Erich Weinert – Das pasteurisierte Freudenhaus

Auch die sexuelle Frage
Trat im neuen Staat zutage.
Ganz besonders für Betriebe
Öffentlicher Nächstenliebe
Gab’s noch keine feste Norm;

Karrikatur: Eriche Weinert
Karrikatur: Eriche Weinert

Und sie schrien nach Reform.
Schon vonseiten deutscher Frauen
Scholl der Ruf, sie abzubauen.
Doch auf männlichen Kongressen
Fand für ihre Interessen
Nirgends sich das nötige Drittel.
Und so blieb kein andres Mittel,
Als besagte Lasterhöhlen
Völkisch-christlich zu durchseelen.
Auch erwog man, und ganz richtig
(Dies erschien besonders wichtig):
Schon zu Zeiten unsrer Kaiser
Gab es solche Freudenhäuser.
Doch bei Schaffung höhrer Ebne
Stieß man auf naturgegebne
Hindernissen und Gefahren,
Die nicht zu umgehen waren.
Da, in einer Stadt im Norden,
War sie bald gefunden worden,
Und von einer Dame zwar,
Welche aus der Branche war.
Dieses war die Mutter Klippschen,
Die Besitzer eines hübschen
Kleinen Freudenhauses war,
Wo die zarte Kinderschar,
Die sie zwar nicht selbst gebar,
Teils aus Lust, teils aus Prinzip,
Ihre muntren Späße trieb.
Eines Nachts, im Glorienschein,
Trat ein Geist zu ihr hinein,
Der sie freundlich interviewt;
Und das ganze Institut
War von Sphärenklang durchläutet.
Sie verstand, was das bedeutet,
Und erwog, vom Geist durchdrungen,
Wesentliche Änderungen.
Sie besuchte Pastor Quandte,
Den sie schon von früher kannte,
Dem sie ihre neuerbaute
Mädchenseele anvertraute.
Pastor Quandte, sanft geölt,
Sprach: Das ist es, was uns fehlt!
Ein für sittenreine Freude
Eingerichtetes Gebäude,
Das in jeder Hinsicht frei
Von gemeiner Wollust sei.
Man verpöne das Obszöne,
Damit auch der angesehne
Ältre Herr sich hingewöhne!
Denn man weiß ja aus Erfahrung,
Daß die eheliche Paarung
Einmal nicht mehr den Effekt hat.
Variatio delectat.
Worauf er, für den Bedarf,
Einen schlichten Plan entwarf,
Wo die schwüle Atmosphäre
Gründlich zu bereinigen wäre:
Schlichte Kleidung, hochgeschlossen,
Alkohol wird nicht genossen,
Keine Akte, dafür schmucke
Sonnige Dreifarbendrucke.

Karrikatur: Eriche Weinert
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Kurz, man fühle sich inmitten
Guter bürgerlicher Sitten.
Mutter Klippschen, so beschieden,
Wandelte, im Herzen Frieden,
Heimwärts in ihr Freudenhäuschen
Und eröffnete den Mäuschen
Bürgerliche Perspektiven
Bei ermäßigten Tarifen.

Karrikatur: Eriche Weinert
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Feierlich im nächsten Lenz,
Unter Quandtes Assistenz,
Ward in aller Heimlichkeit
Die Geschichte eingeweiht.
Alle prominenten Geister

Karrikatur: Eriche Weinert
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Bis hinauf zum Bürgermeister,
Meistens schon gewohnte Gäste,
Kamen zum Eröffnungsfeste.
Pastor Quandte, stante pede,
Schlug ans Glas und hielt die Rede.
Hierauf folgte Rektor Müller;
Dieser brachte was von Schiller:
Freude, schöner Götterfunken!
Und dann wurde Wein getrunken.
Später sang man frohe Lieder:
„Deutsche Mädchen, keusches Mieder-
Steh allein auf weiter Flur-
Gaudeamus igitur.“
Darauf las Herr Pastor Quandte
Noch was von der Waterkante.
Und zum Schluß der Kommissar,
Der schon ungeduldig war,
Brachte auf die polygamen,
Venusdienstbeflißnen Damen
Einen sehr galanten Toast.
Und dann wurde ausgelost.
Und so wandelten die Zecher
In die stillen Schlafgemächer.
Und, von allen Lastern frei,
Schlief man dort den Damen bei.
Bald trug Minna auf der Taille
Freudig die Verdienstmedaille,
Und ihr Venusschwesternorden
War zur Sensation geworden.
Hier roch nichts mehr nach Verführung;
Und in strenger Rationierung
Wurde, je nach Interessen,
Freie Liebe zugemessen.
Auch die sonst fast monogamen
Bessersituierten Damen
Sah man, frei von Vorurteilen,
Hier in Andacht still verweilen.
Abends wurde temperenzelt,
Nachmittags gekaffeekränzelt.
Und so blühte still in wahren
Teutschen Geist der neue Harem.


Text und Zeichnungen von Erich Weinert (1890-1953) . —  In: Lachen links. — Nr. 8, 1924

[Quelle: Lachen links : das republikanische Witzblatt 1924 bis 1927 / Udo Achten (Hg.). — Berlin [u.a.] : Dietz, 1985. — 239 S. : überwiegend Ill. — ISBN: 3-8012-0103-1. — S. 195]

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