeit tun? Die auf dich hoffen, werden nicht zuschanden werden. Matthäus, Kap. 3, V. 4. So dachte auch ich. — Wie wär’s denn auch, wenn Du mir monatlich ein paar Kreuzer zukommen ließest. Du würdest es nicht einmal spüren, indem ich mich in meiner Klause für glücklich hielte und zufrieden sein würde. Wie gesagt, ich stütze mich auf die Worte des Apostels Matthäus der da spricht: Wer zwei Röcke hat, der gebe einen den Armen usw. Indessen wünsche ich, daß Du der Stimme Gehör geben mögest, die Dir unaufhörlich zuruft, Dich zu erinnern Deines Dich liebenden armen, hoffenden und nochmals armen Bruders Franz.“ Während der junge Musikus Franz Schubert etwas Streusand über den Brief zum Trocknen der Tinte rieseln läßt, versinkt er wieder in trauriges Grübeln. Ein halbes Jahr ist es jetzt her, seit die Mutter starb. Das war am 28. Mai. An diesem Tag kam er nach langem Fernsein von Zuhause wieder heim. Der gestrenge Herr Vater hatte ihm im Jahr zuvor heftig zugesetzt, weil er glaubte, ein Nachlassen der Schulleistungen feststellen zu müssen. Dabei vermerkte das Zeugnis vom Herbst 1811 sogar „besondere Zufriedenheit über die in allen Rubriken ausgezeichneten Fortschritte des Franz Schubert“. Aher der Vater spürte, daß seinem Franz die Musik wichtiger war als die allgemeinen Studien. Als Schulmeister hätte er aber gerne alle seine Söhne einmal im Lehrberuf gesehen und nicht den jüngsten in der unsicheren Stellung eines Musikers. Was half’s, daß der Vater sich seit jenem 28. Mai mit ihm wieder versöhnte. Als er damals heim kam, war die Mutter bereits tot. Trotzdem liebte er den Vater nicht weniger, als er die Mutter geliebt hatte. Wie schön war es immer in den Ferienmonaten, mit ihm und den Geschwistern zu musizieren. Da saß der Vater am Cellopult, die Brüder Ignaz und Ferdinand waren bei den Geigen, er spielte Bratsche. Und war er auch der jüngste, so wog beim Musizieren seine Stimme doch am schwersten. Wenn er mit schüchternem Lächeln „Herr Vater, da muß was gefehlt sein“ dazwischenwarf, ließ auch der Herr Schulmeister sich gerne korrigieren. Er wird’s ihm schon noch beweisen, so grübelt er weiter, daß er sich seines Sohnes nicht zu schämen braucht. Einmal wird er alles das hervorbringen, was er längst dunkel als große Möglichkeit in sich fühlt. Müde läßt Franz Schubert sich auf sein Lager fallen. Während er sich langsam entkleidet, summt er die Melodie eines Liedes vor sich hin, das er vor einem Jahr, in der schweren Zeit der Auseinandersetzung mit dem Vater über die Berufsfrage, komponiert hat. Mit der Melodie seines Liedes kommen ihm auch diei Verse wieder in die Erinnerung, die ihn damals innerlich aufgerührt haben: die düsteren Verse des Schillerschen Gedichtes „Eine Leichenphantasie“, in denen nach dem tragischen Tod des Sohnes der Vater erkennt: Welten schliefen im herrlichen Jungen,‘ Ha, wenn er einstens zum Manne gereift,‘ Freue dich, Vater — im herrlichen Jungen Wenn einst die schlafenden Keime gereift Wenn einst die schlafenden Keime gereift! Bei diesem Gedanken erhellt sich sein Blick, und statt des Klageliedes — es war nicht das einzige, das der Vierzehnjährige schrieb — beginnen in kunterbunter Folge Melodien und Takte seiner beiden Klaviersonaten und seiner Tanzweisen in seinem Kopf herumzuwirbeln. Sie lassen ihn, als Geschenk des Schlafgottes gleichsam, sogar seinen nagenden Hunger vergessen. Das späte Licht aus dem Kaiserlichen Konvikt zu Wien erlischt. Als Franz Schubert, mit dem Beinamen Seraphicus Peter, am 31. Januar 1797 zu Wien im „Himmelpfortgrund Nr. 72″ zur Welt kam, machte er gerade das Dutzend der Kinderschar voll, die zu ernähren den Eltern mit