Fauna | Über den C-Falter & das Pfifolter von Otto von Greyerz

Der C-Falter ist der Schmetterling mit dem kürzesten Namen. Das kleine, weiße halbrunde Mal auf der Unterseite seiner Hinterflügel ist charakteristisch und namengebend. Er ist einer unserer seltsamsten Tagschmetterlinge, nicht durch seine Farben, sondern durch die Form extravagant. Die Konturen seiner Flügel lösen sich auf in Buchten und Zacken; wenn er mit zusammengelegten Flügeln ruht, wird er fast unsichtbar in seiner Umgebung. Der C-Falter gehört zu den Frühaufstehern im Jahr. Er überwintert übrigens als Falter.

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Pfifolter | Otto von Greyerz

Aus meiner Kindheit liegt mir das seltsame Wort noch in den Ohren, jedoch nicht auf der Zunge. Man bekam es in der Stadt von Landleuten zu hören, brauchte es aber selber nicht, man sagte dafür Summervogel; doch auch das wich vor dem französischen papillon und später, endgültig, vor dem hochdeutschen Schmetterling. Aber hatte dieses Wort etwa mehr Sinn? Was konnte ein so zartes, seidenbeflügeltes Tierchen mit «schmettern» zu tun haben! Da lag es doch näher, bei Pfifolter, und namentlich bei der Nebenform mit a: Pfifalter, an den Falter zu denken. Wenn das Tierchen ruhig auf einer Blume saß, konnte man doch beobachten, wie es seine Flügelchen, als ob es atmete, langsam auf- und zufaltete. Und man hätte recht geraten: der Pfifolter ist seinem Namen nach ein Falter. Althochdeutsch lautet das Wort «fîfaltra» und ähnlich in allen altgermanischen Sprachen.
Aber Pfi — wie unpassend! und wie sinnlos! Das haben unzählige auch empfunden und darum versucht, einen Sinn hineinzulegen, wenn es schon ein Unsinn war: Beinfalter, Weinfalter, Zweifalter, Feuerfalter und natürlich auch Pfeifenfalter! Am sinnigsten war noch Feinfalter, aber auch damit ist es nichts; denn Fifalter — und auf diese Wortform muß man zurückgehen, das pfi- erklärt sich als Verschmelzung der Mehrzahl mit dem Artikel: d’Fifalter — beruht auf einer uns Alemannen wohlbekannten Wortbildungsart: der Wiederholung der Stammsilbe mit verändertem Vokal. Durch solche Wiederholung bilden wir gi-gampfe und das Gigampfi (zu gampfe), bippääpele und Bippääpeler (zu bäppele: mit Bäppeli, Milchbrei füttern), verminggmänggele und es Gminggmangg (zu mangge), gigaarsche (wohl zu gaare: knarren, kreischen). Wie man sieht, wird in diesen Wörtern nicht immer die ganze Stammsilbe, sondern nur der Anfangskonsonant mit folgendem i (gi-, bi-) wiederholt; und so ist es auch in Fi-Falter.
Dieses Spiel mit i und a ist uns aus der hochdeutschen wie aus der mundartlichen Wortbildung wohlbekannt: man denke an das Nebeneinander von knirren und knarren, kritzen und kratzen, kribbeln und krabbeln, zwicken und zwacken, flimmen und flammen, an Zusammensetzungen wie Wirrwarr, Ticktack, Zickzack, Singsang, Tingel-tangel, Wischiwaschi, an schweizerdeutsches zittere und zattere, schlirgge und schlaargge, gyre und gaare, ziberle und zäberle, Verbindungen wie grimsele-gramsele, bisi-bäsi, tyri-täri, gidi-gadi-gaudi, wibi-wäbi-wupp (in jenem wohlbekannten alten Kinderlieb). Dieses letzte Beispiel führt uns auf den Vokaldreiklang, der dieser ganzen Bildung zugrunde liegt: es ist die Ablautreihe der 3. starken Zeitwortbiegung (i — a — u): finde fand gefunden, schwimme schwamm geschwommen (älter geswummen), zwinge zwang gezwungen usw. Nach diesem Dreiklang sind, mit gleicher Grundbedeutung, aber doch verschiedener Bedeutungsschattierung gebildet worden: knirren knarren knurren, bimmeln bammeln bummeln (vgl. bim bam bum), auch älteres krimpfen, Krampf und krumm (mit den Nebenformen krump und krumpf).
Und wie steht’s mit den andern Namen: Schmetterling und Papillon? Wenn man weiß, daß in deutschen Mundarten für Schmetterling auch Milchdieb, Molkendieb, Buttervogel, Butterfliege (engl. buttefly) gesagt wird und daß im östlichen Mitteldeutschland Schmetten (aus tschechischem smetana) Milchrahm bedeutet, daß ferner Schmant, eine mundartliche Nebenform von Schmetten, in dem Worte Smantlecker, dem niederdeutschen Namen für Schmetterling vorkommt, so liegt es nahe, dieses hochdeutsche Wort von Schmetten abzuleiten, jedenfalls näher, als von schmettern. Der Schmetterling galt im Volksglauben als ein elfen- oder hexenartiges Wesen, das Milch, Rahm und Butter stahl oder sie verzauberte. Sein Name wäre also ähnlich gebildet wie der des Hänflings, des Hanfsamen fressenden Vogels.
Das lateinische papilio, das sich in frz. papillon erhalten hat, ist ebenfalls (wie Fifalter) durch Silbenverdoppelung entstanden (pa-pil-io), nur daß hier die Verdoppelungssilbe (pa-) den vollen, die Stammsilbe (pil-) den geschwächten Vokal hat. Der Ursprung des Wortes, wie auch seine Verwandtschaft mit ital. parpaglione und farfalla (beides = Schmetterling) ist nicht aufgeklärt.

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