Es bleibt immer etwas hängen | Von unseren Verwünschungen

Neben guten Dämonen gab es im Glauben der Menschen allezeit böse, schädigende Geister, die allerlei Unheil, Krankheit und Nöte verursachten. Der furchtsame Mensch suchte sie durch magische Mittel von sich abzuhalten, ihre Kraft einzuschränken. Aber hasserfüllte, neidische Menschen haben ihre Hilfe oft erfleht, um einem Feind Unglück und Böses zuzufügen.

In griechischer und römischer Zeit haben Zauberer die bösen Geister beschworen, um einen gehassten Feind mit ihren Erscheinungen zu quälen, ihm Unglück, Siechtum und gar den Tod zu bringen. Man glaubte durch Zauberworte oder Zaubertaten seinen Widersacher den Mächten der Unterwelt weihen zu können. Von besonderer Wirkung musste der Zauberspruch sein, wenn die Beschwörungszeichen und -Formeln auf Bleitafeln eingraviert und wenn diese Tafeln dann in Gräbern niedergelegt wurden, dem Ort der bösen Geister der Unterwelt. Als die Römer so tief gesunken waren, dass ihnen Sport und blutige Schauspiele am höchsten galten, war dieser Glaube an die Wirkung von Verwünschungen weit verbreitet und vielfach angewendet worden. Unsere Archäologen haben an verschiedenen Orten Bleitafeln gefunden, auf denen Figuren, den bösen Dämon darstellend, nebst Buchstaben eingraviert sind. Durch solche Tafeln wollte man von den bösen Geistern erflehen, dass der Wagenlenker mit seinen Pferden beim Wettrennen gehemmt und beschädigt werde, oder dass der Dämon ihn gar erblinden lasse, oder noch besser ihn aus dem Wagen reiße und ihn auf die Erde schleudere, dass er geschleift werde mit Schaden seines Leibes und seiner Pferde. Ein anderer wünschte, dass der Böse die Hengste hole, weil durch sie, wer dies schrieb, bei dem Rennen zu unterliegen fürchtet.

Altertümliche Verwünschungstafeln

Die beiden hier abgebildeten Verwünschungstafeln sind von ganz besonderem Interesse. Vorerst muss die große Ähnlichkeit derselben auffallen. Nicht nur in der Größe sind sie sich gleich, in der Ausführung der Figuren und im Duktus der Buchstaben zeigen  sie eine auffallende Übereinstimmung, so dass angenommen werden kann, dass sie aus einer und derselben Werkstatt hervorgegangen sind. Somit erhebt sich die Frage, ob solche Zaubertafeln vielleicht gar in größerer Zahl zum Verkauf hergestellt und an Zauberer abgeliefert wurden.
Die auf beiden Tafeln eingravierte, recht phantastische Person mit ihrem Menschenrumpf und Schlangenhals hält in der rechten einen Skorpion, in der Linken eine Palme. Der Skorpion hat im Altertum immer eine große Rolle gespielt. Mit seiner Kraft suchte man den bösen Blick, das Unheil überhaupt, abzuwenden. Aber wenn die Sonne in das Sternbild des Skorpion tritt, beginnen die Seuchen zu grassieren, denn der glühende Skorpion ist auch Bringer gefährlicher Krankheiten. Sollen wir daraus schließen, dass hier der Wunsch sich äußerte, der Zauberer möge dem Feind den Skorpion wünschen, um ihm Siechtum zu bringen Die eingravierten Buchstaben sind als griechische Unziale zu bezeichnen, wie sie im 4. Jahrhundert gebräuchlich waren. Das Zeichen C, das im Tonlaut unserem S entspricht, sowie des E sind für diesen Duktus charakteristisch. Die Benennung dieser Schrift als Unziale soll auf den heiligen Hieronymus zurückgehen, der diese «zollhohen» Buchstaben der Prachthandschriften getadelt hatte. Nicht nur Bleitafeln sind mit solchen Unzialen beschrieben worden, auch für hochgeweihte Texte kamen sie zur Anwendung. Unter solchen Texten sind die Bibelcodices Sinatticus und Vaticanus berühmt; aus Ägypten stammt eine Papyrusschrift mit Homerfragmenten. Die auf Brust und Bauch eingravierten Buchstaben sollen dem kabalistischen Zauberwort Abrasax entsprechen. Als Unterschrift ist auf der einen Platte Apocration okaineibos, auf der andern ist Proclos zu lesen. Dieser letztere Name Proclos soll in Ägypten vorgekommen sein. Man kennt zwei Vertreter der stoischen Philosophie mit diesem Namen. Mit dem Namen Apocration kennt die griechische Medizingeschichte einen Arzt in Mendes, einen andern in Alexandrien, der ein Buch verfasst hat über die medizinischen Tugenden der Tiere, Pflanzen und Gesteine.
Hat mit diesen Tafeln vielleicht ein gelehrter Gegner dieser hier genannten Ärzte und Philosophen seinem Neid und Zorn Ausdruck zu geben versucht und sich an die bösen Dämonen gewandt, dass sie seine Widersacher plagen und vernichten? Die Platte mit der Inschrift Proclos stellt noch ein anderes Rätsel. Zwischen Brust und Bauch ist eine sonderbare Zeichnung zu sehen, die ein menschliches Organ, vielleicht den Magen oder die Leber darstellt. Das Organ wird von einem Strich durchbohrt, der als eine magische Nadel gedeutet worden ist, deren durchbohrende Kraft dem Organ zum Schaden gereichen solle.

Auch heute noch üben diese alten geheimen Kräfte einer einst weit verbreiteten Magie ihre Wirkungen aus, denn es sind wenige, die aus tiefstem Herzen kommende Verwünschungen leicht hinnehmen. Auch bei Verfluchungen gilt der Spruch, ähnlich wie bei Verleumdungen: Es bleibt immer etwas hängen.

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