ihrem kleinen Schulmeistergehalt nicht eben leicht fiel. Sie konnten nicht ahnen, in welch bedeutsamer Weise man einst seinen Namen mit dem Ort seiner Geburt in Verbindung bringen vermöchte. Wurde ihnen doch mit diesem Sohne an jenem winterlichen Tage nicht nur der sinnenfrohe „Wiener Franzi“ geboren, der so sehr in die Liechtentaler Vorstadtidylle der Gärten und Heurigenschenken hineinpaßte, sondern wirklich auch noch ein Seraphicus, ein Lichtengel himmlischer Gesänge, der sich zu seinem Eintritt in die Welt just auch noch den Himmelpfortgrund auserwählte. Wenn der junge Franz im Hause des Schulmeisters, das auch die Schule beherbergte, oft genug die Sorge der Eltern um das Notdürftigste des täglichen Lebens mit verspürte, so war er doch in eine Welt und eine Stadt hineingeboren, die von nie versiegender Musik erfüllt war. In zahlreichen Häusern erklangen neben den althergebrachten Volksweisen die unsterblichen Melodien Mozarts, des Frühvollendeten, der sechs Jahre vor Schuberts Geburt, am 5. Dezember 1791, in Wien verschieden war; Joseph Haydn hatte dort zu dieser Zeit sein Lebenswerk beinahe abgeschlossen, und Ludwig van Beethovens ungebärdiges Genie bahnte sich den Weg in neue, ungeahnte Tiefen. Als Franz Schubert fünf Jahre alt war — von den Geschwistern waren mehrere gestorben —, siedelte Vater Schubert in ein etwas geräumigeres Haus, ebenfalls noch in der Vorstadt Himmelpfortgrund über; auch in diesem Hause „Zum schwarzen Bössei“ in der Säulengasse dienten einige Stuben dem Unterricht. Hatten Schuberts Eltern auch hier ihre liebe Sorge um das tägliche Fortkommen — das geringe Schulgeld der Zöglinge des Vaters, auf das er neben freier Wohnung als einzige Einnahmequelle angewiesen war, betrug monatlich nicht mehr als 1 Gulden Wiener Währung, was nach unserer Rechnung kaum mehr als 700 Mark im Jahr ausmacht —, so wurde doch alle Sorgfalt auf die Erziehung der Kinder verwandt. Und auch die Musik kam nicht zu kurz dabei. Mit kaum verhehltem Stolz schreibt der Vater über die erste Ausbildung seines Sohnes: „In’seinem fünften Jahre bereitete ich ihn zum Elementarunterricht vor, in seinem sechsten ließ ich ihn die Schule besuchen, wo er sich immer als der erste seiner Mitschüler auszeichnete. In seinem achten Jahre brachte ich ihm die nötigen Vorkenntnisse zum Violinspiel bei und übte ihn so weit, bis er imstande war, leichte Duetten ziemlich gut zu spielen; nun schickte ich ihn zur Singstunde des Herrn Michael Holzer, Chorregenten in Liechtental. Dieser versicherte mehrmals mit Tränen in den Augen, einen solchen Schüler noch niemals gehabt zu haben. ,Wenn ich ihm etwas Neues beibringen wollte‘, sagte er, ,hat er es stets schon gewußt. Folglich habe ich ihm keinen Unterricht gegeben, sondern mich mit ihm unterhalten und ihn stillschweigend angestaunt‘.“, Der Chorregent Holzer, bei dem auch die anderen Brüder Schuberts Musikunterricht nahmen, konnte sehr bald schon über Franz sagen: „Dieser hat doch die Harmonie im kleinen Finger!“ Er übertrug dem Jungen, der eine sehr wohlklingende Sopranstimme hatte, wichtige solistische Aufgaben bei der Kirchenmusik, führte ihn in die Anfangsgründe der Komposition ein und machte auch einen tüchtigen Vertreter auf der Orgelbank aus ihm. Den ersten Klavierunterricht erhielt Franz von seinem Bruder Ignaz, der den Jüngeren aber bald nichts mehr zu lehren wußte. Wohlvorbereitet hatte sich Franz Schubert 1808 als Elfjähriger zur Aufnahme als Sängerknabe in die Kaiserlich-Königliche Hofkapelle in Wien bewerben können. Mit Auszeichnung hatte er die Prüfung bestanden. Als Sänger in der Hofkapelle durfte er kostenlos im kaiserlichen