Ernst Weiß • Der Genius der Grammatik • Essay

Ernst Weiß • Der Genius der Grammatik 

Der Erfinder der Grammatik ist nicht bekannt. Dabei ist von vornherein nicht an einen einzelnen gedacht, sondern an eine Kaste, ja vielleicht an ein Volk, das als erstes seine Sprache geordnet hat. Die größten Erfinder sind namenlos. Man kennt sie nicht, wie man die Dichter der Edda, der finnischen Kalewala, der homerischen Rhapsodien, der Shakespeare-Balladen nicht kennt. Doch blickt aus diesen hohen, unnennbaren Werken der ewig wirkende Geist, aus ihnen rauscht die Seele des Schöpfers, und alles ist gesagt, wenn man das Werk nennt. Niemand wird wissen, wer der erste war, der die Pflugschar, den Bogen, den Sattel erfand. Hier liegt das Geheimnis der tiefsten, weil natürlichsten Genialität des Menschen. Hier verliert sich sein unmeßbarer Gewinn in den auf immer umschatteten Urgründen des menschlichen Werdens. Werden muß nicht immer Entwicklung nach oben bedeuten. Es ist eine ungelöste Frage, ob der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, der auf sein Telefon, den Aeroplan, das motorlose Fliegen, das elektrische Licht und das Radio so stolz ist, auch nur einen Rest jener Urwaldgenialität besitzt, der die Menschheit ihre zwei größten Güter verdankt, die sie auf immer über das Tier erheben: die Schöpfung des Gottesbegriffs im geistigen, die Erfindung des Feuers im weltlichen Leben.
Was dem Menschen aber das Dasein unter seinesgleichen erst möglich gemacht und damit ihm alles gegeben hat, was wir Gesittung nennen, was ihn zum Spiegel der beseelten und unbeseelten Welt auserwählt, zum Prinzen der Natur geadelt hat (einem manchmal etwas aussätzigen Prinzen, aber doch einem), das ist die Sprache. Und in der Sprache ist der Schöpfer der Grammatik das, was in der Welt des sittlichen Seins der Schöpfer des ersten Gesetzes, der Heiligsprecher des ersten Tabus ist, es ist der Gründer der ersten Beschränkung, aber einer Beschränkung von ungeheurem produktivem Wert.
Eine Kritik der Grammatik ist ein Lebenswerk. Hier mögen nur kleine Anmerkungen über Bezeichnungen aus der lateinischen Grammatik folgen. Diese darf heute besondere Beachtung deshalb beanspruchen, weil sie im Augenblick fast die einzige internationale Gemeinsamkeit darstellt. Lloyd George sprach einmal in Genua von den zwei klarsten Sprachen, die allen Beschlüssen zur Grundlage dienen sollen, der französischen und der englischen. Aber es gibt ein höheres, reineres, freudigeres, es gibt ein sicherlich unerreichbares Ideal und eine höchste Forderung: daß alle Lebenden in einem einzigen Idiom sich treffen sollten. Ein solcher Sammelplatz des Geistes war die lateinische Sprache.
Der Menschengeist hat eine so unendlich zart facettierte und doch aufs schärfste präzisierende Ausdrucksform nicht wieder gefunden. In diesem Sinne hat Luthers deutsche Bibelübersetzung den entscheidenden Grenzstrich auf der Landkarte menschlicher Entwicklung als Wasserscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit gezogen. Eine Tat, die dem bäurischen Genie Luthers nicht bewußt war, aber bedeutsamer wurde als die Thesen und Antithesen an der Schloßkirche von Wittenberg. In dem Gebrauch der lateinischen Sprache, die Bildung, Humanität im Geistigen und Kultur voraussetzte, bei diesem Regelwerk von höchster, fast architektonischer Logik, das allen Hofhaltungen, allen Gesandten, Dichtern, Ärzten, Notaren, Diplomaten, Geistlichen und Gebildeten überhaupt gemeinsam war, lag das Merkmal der erwählten Zehntausend, hier waltete eine europäische Gebundenheit, ein Adel des Ausdrucks, der sich in jeder Brieffloskel bewährte. Das Latein war das »humaniora«, das heißt, ein Diplom und Siegel des höheren Menschen, etwas von dem Gelehrtenadel des chinesischen Mandarinen. Und dieser erwerbbare Adel war stark genug, um die Titel der Ahnenprobe zu lähmen, die Macht des Geldes zu mildern, die Schärfe des Schwertes vielleicht zu hemmen.
Die lebenden Sprachen reichen an Genauigkeit, an innerer Gewißheit entfernt nicht an die lateinische heran. Ein Stil wie der des Tacitus oder auch nur des Sallust ist heute nicht mehr zu erreichen. Es gibt selbst bei dem soviel zarteren Horaz Stellen von einer so zusammengepreßten Sprachgewalt, von so zwingendem Zauber, daß sich keiner diesem Bann entzieht. Was Shakespeare in seiner flammenden, hart metallisch umrissenen Sprache aus den spätlateinischen Autoren übernommen hat, läßt sich gar nicht absehen. Vieles ist so lateinisch gedacht, der Monolog Hamlets zum Beispiel, daß er mir öfter als eine Übertragung aus dem Latein als aus dem Englischen erschien, wenn ich ihn in deutscher Sprache vor mir sah.
