Jura Soyfer • François Villon • Der unsterbliche Lump

Das war vor rund fünfhundert Jahren. Frankreich seufzte, stöhnte, brüllte in Wehen, die – von fernher erst – die Geburt einer neuen Ordnung ankündigten. In einem schier endlosen Krieg gegen England hatte das Rittertum Wunden empfangen, von denen es nicht mehr genas. Im Verfall der adeligen Grundherrschaft wurde der Weg für das erstarkende städtische Gewerbe, für den neureichen »bourgeois-gentilhomme«, für die Macht einer zentralisierten Beamtenschaft und für jene absolutistischen Könige, die jahrhundertelang zu Häupten des neuen Systems thronen sollten. Der Weg wurde gangbar. Aber er war mit Leichen und Ruinen übersät. In Paris waren Tausende von Häusern verödet und alle Friedhöfe überfüllt. Mord, Brand, Pestilenz besaßen das Bürgerrecht. Menschen jeden Schlages, jeder Abstammung, Entwurzelte dieses gewaltigen sozialen Umbruchs füllten in ungezählten Scharen die Gefängnisse und die Bettlerkolonien. Im volkreichsten Teil der Stadt befand sich der Friedhof »des Saints-Innocents«. Weil in den Gräbern kein Platz mehr blieb, lagen in den Arkaden ringsherum Skelette und Leichen aufgeschichtet. Und ebendort war der sonntägliche Korso der Lebenden, wurde tagsüber Jahrmarkt abgehalten, wurde nachts gerauft und geliebt. So stand es um dieses Paris des fünfzehnten Jahrhunderts: Aufstieg und Untergang, Prunk und letztes Elend, Leben und Tod wohnten Tür an Tür.
Francois_VillonTür an Tür wohnten in der Seele des Menschen die Weltanschauungen der vergehenden und der kommenden Zeit. Noch lebte und dozierte die Scholastik des Mittelalters. Sie betrachtete die Erde als eine Durchzugsstation via Jenseits. Was dem sterblichen Teil des Menschen hienieden an Lust und Qualen widerfahren mochte, schien bedeutungslos in einem gewaltigen, bis ins kleinste ausgeklügelten System von Hölle, Fegefeuer und Paradies.
Aber schon regten sich die Gedanken einer sinnenfreudigeren Epoche. Einer Epoche, da das Lächeln der Mona Lisa und die Künste der doppelten Buchführung die Welt erobern sollten … Und was vorderhand herrschte, war das wüste Chaos einer Zwischenzeit.
In dieses Chaos hineingeboren, fand François Villon sich nicht zurecht. Sein Vater war einer jener armen Pächter, die, um Land und Vieh geprellt, in die Stadt zogen, bettelnd, hungernd, einer schlechtbezahlten Arbeit nachjagend – die ersten Elemente des künftigen Proletariats.
Sein Adoptivvater hingegen, ein wohlhabender Kaplan, lehrte François lesen, schreiben, biblische Geschichte und Latein, sandte ihn auf die Universität, wo François jenes theologische Weltbild des Mittelalters studierte, wollte aus François einen braven Geistlichen machen.
François wurde kein braver Geistlicher. Ein lang andauernder Studentenstreik warf ihn aus der Bahn des Studiums. In Schenken und Freudenhäusern lernte er höchst unheilige Dinge. Sehr bald zählten zu seinen Professoren nicht nur Säufer und Dirnen, sondern auch Diebe und Mörder. Manchmal, sein Wams vom Dreck dieser untersten Schichten reinigend, betrat er zwischendurch den Salon eines Aristokraten, wo feinsinnige Komplimente und gelehrte Dispute durcheinanderschwirrten. So durchmaß er, unaufhörlich umhergeschleudert, das wüste Gefilde seiner Zeit kreuz und quer, zur Höhe und zur Tiefe – ohne Halt und Ziel. War ein Günstling erlauchter Fürsten; Mitglied von Räuberbanden; Herzliebster von Dirnen; Opfer von Folterknechten. Wie er geendet hat, wissen wir nicht.
Keineswegs war Villon in seiner Zeit eine Einzelerscheinung. Solcher armen Scholaren, schwankend zwischen Himmel und Hölle, gab es Tausende.
Was ihn einzigartig gemacht hat und unsterblich, ist, daß er für sie alle gesprochen hat. Und für alle jene Scholaren, die ihnen im weiteren Verlaufe der Geschichte nachfolgen sollten.

