Maria Aronov | Liebe ohne Seele ¦ Die Meerjungfrauen Puschkins & Andersens

Eine Liebe ohne Seele
Am Beispiel von Puschkins und Andersens „Meerjungfrauen“

Junger Fischer mit einer Meerjungfrau - Maler unbekannt - 1. Hälfte 19. Jrdt.
Junger Fischer mit einer Meerjungfrau – Maler unbekannt – 1. Hälfte 19. Jrdt.

Im Jahr 1836, dem letzten Jahr vor seinem Tod, verlor und erschuf Puschkin gleichzeitig etwas. Ein Stück seiner Seele verstarb, als der Dichter seine geliebte Mutter verlor und ein anderes hinterlegte er in seinem Poem „Rusalka“, was übersetzt „Die Meerjungfrau“ bedeutet.
Diese Dichtung enthält nicht nur eine wunderbare und sich leicht lesende Sprache, sondern auch viele tiefe Gefühle.
Es heißt, dass der Gesang der Sirenen die vorbeifahrenden Schiffer anlockt und sie tötet. Doch die mythologischen Wesen kennen die Schiffer nicht. Der Mensch dagegen ist in der Lage, die Seele anderer durch Verrat und Untreue zu zerstören. Genau das ist Natascha, der Hauptfigur des Poems, passiert.

Um einen Einblick in Puschkins großartiges Werk und die verletzten Gefühle der jungen Frau zu bekommen; eine Inhaltsangabe:

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Am Ufer des Flusses Dnjepr lebt ein alter Mann mit seiner Tochter Natascha. Seit einiger Zeit werden die beiden des Öfteren von einem Fürsten aufgesucht, der Natascha liebt. Sie erwidert seine Gefühle. In der letzten Zeit kommt der Fürst jedoch immer seltener zu Besuch. Natascha wartet sehnsüchtig auf ihren Geliebten. Ihr Vater belehrt sie währenddessen, wie sie aus ihrer Liebe mehr Vorteile für sich und die ganze Familie gewinnen kann. Natascha hört jedoch nicht auf ihren Vater.
Plötzlich hört die junge Frau ein Pferdegetrappel. Es kommt der Fürst. Natascha macht ihm vorsichtig Vorwürfe für seine lange Abwesenheit und ihr Vater erzählt ihm von der schweren Arbeit und seinen Schwierigkeiten. Um Natascha zu beruhigen, schenkt der Fürst ihr ein teures Collier.
Die veranstalteten Tänze und Spiele der Bauern ziehen den Fürsten nicht an. Er kam lediglich, um sich für immer von Natascha zu trennen. Der Grund für den Abschied war weder der Krieg noch der lange Weg zu ihr, sondern eine standesgemäße Heirat.
Weder Nataschas Kummer noch die Tatsache, dass sie sein Kind unter dem Herzen trägt, kann den Fürsten davon abhalten, sie zu verlassen. Vor Kummer den Verstand verlierend, reißt sie das Collier herunter und wirft es in den Fluss.
Der Fürst heiratet eine reiche bemerkenswerte Frau. Während der Belustigung der Gäste hört man jemanden ein trauriges Lied über eine gelogene Liebe singen. Der Fürst erschrickt sich, denn hört er Nataschas Stimme. Man versucht, die Stimmung auf der Feier wieder aufzulockern und möchte, dass das Ehepaar sich küsst. Als sich der Fürst für den Kuss zu seiner Frau neigt, hört er in der Stille plötzlich ein weibliches Stöhnen, das das Fest betrübt. Alle Anwesenden sind verwirrt.
Nun sind 12 Jahre seit der Hochzeit vergangen, doch die Ehe brachte dem Fürsten kein Glück. Die Fürstin verbringt ihre Tage in Einsamkeit. Man erzählt, dass der Fürst die ganze Dienerschaft fortgeschickt hat und allein auf dem Ufer des Dnjepr bleibt.
Es ist Nacht und unter dem kühlen Licht des Mondes spielen die Meerjungfrauen. Als sie den Fürsten bemerken, verschwinden sie.
Der Fürst erkennt die Orte, vor er vor vielen Jahren schon mal war – die auseinander fallende Mühle und die alte Eiche. Die Erinnerung an das vergangene Glück und die Reue tun seiner Seele gut.
Plötzlich erscheint vor ihm ein alter in Lumpen gekleideter Mann. Das ist der Müller. Der Tod seiner Tochter brachte ihn um den Verstand. Der Fürst bietet ihm an, in sein Schloss mitzukommen, doch der Alte lehnt es ab. Auf einmal fällt er über den Fürsten her und befiehlt ihm, ihm seine Tochter zurückzugeben. Herbeieilende Jäger retten den Fürsten vor dem alten Mann.
Viele Jahre sind seit dem Tag vergangen, als Natascha sich in den Fluss warf und zu einer drohenden Herrin des Dnjepr – Gewässers wurde. Ihrer kleinen Nixe-Tochter erzählt sie über deren Vater – den untreuen Geliebten. Sie befiehlt ihr, ans Ufer zu gehen und ihn in den Fluss zu locken.
Der Fürst besucht weiterhin den Dnjepr, der ihn an die glücklichen Tage erinnert. Aus dem Gewässer kommt die kleine Nixe und erzählt ihm, dass sie seine Tochter sei. Sie ruft ihn zu sich. Der Fürst ist bereit, ihr zu folgen. Man versucht, ihn davon abzuhalten, doch er hört die rufende Stimme Nataschas. Der Stimme gehorchend geht der Fürst gefolgt von der Nixe unter das Wasser.
Die wahre Liebe erkennend, sucht der Fürst sein Glück auf dem Grund des Gewässers.

