Eine glückliche Beziehung ist eine „Ich-Beziehung“

Nur weil eine Ehe lange hält, heißt das nicht, dass sie auch glücklich verläuft. Viele Paare bleiben wegen ihrer Kinder, aus praktischen oder religiösen Gründen zusammen. Was also macht das Geheimnis einer harmonischen Ehe aus?

Der Schlüssel zu einer Partnerschaft, in der beide Beteiligten zufrieden sind, ist Selbstverwirklichung. Und zwar jedes Einzelnen — mit der Unterstützung des anderen. Die „New York Times“ bezeichnet dies als „Ich-Ehe“.

Ob eine Ehe überhaupt eine Chance hat zu überleben, dafür sind laut Arthur Aron, Professor der Psychologie und Leiter des „Interpersonal Relationship Labaratory“ an der State University of New York, verschiedene Faktoren verantwortlich: „Kommunikationsfähigkeit, geistige Gesundheit, soziale Unterstützung und Engagement.  Von diesen Dingen hängt ab, ob die Ehe hält oder nicht“, so Aron gegenüber der „New York Times“. Allerdings seien das nicht notwendigerweise die  Gründe, weshalb der Einzelne das Bündnis als sinnvoll oder angenehm für sich erachtet.

Dieser Umstand mag zunächst selbstbezogen erscheinen, kann allerdings zu einer starken, zukunftsfähigen Partnerschaft beitragen, wie Dr. Aron gegenüber der Zeitung erläutert: „Wenn man auf der Suche nach persönlicher Entwicklung ist und diese durch den Partner erfährt, dann erlangt dieser wiederum auch eine neue Entwicklungsstufe. Und wenn man seinen Partner ebenfalls bei der Selbstverwirklichung helfen kann, ist das für einen selbst sehr erfreulich.“
Das erklärt, weshalb Paare sich auf neue Erfahrungen wie etwa einen gemeinsamen Wochenendurlaub freuen. Doch der Einzelne erfährt die persönliche Entwicklung durch seinen Partner auch in kleinen Dingen. Etwa, wenn man einander neue Freunde vorstellt oder über den Besuch eines neuen Restaurants redet. Das bedeutet: es ist wichtig, seine Beziehung stetig mit neuen Impulsen und Eindrücken zu bereichern.

Besonders stark ist der Effekt der Selbstverwirklichung bei frisch Verliebten. Das zeigte eine Studie an der University of California in Santa Cruz. Demnach beschrieben sich Studenten selbst mit wesentlich abwechslungsreicheren Worten, wenn sie erst kürzlich zusammen gekommen waren: Die neue Beziehung hatte die Art und Weise, wie sich selbst sahen, erweitert. „Erst ist man sich fremd und dann bezieht man diese Person mehr und mehr in sein I c h ein. Plötzlich hat man alle diese gesellschaftlichen Rollen und Identitäten, die man vorher nicht hatte“, so Dr. Stevenson, der für die Studie mitverantwortlich war.

Langfristig zeigen sich solche persönlichen „Gewinne“ oft auf subtile Art und Weise. So öffnet ein besonders witziger oder kreativer Partner seinem ernsten Gegenstück neue Horizonte. Weitere Untersuchungen suggerieren außerdem, dass Partner letztendlich Züge des anderen übernehmen – und letztendlich gar nicht mehr richtig unterscheiden können, welche Eigenschaften eigentlich wen ausmachen. Auf Außenstehende wirkt dieser Gleichklang oft verstörend, da er eine Intimität zeigt, die Fremden eher unangenehm ist.

In einem Experiment von Dr. Stevenson sollten die Teilnehmer sowohl sich selbst als auch ihre Partner mit Charakteristika wie „ehrgeizig“ oder „künstlerisch“ bewerten. Eine Woche später wurden die Probanden erneut zu der Liste befragt. Am schnellsten konnten sie die Fragen beantworten, bei denen die entsprechende Eigenschaft auf beide Partner zu traf. Wurde der Charakterzug nur einer Person beschrieben, kam die Antwort wesentlich langsamer. Daraus schlossen die Leiter der Studie, dass, wenn sich Menschen besonders nahe stehen, das Gehirn nicht so schnell unterscheiden kann, welches das eigene Merkmal und welches das des Partners ist. „Ich muss mich selbst fragen: ‚Bin ich das oder bist du das'“, so Stevenson.

Allerdings bedeute das nicht, dass die Partner sich selbst für die Ehe aufgegeben hätten. Vielmehr sind sie durch sie gewachsen. Aktivitäten, Eigenschaften und Verhaltensweisen, die vorher nicht zu ihrer Identität gehörten, sind nun ein wesentlicher Teil ihres Lebens.

All diese Dinge können die Chancen auf eine lange, befriedigende Ehe erhöhen. „Menschen haben einen fundamentalen Antrieb, sich selbst zu verbessern und sich als Person vervollständigen“, erklärt Dr. Stevenson. „Wenn dir dein Partner hilft, eine bessere Person zu sein, wirst du auch glücklicher und zufriedener in der Beziehung werden.“


Also published on Medium.

Es würde uns freuen, wenn Sie einen Kommentar hinterlassen. Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

error: Content is protected !!