Edgar Allen Poe – Die Brille oder Liebe auf den ersten Blick

Felix Vallotton - Edgar Allen Poe - 1895 - Art Nouveau (Modern)
Felix Vallotton – Edgar Allen Poe – 1895 – Art Nouveau (Modern)

Vor vielen Jahren pflegte man eine »Liebe auf den ersten Blick« zu belächeln; die Nachdenklichen aber und die Leute von tiefem Gefühl haben ihr Vorhandensein stets anerkannt. Tatsächlich haben moderne Entdeckungen auf einem Gebiete, das man ethischen Magnetismus oder magnetische Ästhetik nennen könnte, es glaubwürdig gemacht, daß die natürlichsten und folglich die wahrsten und stärksten menschlichen Leidenschaften jene sind, die wie mit elektrischer Sympathie im Herzen aufflammen – mit einem Wort, daß die Seelenbeziehungen, die auf den ersten Blick geknüpft werden, die ungetrübtesten und dauerndsten sind. Das Bekenntnis, das ich zu machen gedenke, wird den schon kaum mehr zu zählenden Wahrheitsbeweisen für diese Behauptung einen neuen hinzufügen.

Meine Erzählung verlangt, daß ich etwas weiter aushole. Ich bin noch ein sehr junger Mann, noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt. Mein gegenwärtiger Name lautet sehr gewöhnlich und plebejisch – Simpson. Ich sage »gegenwärtig«, denn ich werde erst seit kurzem so genannt, da ich diesen Zunamen im letzten Jahre gesetzlich angenommen habe, um eine große Erbschaft antreten zu können, die mir ein entfernter Verwandter, Adolphus Simpson, hinterlassen hat. Es knüpfte sich die Bedingung daran, daß ich den Namen des Erblassers – den Familien-, nicht den Taufnamen – annehme. Mein Taufname – oder richtiger mein erster und zweiter Rufname – lautet Napoleon Buonaparte.Ich nahm den Namen Simpson mit einigem Widerstreben an, da mein wirklicher Zuname, Froissart, mich mit verzeihlichem Stolz erfüllte – glaubte ich doch, ich könne meine Abstammung von dem unsterblichen Verfasser der »Chroniques« herleiten. Hinsichtlich der Namen möchte ich nur nebenbei eine eigentümliche Klangähnlichkeit zwischen denen meiner nächsten Vorfahren erwähnen. Mein Vater war ein Monsieur Froissart aus Paris. Seine Frau – meine Mutter, die fünfzehn Lenze zählte, als er sie heiratete – war ein Fräulein Croissart, die älteste Tochter von Croissart, dem Bankier; dessen Frau wiederum, die kaum sechzehn Jahre alt war, als sie die Ehe einging, war die älteste Tochter eines Victor Voissart. Monsieur Voissart aber hatte, höchst seltsam, eine Dame mit ähnlich klingendem Namen geheiratet – eine Mademoiselle Moissart. Auch sie war bei der Eheschließung noch ein wahres Kind, und ihre Mutter, Madame Moissart, zählte ebenfalls erst vierzehn, als sie vor den Altar trat. Solche frühen Ehen sind in Frankreich nichts Außergewöhnliches. Hier nun sind Moissart, Voissart, Croissart und Froissart alle in einer direkten Abstammungslinie. Mein eigener Name wurde aber, wie ich sagte, auf gesetzlichem Wege in Simpson umgewandelt, obschon mir das so zuwider war, daß ich eine Zeitlang ernstlich zögerte, das Legat mit der damit verknüpften, ebenso überflüssigen wie ärgerlichen Bedingung überhaupt anzunehmen.

Mit persönlichen Vorzügen bin ich keineswegs schlecht ausgestattet. Im Gegenteil, ich glaube, ich bin wohlgestaltet und besitze, was neun Zehntel der Menschen ein hübsches Gesicht nennen würden. Meine Größe beträgt fünf Fuß elf Zoll. Mein Haar ist schwarz und lockig, meine Nase gut geformt. Die Augen sind groß und grau, und wenn sie auch in ziemlich störendem Grade schwach sind, so kann man ihnen diesen Mangel doch nicht ansehen. Die Tatsache der Schwäche hat mich allerdings oft sehr behindert, und ich habe zu jedem Heilmittel meine Zuflucht genommen – nur nicht zu Augengläsern. Da ich jung und hübsch bin, so liebe ich natürlich die Gläser nicht und habe mich standhaft geweigert, sie zu benutzen. Wirklich, ich kenne nichts, was die Erscheinung eines jungen Menschen so entstellte, seinen Mienen etwas so Gespreiztes, Scheinheiliges und Bejahrtes gäbe. Ein Monokel dagegen hat einen Beigeschmack von Geziertheit und fordert zum Spott heraus. Ich habe mich bis jetzt, so gut ich konnte, ohne beides beholfen. Doch ich gehe in der Erwähnung dieser nebensächlichen persönlichen Einzelheiten, die schließlich belanglos sind, wohl zu weit. Ich will mich begnügen, noch zu sagen, daß ich ein sanguinisches, rasches, feuriges, begeisterungsfähiges Temperament besitze – und daß ich allzeit ein ergebener Bewunderer der Frauen gewesen bin.

Im vorigen Winter betrat ich eines Abends in Gesellschaft eines Freundes, Mr. Talbots, eine Loge im P… Theater. Es gab eine Opernvorstellung; die Anzeigen verhießen einen seltenen Genuß, so daß das Haus gedrängt voll war. Wir aber kamen noch rechtzeitig, um die für uns belegten Vordersitze einzunehmen, zu denen wir uns mit einiger Schwierigkeit unsern Weg bahnen mußten.

Zwei Stunden lang schenkte mein Begleiter, der ein begeisterter Musikfreund war, seine ungeteilte Aufmerksamkeit der Bühne; derweil unterhielt ich mich damit, das Publikum zu beobachten, das in der Hauptsache den ersten Gesellschaftskreisen angehörte. Nachdem ich mir hierin Genüge geleistet hatte, wollte ich die Augen der Primadonna zuwenden, als mein Blick von einer Gestalt in einer Privatloge gebannt wurde, die meiner Beobachtung bisher entgangen war.

Wenn ich tausend Jahre lebe, so kann ich nicht die tiefe Ergriffenheit vergessen, mit der ich diese Gestalt betrachtete. Es schien die herrlichste weibliche Erscheinung, die ich je gesehen hatte. Das Antlitz blieb der Bühne so weit zugewandt, daß ich in den ersten Minuten keinen Blick darauf werfen konnte – die Gestalt aber war göttlich; kein andres Wort kann ihr wundervolles Ebenmaß wiedergeben, und selbst die Bezeichnung »göttlich« erscheint mir – nun, da ich sie niederschreibe – lächerlich unzureichend.