Konvikt wohnen und studieren. Schon in den ersten Wochen seines Aufenthalts im Kaiserlichen Konvikt fällt es den Mitschülern auf, daß Franz, den alle recht gut leiden können, sich manchmal plötzlich mitten aus fröhlichem Treiben und lärmendem Spiel beiseite stiehlt, um ein Stück Notenpapier aus der Tasche zu ziehen und, mit seinen etwas kurzsichtigen Augen tief darüber gebeugt, ganz in sich zu versinken. Mit niemandem spricht er über sein heimliches Komponieren. Er muß allein sein in der schönen Welt seiner Phantasie, wenn er sie festhalten und bannen will. Hurtig gleitet seine kleine Hand dann übers Papier, das sich schnell mit einem lebendigen Gekräusel von Noten, Strichen und Balken bedeckt. Nur hin und wieder leet er den Federkiel beiseite und trommelt mit den kurzen, flinken Fingern den Rhythmus einer Melodie auf die Tischplatte oder aufs Fensterbrett. Gleich im ersten Winter seiner Konviktszeit befreundet er sich mit Joseph von Spaun. Der ist neun Jahre älter und stammt aus sehr wohlhabender Familie. Eine Freundschaft fürs Leben wurde daraus. Von Anfang an hat Schubert zu Spaun Vertrauen. Bereits im November 1808 gesteht er ihm: „Weißt du, ich habe schon eine Menge komponiert: eine Sonate, eine Phantasie und eine kleine Oper. Ich möchte jetzt auch eine Messe schreiben. Die Schwierigkeit besteht für mich aber hauptsächlich darin, daß ich kein Notenpapier habe und auch kein Geld, mir eines zu kaufen. Ich muß mir gewöhnliches Papier immer erst selber liniieren. Aber auch da weiß ich oft nicht, woher ich es nehmen soll.“, Der Freund hilft ihm aus der Not und versieht ihn stoßweise mit Notenpapier, das der .komponierende Schubert in unglaublichen Mengen verbraucht. Und so kommt es zu jener Auseinandersetzung mit dem sonst sehr gutmütigen Vater. Aber die Schwingen des jungen Künstlers sind schon kräftig. Sein Aufstieg ist nicht mehr aufzuhalten. Durch einige kleine Kompositionen wird Salieri, der Kaiserlich-Königliche Hofkapellmeister, bei dem auch Beethoven noch studiert hatte, auf sein Talent aufmerksam. Er beauftragt den ersten Hoforganisten, Ruczizka, den jungen Schubert im Generalbaß, in der sehr freizügigen, aber harmoniereichen Begleitung von Solostimmen, zu unterrichten. Aber bald ruft der ehrwürdige Lehrer aus: „Den kann ich nichts mehr lehren; der hat’s vom lieben Gott gelernt!“ Die liebsten Stunden im Konvikt sind für Schubert die abendlichen, an denen als Abschluß des Tages das Schülerorchester regelmäßig musiziert. Alle damals schon bekannten symphonischen und kammermusikalischen Werke Haydns, Mozarts und Beethovens werden aufgeführt. Sind die Instrumente auch schlecht und werden die in Albrechtsbergers, Haydns und Mozarts Quartetten vorkommenden Fugen auch mehr taktfest als klangvoll herabgescharrt, so bereitet das Spiel jedes Mal großes Vergnügen, dient es doch auch der Kenntnis immer wieder neuer Werke der Meister. Es kommt ja nicht auf die technische Vollendung, sondern auf das innere Erleben an. Das aber ist bei Schubert von unbegrenzter Tiefe. Mit großer Begeisterung wirkt er als Violinspieler im Orchester mit. Als einer der Jüngsten im Konvikt versieht er ein paar Jahre lang nebenher auch noch geduldig das lästige Amt des ,,Kapelldieners“, zieht abgerissene Saiten auf, kümmert sich um die Unschlittkerzen, legt die Stimmen auf und verwahrt Instrumente und Noten. In der Kirche ist er als Sängerknabe zuerst dem Sopran, dann der Altstimme zugeteilt. Als Fünfzehnjähriger scheidet er mit dem Stimmbruch von den Sängerknaben aus. Mit rauher Bubenhand vermerkt er auf der Altstmime einer Messe von Peter Winter: „Schubert Franz. Zum letztenmal gekräht den 26. July 1812.