Franz Blei – Männer und Masken – Bildnis eines Boxers

Franz Blei (1871 - 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift "Hyperion"und Übersetzer.Er  emigrierte 1933 in die USA
Franz Blei (1871 – 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift „Hyperion“und Übersetzer.Er emigrierte 1933 in die USA

Bildnis eines Boxers

Mit dem Namen, den er heute als seinen dritten oder vierten trägt, steht er nicht im Taufregister seiner Pfarrgemeinde als das zweite Kind irgendeiner geborenen Soundso, verehelichten Krause oder Huber. Wie er gerufen wird, das ist wichtiger, als wie er heißt. Die Behörde, die ihm einen Paß ausstellt, sie fühlt den Embryonamen staatlicher Polizei und bürgerlicher Reputation so nebensächlich, daß sie das »genannt« vor den anderen drei Benennungen des Helden zweimal unterstreicht. Man ist nah am Mythischen, wo der namenlose Gott mit vielen Namen angerufen wird.

Über den Rändern des Schulbuches, vor dem der Zwölfjährige nächtens saß, brandete die See: Traum des Jungen von der Welt. Nebenan tönte das Schnarchen des arbeitsmüden Alten, die Mutter war im Kino, die Schwester steckte in den Polstern und las bei der Kerze glühend den Roman der Zeitung. Der Bub bestrich seine Muskeln mit Talk, um sie geschmeidig zu machen, ließ bei fünfzehn unter Null das Fenster offen, um in frischer Luft zu schlafen. Der Vierzehnjährige rauchte nicht und trank nicht. Mädchen lockten ihn nicht von den kleinen Lastern des Alters, denn er übte diese nicht, und die Spannung seines Leibes löste er nicht in den Krämpfen eines bereiten Schoßes. Er folgte aber darin weder einer Mahnung noch einer Erfahrung. Er hielt von Mahnungen gar nichts, und das ganz Animalische seines Wesens bewahrte ihn vor Erfahrungen, aus denen eine Lehre zu ziehen. Immer noch geschieht in Menschengeburten solches Wunder, daß irgendeinem Elternpaar ein Wurf gelingt so vollkommenen Leibes, als ob es nicht zweitausend Jahre Christentum und zweihundert Jahre Industrie gegeben hätte. Aus muffiger Hinterwohnung, aus Feuchtpilz und Mauerkrätze schießt ein grünes Reis in Saft, biegt sich nicht, krümmt sich nicht, wandelt nicht Leibeskraft in Schlauheit. Sucht mit allem Nerv der Witterung nur den andern Boden, den andern Raum zum Weiterwuchs, und findet ihn. Mit fünfzehn ging er auf einer Segelbrigg über See. Blieb auf dem Wasser drei Jahre lang und bekam die erste Disziplin, die er brauchte: das Gebot der Natur. Nur im schlauen Kampf gegen die eigene Natur und in ihrem Opfer, Stück um Stück, wird aus dem Ebenbild Gottes das affenhafte Jammerbild des heutigen Menschen, indem er so Stück um Stück seines Leibes der Illusion zu fressen gibt, damit diese zu Fleisch komme, sei diese Illusion Geschäft, Familie, Staat oder sonst was. Ja, auch Gott. Nur die asketische Größe des Opfers versöhnt hier mit dem, der es bringt. In einer seltsamen Bruderschaft ist aber dem Heiligen, der den kurzen Zwecksetzungen dieser Welt entsagt, der Mensch der Arena verbunden, denn auch er lebt im Weltsinne zwecklos. Nur der Bankbeamte, der seine Leibesfülle zu mindern boxt, wird sagen können, daß das Boxen einen Zweck habe, indem es gesund sei. Das ist aber so wenig ein Boxer, wie der Herr, der vor seiner Bureauzeit eine Stunde einen Gaul schindet, ein Reiter ist. Die Herren werden ja auch einen Trambahnschaffner, der zwanzig Mark wechselt, nicht einen Bankier nennen.

Auf der Brigg bekam er seinen ersten Namen: die Jungfer. Weil er über manche Scherze rot wurde, seinen Leib mit Sorgfalt pflegte, sein Essen nicht hinunterschlang und am Lande in keine schlechten Häuser ging.