Der Zauber einer schönen Frauengestalt, der weiblichen Anmut, war eine Macht, der zu widerstehen mir immer unmöglich gewesen war; hier aber sah ich personifizierte, verkörperte Anmut, das Idol meiner kühnsten und verstiegensten Visionen. Die Gestalt, die in der Loge fast ganz sichtbar war, hatte etwas über Mittelgröße und machte beinahe, wenn auch nicht ganz, den Eindruck des Majestätischen. Ihre reife Fülle und »Tournüre« waren berückend. Der Kopf, den man nur von rückwärts sah, glich in seinem Umriß dem der griechischen Psyche und wurde durch eine elegante Haube aus Schleiergaze mehr gehoben als verborgen; ich mußte an den »ventum textilem« des Apulejus denken. Der rechte Arm ruhte auf der Logenbrüstung und ließ in seiner vollendeten Harmonie jeden Nerv in mir erbeben. Sein oberer Teil war von einem der jetzt üblichen, weiten offenen Ärmel verhüllt. Er reichte noch ein wenig über den Ellbogen herab. Darunter kam ein anliegender Unterärmel aus irgendeinem zarten Gewebe zum Vorschein und endete in einer reichen Spitzenmanschette, die anmutig über den Handrücken fiel und nur die feinen Finger enthüllte, auf deren einem ein Diamantring blitzte, den ich sofort als außerordentlich wertvoll erkannte. Die herrliche Rundung des Handgelenks wurde von einem Armband vorteilhaft gehoben, das ebenfalls mit Edelsteinen geschmückt war – eine nicht zu mißdeutende Sprache für die Wohlhabenheit und den erlesenen Geschmack ihrer Trägerin.

Ich blickte zu dieser königlichen Erscheinung wohl eine halbe Stunde hinüber, als sei ich plötzlich in Stein verwandelt, und während der Zeit fühlte ich die volle Kraft und Wahrheit alles dessen, was über »die Liebe auf den ersten Blick« gesagt und gesungen worden ist. Meine Empfindungen waren völlig anders als die, von denen ich bisher selbst in Gegenwart der berühmtesten Vertreterinnen weiblichen Liebreizes ergriffen worden war. Eine unerklärliche und, wie ich annehmen muß, magnetische Seelenneigung schien nicht nur meine Blicke, sondern alle meine Fähigkeit zum Denken und Fühlen an den verehrungswürdigen Gegenstand dort vor mir zu bannen. Ich sah – ich fühlte – ich wußte, daß ich tief, toll, unwiderstehlich verliebt war – und das, noch ehe ich nur das Antlitz des geliebten Wesens erblickt hatte. Wahrhaftig, die Leidenschaft, die mich verzehrte, war so stark, daß ich wirklich glaube, sie würde wenig oder gar nicht nachgelassen haben, selbst wenn die bis jetzt noch unbekannten Gesichtszüge sich nicht über den Durchschnitt erhoben hätten; so ungewöhnlich ist die einzig wahre Liebe – die Liebe auf den ersten Blick – und auch so wenig abhängig von den äußeren Bedingungen, die allein sie hervorzurufen und anzutreiben scheinen.

Während ich so in Bewunderung und Schauen vertieft saß, wurde die Dame durch eine plötzliche Störung im Publikum veranlaßt, den Kopf halb mir zuzuwenden, so daß ich nun das ganze Profil erblicken konnte. Seine Schönheit übertraf noch meine Ahnungen, und dennoch war etwas daran, was mich enttäuschte, ohne daß ich genau sagen konnte, was es war. Ich sagte »enttäuschte«, aber dies ist nicht das rechte Wort. Meine Empfindungen wurden gleichzeitig beruhigt und angestachelt. Sie erlitten Einbuße, was Verzückung anbelangt, und gewannen an stiller Begeisterung – an begeisterter Ruhe. Dieser Empfindungswechsel kam vielleicht von dem madonnenhaften, mütterlichen Ausdruck des Gesichtes, und dennoch wußte ich sofort, daß er nicht ausschließlich daher kommen konnte. Da war noch etwas anderes, ein Geheimnis, das ich nicht aufzudecken vermochte, ein besonderer Zug im Gesicht, der mich ein wenig störte, während er gleichzeitig mein Interesse aufs höchste reizte. Tatsache ist, daß ich mich gerade in der Seelenverfassung befand, in der ein empfänglicher junger Mann jeder außergewöhnlichen Tat fähig ist. Wäre die Dame allein gewesen, so hätte ich zweifellos ihre Loge betreten und sie auf gut Glück angeredet; glücklicherweise hatte sie zwei Begleiter bei sich: einen Herrn und eine auffallend schöne Frau, offenbar einige Jahre jünger als sie selbst.

Ich wälzte tausend Pläne im Geiste herum, wie ich mich wohl der älteren der beiden Damen vorstellen oder wenigstens jetzt ihre Schönheit aus der Nähe bewundern könnte. Ich würde meinen Platz möglichst in ihre Nähe verlegt haben, doch die Tatsache, daß das Theater voll besetzt war, machte das unmöglich, und die strengen Anstandsregeln der Mode hatten seit kurzem die Benutzung des Opernglases in einem solchen Falle gebieterisch untersagt, selbst wenn ich so glücklich gewesen wäre, eines bei mir zu haben; das war aber nicht der Fall, und ich geriet daher in Verzweiflung.

Endlich beschloß ich, mich an meinen Begleiter zu wenden.

»Talbot,« sagte ich, »du hast ein Opernglas. Gib es mir.«

»Ein Opernglas? – Nein! – Was sollte ich denn wohl mit einem Opernglas?« Damit wandte er sich ungeduldig zur Bühne.

»Aber, Talbot,« fuhr ich fort und zog ihn an der Schulter, »höre mal, willst du? Siehst du die Loge? – Dort! – Nein, die nächste. Hast du je ein so entzückendes Weib gesehen?«

»Sie ist sehr schön, gewiß«, sagte er.

»Ich möchte wohl wissen, wer es sein mag.«

»Ja, um des Himmels willen, weißt du denn nicht, wer sie ist? ›Von ihr nichts wissend, schilt unwissend dich‹ Es ist die berühmte Madame Lalande – die Schönheit des Tages par excellence und das Stadtgespräch. Überdies ungeheuer wohlhabend – eine Witwe – und eine große Partie – ist gerade aus Paris angekommen.«

»Kennst du sie?«

»Ja – ich habe die Ehre.«

»Willst du mich vorstellen?«

»Gewiß – mit dem größten Vergnügen; wann soll es geschehen?«

»Morgen, um eins; ich werde dich abholen.«

»Sehr gut. Und nun halte den Mund, wenn es dir möglich ist.«

In dieser Hinsicht war ich gezwungen, Talbots Rat zu befolgen; denn er blieb jeder weiteren Frage oder Bemerkung gegenüber taub und befaßte sich für den Rest des Abends ausschließlich mit den Vorgängen auf der Bühne.

Inzwischen hielt ich meine Blicke fest auf Madame Lalande geheftet und hatte schließlich das Glück, ihr voll ins Gesicht sehen zu können. Es war ungemein lieblich; freilich hatte mein Herz mir das vorher gesagt, selbst wenn Talbot mich nicht über diesen Punkt völlig zufriedengestellt hätte – doch immer noch störte mich das unbegreifliche Etwas. Ich kam schließlich zu der Auffassung, daß meine Sinne von einem gewissen ernsten, traurigen oder besser abgespannten Ausdruck beunruhigt wurden, der den Mienen etwas von ihrer Jugend und Frische nahm, jedoch nur, um ihnen eine engelhafte Sanftmut und Majestät zu verleihen und dadurch mein Interesse kraft meiner begeisterungsfähigen und romantischen Veranlagung zehnfach zu steigern.