Denn es ist kein Zufall, daß Villon, durch viele Jahrhunderte vergessen, gerade um die Wende des unseren wieder bekannt wurde. Kein Zufall, daß seine große Auferstehung in deutscher Sprache (in der »Dreigroschenoper«) im fieberhaft bewegten Berlin des Jahres 1927 erfolgte. Bert Brecht, an einer alten Welt verzweifelnd und noch nicht auf einer neuen gelandet, konnte in seiner damals noch ratlosen Skepsis auf keinen besseren Kumpan stoßen als Villon.
Alles, was der entwurzelte Intellektuelle in einer Zeit zwischen zwei Zeiten durchmachen kann, hat dieser vor einem halben Jahrtausend ausgesprochen. Woran sich halten, wenn das bestehende Begriffssystem zusammenbricht und ein neues noch nicht greifbar geworden ist?

Nichts war dem Mittelalter selbstverständlicher als ein Fortleben nach dem Tode mit genauester Abgrenzung des Aufenthaltsortes. Aber den armen Villon quält schon die Frage nach dem Schicksal der Toten:

Heilge Jungfrau, sag, wo sind sie bloß?
Ja, wo ist der Schnee vom vorigen Jahr?

Und wenn man so fragt – kann man noch an die Wertlosigkeit irdischer Dinge glauben? Nein:
Da merkte ich, wie man dem Gram entkam –
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Verzeihe deinen Feinden, und auch dir wird verziehen werden, lehrte man den Theologiestudenten Villon. Er predigt es ein wenig anders weiter:

Man schlage mit gezackten Hippen,
Bleikugeln, Eisenhämmern drein,
Zerdresche ihnen alle Rippen!
Doch bitt ich sie, mir zu verzeihn.

Aber ach! Ihm ist gar nicht wohl bei solch verbrecherischen Reden. Ein ungeheurer Katzenjammer ergreift zuweilen den armen Ketzer. Er sinkt in die Knie:

Du Königin des Himmels und der Erde,
Hoch über Höllen thronst du wunderbar,
Oh, gib mir, daß ich aufgenommen werde,
Ich armes Christenweib, in deine Schar
Erwählter – wenn ich’s auch nie würdig war!
An Gnade reicher du als ich an Sünden,
Die Seele kann ins Himmelreich nur münden,
Wenn dein Erbarmen es der armen bot.
Und dein Erbarmen muß auf Wahrheit gründen,
Das glaube ich im Leben und im Tod.

Wie aber löst sich dieser Widerspruch? Welcher Villon hat recht: der saufende Halsabschneider oder der zerknirschte Büßer? Er weiß es selbst nicht. Er findet nicht die Lösung. Alles, was er vermag, ist, seinen unlöslichen Widerspruch hinauszusingen, weinend, grinsend, übermannt von der eigenen Ratlosigkeit:

Nichts ist mir sicher, als das nie Gewisse,
Und dunkel nur, was allen andern klar;
Und fraglich nichts, als das für sie Gewisse,
Denn nur der Zufall meint es mit mir wahr,
Gewinner stets, verspiel ich immerdar …

Fünfhundert Jahre sind vergangen. Es geht um andere Probleme als die, die Villon zerfraßen. Aber wieder überschneiden zwei Zeitalter einander. Wieder schwanken auf der Grenzlinie Tausende von armen Scholaren hin und her: leidend an der eigenen Skepsis, mit zynischem Lachen ihre Seelennot maskierend, alles und nichts wissend, spöttelnd und erschreckend über den sonderbaren Hang, der sie, wie jeden Entwurzelten, zur Sympathie mit dem Verbrecher treibt, die Erlösung verhöhnend und um Erlösung betend.
Ihr Vorfahre ist Villon, der genialste Bohemien aller Zeiten.

trennlinie2Aus: Jura Soyfer: Die Ordnung schuf der liebe Gott

Jura Soyfer – Briefe, Gedichte, Kurze Prosa
Verlag Philipp Reclam jun.
1979

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