Rudolf Grossmann -  1882 - 1941 - Zwei Boxer (aus der Mappe Boxer) - 1921
Rudolf Grossmann – 1882 – 1941 – Zwei Boxer (aus der Mappe Boxer) – 1921

Die Bändigung der sinnlos waltenden Natur ist die Zucht, die sich der Mensch gibt, um sich einzuordnen in das Ganze der Welt. In das Ganze, nicht in irgendwelche zweckhaften Erfindungen, die dem Tage dienen und damit der Laune oder dem Irrsinn irgendeines mit der Willkür des Geldes oder der Tresse Herrschenden. Dem Befehle eines Bureauchefs zu gehorchen, wäre der Siebzehnjährige ganz unfähig gewesen: er hätte den Teilsinn dieser Teilordnung nach einem ausgedachten Zwecke aus seiner Natur heraus abgelehnt. Bürgerlich gesprochen: in der polizierten Welt wäre er immer ein renitenter Bursche geblieben. Dem Blick des Steuermanns ordnete er sich ganz diensthaft unter, denn er verstand ihn: Wind, Wasser, Fahrt gaben das nichts als anzuerkennende Gesetz, dessen bester Kenner eben der Mann am Steuer war. Das verstand sich von selber. Der Tüchtigste ist der Herr, der Tüchtigste im Kampf mit den Elementen, nicht mit dem bloß scheinbar Widerspenstigen im Menschen einer anderen Meinung oder Absicht. Hier ließ sich ja jedes Wort allsofort verifizieren. Es gab keine Meinungen, keine Dafürhaltungen. Ein Mensch wie unser Held wird sich aus den besten und schönsten Meinungen über die Welt nichts machen, aber alles aus der Welt.

Mit dem gelben Fetzen am Wimpel wegen eines Sterbenden aus der Besatzung der sieben Mann mußte die Hamburger Brigg im Außenhafen von Buenos Aires Quarantäne halten. Nach vier Tagen litt es den Jungen nicht mehr. Er ließ sich des Nachts über den Bordrand und schwamm an Land. Es wurde hell im Osten, als er in den leeren Viehwagen eines Zuges kroch. Als er aufwachte, stand die Sonne tief. Langsam rollte der Zug. Vieh zu Tausenden weidete, jagte in der Grassteppe bis an den Horizont. Er war hungrig. Er schwang sich aus der aufgeschobenen Tür auf den Damm, Hemd und Hose in ein Bündel gedreht, das er in der Linken hielt, so wie er es schwimmend über seinem Kopfe gehalten hatte. Erkletterte die jähe Böschung hinunter, stand an einem träge fließenden Wasser. Watete ans andere Ufer, einen guten Steinwurf weit. Als er den Boden verlor, schwamm er, den Kopf im Wasser, den Arm mit dem Bündel in der golddurchstaubten Luft. Das von seinem braunen Leib – wie eine Lohe über Kohlen stand der blonde Schopf – abrieselnde Wasser gab den zuvor weich ineinander fallenden Gliedern mit den Reflexen des Lichtes die Plastik des einzelnen. Wie der Firnis über dem Bilde dessen Lichter und Tiefen herausholt. Den einen Fuß auf einen großen Rundstein gestellt, stand er wie David über dem Haupte des Goliath, achtzehnjährig, auf dem Gipfel männlicher Schönheit, wo das betrachtende Auge manchen Muskel noch nicht sieht, aber weiß, daß er da ist. Wo sich die Kraft noch hinter einer zärtlichen Schwäche versteckt. Und der Satz der Alten sich mit Glorie beweist: Die Hälfte ist mehr als das Ganze.

