Emerenz Meier ∑ Gedichte

Emerenz Meier ∑ GedichteHeinrich_Vogeler_Die_Erwartung_(Träume_II)_1912

Zwischen Wachen und Schlafen
Aus leichtem Traum war ich erwacht,
Der Mondschein blickte nieder.
Die Burschen sangen durch die Nacht
Die alten weichen Lieder.

Der nahe Wald barg rauschend sich
In neblige Gewande –
Und wieder fand ich träumend mich
Im stillen Schlummerlande.

Spinnabend
Die Stub ist warm, der Span loht auf,
Nun laßt die Räder kreisen!
Der Bube legt die Zither auf
Und singt die alten Weisen.

Singt von der toten Müllermaid,
Vom jungen Königssohne,
Von scheuer Schmuggler Lust und Leid
Und von der Schlangenkrone.

Die Stube wird zum Märchenland,
Das Spinn zum Zauberrädchen,
Dran spinnen sich ein Feengewand
Die traumbefangnen Mädchen.

Die Zither klingt, das Lied erschallt,
Die Spinnerinnen lauschen.
Und um das Haus der Nordsturm hallt,
Im Schnee die Wälder rauschen.Unverbesserlich
Der Vater verbot mir das Dichten,
Das Mütterchen stimmte mit ein:
Ich soll nach dem Stande mich richten,
Die Bücher dem Backofen weihn!

Wohl hab ich es heilig versprochen,
Zu tun, was ihr Wille gebeut,
Das Wort hundertmal doch gebrochen,
Das Schwören noch öfter bereut.

Doch gestern, zu Tränen gerühret,
Erneut ich es nochmals bei Gott,
Durch Bitten und Drohen verführet
Und weiter durch peinlichen Spott.

Ich ging in die dunkelste Kammer,
Hielt über die Verse Gericht,
Verfaßte dann in meinem Jammer
Verstohlen dies Klagegedicht.

Mißgeschick
Ich hab einen Mann und hab ein Kind,
Und lieb dies, mein eigenes Blut.
Auch bin ich fleißig und häuslich gesinnt,
Das ist ja alles sehr gut.
Ich bleibe daheim und scheine vergnügt;
Den Geist laß ich sumpfig und brach.
Doch ob man nicht leidet und ob man nicht lügt? –
Dem frägt kein Teufel was nach.

Einst konnt ich dichten und erntete Lob;
Da war ich trotzig gesinnt,
Hing, ob man mich bis zum Himmel erhob,
Den Mantel nie nach dem Wind.
»Frei sei der Dichter!« – ein schönes Wort!
Doch daß ich es lebte, brach
Mir bald das Genick und ich mußte fort. –
Kein Teufel fragte danach.

Nun hab ich zu leben und dichten verlernt;
Ich bin des »armen Manns Frau«.
Mein innerstes Wesen dünkt mich entkernt,
Mein Streben ist ziellos und lau.
Man nennt mich ja gut, man lächelt mir zu.
Doch wenn einst das Herz mir brach
Und ich in der kühlen Erde ruh –
Kein Teufel frägt was danach.

Väterliche Ermahnung
Mein Sohn, und wenn ich sterbe,
Dann erbst du Geld und Haus
Und suchest dir zum Weibe
Das schönste Mädchen aus.

Mein Sohn, und wenn ich liege
Vermodert längst im Grab,
Dann jagst durch deine Gurgel
Du Geld und Haus hinab.

Mein Sohn, und das ist bitter:
Für was hätt ich gespart
Und meinen alten Magen
Mit Wasser nur genarrt?

Mein Sohn, und laß dir sagen,
Ein Glück, daß ich noch bin
Und selbst mein Teil kann tragen
Zur Hirschenwirtin hin.

Widmung
Bleibt auch mancher stille Wunsch hienieden
Unerfüllt dir, zürn dem Himmel nicht!
Für versagte Freuden gibt er Frieden,
Für der Sonne Glanz der Sterne Licht.

Ungeblendet kann dein Aug sich freuen
An dem milden, träumerischen Schein.
Jeder Abend wird ihn dir erneuen.
Besser ists, als glücklich gut zu sein!

Mein Wald – Mein Leben
Ich sah den Wald im Sonnenglanz,
Vom Abendrot beleuchtet.
Belebt von düstrer Nebel Tanz,
Vom Morgentau befeuchtet.
Stets blieb er ernst, stets blieb er schön,
Und stets mußt ich ihn lieben.
Die Freud an ihm bleibt mir bestehn,
Die andern all zerstieben.