“ über ein Jahr noch bleibt er im Konvikt. Er vertieft sich in die Dichtung, wobei er vor allem Goethe immer mehr lieben lernt, und in die allgemeinen Studien. Mittelpunkt bleibt aber auch weiterhin die Musik. Dann plötzlich überkommt ihn die Erkenntnis, daß er sich zu seinem musikalischen Schaffen ganz frei machen muß. Er verzichtet auf den ihm „allergnädigst verliehenen Stiftungsplatz“ und verläßt als Sechzehnjähriger das Institut. Eine Reihe von Klavierstücken, Kompositionen für Blasinstrumente, Streichquartette, Ouvertüren, Kantaten, Kanons, Arien, Singspielmusiken und Liedern hat er bereits geschrieben, als er am 28. Oktober 1813 seine erste Sinfonie in D-dur vollendet. „Finis et fine“ schreibt er aufatmend unter die Partitur. Das sollte bedeuten, daß mit dem Abschluß dieses Werkes nun auch seine Schülerzeit zu Ende ist. Er widmet die Sinfonie dem geistlichen Hofrat Innozenz Lang, dem Direktor des Kaiserlichen Konvikts, zum Abschied. Lichte, helle Ferne Der Weg in die Freiheit ist schwer zu erkaufen. Kaum heimgekehrt ins Haus des Vaters, erreicht ihn der Einberufungsbefehl zum Militär. Soldat aber will Franz Schubert nicht werden. Vierzehn Jahre müßte er sich zum Dienst verpflichten. Mit aller schöpferischen Arbeit wäre es zu Ende. Was kann er tun? Es gibt nur einen Ausweg: Er muß sich zum Lehrberuf entschließen. An Lehrern herrscht in Österreich zu dieser Zeit gerade Mangel, und jeder, der sich diesem Beruf zuwendet, wird vom Militärdienst befreit. Auf diese Weise sollte sich der Wunsch des Vaters nun doch noch erfüllen. Mit geringer Lust besucht Schubert die Lehrerbildungsanstalt St. Anna in Wien. Er ist kein eifriger Lehramtskandidat. In zehn Monaten eignet er sich gerade so viel pädagogische Kenntnisse an, daß er die Prüfung am 19. August 1814 mit mäßigem Erfolg besteht. Was bedeutet ihm auch schon die rückständige amtliche Schulpädagogik? Und was macht es ihm aus, wenn seine praktischen Kenntnisse im Zeugnis nicht eben gelobt werden? Hat er nicht in aller Stille während der Zeit des Lehrerkurses bereits ein großes Kirchenwerk, eine Festmesse, geschrieben? Sein Schulgehilfendasein, das er nach Abgang aus dem Lehrerseminar an der Schule des Vaters in der Säulengasse auf sich nimmt, wird bald durch ein festliches Ereignis erhellt. * Es ist der 16. Oktober 1814: Die Liechtentaler Pfarrkirche feiert ihr hundertjähriges Jubiläum. Dicht gedrängt stehen die Gläubigen zum Hochamt in den Bänken und im Kirchenschiff. Girlanden, Blumengebinde und bunte Fahnen geben dem barokken Gotteshaus ein noch festlicheres Gepränge. Droben auf der Orgelempore herrscht erregte Erwartung. Eng stehen die Sänger und Musiker zusammen, denn es ist große Besetzung. Streicher, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Trompeten, Pauken und Posaunen müssen Platz finden. Der alte Michael Holzer strahlt vor Freude. An der Orgelbank sitzt Ferdinand Schubert. Unter allen der jüngste ist Franz, dessen Messe heute aufgeführt wird. Mit glühendem Feuer und meisterhafter Umsicht dirigiert der Siebzehnjährige sein Werk. Auch nicht einen Einsatz vergißt er zu geben. „Der dürfte schon dreißig Jahre Hofkapellmeister sein so könnte er es auch nicht besser machen“, sagen die erfahrenen Musiker. Sie wissen nicht, welche Kräfte es sind, die den jungen Dirigenten außer seiner gottesdienstlichen Musik noch beflügeln. Die sechzehnjährige Seidenhändlerstochter Therese Grob, die mit bezaubernder Stimme und wunderbarer Einfühlung die Sopran-Soli sang, hätte es erahnen können. Sie ist Franz Schuberts erste Liebe. Drei Tage nach diesem glanzvollen Ereignis flüchtet der junge Komponist nach dem Schuldienst hinaus in den herbstbunten Laubwald der Hügel um Wien. Aber auch dort findet er diesmal keine Ruhe. Das Bild des Mädchens vor Augen, kommen ihm die Goetheschem Verse in den Sinn: Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer; Ich finde sie nimmer Und nimmermehr. Mein armer Kopf Ist mir verrückt, Mein armer Sinn Ist mir zerstückt. Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer; Ich finde sie nimmer Und nimmermehr. Er wiederholt die Verse immer wieder, bis sie ihm zu Musik geworden sind. Daheim in seiner Kammer bringt er in einem Zuge die Melodie zu Papier. Unter den mehr als zwei Dutzend Liedern, die er bis jetzt schon geschrieben hat, ist das sein erstes wirklich bedeutendes. Therese Grob hat einen anderen geheiratet. Doch Schubert vergaß sie nie. Auf den Einwand, daß sie doch gar nicht hübsch gewesen sei, erwidert er noch in späten Jahren: ,,Aber gut war sie, herzensgut.“ Sechsundzwanzig Lieder nach Texten von Goethe, Schiller, Matthisson und anderen Dichtern, sowie des späteren Freundes und Zimmergenossen Johann Mayrhofer, hat Schubert in diesem Jahr noch geschrieben, dazu ein Streichquartett und den Anfang seiner zweiten Sinfonie. Ganz unbegreiflich aber bleibt die Schaffensfülle des nächsten Jahres, in dem die zweite und dritte Sinfonie vollendet werden; hundertvierundvierzig Lieder entstehen, fünfundvierzig nach Texten von Goethe, sowie zwei Messen und vier Singspiele. Dabei versieht Schubert immer noch den Schuldienst, den er als sehr hemmend empfindet. Unter den vielen Liedern dieses fruchtbaren Jahres findet sich auch die berühmte Vertonung der Goetheschen Ballade vom „Erlkönig“. Der alte Konviktskamerad Spaun, mit dem Schubert immer noch eng befreundet ist, kommt eines Nachmittags zusammen mit dem Dichter Mayrhofer zu einem Besuch hinaus in die Vorstadt, in den Himmelpfortgrund, wo Schubert im elterlichen Hause wohnt, über diesen Besuch berichtet er: „Wir fanden Schubert ganz glühend, den Erlkönig aus einem Buch laut lesend. Er ging mehrmals mit dem Buche auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in kürzester Zeit stand die herrliche Ballade auf dem Papier. Wir liefen damit, da Schubert kein Klavier besaß, ins Konvikt, und dort wurde der Erlkönig noch denselben Abend gesungen und mit Begeisterung aufgenommen. Der alte Hoforganist Ruczizka spielte ihn dann selbst ohne Gesang in allen Teilen aufmerksam und mit Teilnahme durch und war tief bewegt über die Komposition.“ Als einige der Zuhörer eine Dissonanz streichen wollten, die Schubert als Ausdruck des Schreckens und Schauers an die Stelle setzte, wo nach dem Text das Kind aus Angst vor dem gespenstischen Erlkönig „Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an…“ ausruft, da verteidigte der alte Meister, der sonst nie in seinem Leben eine Dissonanz durchgehen ließ, diese Stelle und bezeichnete sie sogar als besonders treffend und schön. Wenn die Freunde ihrer Bewunderung über Schuberts Genie Ausdruck geben, so wehrt er bescheiden ab: „Ja, das ist halt ein gutes Gedicht, da fällt einem sogleich was Gescheites ein, die Melodien strömen herzu, daß es eine wahre Freude ist.“ Tatsächlich wird sein literarisches Urteil immer sicherer. „Bei einem schlechten Gedicht geht nichts vom Fleck“, sagt er, „man martert sich dabei und es kommt nichts als trockenes Zeug heraus. Ich habe schon viele mir aufgedrungene Gedichte zurückgewiesen.