Erich Ruhl über seine Lust am Lesen & Schreiben

Erich RuhlWelches Buch hat Ihre Eltern besonders beeindruckt?
Goethes Faust hat meinen Vater stark beeindruckt. Er wollte Jura studieren. Hitlers Krieg kam ihm dazwischen.

Wahr oder falsch: “Ich blogge, verfasse Texte fürs Internet vor allem, weil ich mich zu bestimmten Themen austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”
Es gibt einige Austausch-Menschen im 3D-Leben. Aber durch Netzwerke erreiche ich einfach unerwartet ANDERE. Das ist spannend. Ein bisschen Quantenmechanik.

Ihre Lieblingswörter (evtl. begründet):
von Herzen
(das ist’s, was wir alle brauchen) – mechanistisch (das ist der Wahn, alles lasse sich in Kausalketten abbilden – das meiste ist aber organisch und systemisch) – Freiheit (das ist die Essenz der Entwicklung, der eigenen und der gesellschaftlichen) – Quantenmechanik (nicht im physikalischen sondern im psycho-energitischen Sinn: alles ist möglich, alles fließt)

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen?
Langsamkeit, gerne Kammerspiel, Überschaubarkeit, Konturieren der Akteure und vor allem ihrer Genese. Und bitte: kein vermeintlich unterhaltsames Durcheinander.

Habe ich Vorbilder fürs Schreiben?
Bei Lyrik: Rainer Maria Rilke und Dorothee Sölle. Bei Belletristik: Heinrich Böll.

Wer soll mich lesen?
Menschen, die Freude daran haben, nicht angekommen zu sein. Mitten in der Entwicklung zu spüren, dass es eine solche (gerne) ist. Das ist ein guter Sound (man soll mich ja auch hören…).

Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Ich frage meine Freundin, die Buchhändlerin, nicht: was ist auf der Beststeller-Liste. Sondern: Gibt es Biografien oder mindestens Romane und so, die Brüche und Wandlungen dokumentieren.

Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe: [warum?] Es gibt viele Bücher, die ich liebe. Aber ich weiß nicht, wer sie nicht liebt. Eins, was ziemlich unbekannt ist (gewiss, das war nicht die Frage): Es war einmal ein Wunderhuhn, das konnte große Wunder tun. Autorin: Andrea Schomburg. Herrlich.

Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: [warum?]
Ich weiß nicht genau, wie es heißt, irgendwas von einem Jogging-Papst. Ich will’s auch gar nicht wissen. Aber dieses Herum- oder Wegrennen ist mir nicht nah genug an seelischen Grundbedürfnissen, sondern mechanistischer Schnickschnack.

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:
Alois Prinz: Hannah Arendt – Beruf Philosophin – oder die Liebe zur Welt. Immer noch und immer stärker aktuell.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:
Helmut Krausser: Einsamkeit und Sex und Mitleid (Dumont)

Ein Buch, dessen Gestaltung/Cover/Design Sie besonders beeindruckt hat:
Toni Morrison: Menschenkind (Rowohlt)

Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten:
Barbara Gertler und Marita Sydow Hamann und Oliver Simon.

Mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in:
Jakob Augstein (der freitag)

„Was macht Literatur mit mir, mit meinem Leben?“
Literatur bestätigt mich nicht, sondern stellt das Leben und mich in Frage. Gut so.

“Ich bin sehr überraschend und unerwartet auf ein gutes Buch gestoßen. Und zwar…”
Quasikristalle – von Eva Menasse (Kiepenheuer & Witsch)

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