Die Sprache beginnt bei der Grammatik. Sie endet in ihr. In der lateinischen Sprache hat sich ein Volk über sein irdisches Reich hinaus unsterblich gemacht.
Etwas Gleiches ist nur den Juden des Alten Testamentes beschieden gewesen. In der lateinischen Sprache, in ihrer Grammatik, die in unerreichter Fülle aus den Gründen und Abgründen des Gedankens quillt – wenn irgendwo, sind hier in geheimnisvoll klarer Mystik Sinn und Wort, Logik und Ausdruck, Bild und Gegenstand eins geworden.
Dies beginnt schon bei dem Ausdruck casus, Fall. Man muß das Wesen der Sprache im eigentlichen Grunde als das einer Kategorie erfassen. Man muß es sehen als abgeschwächtes, aber immer noch echtes Leben; die Sprache muß über uns wandeln wie ein verarmter Gott. Dann wird man die Wandlungsfähigkeit des Seins und des Wortes einen Fall nennen; denn hier ist ein Niedergang, und nie mehr ist die Einheit des zu Nennenden mit dem Genannten zu erreichen. Alles wandelt sich, alles sinkt, in der Hand bleiben uns Schatten nur; glücklich, der die höhere Welt über diesen Schatten ahnt.
Der erste Fall heißt lateinisch nominativus. Wir nennen einen Menschen: Dich, den Menschen; wir richten also mit dem vierten Fall unser Wort an ihn. Der Schöpfer der lateinischen Grammatik aber sagt: Jedes Wort nennt sich selbst. Jeder drückt zuerst sich selbst, dann erst die Welt aus. Der Römer setzt die Welt ihrem Klange gleich. Dies ist ja die Voraussetzung jeder Sprache, aber nicht die Voraussetzung der Welt. Deshalb ist jeder Sprachsinn an sich Widersinn. Die Sprache lügt und wir in ihr. Daß nun Menschen Namen haben, die ihnen nicht gehören, sondern nur ererbt, erheiratet, verschenkt, verborgt und an der Bühne angeschminkt, ja, sogar verloren und gestohlen werden können, dies gehört zu den vielen Paradoxen, die selbstverständlich genannt werden, weil sie niemand versteht, jeder aber an sie gewöhnt ist.
Der zweite Fall heißt genitivus, der Zeugungsfall. Sein Sinn ist: in der ganzen Welt besteht kein so inniges Band zwischen Menschen, kein so zwingendes Eigentumsverhältnis, keine so enge Hörigkeit in geistigem Sinn, keine so warme Blutnähe, kein so reiner Herzenseinklang wie zwischen Vater und Sohn, Zeuger und Gezeugtem – hier das straffste und doch mildeste Band, tiefste Verbundenheit der Generation, Ahnenliebe, Altersverehrung, Pietät und Patriarchat.
Der dritte Fall dativus: der Schenkungsfall. Die große Seele des Menschen, seine grandeur ist die schenkende Tugend, alles ist Geben, alles ist Nehmen. Hier ist das Gnadenprinzip der Menschheit aufgetan, die Urquelle aller Gemeinschaft vom ich zum du.
Der vierte Fall accusativus: Anklage, misère des Menschen, schärfstes Erfassen des Nebenmenschen in der Hand »des Gendarmen an der Gurgel des Sünders«. Das Volk der genialsten Juristen, Finder und Künder der Pandekten: wie tief aus der Seele der Römer das Recht floß, das wird hier offenbar. Denn es gibt tausend menschliche Beziehungen, die dieser Akkusativ umfassen kann. Erobern, lieben, verachten, kaufen, verkaufen, verwunden, vernichten, töten, martern, gebären, küssen, zeugen, finden, fassen, belügen und betrügen, nennen, wissen. Nichts von alledem gab dem vierten Fall den Namen. Die Anklage ist ein Grundpfeiler des sprachlichen und daher des sittlichen Seins. Keine hohle Harmonie, keine billige Erlösung, kein Verzeihen. Dieser Fall ordnet, entscheidet, richtet.
Der fünfte Fall ist der ablativus, der Fall der Fälle. Er gibt alles, bezeichnet nichts. Er ist der Wandel der Dinge. Der Schleierfall des stürzenden Stromes, die gestaltlose Wolke. Das Werk, die Wirkung, das Geheimnis, die Hand Gottes.
Ergreifend ist, wenn die lateinische Grammatik den Mittelpunkt des Satzes subjectum nennt, das Unterworfene. Welche Einsicht in das Zwangsläufige jeglicher menschlicher Existenz! Das objectum, der Gegenstand, das andere: Das ist auch nur das Hingeworfene, die daliegende Beute, das verlassene Etwas. Die Hand des von Zauberschnüren gehaltenen Subjektes langt nach dem Objekt, aber sie erfaßt es nie. Welche Philosophie in diesen Ausdrücken, deren oberflächliche Ausdeutung schon solche Tiefe bekundet. Bewunderung dem Schöpfer dieser Bezeichnungen, Normen und Gesetze, Verehrung dem namenlosen Genius der Sprache, dem Eroberer der Welt durch das Wort!