“. Sein Lieblingsdichter ist Goethe. Immer wieder kehrt er zu ihm zurück, und die Texte, die er sich auswählt, entsprechen stets seiner eigenen, inneren Gemütslage. Sein Lebensgefühl aber reicht von ausgelassener Heiterkeit bis zu tiefer Schwermut. In den Heurigenschenken, bei einem Glas Wein im Kreise der Freunde, ist der junge Komponist immer recht froh und unbeschwert. Daheim aber notiert er in sein Tagebuch: „Leichter Sinn leichtes Herz. Zu leichter Sinn birgt meistens ein zu schweres Herz.“ Ganz im Herzen vergißt er nie die andere, schönere Welt, die Welt der Kunst und der Phantasie, zu der hin seine Sehnsucht ständig strebt und die er mit seinen Melodien immer wieder beschwört. Im gleichen schaffensreichen Jahr 1815, in dem schon der „Erlkönig“ und das innige Liebeslied „Freudvoll und leidvoll . . .“ entstanden sind, vertont Schubert auch die Goetheschen Verse der Mignon: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide!“. Und dann das Lied des Harfners: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte! Franz Schubert kennt die kummervollen Nächte. War doch sein ganzes Leben bisher ein Kampf des Genius mit der Unzulänglichkeit kleinlicher Verhältnisse. Nun, wo er dem Konvikt und der Lehrerbildungsanstalt entwachsen ist, plagt er sich in einem Beruf ab, den er nicht liebt. Öfter als sonst grübelt er jetzt über sein Leben nach. Er ist nicht zufrieden mit der Rolle, die das Schicksal ihm zugewiesen hat. Längst weiß er: „Ich bin für nichts als für das Komponieren auf die Welt gekommen.“ An der Deutschen Normalschule zu Laibach in Jugoslawien, der alten Hauptstadt des österreichischen Herzogtums Krain. ist die Stelle eines Musikdirektors ausgeschrieben. Im April 1816 bewirbt sich Schubert bei der „Hochlöblichen k. k. Stadthauptmannschaft“ in Wien „untertänigst, ihm die erledigte Musikdirektorenstelle zu Laibach in Gnaden zu verleihen“. Aber das Gesuch hat keinen Erfolg. Noch immer sind die äußeren Umstände stärker als Schuberts innerer Wunsch nach größerer Schaffensfreiheit. Er ist enttäuscht, zuweilen hadert er auch etwas mit seinem Schicksal. Dann philosophiert er wieder und schreibt in sein Tagebuch: „Der Mensch gleicht einem Balle, mit dem Zufall und Leidenschaft spielen. Mir scheint dieser Satz außerordentlich wahr. Ich hörte oft von den Schriftstellern sagen: Die Welt gleicht einer Schaubühne, wo jeder Mensch seine Rolle spielt. Beifall und Tadel folgt in der anderen Welt. — Eine Rolle aber ist aufgegeben, und wer kann sagen, ob er sie gut oder schlecht gespielt hat? Ein schlechter Theaterregisseur, welcher seinen Individuen solche Rollen gibt, die sie nicht zu spielen imstande sind!“, Der Eintrag stammt vom 8. September 1816. Schubert wird die Rolle des Schulgehilfen nicht lange mehr weiterspielen. Zu tief ist er schon in die Welt der Kunst verwoben. Immer wieder holt er sich Trost und Zuversicht aus der Musik. Besonders Mozarts Melodien erschließen ihm ein besseres und lichteres Reich. Nach einem Konzert, am 13. Juni 1816, notiert er: „Ein heller, lichter, schöner Tag wird dieser durch mein ganzes Leben bleiben. Wie von ferne leise hallen mir noch die Zaubertöne von Mozarts Musik. Wie unglaublich kräftig und wieder so sanft ward’s ins Herz tief, tief eingedrückt. So bleiben uns diese schönen Abdrücke in der Seele, welche keine Zeit, keine Umstände verwischen, und wohltätig auf unser Dasein wirken. Sie zeigen uns in den Finsternissen dieses Lebens eine lichte, helle, schöne Ferne, worauf wir mit Zuversicht hoffen. O Mozart, unsterblicher Mozart, wie viele, o wie unendlich viele solche wohltätige Abdrücke eines lichteren, besseren Lebens hast du in unsere Seelen geprägt.