Elisabeth Keuken | «Dies bist Du»

Die Hindu haben in ihren heiligen Büchern eine immer wiederkehrende Formel: tat-twam-asi, die sie das große Wort nennen, und die in unserer Sprache so viel bedeutet, wie: «Dies bist Du» — Unsere Zeit verlangt eindrücklich danach, dass diese Sanskrit-Formel auch zum großen Wort für unsern Erdteil würde. Uns ist mit dem Eintritt ins Leben der Selbsterhaltungstrieb mitgegeben worden, der uns auf unserem ganzen Erdenwege mit den Worten begleitet: Jeder ist sich selbst der Nächste. Viele Menschen kennen nichts anderes als diesen Selbsterhaltungstrieb, und er spricht nur zu deutlich aus den Zügen ihres Antlitzes. Es gibt aber Menschen, die Herz und Gemüt haben, und die keine Befriedigung darin finden, nur um ihretwillen zu leben. Sie schließen sich an andere Menschen an; die Freude anderer wird ihnen zu ihrer Freude, und das Leiden anderer wird ihnen zu ihrem Leiden. Damit beginnt für sie das Verständnis für das große Wort: «Dies bist Du.» — Der enge Kreis ihres Ichs weitet sich und geht um das «Du», und wenn er auch zuerst nur umschließt, was ihm Heb ist, so ist ihm dadurch doch der Weg geöffnet, auch das zu umschließen, was ihm zuwider ist.

Jeder wahrhaft nach Menschentum Verlangende, strebt danach, auch dem für ihn Abstoßenden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er kommt so weit, dass er in den Fehlern anderer seine Fehler sieht, sich dadurch bessert und den andern vergibt. Er sagt sich immer und immer wieder: «Dies bist Du». In Gesellschaft, am „Stammtisch“, im Gespräch auf der Straße, höre ich immer wieder die Worte aussprechen: «Aber wie soll es nach diesem Jahr [2016] kommen, wenn soviel Hass und Rache – auch bei vielen Frauen – sich angesammelt haben? Es kommt noch schlimmer, als es vorher war.»
— Diese Worte verfehlen nie, mir weh zu tun. Ihre Wahrheit trifft mich. Und dennoch wird es nur so sein, wenn wir durch die Auseinandersetzungen nicht andere und bessere Menschen geworden sind. An uns liegt es, dass es nicht so wird, wenn das negative Kämpfen vorüber ist. Täglich wollen wir uns in die Leiden und Schrecken des Zankes einfühlen, täglich wollen wir uns sagen: «Wir sind auch schuld daran, dass es mit der Menschheit soweit hat kommen müssen.»
Durch unser Schuldbewusstsein werden die Worte des Hasses verstummen, und liebend werden wir aller Menschen gedenken, die leiden müssen, und in uns wächst das Streben, mitzuhelfen am Aufbau eines neuen menschenwürdigen Daseins für alle Völker. Und so darf vielleicht das Verständnis einzelner zum Verständnis aller werden und das große Wort: «Dies bist Du», von Land zu Land gehen, und es dämmert der Morgen für einen ewigen Frieden unter den Menschen. Wir wollen es glauben, und unser Glaube soll sich erweisen durch die ‚Tat.


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