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Ernst WeißErnst Weiß (* 28. August 1882 in Brünn; † 15. Juni 1940 in Paris) war ein österreichischer Arzt und Schriftsteller.

Der aus einer jüdischen Familie stammende Weiß war der Sohn des Tuchhändlers Gustav Weiß und dessen Ehefrau Berta Weinberg. Am 24. November 1886 starb der Vater. Trotz finanzieller Probleme und mehrfacher Schulwechsel (unter anderem besuchte er Gymnasien in Leitmeritz und Arnau) bestand Weiß 1902 erfolgreich die Matura (Abitur). Anschließend begann er in Prag und Wien Medizin zu studieren. Dieses Studium beendete er 1908 mit der Promotion in Brünn und arbeitete danach als Chirurg in Bern bei Emil Theodor Kocher und in Berlin bei August Bier.

1911 kehrte Weiß nach Wien zurück und fand eine Anstellung im Wiedner Spital. Aus dieser Zeit stammt auch sein Briefwechsel mit Martin Buber. Nach einer Erkrankung an Lungentuberkulose hatte er in den Jahren 1912 und 1913 eine Anstellung als Schiffsarzt beim österreichischen Lloyd und kam mit dem Dampfer Austria nach Indien, Japan und in die Karibik.

Im Juni 1913 machte Weiß die Bekanntschaft von Franz Kafka. Dieser bestätigte ihn in seiner schriftstellerischen Tätigkeit, und Weiß debütierte noch im selben Jahr mit seinem Roman Die Galeere.

1914 wurde Weiß zum Militär einberufen und nahm im Ersten Weltkrieg als Regimentsarzt in Ungarn und Wolhynien teil. Nach Kriegsende ließ er sich als Arzt in Prag nieder und wirkte dort in den Jahren 1919 und 1920 im Allgemeinen Krankenhaus.

Nach einem kurzen Aufenthalt in München ließ sich Weiß Anfang 1921 in Berlin nieder. Dort arbeitete er als freier Schriftsteller, u.a. als Mitarbeiter beim Berliner Börsen-Courier. In den Jahren 1926 bis 1931 lebte und wirkte Weiß in Berlin-Schöneberg. Am Haus Luitpoldstraße 34 erinnert daran eine Gedenktafel. Im selben Haus wohnte zeitweise der Schriftsteller Ödön von Horváth, mit dem Weiß eng befreundet war.

1928 wurde Weiß vom Land Oberösterreich mit dem Adalbert-Stifter-Preis ausgezeichnet. Außerdem gewann er im selben Jahr bei den Olympischen Spielen in Amsterdam eine Silbermedaille im Kunst-Wettbewerb.

Kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verließ er Berlin für immer und kehrte nach Prag zurück. Dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod im Januar 1934. Vier Wochen später emigrierte Weiß nach Paris. Da er dort als Arzt keine Arbeitserlaubnis bekam, begann er für verschiedene Emigrantenzeitschriften zu schreiben, u.a. für Die Sammlung, Das Neue Tage-Buch und Maß und Wert. Da er mit diesen Arbeiten seinen Lebensunterhalt nicht decken konnte, unterstützten ihn die Schriftsteller Thomas Mann und Stefan Zweig.

Ernst Weiß letzter Roman Der Augenzeuge wurde 1939 geschrieben. In Form einer fiktiven ärztlichen Autobiographie wird von der „Heilung“ des hysterischen Kriegsblinden A.H. nach der militärischen Niederlage in einem Reichswehrlazarett Ende 1918 berichtet. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wird der Arzt, weil Augenzeuge, in ein KZ verbracht: Sein Wissen um die Krankheit des A.H. könnte den Nazis gefährlich werden. Um den Preis der Dokumentenübergabe wird „der Augenzeuge“ freigelassen und aus Deutschland ausgewiesen. Nun will er nicht mehr nur Augenzeuge sein, sondern praktisch-organisiert kämpfen und entschließt sich, auf der Seite der Republikaner für die Befreiung Spaniens und gegen den mit Nazideutschland politisch verbündeten Franquismus zu kämpfen.

Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris von seinem Hotel aus miterleben musste, beging er Suizid, indem er sich in der Badewanne seines Hotelzimmers die Pulsadern aufschnitt, nachdem er Gift genommen hatte. Im Alter von 57 Jahren starb Ernst Weiß am 15. Juni 1940 im nahegelegenen Krankenhaus.

Seine Selbsttötung wird literarisch im Roman Transit von Anna Seghers verarbeitet. Seit seinem Tod ist ein großer Koffer mit unveröffentlichten Manuskripten verschwunden. Die Lage seines Grabes ist ungeklärt.

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Ernst Weiß – Die Ruhe in der Kunst – Essays
Verlag: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar – 1928
1. Auflage
Hrsg.: Dieter Kliche – 1987

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