Ein Herz für die Mücke

Man kann sagen, dass die Mücke ein Amphibium ist, ein Tier, das sowohl auf dem Lande als auch im Wasser lebt, das heißt, ihre Jugend verbringt die Mücke im Wasser, ihr Erwachsenendasein in der Luft. Das Mückenweibchen legt die winzigen Eierchen in einem stehenden Gewässer ab, und zwar eins nach dem anderen, und klebt sie dann mittels klebriger Ausscheidungen zusammen zu einem Klümpchen in Form eines Floßes. Dieses »Mückenschiffchen« schwimmt frei auf der Oberfläche des Teiches oder Tümpels; es ähnelt jenem »Kästlein von Rohr«, das einst für den kleinen Moses angefertigt worden sein soll, und enthält zweihundert bis dreihundert Eier, Es vergehen drei Tage, da platzen die Eier, oder besser gesagt, sie öffnen sich. An ihrem unteren Ende, das ins Wasser hängt, klappt wie eine Tür ein Deckelchen nach unten auf, und die einem Würmchen ähnelnde Larve sinkt, sich windend, in den heimatlichen Sumpf. Sie ist so flink, dass sie nur schwer zu fangen ist. Man strecke die Hand aus, um das Mückenbaby zu packen, doch blitzschnell wird es einem durch die Finger schlüpfen.

MückenlarveUm die Mückenlarve besser betrachten zu können, wollen wir sie einmal in einem winzigen Wassertropfen unter das Mikroskop legen. Man erkennt einen Kopf und zwei große dunkelbraune Augen, eine kugelförmige Brust und dahinter einen »Schwanz«, genauer gesagt, einen gegliederten Hinterleib. An dem Kopf um den Mund herum sieht man etwas, was Fühlern ähnelt, die Kiefer. Sie sind in ständiger Bewegung: Sie spülen Wasser in den Mund mit mikroskopisch kleinen Algen sowie Zell- und Gewebetrümmern von Pflanzen und Tieren: davon ernährt sich die Mückenlarve. An einem Tag wird so bis zu einem Liter Wasser filtriert! 
Am gegenüberliegenden Körperende erkennt man zwei andere höchst interessante Organe. Das hintere ähnelt einem Röhrchen und ist auch eines. Die Larve schiebt es aus dem Wasser heraus  (wobei sie mit dem Kopf nach unten hängt) und saugt Luft ein. In diesem Lebensabschnitt atmet die Mücke also hauptsächlich mit dem Hinterleib. Das zweite Organ, seitlich orientiert, das »Haupttriebwerk«, ist Steuer und Ruder zugleich. Es hat vier Schaufeln und ähnelt auffallend einer Schiffsschraube. Die junge Mücke verbringt zwei, drei Wochen als Larve. Danach legt sie sich horizontal zur Wasseroberfläche und verpuppt sich. Die Hülle ist kleiner als das in ihr eingeschlossene Lebewesen, und darum liegt das Insekt zusammengekrümmt einer Chitinkapsel. In dieser Lage entwickeln sich bei der die Flügel, die Beine, der Saugapparat und alle anderen der ausgewachsenen Mücke. Während dieser Zeit frisst die Mücke nichts, in der Puppenhülle ist auch gar kein Loch für den Mund. Das seltsamste aber ist die Veränderung der Atemorgane. Die Puppe atmet nicht mehr mit dem »Schwanz«, das frühere Atemröhrchen ist verschwunden, statt seiner haben zwei andere herausgebildet—auf dem Rücken. Um Luft zu schöpfen, taucht die Mücke jetzt nicht mit dem Kopf nach unten der Oberfläche auf, sondern legt sich horizontal.

Schließlich ist der Augenblick da, in dem die Puppe zum letzten Mal an die Wasseroberfläche kommt, nämlich um die in ihr schon fertig ausgebildete Mücke in die Freiheit zu entlassen. Die Mücke reißt das obere Ende der Hülle auf und kriecht heraus. Schwach und ungelenk, müht sie sich, schnellstens ihre ausgediente Hülle abzuwerfen. Welch erstaunliche Verwandlung! So schnell entwickelt sich aus einem Wassertier ein geflügeltes Landtier mit allen für das Leben im neuen Element notwendigen Organen.