Während ich meine Augen so schwelgen ließ, bemerkte ich plötzlich zu meiner großen Bestürzung an einem fast unmerklichen Zusammenzucken der Dame, daß sie auf mein beständiges Hinschauen aufmerksam geworden war. Jedoch ich blieb nun einmal völlig bezaubert und konnte den Blick auch nicht für eine Sekunde abwenden. Sie wandte den Kopf zur Seite, und wieder sah ich nur mehr die gemeißelten Linien des Hinterkopfes. Nach einigen Minuten drehte sie, wie aus Neugier, ob ich noch immer hinübersähe, mir langsam wieder das Gesicht zu und begegnete meinem brennenden Blick. Sie senkte sofort die großen dunklen Augen, und ein tiefes Erröten überzog ihre Wangen. Wie groß aber war mein Erstaunen, als sie nun den Kopf nicht zum zweiten Male abwandte, sondern sogar zu einer Lorgnette griff, die an ihrem Gürtel hing – sie erhob – an die Augen führte – und mich dann minutenlang eingehend und bedachtsam durch die Gläser betrachtete.

Wäre der Blitz vor meinen Füßen eingeschlagen, so hätte ich nicht tiefer bestürzt sein können – nur bestürzt – nicht im geringsten verletzt oder empört; obgleich eine so dreiste Handlungsweise bei jedem andern Weibe sehr leicht verletzend oder empörend gewirkt haben würde. Die ganze Sache geschah aber mit soviel Ruhe, soviel Natürlichkeit und Haltung – kurz, mit einer so erkennbaren Wohlerzogenheit –, daß es durchaus nicht unverschämt wirkte, und ich empfand nichts anderes als Verwunderung und Überraschung.

Ich bemerkte, daß sie sich zunächst mit einer kurzen Besichtigung meiner Person begnügte und das Glas sinken ließ. Dann aber – wie von einem neuen Gedanken ergriffen – führte sie es wiederum an die Augen und betrachtete mich nochmals mit gespannter Aufmerksamkeit mehrere Minuten lang – mindestens fünf Minuten lang, möchte ich behaupten.

Dieses für ein amerikanisches Theater so außerordentliche Gebaren erweckte die allgemeine Aufmerksamkeit und verursachte eine gewisse Bewegung, ein Raunen im Publikum, das mich einen Augenblick lang verwirrte, auf Madame Lalandes Mienen aber keine sichtbare Wirkung hervorrief.

Nachdem sie ihre Neugier – wenn es solche war – befriedigt hatte, ließ sie das Glas sinken und wandte ihre Aufmerksamkeit gelassen wieder der Bühne zu, mir, wie vorher, das Profil zukehrend. Ich fuhr unablässig fort, sie anzustarren, wenngleich ich mir der Ungezogenheit dieses Benehmens völlig bewußt war. Auf einmal sah ich, daß ihr Kopf langsam und sachte seine Lage veränderte, und bald hatte ich die Gewißheit, daß die Dame nur so tat, als blicke sie zur Bühne, in Wirklichkeit aber mich aufmerksam betrachtete, überflüssig, zu sagen, welche Wirkung dieses Betragen einer so bezaubernden Frau auf meine erregbare Seele ausübte.

Nachdem der schöne Gegenstand meiner Leidenschaft mich in solcher Weise wohl eine Viertelstunde lang beaugenscheinigt hatte, wandte sie sich an ihren Begleiter, und während sie sprach, erkannte ich deutlich an den Blicken beider, daß ihr Gespräch sich auf mich bezog.

Als es beendet war, wandte Madame Lalande sich wiederum der Bühne zu und schien für wenige Minuten in die Vorstellung vertieft. Nach Ablauf dieser Frist jedoch wurde ich von neuem dadurch in äußerste Spannung versetzt, daß sie wiederum das ihr zur Seite hängende Lorgnon ergriff, mich wie vorher eingehend betrachtete und mich, ungeachtet des erneuten Gemurmels, mit der nämlichen Überlegenheit, die mich vorhin entzückt und verwirrt hatte, von Kopf zu Fuß musterte.

Dieses ungewöhnliche Benehmen, das mich geradezu in ein Fieber von Begeisterung stürzte – in eine förmliche Liebesraserei –, diente eher zu meiner Ermutigung als Abkühlung. In der verzückten Inbrunst meiner Hingabe vergaß ich alles, bis auf die Anwesenheit und hoheitsvolle Lieblichkeit der Erscheinung, die sich meinen Blicken bot. Ich ergriff daher die Gelegenheit, als ich das Publikum so völlig in die Oper vertieft wähnen konnte, den Blick Madame Lalandes festzuhalten und eine leichte, aber nicht zu mißdeutende Verneigung zu machen.

Sie errötete tief – wandte dann den Blick ab – sah sich darauf langsam und vorsichtig um, offenbar, um festzustellen, ob meine rasche Tat bemerkt worden war, – und neigte sich dann zu dem Herrn an ihrer Seite.

Ich fühlte nun mit brennender Scham das Unangebrachte meiner Handlungsweise und erwartete nichts Geringeres als sofortige Bloßstellung, während mir gleichzeitig der Gedanke an ein Pistolenduell am nächsten Morgen ungemütlich durch den Kopf schoß. Ich fühlte mich aber bald der Besorgnis enthoben, als ich sah, daß die Dame dem Herrn nur wortlos den Theaterzettel reichte. Doch wird sich der Leser nur eine schwache Vorstellung meiner Verblüffung machen können – meiner ungeheuren Bestürzung, der maßlosen, tollen Verwirrung in Herz und Seele –, als sie gleich darauf, nach einem verstohlenen Blick in die Runde, ihre strahlenden Augen voll und fest in meine senkte und dann mit einem leisen Lächeln, das eine leuchtende Reihe ihrer Perlenzähne enthüllte, zweimal deutlich, bestimmt und in nicht mißzuverstehender Bejahung mit dem Kopfe nickte.

Es ist natürlich überflüssig, bei meinem Glück – meiner Verzückung – meiner grenzenlos überströmenden Herzensfreude zu verweilen. Wenn je ein Mann aus Übermaß an Glück verzückt war, so war ich es in jenem Augenblick. Ich liebte. Es war meine erste Liebe – ich fühlte es. Es war eine himmlische – eine unbeschreibliche Liebe. Es war die »Liebe auf den ersten Blick«, und sie war ebenso auf den ersten Blick gewürdigt und erwidert worden.

Jawohl, erwidert. Wie und wann hätte ich nur für einen Augenblick daran zweifeln sollen? Welche andere Deutung hätte ich wohl solchem Verhalten von seiten einer so schönen, so reichen, so ersichtlich wohlerzogenen Dame in so hoher gesellschaftlicher Stellung geben sollen, die in jeder Hinsicht so achtenswert war, wie Madame Lalande es – das fühlte ich – sein mußte? Ja, sie liebte mich – sie erwiderte die Ekstase meiner Liebe mit einer ebenso blinden Begeisterung – ebenso unwandelbar – ebenso unüberlegt – ebenso hingebungsvoll – und ebenso unbeherrscht wie ich in meiner Liebe! Diese köstlichen Phantasien und Schlußfolgerungen wurden jetzt aber durch das Fallen des Vorhangs unterbrochen. Das Publikum erhob sich, und sofort setzte der übliche Tumult ein. Ich ließ Talbot stehen und gab mir alle Mühe, in Madame Lalandes Nähe zu gelangen. Doch mißglückte mir das infolge des Gedränges, und so gab ich die Jagd schließlich auf und lenkte meine Schritte heimwärts. Über das Mißgeschick, das mir nicht vergönnt hatte, auch nur den Saum ihres Kleides zu berühren, tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß ich von Talbot am folgenden Tage in aller Form bei ihr eingeführt werden sollte.