Interessant ist, ob dieses Poem auch einige autobiographischen Züge Puschkins enthält. Vielleicht träumte auch er von Rache an seinem Schwippschwager, der seine Liebe und sein Leben zerstört hat. Nicht umsonst lässt der Dichter den verräterischen Fürsten unglücklich werden und ertrinken. Er suchte nach Gerechtigkeit.

Ferdinand Leeke (1859 - 1923) - Die Versuchung der Meerjungfrau - 1921
Ferdinand Leeke (1859 – 1923) – Die Versuchung der Meerjungfrau – 1921

Das Motiv der unglücklichen Liebe kennt man auch aus „Die kleine Meerjungfrau/Seejungfer“ von Hans Christian Andersen. Das Märchen schrieb er im Jahr 1837, im Jahr des Todes von Puschkin. Als Grundlage für seinen Text nahm er die Sage der Undine von Friedrich de la Motte Fouqué, die der Oper „Rusalka“ von Antonin Dvorak ähnelt.

Das Märchen von Andersen handelt von dem tragischen Ende der kleinen Nixe, die durch die wahre Liebe ihrerseits die ewige Seele findet:

Maler: Constantin Hansen - 1836
Maler: Constantin Hansen – 1836

Die kleine Nixe, die sich in den Prinzen verliebt, den sie selbst gerettet hat, nimmt viele Qualen auf sich, wird gar zu einem menschlichen Wesen, um in der Nähe ihres Geliebten sein zu können. Als ein seelenloses Wesen strebt sie danach, eine Seele zu erlangen, die nach dem Tod in die Luft aufsteigt. Diese bekommt eine Nixe aber nur dann, wenn sich ein Mensch in sie verliebt.
Für ihre Liebe und den Wunsch, eine Seele zu bekommen, erleidet sie höllische Qualen, als sie Gehen lernt. Sie verlässt ihren Vater und ihre Schwestern, gibt ihr Leben unter dem Wasser auf, doch der Prinz erkennt die wahre Liebe des Mädchens nicht und heiratet eine Prinzessin, die er für seine Retterin hält.
Der erste Strahl der Sonne nach der Hochzeitsnacht des Prinzenpaars soll gleichzeitig der letzte Atemzug des armen Mädchens werden. Die einzige Lösung, die ihr für die eigene Rettung bleibt, ist, den Prinzen zu töten. Dies bringt sie nicht übers Herz und löst sich auf dem Wasser in Schaum auf. Durch ihre guten Taten und ihr weiches Herz verwandelt sie sich aber in einen Luftgeist und kann ihren Traum, eine unsterbliche Seele zu bekommen, durch gute Handlungen und ihr weiches Herz, verwirklichen.

Hans Christian Andersen sieht die Rettung in er der Erlösung der Seele, was er mit dem „Ewigen Glück der Menschen“ bezeichnet. Die kleine Nixe verzichtet in ihrer Selbstlosigkeit auf die Rache und verendet in einem Meer voller Tränen der Trauer und gleichzeitig des seelischen Glücks.

Beide Autoren sowohl Puschkin als auch Andersen erschufen in ihren Texten einen Ozean von Gefühlen. Andersen zeigt, dass ein seelenloses Wesen mehr Liebe in sich trug als ein Mensch. Auch bei Puschkin setzt der Mensch nicht automatisch das Vorhandensein der Seele voraus.

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