Ernst Barlach über Max Liebermann

Max Liebermann - 1925
Max Liebermann – 1925

Liebermann malt am Meer, es beginnt zu regnen.

Ein Herr (tritt hinzu): Sehen Sie, Herr Professor, der Regen ist die Folge davon, daß es vorher gutes Wetter war – ich helfe Ihnen tragen.

Liebermann: Ebensogut können Sie sagen, ich bin, weil ich nicht schon gewesen bin – hab ich recht?

Herr: Wie Sie Ihre Bilder nur malen können, weil sie nicht schon gemalt sind. – (Sie gehen.)

Liebermann: Verblüffende Zusammenhänge, wat? Is so ’ne Mystik schon dajewesen? Unheimlich!

Herr: Und doch, Meister – na, man weiß doch allerlei!

Liebermann: Wenn man man nich zu viel weiß, wissen Sie!

Herr: Doch wohl nicht – Ihre strenge und statiöse Kurve – ich meine, es ist eben alles gesetzmäßig, selbst meine ungeübten Augen – sehen Sie, Sie malen und malen und werden beim Malen alt und doch nicht alt, ob jung, ob alt, Sie kreisen immer in derselben Ordnung wie um eine in Zusammenhängen begreifliche Gegebenheit, da fällt mir das Wort aus dem Munde: Ihre strenge und statiöse Kurve.

Liebermann: Det glob ick, daß Sie da mehr Spaß an haben, als wenn Ihnen ein Weisheitszahn aus dem Munde fiele! Nischt für ungut!

Herr: Ich weiß, Sie berlinern mit Vorliebe, macht nichts! Ich bleibe dabei, daß ich was in Ihnen sehe, wenn ich auch vom Malen nur wenig … fällt Ihnen da nichts auf?

Liebermann: Natürlich – wie wollen Se kieken, wenn Se nichts sehen können?

Herr: Wenn ich keine Liebermanns beurteilen will und auch wohl nicht darf, so weiß ich doch was von Liebermann.

Liebermann: Det tut mein Schuster och, aber ohne alle Mystik. Sonderbar, weil man achtzig wird, muß man sich derartige Beliebigkeiten in die Tasche stecken lassen.

Herr: Fassen Sie unsre Zeit, ich meine unsre Epoche, ins Auge …

Liebermann: Da geb ich Ihnen schon vollständig recht.

Herr: Ihr Künstler unsrer Zeit – es kommt so heraus, unser ein gut Teil, unser So-Sein im Ganzen, ist in Eurer Hand, unser Gefühl kreist in den Formen, die Ihr vorschreibt. Fragt sich nur, in was für Unformen werden wir Stoff so oft ver … verfälscht, verpfuscht, ver … ver …

Liebermann: Was hat denn das mit mir zu tun?

Herr: Schluß! Alle wohlgemeinten faulen Winde unserer Epoche sind an Ihnen abgeglitten, Ihre Kurve ist streng und statiös geblieben – wissen Sie: nicht überschwungt, nicht überschwelgt – und so!

Liebermann: Nu sagen Sie mir endlich, was habe ich und mein Pinsel eigentlich mit Ihrer Kurve zu schaffen?

Herr: Nochmals Schluß! Dauer sei Ihrem Pinsel und der Hand gegeben, die ihn führt, der Hand, die der Wirklichkeit winkt, daß sie ihre Nobelwerte bekennt, ihre Wichtigkeiten herzählt, der Hand, die so mit Zauber begnadet ist, daß die Wirklichkeit freundlichen Ernst macht und beständige Münze hineinlegt. Ob sie die unserer Epoche nicht allzuoft vorenthalten hat? Wir haben doch das Bild mit der Kurve fallen lassen!

Liebermann: So, also Sie kloppen mir sozusagen auf die Schulter und raten geradezu: malen Sie in Gottes Namen ruhig so weiter, junger Mann von achtzig – oder versteh ich Sie in meiner freudigen Aufregung falsch?

Herr : Zum dritten Mal: Schluß! Lassen wir getrost das andre Bild auch fallen und malen uns ein drittes. Wie kommt Ihr Künstler dabei und macht uns von der Welt ein Gesicht? Ein kleines, winziges Stück macht eine Aussage von einem großmächtigen Stück. Wieso wißt Ihr was von ihr, außer weil Ihr verstohlen in ihr steckt und ihresgleichen seid, von ihr gesäugt, aus ihr gezapft und hervorgeschüttelt, in ihr abgesondert? Und was macht der Künstler von ihr für ein Gesicht, wenn nicht sein eigenes? Und kurz und gut – was zeigt er uns als Bild der Welt, wenn nicht unser eigenes, das ja auch nur sein eigenes ist, als ob wir nicht wie er am Ganzen teil hätten. Was bestürzt uns und faßt uns und sengt uns sanft, daß wir Segen aus solcher Entfachtheit erfahren, ein Heil, worin man sich wohl aufgehoben fühlt – was faßt uns an, außer daß wir uns im Abglanz wiederfinden! Und das darf uns dann trösten, daß wir uns, wir nämlich, die wir leisen Stolz darin suchen, nicht bloß Teilhaber am Geschäft und Betrieb zu sein, daß wir uns unwesentlich in mancher Kunstform, wesentlich in andrer wiederfinden und daß wir uns im letzten Falle einigermaßen akzeptabel vorkommen dürfen – dazu haben Sie beigetragen – also Dank, Meister, Dank!

Liebermann: Na, denn is jut!


Ernst Barlach – Prosa aus vier Jahrzehnten
Protokolle und Porträts
Verlag: Union Verlag Berlin

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