Dieser Tag kam endlich; das heißt, nach einer langen Nacht qualvoller Ungeduld dämmerte der Tag, und nun folgten schneckenlangsam trübe und zahllose Stunden, bis es eins wurde. Doch es heißt ja, »selbst Stambul hat ein Ende«, und so fand auch diese lange Frist ihre Grenze. Die Uhr schlug. Und als der Schlag verklungen war, betrat ich Talbots Wohnung und fragte nach ihm.

»Fort«, sagte der Lakai – Talbots Kammerdiener.

»Fort?« erwiderte ich und prallte ein paar Schritte weit zurück; »höre, mein schlauer Junge, das ist ganz ausgeschlossen, ganz und gar unmöglich; Mr. Talbot ist nicht fort. Was meinst du damit?«

»Nichts, Herr; nur, Mr. Talbot ist nicht da. Das ist alles. Er ist nach S. hinübergeritten, gleich nach dem Frühstück, und hat hinterlassen, daß er nicht vor Ablauf einer Woche in die Stadt zurückkommen würde.«

Ich stand vor Schreck und Wut versteinert. Ich versuchte, zu entgegnen, doch die Zunge versagte mir den Dienst. Endlich drehte ich mich, krebsrot vor Grimm, auf dem Absatz herum und wünschte das ganze Geschlecht der Talbots zu allen Teufeln. Es war klar, daß mein geschätzter Freund, il fanatico, seine Verabredung mit mir ganz vergessen hatte – sie im Augenblick, wo sie getroffen wurde, vergessen hatte. Er war nie der Mann gewesen, der sein Wort sehr wichtig nahm. Da war nichts zu machen; ich dämpfte also meine Entrüstung, so gut ich konnte, und schritt übelgelaunt die Straße hinunter, indem ich jedem Bekannten, den ich traf, mit belanglosen Fragen nach Madame Lalande zusetzte. Ich fand, daß alle sie vom Hörensagen kannten, viele vom Sehen – sie war aber erst seit einigen Wochen in der Stadt, daher gab es nur wenige, die sich ihrer persönlichen Bekanntschaft rühmen konnten. Und diese wenigen, die ihr verhältnismäßig fremd waren, konnten oder wollten sich nicht die Freiheit herausnehmen, mich durch einen förmlichen Vormittagsbesuch bei ihr einzuführen. Als ich nun so voll Verzweiflung mit einem Freundeskleeblatt über den ausschließlichen Gegenstand meiner Herzensneigung sprach, geschah es, daß dieser Gegenstand selber vorbeikam.

»Bei meinem Leben, da ist sie!« rief einer.

»Überwältigend schön!« rief der zweite.

»Ein Engel auf Erden!« äußerte der dritte.

Ich sah hin; in einem offenen Wagen, der langsam näher kam, saß meine bezaubernde Erscheinung aus der Oper in Begleitung der jungen Dame, die mit ihr in der Loge gewesen war.

»Auch ihre Begleiterin konserviert sich ausgezeichnet«, sagte jener der drei, der zuerst gesprochen hatte.

»Erstaunlich,« sagte der zweite, »geradezu glänzend; doch Kunst tut Wunder. Auf mein Wort, sie sieht heute besser aus als vor fünf Jahren in Paris. Noch immer eine schöne Frau; – findest du nicht auch, Froissart? – Simpson, meine ich.«

»Noch immer?« sagte ich. »Und warum sollte sie nicht? Doch verglichen mit ihrer Freundin ist sie wie ein Nachtlicht zum Abendstern – ein Glühwürmchen zum Antares.«

»Ha, ha, ha! – Höre, Simpson, du hast ja eine erstaunliche Begabung, Entdeckungen zu machen – originell, meine ich.« Und so trennten wir uns, während einer der drei ein lustiges Vaudeville zu summen begann, von dem ich nur die Worte

»Ninon, Ninon, Ninon à bas –
A bas Ninon de I’Enclos!«

auffing.

Eines aber an dieser kleinen Szene hatte wesentlich dazu beigetragen, mich zu trösten, wenngleich es der verzehrenden Leidenschaft neue Nahrung gab. Als der Wagen Madame Lalandes an unsrer Gruppe vorüberfuhr, sah ich, daß sie mich erkannte. Und mehr als dies; sie hatte mir durch ein engelgleiches Lächeln ein unzweideutiges Zeichen des Wiedererkennens gegeben.

Die Hoffnung, bei ihr eingeführt zu werden, mußte ich allerdings vertagen, bis Talbot sich bewogen fühlte, vom Lande zurückzukehren. Inzwischen besuchte ich jede vornehme Vergnügungsstätte, und endlich wurde mir das himmlische Glück zuteil, ihr in dem Theater, in dem ich sie zuerst gesehen hatte, wieder zu begegnen. Das geschah jedoch erst nach Ablauf von vierzehn Tagen. Inzwischen hatte ich jeden Tag in Talbots Wohnung nach ihm gefragt und war jeden Tag durch das standhafte »Noch nicht zurückgekommen« seines Dieners erneut in einen Wutanfall versetzt worden.

An dem fraglichen Abend geriet ich daher in einen Zustand, der nahe an Verrücktheit grenzte. Madame Lalande, hatte man mir gesagt, war eine Pariserin – war unlängst aus Paris eingetroffen; konnte sie nicht plötzlich dorthin zurückkehren? – Zurückkehren, ehe Talbot wiederkam – und mir so für immer verloren gehen? Der Gedanke war unerträglich. Da mein Zukunftsglück auf dem Spiele stand, beschloß ich, mit männlicher Entschlossenheit zu handeln. Mit einem Wort: als das Stück aus war, folgte ich der Dame bis zu ihrem Hause, notierte die Adresse und sandte ihr am andern Morgen einen langen und ganz ausführlichen Brief, in dem ich ihr mein ganzes Herz ausschüttete.

Ich sprach kühn, frei – kurz, ich sprach mit Leidenschaft. Ich verbarg nichts – auch von meiner Schwachheit nichts. Ich berief mich auf die romantischen Umstände unsrer ersten Begegnung – sogar auf die Blicke, die zwischen uns getauscht worden waren. Ich ging so weit, zu sagen, ich sei von ihrer Liebe überzeugt, während ich diese Gewißheit und meine eigne innige Ergebenheit als zwei Entschuldigungsgründe für mein andernfalls unverzeihliches Betragen anführte. Als dritten Grund nannte ich meine Besorgnis, sie könne die Stadt verlassen, ehe mir Gelegenheit zu einer offiziellen Einführung bei ihr geboten werde. Ich schloß diese begeistertste aller Episteln mit einer freimütigen Darlegung meiner äußeren Umstände – meines Reichtums – und mit dem Anerbieten von Herz und Hand.

In wahrer Todesangst sah ich der Antwort entgegen. Nachdem ein Jahrhundert verflossen zu sein schien, kam sie.

Ja, sie kam. So romantisch es scheinen mag, ich bekam tatsächlich von Madame Lalande einen Brief – von der schönen, der wohlhabenden, der angebeteten Madame Lalande. Ihre Augen – ihre prachtvollen Augen – hatten ihr edles Herz nicht Lügen gestraft. Als echte Französin, die sie war, ließ sie sich von dem Freimut ihres Geistes, vom edlen Impuls ihrer Natur leiten und setzte sich über die konventionelle Prüderie hinweg. Sie verschmähte meinen Antrag nicht. Sie hüllte sich nicht in Schweigen. Sie schickte meinen Brief nicht uneröffnet zurück. Sie beantwortete ihn sogar mit einem von ihren eignen holden Fingern geschriebenen Brief. Er lautete so:

»Mr. Simpson vird fersein mier fuer nict ausuebn der shoenn Sprac von seine lant so goutt als solte sein. Es ise ers kuerzlig das ic bin komen un ab jez nog nic geab der guelegueneit fon zu ir – l’étudier.

