Erik Hansen – Blutgeld – Leseprobe

Leseprobe: Blutgeld

Moonhouse Cover NEU korr Blutgeld Erik HansenHansen lehnte sich zurück und holte langsam ein Reservemagazin aus seiner Hosentasche, hob es in Augenhöhe und drückte vor den Augen seines Gegenübers die erste Patrone heraus, welche er provokant zwischen ihnen auf den Tisch stellte.
Wie gebannt starrte der Dicke auf die hässliche, fette Patrone mit dem Loch statt einer Spitze. Er schwitze nun noch mehr. Die beiden Muskelmänner vom Nebentisch hatten sich erhoben, als Franco an der Bar sein Taschenbuch mit einem Knall auf den Boden fallen ließ. Die Köpfe der beiden und des Dicken flogen zu ihm herum.

Mit einem breiten Grinsen deutete Franco eine Verbeugung an und öffnete seine Jacke weit genug, um ihnen einen Blick auf seine Maschinenpistole zu ermöglichen. Die beiden Leibwächter erstarrten und setzten sich wieder nervös hin.
Hansen hatte die kurze Ablenkung genutzt, um sein Baby zu ziehen und zielte nun unter dem Tisch auf den Unterleib von ‚van der Mere‘.
„Minher, sehen Sie sich bitte diese Patrone genau an. Kaliber fünfundvierzig mit Hohlspitz. Wenn ich jetzt abdrücke, haben Sie keinen Unterkörper mehr, alles klar, verstehen Sie das, können wir nun endlich vernünftig über das Geschäft reden?“
Van der Mere war bleich geworden und schluckte mehrmals, nickte nur und wollte gerade antworten, als durch die Tür von der Straße ein Mann hereinkam, sich kurz umsah und dann provozierend langsam auf ihren Tisch zusteuerte. Seine schleichenden Bewegungen hatten etwas Raubtierhaftes und die beiden Leibwächter zuckten zusammen. Ein weiterer Leopard hatte sich soeben in dieses gefährliche Spiel eingebracht.
„Minher van der Mere? Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ihr Fahrer verhindert ist, seine Migräne bringt ihn fast um.“
Mit diesen Worten legte er einen Schlüsselbund und einen südafrikanischen Pass vor Hansen auf den Tisch. Er nickte Hansen zu, „Commander“, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich unangenehm dicht neben den fetten Südafrikaner, der auf einmal sehr klein wirkte.
Hansen traute seinen Augen nicht, war heute Weihnachten? Was machte denn ‚Frenchy‘ hier? Er blickte zu Franco, der ihn angrinste und einen Daumen hochhielt. Seine Rückversicherung Franco war anscheinend sehr fleißig gewesen. Hansen wusste, nun laufen irgendwo im Untergrund die Räder des Old Boys Netzwerkes an.
Seinen richtigen Namen hatte der Schweizer Sergeant-Chef der Fremdenlegion Rudi Huerli schon fast vergessen. Er hatte fünfzehn lange und blutige Jahre seines früheren Lebens in dem berüchtigten zweiten Fallschirmjägerregiment der Legion gedient. Daher nannten ihn alle nur ‚Frenchy‘.
Nachdem er im Dienst der Legion die ganze Welt gesehen hatte, konnte Rudi einfach nicht mehr in sein kleines Heimatdorf in den Schweizer Bergen zurück und im zivilen Leben nicht mehr Fuß fassen. Er verdingte sich seither weltweit als Leibwächter. Irgendwann hatte es ihn nach Afrika verschlagen, wo er von Hansen ‚entdeckt‘ wurde. Seitdem waren viele Jahre vergangen und sie hatten viele gemeinsame Abenteuer bestanden. Mit seinen fast sechzig Jahren war er das älteste Mitglied des Old Boys Netzwerks, aber fitter als so mancher Junge zog er jeden Morgen sein gewohntes Legionsritual durch – dreihundert Liegestütze, gefolgt von dreihundert Sit-Ups.
„Können wir nun weitermachen, Minher?“, fragte Hansen den Südafrikaner sehr leise und beugte sich über den Tisch. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Gesichter noch.

© Erik Hansen

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