Vier Jahre blieb er auf der Steppe. War Viehhirt, ritt die wilden Pferde zu, warf den jungen Stier bei den Hörnern, oder sprang ihm vom galoppierenden Pferde auf den Nacken, unbekümmert um den bogenweiten Sturz, war der Stier der Geschicktere. Roß und Reiter lernte er mit zwei Lassowürfen schmeißen. Und er zivilisierte sich: betrank sich, ohne die Sinne zu verlieren, ritt Sonntags mit den anderen zur Messe, warf, kam ihm Lust danach, das Mädchen auf den Rücken. Denn nichts ist gegen die Gefühle zu sagen, solange wir ihrer Herr bleiben. Man nannte ihn den gelben Bill, seiner blonden Haare wegen. Und man hatte ihn gern, seiner jungen Kraft wegen. Denn nur die Schwäche ruft den Haß hervor. So unter Männern. Nicht vier Jahre wäre er in dem wilden, nur schwach geregelten Leben geblieben und hätte die Arbeit mit Rind und Pferd getan, mit Büchse und Lasso, wäre nicht die härtere Regel des Sportes gewesen, der sich ein kleiner Teil der Burschen unterwarf: dem Ringkampf, dem Lauf, dem Boxen in der klassischen Form der bloßen, nackten Faust. Da war ein älterer Champion des Ringes im Kamp, einarmig aus dem Kriege heim, und zurück zu den Genossen seiner jungen Jahre. Der Einarm war sein erster Lehrer. Den er einmal belehrte, als hätte er an den Satz Goethes gedacht: »Mir ist eine Ungerechtigkeit lieber als eine Unordnung.« Der Richter entschied einmal zu Unrecht gegen den Einarm, und der protestierte mit heftigen Worten. Da legte der um gut zehn Jahre jüngere Bill dem Fluchenden die Hand auf den Mund ohne ein Wort. Der Ältere begriff und schwieg. Als ob er an den Satz bei Aristoteles dächte, der vom Gymnasium verlangt, daß es einen in den Strategemen geschickten Geist schaffe, eine Seele kühn und klug, wagemutig und hinnehmend. Könnte dies nicht genau so in den Regeln eines guten kämpferischen Mönchsordens stehn? Diese Disziplin, welche die Hinnahme als eine hohe Tugend lehrt, genau wie die römische Kirche, reinigt den Mann vom Egoismus und der Eitelkeit, diesen beiden Gefahren, allen denen drohend, die auf sich und ihr Tun nicht achten mit größter Aufmerksamkeit.

Als der gelbe Bill zum erstenmal den Ring betrat, in Montevideo, nannte er sich, seinem Lehrer zu Ehren, wie dieser, Simone Guaja. Den Namen, den er heute trägt, gab er sich vor seinem berühmten Kampfe in New York, wo Rowlands sein Gegner war, und er einem blitzschnellen Chancery holding erlag, das der Ringrichter nicht merkte, aber das der Besiegte schweigend hinnahm. Und er hieß auch seinen Trainer, der protestieren wollte, schweigen, denn »mit dem Maul kämpfen nur Weiber«, sagte er.

Im geläufigen Sinn heutiger ganz femininer Kultur ist dieser Boxer so sehr ein Mann, daß ihn die Empfindsamen, die Schwärmer, die Intellektuellen und die Frauenspersonen – diese mit einem kleinen halben Lustschrei – ein schönes, aber doch ein Tier nennen werden. Wo er nichts ist als ein Mann, ein heute allerdings seltenes Exemplar, nämlich ein männischer Mann. Ganz unzerteilt, ganz unromantisch, ganz unchristlich, ganz ungebildet, ganz unpolitisch. Er verstünde die Frage nicht an sich zu richten oder gar zu beantworten, warum er in den Ring steigt. Wir würden sagen, aus Tugend, virtus, also Wertbewußtsein. Er hat keinerlei Träume eines andern als seines Lebens. Er will nicht verdienen, um … Er ist römisch-katholisch, aber gar nicht jenseitig. Gar nicht revolutionär und gar nicht utopistisch. Der Orient ist ihm naturfremd. Sein Mitleid vergießt keine Tränen. Das Evangelium hat er nie gelesen. Aber er geht zur Messe. Er ist gütig. Weil er es ja doch erfahren hat, daß es wohl tut, blickt ein Auge sorgvoll auf den vom Schlage Betäubten, wischt eine gute Hand das Blut.

Ist es nicht deshalb, ist es nicht, weil es solche Männer immer noch möglich gibt, daß wir weiter die Griechen lesen? Bei Xenophon etwa vom Sokrates, daß er mit raschem Blick eines jeden Athleten besondere Artung erkannte.

Autor Franz Blei
Titel Männer und Masken
Verlag Ernst Rowohlt Verlag
Auflage 1. – 4. Tausend
Jahr 1930
Erstmals erschienen 1930

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