Mit disen Enshoultigoung fur du manière, ic vill hélas! – Monsieur Simpson guerat at nur nun sag das, ßou vahr. Ise noetic ic Sagen meer? Hélas! ab ic shon ßou vill sagen meine Err?

Eugénie Lalande«

Dieses edelsinnige Briefchen küßte ich tausendmal und beging in Freude darüber zweifelsohne unzählige andere Dummheiten, die jetzt meinem Gedächtnis entfallen sind. Noch immer wollte Talbot nicht zurückkehren. Ach, hätte er nur die leiseste Ahnung gehabt, welche Qualen seine Abwesenheit seinem Freunde brachte – würde seine mitfühlende Seele nicht sofort zu meiner Befreiung herbeigeeilt sein? Jedoch, er kam nicht. Ich schrieb. Er erwiderte. Er sei durch dringende Geschäfte zurückgehalten, komme aber bald wieder. Er bat mich, nicht ungeduldig zu sein, meine Aufregung zu mäßigen, beruhigende Lektüre zu wählen, keine stärkeren Getränke als Limonade zu genießen und die Tröstungen der Philosophie zu Hilfe zu nehmen. Der Narr! Wenn er nicht selber kommen konnte, warum konnte er mir nicht vernünftigerweise einen Empfehlungsbrief beilegen? Ich schrieb wieder und ersuchte ihn, sogleich einen zu senden. Mein Brief wurde mir von seinem Diener mit folgender Bleistiftnotiz zurückgesandt. Der Schurke hatte sich zu seinem Herrn aufs Land hinausbegeben.

»Hat S… gestern verlassen, unbekannt wohin – hat nichts darüber gesagt – auch nicht, wann er zurückkommt – hielt es daher fürs beste, Brief zurückzugeben, da ich Ihre Handschrift kenne und Sie es immer mehr oder weniger eilig haben.

Ihr ergebener
Taps«

Es ist überflüssig, zu sagen, daß ich hiernach Herrn und Diener zu allen Teufeln wünschte; doch Ärger konnte wenig nützen, und alles Klagen brachte keinen Trost.

Eine Zuflucht aber bot mir mein erfinderischer Wagemut. Bis hierher hatte er mir gut gedient, und ich beschloß nun, daß er mich zum Ziel bringen sollte. Gab es denn überhaupt noch nach dem Briefwechsel, der zwischen uns stattgefunden hatte, irgendeine nur gegen den guten Ton verstoßende Tat, die Madame Lalande mir noch als ungehörig anrechnen würde? Seit dem Ereignis mit dem Brief hatte ich die Gewohnheit angenommen, ihr Haus zu beobachten, und dabei herausgefunden, daß sie zur Dämmerstunde nur in Begleitung eines Negers in Livree auf einem öffentlichen Platz spazieren zu gehen pflegte, der vor ihren Fenstern lag. Hier unter üppigen, schattenspendenden Baumkronen ergriff ich im grauen Dämmerschein eines lieblichen Hochsommerabends die Gelegenheit, sie anzureden.

Um den begleitenden Diener irrezuführen, tat ich das mit der gelassenen Miene eines alten und vertrauten Bekannten. Mit echt pariserischer Geistesgegenwart ging sie sogleich auf dieses Spiel ein und hielt mir zum Gruß die berückende kleine Hand entgegen. Der Lakai zog sich sofort in den Hintergrund zurück, und nun sprachen wir mit überströmend vollen Herzen lang und rückhaltlos von unsrer Liebe.

Da Madame Lalande das Englische noch schlechter sprach, als sie es schrieb, so führten wir unser Gespräch notgedrungen auf französisch. In dieser betörenden und leidenschaftlichen Sprache ließ ich meinen ungestümen Gefühlen freien Lauf und suchte sie mit aller nur verfügbaren Beredsamkeit zu einer sofortigen Heirat zu bestimmen.

Sie lächelte über diese Ungeduld. Sie erwähnte den zu wahrenden Anstand, diesen Popanz, der so viele schon der Seligkeit beraubte, bis die Gelegenheit verpaßt war. Sie sagte, ich hätte höchst unklugerweise meine Freunde wissen lassen, daß ich ihre Bekanntschaft suchte – daß ich sie also nicht besaß – somit war keine Möglichkeit, das Datum unseres Bekanntwerdens zu verheimlichen. Und dann wies sie errötend darauf hin, wie äußerst jung dieses Datum sei. Sofort zu heiraten, wäre unangebracht – wäre gegen die gute Sitte – wäre outré! All das sagte sie mit einer reizenden Naivität, die mich entzückte, während sie mich gleichzeitig betrübte und überzeugte. Sie ging sogar so weit, mich lachend der Überstürzung, der Unvorsichtigkeit zu zeihen. Sie bat mich, zu bedenken, daß ich wirklich nicht einmal wüßte, wer sie sei – wie ihre Verhältnisse seien, was für Beziehungen und welche gesellschaftliche Stellung sie habe. Sie bat mich, aber mit einem Seufzer, meinen Antrag zu überdenken, und nannte meine Liebe Verblendung – einen leichtsinnigen Streich – eine Augenblickslaune – eher ein grundloses und schwankendes Spiel meiner Phantasie als eine Herzensfrage. Diese Dinge brachte sie vor, während das sanfte Zwielicht uns dunkler und dunkler umschattete, und dann warf sie mit einem zarten Druck ihrer feenhaften Hand in einem einzigen süßen Augenblick all das Zeug, das sie zum Beweise angeführt hatte, wieder über den Haufen.

Ich erwiderte, so gut ich konnte – wie nur ein ehrlich Liebender es kann. Ich sprach lange und eindringlich von meiner Ergebenheit, meiner Leidenschaft, von ihrer außerordentlichen Schönheit und meiner begeisterten Bewunderung. Zum Schluß verweilte ich mit überzeugender Gewalt bei den Gefahren, die den Lauf der Liebe umgeben, jenen Strom der wahren Liebe, der niemals sanft dahinfließt, und leitete davon die naheliegende Gefahr ab, daß dieser Lauf unnötig auf seinem Wege gehemmt werde.

Das letzte Argument schien endlich ihren strengen Entschluß zu mildern. Sie gab nach; da sei aber noch ein Hemmnis, sagte sie, das ich nach ihrer Überzeugung nicht genügend beachtet hätte. Es sei ein heikler Punkt – für eine Frau besonders schwer vorzubringen; wenn sie ihn erwähne, so müsse sie ihrer Feinfühligkeit ein Opfer auferlegen – dennoch, für mich solle jedes Opfer gebracht werden. Sie wies auf den Altersunterschied hin. Ob mir bewußt sei – ob mir die wahre Natur solchen Abstandes zwischen uns voll bewußt sei? Daß das Alter des Mannes das der Frau um ein paar Jahre – um fünfzehn bis zwanzig sogar – übersteige, werde von der Welt für zulässig gehalten und sogar für richtig; sie habe aber stets die Ansicht vertreten, daß niemals die Frau den Gatten an Jahren übertreffen dürfe. Ein derart unnatürliches Verhältnis sei allzuoft Ursache eines unglücklichen Daseins. Nun wisse sie, daß mein Alter nicht mehr als zweiundzwanzig Jahre betrage, ich aber wisse dagegen wohl nicht, daß die Lebensjahre meiner Eugenie diese Zahl ganz beträchtlich überstiegen.