Wenn man aber denkt, die Puppenhülle sei nun für nichts mehr tauglich, so irrt man. Sie dient der Mücke jetzt eine Art kleines Boot, denn diese ist ja noch nicht trocken, hat noch nicht die Flügel entfaltet und kann noch nicht fliegen. Vorsichtig setzt sie ihre Stelzfüße auf das »Boot«, bemüht, nicht von ihm herunterzufallen. Wenn das nämlich geschieht, kommt sie um—sie ertrinkt in jenem Wasser, in dem allein sie bisher existieren konnte.
Das Mückenmännchen saugt niemals Blut. Es besitzt keinerlei Waffen, um jemanden anzugreifen, nur einen biegsamen Rüssel zum Sammeln von Pflanzensaft und süßem Nektar. Beim Mückenweibchen aber sind Kopfform und alle Organe, mit denen der Mund ausgestattet ist, anders. Im Mikroskop sieht man, dass das Männchen am Kopf um den Mund herum so etwas wie einen Bart hat—ein dichtes Borstengestrüpp, das mit feiner Behaarung versehen ist. Am Kopf des Mückenweibchens gibt es dagegen keinen »Bart«. Die Behaarung an den Fühlern ist kürzer, der Saugrüssel allerdings der gleiche. Aber etwas gibt es, was das Männchen nicht hat—fünf spitze, an den Enden schartige »Stilette«.  Das Weibchen bündelt diese zu einer Art Ahle und durchbohrt damit die Haut von Mensch und Tier. Blut fließt aus der kleinen Wunde, und der Rüssel saugt es sofort auf. Das heißt, mit einem Organ sticht sie, mit einem anderen saugt sie. Saugt sie viel, schwillt sie zusehends an und sieht rot aus.

An ruhigen, windstillen Abenden vereinen sich die Mückenmännchen zu Schwärmen: Gewöhnlich tanzen diese über einem Baum, einem Strauch oder einem Glockenturm, mitunter gar über einem Menschen, des Weges kommt. Die Köpfe gegen den Wind gedreht, rhythmisch steigend und fallend, tanzen die Mücken gleichsam auf der Stelle. Der Duft, den beim Flug spezielle Drüsen absondern, verstärkt sich tausendfach, wenn sie sich zu Schwärmen vereinigen. Beim Tanzen verteilen sie ihn nach allen Richtungen, und, angelockt durch diesen Duft, eilen von allen Seiten die Weibchen zum Tanze herbei. Manchmal versammeln auch sie sich zu einem Schwarm, der ein wenig unter den tanzenden Männchen kreist. Plötzlich löst sich das eine oder andere Weibchen daraus und schwirrt empor in die Gruppe Männchen. Einen Augenblick später lässt sich das vereinte Pärchen zum Erdboden herab.

Wie findet ein Männchen so schnell ein Weibchen unter den Tausenden chaotisch auf und nieder schwirrenden Mücken? Es hört das Weibchen, es hört das Schlagen ihrer Flügel. Die schwingen fünfhundertmal in einer Sekunde, und unisono beginnen die Fühler des Männchens zu vibrieren. Ein spezielles, im zweiten Fühlerglied gelegenes Organ nimmt nur den Flügelschlag des geschlechtsreifen Weibchens wahr. Das nicht geschlechtsreife bewegt die Flügel genau wie die Mückenmännchen in einem anderen Rhythmus.

Das aufreizende »Sirren«, mit dem das Mückenweibchen seine Absieht bekundet, einen Menschen heimzusuchen, wird von zwei verschiedenen Instrumenten erzeugt. Die niedrigsten Töne verursachen das Vibrieren der Flügel. Die höheren und schärferen Töne der penetranten Melodie geben zwei spezielle Trommeln ab, die an den Öffnungen der Atemröhren gelegen sind —Luftwarzen, wie sie genannt werden. Die ausgewachsene Mücke atmet nämlich nicht durch das Rüsselröhrchen wie die Larve, auch nicht durch die beiden Röhrchen auf dem Rücken wie die Puppe, sondern die vielen winzigen Öffnungen, die in Reihen an den Seiten des gesamten Körpers verlaufen und sich in der Mücke dem weitverzweigten System der Atemtracheen vereinigen.

Im Herbst sterben alle Mückenmännchen, ihr Leben vergeht wie im Fluge und währt nur einen Sommer. Die Weibchen dagegen sind im Herbst und auch im Winter noch mobil und riechen sich vor der Kälte in Löchern und Ritzen. Dort ruhen sie bis zum Frühjahr in Anabiose. Im Frühjahr erwachen

Sie zu neuem Leben und machen sich eilig auf, Blut zu saugen, dabei entwickeln sie einen gewaltigen Appetit. So schließt sich Lebenskreis der Mücke: Im Frühjahr (und auch im Sommer) schlüpft eine neue Mückengeneration, und alles beginnt von vorn.

 Foto: Frank Hollenbach_pixelio.de

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