Ich sah den Wald im Sturmgebraus,
Vom Winter tief umnachtet,
Die Tannen sein in wirrem Graus
Vom Nord dahingeschlachtet.
Und lieben mußt ich ihn noch mehr,
Ihn meiden könnt ich nimmer.
Schön ist er, düsterschön und hehr,
Und Heimat bleibt er immer.

Ich sah mit hellen Augen ihn,
Und auch mit tränenvollen;
Bald hob er meinen frohen Sinn,
Bald sänftigt er mein Grollen.
In Sommersglut, in Winterfrost
Konnt er mir nicht mehr geben.
So gab er meinem Herzen Trost.
Und drum: Mein Wald – mein Leben.

Der Säumer
Der Säumer zieht auf dunklem Pfad
Durchs Waldgebirge hin.
Da kommt ihm wie von ungefähr
Sein Mädchen in den Sinn:
»O wäre doch, du gutes Pferd,
Was dich belastet, mein,
Ich kaufte Böhmens Königskron
Und gäbs dem Mägdelein!

Und wie mit leichtem Jugendmut
Er lenket heimatwärts,
Da singt er manches frohe Lied
Und drückt die Hand aufs Herz.
Ein seidnes Tüchlein birgt er dort,
Gestickt mit rotem Gold.
Es ist ein herrlich Angebind
Fürs Mädchen, fein und hold.

Da fliegt ein Reiter von der Burg:
»Du junger Säumerknab,
Mir Sattel, Pferd und all dein Geld,
Dir kalten Dolch und Grab!«
Der Säumer sinkt, ruft sterbend noch:
»All was ich hab, ist dein.
Doch unterm Wams dies seidne Tuch
Bring meinem Mägdelein!«

Dem Ritter läßt dies Wort nicht Ruh,
Nachschallts ihm aus dem Grab.
Er sucht des Säumers arme Maid
Das Waldland auf und ab.
Vergebens fragt er früh und spät
An hoch und niedrer Tür.
Und wie er heimkommt, tritt so bleich
Sein Töchterlein herfür.

»Was irrst du in der weiten Welt,
Läßt mich allein zu Haus?
Was suchest du des Säumers Lieb? –
Gib mir das Tuch heraus!
Wie schmückt es schön die Totenbraut,
Das Blut auf seidnem Schnee!
Ich suche mir den Bräutigam.
Mein Vater, nun – ade!«

Der Wasservogel
Des Waldes Rauschen fort und fort
Zu stillen Dörfern drang.
Im Mondenschein von Ort zu Ort
Der Wasservogel sang.

Nicht kam er aus dem stillen Ried,
Nicht flog er Vögeln gleich.
Doch klang der Pfingstnacht hehres Lied
Ihm aus der Kehle weich.

Vielstimmig sang er, laut und leis,
Von Himmel, Gott und Welt,
Des Bauern Lob, des Bauern Preis
Und was dem Weib gefällt.

Er sang von Haus und Welt und Gott,
Er sang von Lieb und Lust,
Der Mädchen Wohl, der Mädchen Spott
Aus frohbewegter Brust.

Da lauschte, was nur Ohr besaß,
Von hohem Schrot und Dach.
Der ält’ste Greis den Schlaf vergaß,
Das jüngste Kind blieb wach.

Und zog er hier und dort davon
Mit hergebrachtem Gruß.
Er ging nicht ohne guten Lohn
Und ohne Wasserguß.

Und als der Morgen stieg herauf,
War aus der Lieder Reim.
Da flog, pfingstfreudenvoll, zuhauf
Der Wasservogel heim.


Emerenz_Meier_1925REmerenz Meier (* 3. Oktober 1874 in Schiefweg, heute Ortsteil von Waldkirchen/Niederbayern; † 28. Februar 1928 in Chicago) war eine deutsche Schriftstellerin. Neben Lena Christ gilt sie als die bedeutendste bayerische Volksdichterin.
Texte der Emerenz Meier erschienen in Zeitschriften wie Simplicissimus und Die fliegenden Blätter. Sie zeichneten sich durch ihre leidenschaftlichen Betrachtungen der Umwelt des Bayerischen Waldes um die Jahrhundertwende aus. Die Dichtungen stießen beim Publikum auf Nachfrage.
Zuhause soll sie aber als narrische Verslmacherin (verrückte Versmacherin) verspottet worden sein.
Auch in Zeitungen und Kalendern wurden ihre knapp gehaltenen Geschichten und Gedichte gedruckt. Emerenz Meier galt als Naturtalent und verwendete Motive aus ihrer bäuerlich geprägten Heimat. Im Stadttheater Passau wurden zwei ihrer Erzählungen aufgeführt.

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