Auf alledem lag ein Adel der Seele, eine Würde und Redlichkeit, die mich entzückten – bezauberten – mich in ewige Fesseln schlugen. Ich konnte meine ungeheure Ergriffenheit kaum meistern.

»Meine süßeste Eugénie,« rief ich, »was soll das alles, was Sie da reden? Sie sind einige Jahre älter als ich. Doch was ist dabei? Die Gebräuche der Welt sind ebensoviele konventionelle Torheiten. Wer so liebt wie wir – ist dem ein Jahr mehr als eine Stunde? Ich bin zweiundzwanzig, sagen Sie; zugegeben. Sie könnten mir aber wirklich gleich dreiundzwanzig zuerkennen. Sie nun, meine liebste Eugénie, können nicht mehr zählen als – können nicht mehr zählen als – nicht mehr als – als – als – als –«

Hier machte ich eine Pause, in der Erwartung, daß Madame Lalande mich mit der Angabe ihres wirklichen Alters unterbrechen würde. Eine Französin aber ist selten deutlich und hat auch immer auf eine verwirrende Frage eine schlagfertige und geistreiche Antwort bereit. Eugénie, die seit ein paar Augenblicken in ihrem Mieder etwas zu suchen schien, ließ gerade jetzt ein Miniaturbild zu Boden fallen, das ich sofort aufhob und ihr reichte.

»Behalten Sie es!« sagte sie mit ihrem bezauberndsten Lächeln. »Behalten Sie es um meinetwillen – die nur allzu geschmeichelt auf ihm dargestellt ist. Übrigens können Sie auf der Rückseite des Kleinods vielleicht die Aufklärung finden, die Sie zu suchen scheinen. Allerdings ist es inzwischen ziemlich dunkel geworden – Sie können es aber morgen früh nach Gefallen betrachten. Inzwischen wollen Sie mich heute abend heimbegleiten. Meine Freunde kommen zu einem kleinen musikalischen Lever. Ich kann Ihnen auch einige gute Gesangsvorträge zusichern. Wir Franzosen sind lange nicht so steif wie ihr Amerikaner; ich kann Sie dabei unschwer als eine alte Bekanntschaft bei mir einschmuggeln.«

Damit nahm sie meinen Arm, und ich geleitete sie heim. Das Haus war recht schön und, wie ich glaube, geschmackvoll eingerichtet. Über diesen Punkt kann ich allerdings kaum ein Urteil abgeben, denn als wir ankamen, wurde es gerade dunkel, und in guten amerikanischen Häusern wird in der heißen Sommerzeit selten zu dieser angenehmsten Tagesstunde Licht gemacht. Gewiß, etwa eine Stunde nach meiner Ankunft wurde in dem eigentlichen Gesellschaftsraum eine einzelne gedämpfte große Lampe erhellt, und dieser Raum war, wie ich nun sehen konnte, mit ungewöhnlichem Geschmack und sogar prunkvoll eingerichtet; zwei andre Gemächer der Zimmerflucht aber, in denen sich die Gesellschaft in der Hauptsache aufhielt, blieben den ganzen Abend über in wohltuendem Halbdunkel. Dies ist ein löblicher Brauch, seinen Gästen wenigstens zwischen Licht und Schatten die Wahl zu lassen – ein Brauch, den unsre Freunde überm Wasser unverzüglich übernehmen sollten.

 

Der Abend, den ich da verbrachte, war fraglos der köstlichste meines Lebens. Madame Lalande überschätzte die musikalischen Fähigkeiten ihrer Freunde nicht, und einen so guten Gesang wie hier hatte ich außer in Wien nirgends in einem häuslichen Kreise vernommen. Es waren viele vortreffliche Musiker da. Der Gesang aber wurde meist von Damen bestritten, und es war keine unter ihnen, die nicht wenigstens Gutes gegeben hätte. Schließlich, als ein hartnäckiger Ruf nach »Madame Lalande« erscholl, erhob sie sich ohne Zieren und Zögern von der Chaiselongue, auf der sie an meiner Seite gesessen hatte, und begab sich in Begleitung einiger Herren und ihrer Freundin aus der Oper zum Klavier im großen Gesellschaftszimmer. Ich würde sie selbst dorthin begleitet haben, bedachte aber, daß ich unter den Umständen, unter denen ich in das Haus eingeführt worden war, besser unbeachtet blieb, wo ich mich befand. Ich wurde so der Freude beraubt, sie singen zu sehen, nicht aber, sie zu hören.

Der Eindruck, den sie auf die Gesellschaft machte, war wie elektrisierend; der Eindruck auf mich aber war mehr als das. Ich weiß nicht, wie ich ihn richtig beschreiben soll. Zweifellos erwuchs er zum Teil dem Gefühl der Liebe, das mich durchdrang; in der Hauptsache aber mußte er meiner Überzeugung nach doch auf die wunderbare Gemütstiefe der Sängerin zurückgeführt werden. Keine Kunst könnte eine Arie oder ein Rezitativ mit leidenschaftlicherem Ausdruck wiedergeben, als es ihre tat. Ihre Darbietung der Romanze aus Othello« – der Ton, mit dem sie die Worte »Sul mio sasso« aus dem »Capuletti« gab – klingt mir noch jetzt in den Ohren. Ihre tiefen Töne waren geradezu übernatürlich. Ihre Stimme umfaßte drei volle Oktaven, vom D des Kontra-Alt bis zum D des oberen Sopran; sie hätte ausgereicht, um das Theater San Carlos zu füllen, und bewältigte mit spielender Sicherheit jede schwere Passage der Gesangkomposition – Tonleitern hinauf und hinunter, Kadenzen oder »fiorituri«. Im Finale der »Somnambula« hatte sie eine ganz besondere Wirkung mit den Worten

»Ah! non giunge uman pensiero
Al contento ond‘ io son piena.«

Hier – in einer Nachahmung der Malibran – änderte sie den Originalsatz Bellinis dahin ab, daß sie die Stimme bis zum Tenor G hinabsteigen ließ, um dann in plötzlichem Übergang das dreigestrichene G zu bringen. Sie übersprang also einen Raum von zwei Oktaven.

Nach dieser stimmlichen Wunderleistung erhob sie sich vom Klavier und nahm ihren Sitz an meiner Seite wieder ein; in den Ausdrücken tiefster Ergriffenheit sprach ich mein Entzücken über das Gehörte aus. Von meiner Überraschung sagte ich nichts, und doch war ich in Wahrheit höchst überrascht gewesen; denn eine leise Schwäche oder vielmehr ein gewisses Zittern in ihrer Stimme beim Sprechen hatte mich vermuten lassen, sie werde beim Singen keine besonderen Fähigkeiten entwickeln. Wir führten nun eine lange, ernste, ununterbrochene und rückhaltlose Unterhaltung. Sie ließ mich viel aus meiner Vergangenheit erzählen und lauschte mit atemloser Aufmerksamkeit jedem Wort. Ich verheimlichte nichts – ich fühlte, daß ich vor ihrer vertrauenden Zuneigung nichts zu verbergen brauchte. Ermutigt durch ihre Offenheit in der heiklen Altersfrage, gab ich nicht nur eine unverhüllte Schilderung all meiner kleinen Fehler, sondern legte ein volles Bekenntnis jener moralischen und sogar jener leiblichen Gebrechen ab, deren Enthüllung ein um so stärkerer Beweis von wahrer Liebe ist, je mehr Mut sie erfordert. Ich berührte die Unbesonnenheiten meiner Studentenzeit, meine Torheiten, meine Gelage, meine Schulden, meine Liebeleien. Ich ging sogar so weit, von einem leichten hektischen Husten zu reden, der mich einmal geplagt hatte – von einem chronischen Rheumatismus – von einer kleinen Belästigung durch ererbte Gicht – und ganz zuletzt sogar noch von der unangenehmen und peinlichen, bis jetzt aber stets sorgsam geheimgehaltenen Schwäche meiner Augen.