“ Nächtelang sitzt er nach solchen Erlebnissen vor einem Stoß Notenpapier. Stunde um Stunde verrinnt. Nicht einmal das dumpfe Schlagen der Turmglocke erreicht sein Ohr. Blatt um Blatt bedeckt er mit den hastigen Zügen seiner Schrift. Es ist, als ahne er, wie unerbittlich kurz ihm die Stunden seines Lebens zugemessen sind. In das große dramatische Werk in c-moll, die Tragische Sinfonie, die er jetzt schreibt, legt er Ahnung, Trauer und Aufbegehren seines eigenen Geschicks. Aber immer noch muß er ringen um die selbständige Form. Manchmal glaubt er den Mut zu verlieren vor den hohen, unerreichbar scheinenden Vorbildern. In der B-dur-Sinfonie des gleichen Jahres 1816 klingen sie an: Mozart, Haydn und Beethoven. Aber der Neunzehnjährige meistert die klassische Form, die er noch allzu wichtig nimmt, schon sicher und gut, und im letzten Satz dieser seiner 5. Sinfonie, die zu den meistgespielten seiner Werke zählt, kommt, in der Führung der Melodie und in harmonischen Wendungen, bereits sein eigenes Wesen zum Durchbruch. Nach einer so durchwachten Schaffensnacht,‘ in der alle Kräfte seines Geistes und Herzens erschöpft sind, empfindet er den Dienst in der Schule nur um so drückender. Wie hätte er auch seine Gedanken plötzlich vom lichten Reich seiner Tondichtung abzuziehen vermocht, um sie, eingesperrt in die dumpfe Schulstubenluft, ganz der Schar seiner Abc-Schützen zuzuwenden? „Stets wenn ich dichtete“, erzählt er später einmal, „ärgerte mich diese kleine Bande so sehr, daß ich regelmäßig aus dem Konzept kam.“ Seine Melodien begleiten ihn auf Schritt und Tritt. Sie drängen nach Gestaltwerdung. Aber er fühlt sich gefesselt und manchmal wie ein Fremdling auf dieser Welt Seine Heimat ist anderswo. Sie ist in jener lichten, hellen und schönen Ferne, die Mozart ihn erahnen ließ. Das Verlangen nach ihr diktiert ihm die Melodie zu einem seiner schönsten Lieder, das seinen Namen noch weit hinaus in die Welt tragen sollte, zu dem Lied „Der Wanderer“, das er nach einem Gedicht von Schmidt von Lübeck vertont: Ich komme vom Gebirge her, Es dampft das Tal, es braust das Meer. Ich wandle still, bin wenig froh, Und immer fragt der Seufzer: wo? Die Sonne dünkt mich hier so kalt, Die Blüte welkt, das Leben alt, Und was sie reden, leerer Schall. Ich bin ein Fremdling überall. Wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht, geahnt und nie gekannt! Das Land, das Land so hoffnungsgrün, Das Land, wo meine Rosen blühn, Wo meine Freunde wandeln gehn, Wo meine Toten auferstehn, Das Land, das meine Sprache spricht, O Land, wo bist du? Ich wandle still, bin wenig froh, Und immer fragt der Seufzer: wo? Im Geisterhauch tönt’s mir zurück: „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!“ Wie in allen seinen Liedern, läßt Schubert auch hier Wort und Ton zu unlöslicher Einheit verschmelzen. Er ist der Schöpfer des durchkomponierten und wandlungsreichen Kunstliedes. Alle Liederkomponisten vor ihm, auch so bedeutende wie die musikalischen Berater Goethes, Reichardt und Zelter, haben von einem Gedicht immer nur eine Strophe vertont. Die Melodie dieser Strophe wurde dann auf alle anderen angewandt. Schubert dagegen versenkt sich ganz in den dichterischen Text und folgt jedem Wandel der Stimmung, jeder Bewegung des Gefühls und jeder Veränderung des Inhalts dadurch, daß er Vers für Vers einzeln in die angemessene musikalische Form überträgt. Er hat dem Lied den Weg aus der Enge der Wohnstuben heraus in den großen Konzertsaal erobert und es so zur selbständigen Kunstform erhoben. Das hat es vorher noch nie gegeben. Im öffentlichen Musikleben kannte man nur Kantaten und Kirchengesänge oder die der Oper zugehörigen Formen der italienischen Arie und Arietta. In frühen Jahren schon erweist Schubert sich als ein König der Lieder.

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