»In diesem Punkt war Ihre Beichte sicher unklug,« sagte Madame Lalande mit einem Lächeln, »denn ich bin sicher, daß ohne Ihr Geständnis keiner Sie dieses Gebrechens bezichtigt haben würde. Übrigens«, fuhr sie fort, »entsinnen Sie sich vielleicht« – und hier war es mir, als bemerkte ich trotz der Dunkelheit im Räume ein Erröten bei ihr – »mon cher ami, entsinnen Sie sich vielleicht dieses kleinen Augenglases, das ich hier am Halse trage?«

Während sie das sagte, drehte sie das nämliche Augenglas zwischen den Fingern, das mich in der Oper so namenlos verwirrt hatte.

»Ach! ganz genau entsinne ich mich«, rief ich und preßte leidenschaftlich die zarte Hand, die mir das Glas zum Betrachten reichte. Es war ein luxuriöser, reich ziselierter und mit Edelsteinen gezierter Gegenstand, der, wie ich sogar bei dem herrschenden Halbdunkel erkennen konnte, von hohem Werte sein mußte.

»Eh bien, mon ami,« begann sie mit einer Eindringlichkeit, die mich überraschte – »Eh bien, mon ami, Sie haben mich feierlich um eine Gunst ersucht, die Sie liebenswürdigerweise unbezahlbar nannten. Sie haben mich für morgen um meine Hand gebeten. Sollte ich Ihren Bitten – und, wie ich hinzufügen kann, den Wünschen meines eigenen Herzens – nachgeben, wäre ich da nicht berechtigt, eine kleine – sehr kleine Gegengunst zu erbitten?«

»Nenne sie!« rief ich mit einer Kraft, die beinahe die Aufmerksamkeit der Gäste auf uns gelenkt hätte, deren Anwesenheit allein mich zurückhielt, ihr ungestüm zu Füßen zu fallen. »Nenne siel Geliebte, meine Eugénie, du, die Meine! – Nenne sie! – Doch ach, sie ist ja schon im voraus gewährt.«

»So sollen Sie denn, mon ami,« sagte sie, »jener Eugénie zuliebe, die Sie lieben, die soeben bekannte kleine Schwäche bekämpfen – diese mehr moralische als physische Schwäche –, die, ich versichere es, so wenig zu dem Adel Ihrer wahren Natur paßt – so gar nicht mit der sonstigen Freimütigkeit Ihres Charakters übereinstimmt – und die, wenn mir noch ein Hinweis erlaubt ist, Sie bestimmt früher oder später einmal in Unannehmlichkeiten bringen wird. Sie sollen um meinetwillen diese Eitelkeit überwinden, die, wie Sie selbst gestehen, Sie veranlaßt, die Schwäche Ihrer Augen zu verheimlichen. Denn in Wahrheit leugnen Sie doch diese Schwäche ab, indem Sie sich weigern, das Hilfsmittel dagegen anzuwenden. Sie werden also verstehen, daß ich Sie veranlassen möchte, eine Brille zu tragen, – ah, still! – Sie haben ja schon zugestimmt, sie mir zuliebe tragen zu wollen. Sie sollen das kleine Ding hier in meiner Hand von mir annehmen, das, so unschätzbar es auch als Augenglas ist, als Schmuckstück keinen allzugroßen Wert bedeutet. Sie sehen, daß es durch eine kleine Veränderung, so – oder so – als Brille aufgesetzt oder in der Westentasche als Einglas getragen werden kann. Sie haben mir aber bereits zugesagt, es in ersterer Gestalt und gewohnheitsmäßig – um meinetwillen – tragen zu wollen.«

Ich muß gestehen, daß dieses Verlangen mich nicht wenig verwirrte. Die Bedingung aber, an die es geknüpft war, stellte natürlich jedes Zögern außer Frage.

»Es sei!« rief ich mit aller Begeisterung, die ich im Augenblick aufbringen konnte. »Es sei – ich stimme freudig zu. Ich opfere um deinetwillen jede Empfindsamkeit. Heute trage ich dieses liebe Augenglas als Einglas und auf meinem Herzen; mit dem ersten Grauen des Morgens aber, der mir das Glück bringt, dich mein Weib zu nennen, will ich es auf mein« – auf meine Nase setzen – und künftighin dort belassen, in der weniger romantischen und weniger kleidsamen, sicher aber dienlicheren Form, die du wünschest.«

Unser Gespräch wandte sich jetzt den Einzelheiten unsrer Vereinbarung für den kommenden Tag zu. Talbot, so erfuhr ich von meiner Verlobten, war soeben in der Stadt angekommen. Ich sollte ihn sogleich aufsuchen und einen Wagen besorgen. Die Soiree würde kaum vor zwei Uhr beendet sein, und um diese Stunde sollte das Gefährt vor der Tür sein. Bei dem Durcheinander der sich entfernenden Gäste würde es Madame Lalande leicht sein, unbeobachtet Platz zu nehmen. Dann sollten wir bei einem Geistlichen vorfahren, der uns erwarten würde, von ihm getraut werden. Talbot absetzen und eine kurze Reise nach dem Osten antreten – die große Welt hinter uns lassend, die dann den Fall nach Gutdünken durchhecheln mochte.

Nachdem das alles verabredet war, entfernte ich mich sofort und begab mich auf die Suche nach Talbot, doch konnte ich mich unterwegs nicht zurückhalten, in ein Gasthaus einzutreten, um die Miniatur zu betrachten; ich tat es mit Hilfe der ausgezeichneten Gläser. Das Antlitz war überwältigend schön. Die großen strahlenden Augen! Die stolze griechische Nase! Die dunklen üppigen Locken! – »Ah!« sprach ich frohlockend zu mir selbst, »das ist wahrhaftig das sprechende Ebenbild meiner Geliebten!« – Ich betrachtete die Rückseite und entdeckte die Worte – »Eugénie Lalande – siebenundzwanzig Jahre und sieben Monate.«

Ich fand Talbot zu Hause und begann ohne weiteres, ihn mit meinem Glück bekannt zu machen. Er war natürlich ungemein erstaunt, gratulierte mir aber sehr herzlich und erbot sich zu jedem Beistand, der in seiner Macht liege. Mit einem Wort, wir führten unsere Verabredung pünktlich aus, und um zwei Uhr morgens, genau zehn Minuten nach der Zeremonie, befand ich mich mit Madame Lalande – mit Madame Simpson wollte ich sagen – in einem geschlossenen Wagen, der mit größter Geschwindigkeit aus der Stadt hinausfuhr, in nord-nordöstlicher Richtung.

Talbot hatte uns veranlaßt, da wir die ganze Nacht auf sein mußten, in C… unsern ersten Halt zu machen, einem etwa zwanzig Meilen hinter der Stadt gelegenen Dorf; dort sollten wir ein Frühstück und ein wenig Ruhe genießen, ehe wir unsere Reise fortsetzten. Punkt vier Uhr fuhr also der Wagen bei dem ersten Gasthof im Orte vor. Ich half meiner angebeteten Gattin heraus und bestellte sodann das Frühstück. Inzwischen wies man uns in ein kleines Zimmer, und wir nahmen Platz.

Es war indessen beinahe, wenn nicht völlig, Tag geworden, und als ich entzückt auf den Engel an meiner Seite blickte, kam mir ganz plötzlich der seltsame Gedanke, daß dies seit meiner Bekanntschaft mit der berühmten Schönheit Madame Lalande tatsächlich der erste Augenblick war, wo ich diese Schönheit bei Tageslicht aus der Nähe betrachten durfte.

»Und nun, mon ami,« sagte sie, indem sie meine Hand nahm und so meinen Gedankengang unterbrach, »und nun, mon cher ami,« da wir unlöslich vereint sind – da ich deinen leidenschaftlichen Bitten nachgegeben und meinen Teil der Vereinbarung erfüllt habe, nehme ich an, du hast nicht vergessen, daß auch du mir eine kleine Gunst zu erweisen hast – ein kleines Versprechen, das du gewiß erfüllen willst. Laß mich sehen! Laß mich nachdenken! Ja; ich erinnere mich unschwer des genauen Wortlauts des lieben Versprechens, das du deiner Eugénie heute nacht gegeben hast. Höre! So sagtest du: ›Es sei – ich stimme freudig zu. Ich opfere um Deinetwillen jede Empfindsamkeit! Heute trage ich dieses liebe Augenglas als Einglas und auf meinem Herzen; mit dem ersten Grauen des Morgens aber, der mir das Glück bringt, dich mein Weib zu nennen, will ich es auf meine – auf meine Nase setzen – und künftighin dort belassen, in der weniger romantischen und weniger kleidsamen, sicher aber dienlicheren Form, die du wünschest.‹ Das waren genau die Worte, mein geliebter Mann, nicht wahr?«

»So ist es,« sagte ich, »du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis; und selbstredend, meine schöne Eugénie, habe ich auch nicht die Absicht, das kleine Versprechen, das diese Worte enthalten, zu umgehen. Sieh! Schau her! Ist sie nicht – eigentlich – ganz kleidsam?« Und hier setzte ich die Brille, in die ich das Glas zunächst umgewandelt hatte, behutsam auf, während Madame Simpson ihre Haube zurechtrückte, die Arme kreuzte und herausfordernd, sogar recht steif und geziert und in nicht sehr würdevoller Haltung in ihrem Stuhle saß.

»Gott steh mir bei!« rief ich fast im gleichen Augenblick, als die Brille mir auf der Nase saß – »Herrgott, steh mir bei! – Was, was kann denn nur mit der Brille los sein?« Und rasch nahm ich sie ab, rieb sie sorgsam mit einem seidenen Taschentuch und setzte sie wieder auf.

Wenn aber im ersten Augenblick sich nur etwas ereignet hatte, was mich überraschte, so wurde im nächsten Augenblick die Überraschung zum Erstaunen, und dies Erstaunen war tief – war grenzenlos – ja, ich kann sagen, es war grauenvoll. Bei allem, was scheußlich ist, was hatte das zu bedeuten? Konnte ich meinen Augen trauen? – konnte ich? – Da lag die Frage. War das – war das – war das »Rouge«? Und waren das – waren das – waren das Runzeln im Antlitz Eugénie Lalandes? Und, o Jupiter! Und bei allen Göttern, den großen wie den kleinen! Was – was – was – was war aus ihren Zähnen geworden? Ich schleuderte die Brille heftig zu Boden, sprang auf die Füße und stand aufrecht mitten im Zimmer Mrs. Simpson gegenüber, die Arme in die Hüften gestemmt; ich knirschte, ich raste, war aber gleichzeitig einfach sprachlos und hilflos vor Wut und Entsetzen.

Nun habe ich ja schon gesagt, daß Madame Eugénie Lalande – das heißt Simpson – die englische Sprache kaum besser reden als schreiben konnte, und aus dem Grunde versuchte sie wohlweislich nie, sie für gewöhnlich anzuwenden. Die Wut aber kann eine Dame zum Äußersten treiben, und im vorliegenden Falle trieb sie Mrs. Simpson zu dem wirklich außerordentlichen Einfall, eine Rede in einer Sprache zu halten, die sie nicht ganz beherrschte.

»Nun, Err! Un vas denn? Vas sein loß? Sein es den Danz von der Sank Veit, der Sie aben? Wenn nikt mögen mir, was dann kauf Katz in Sack?«

»Du Hexe!« sagte ich, nach Atem ringend – »du – du – du widerliches altes Scheusal!«

»Scheusal? – alde? – Ick gar nikt so serr alde! Ick kein Dag merr als zweiunakzig.«

»Zweiundachtzig!« stammelte ich und tastete nach der Wand – »Zweiundachtzigtausend Paviane! Auf der Miniatur stand siebenundzwanzig Jahre und sieben Monate!«

»Gewiß! Dat ise so – serr wahr! Aberr dann der portraite sein gemakt vor fünfundfünzig Jahr. Als ick gingte su eirat mein sweite Mann, Monsieur Lalande, da lassen ick nehmen der portraite für mein Tochter aus erster eirat mit Monsieur Moissart.«

»Moissart?« sagte ich.

»Ja, Moissart,« sagte sie, meine allerdings nicht einwandfreie Aussprache nachahmend; »un was ise? Was Sie wissen von die Moissart?«

»Nichts, du alte Vogelscheuche! – Gar nichts weiß ich von ihm; ich habe nur seinerzeit mal einen Vorfahren dieses Namens gehabt.«

»Diese Namen! Un was aben Sie zu sagen ieber diese Namen? Ise serr gutt Namen. Un auch Voissart – ise serr gutt Namen. Mein Tochter, Mademoiselle Moissart, sie eirat ein Err Voissart, und die beiden Namen ise serr achtbare Namen.«

»Moissart?« rief ich, »und Voissart? Ja, was meinen Sie damit?«

»Vas ick meinen? – Ick meinen Moissart und Voissart, un meinen Croissart und Froissart, wann ick nur Lust ab, so ßu meinen. Die Tochter von mein Tochter, sie eirat ein Err Croissart, un dann die Enkel von mein Tochter, Mademoiselle Croissart, sie eirat ein Err Froissart, un Sie volle sag, das ise nickt serr achtbare Namen?«

»Froissart!« sagte ich, einer Ohnmacht nahe. »Du willst doch wohl nicht sagen Moissart und Voissart und Croissart und Froissart?«

»Ja«, erwiderte sie, lehnte sich tief in ihren Stuhl zurück und streckte die unteren Gliedmaßen weit von sich; »jawohl, Moissart un Voissart un Croissart un Froissart. Aberr Monsieur Froissart, er warr eine serr großmächtig Esel – er war eine serr großmächtige Dummkopf wie Ihnen – denn er sein fort von la belle France für kommen su diesen dummen Amérique – un wann er kamte ier, er nahmte eine serr dumme, eine serr, serr dumme Sonn, wie ick ör, aber ick noch nickt aben das plaisir, im su begegnen – weder ick, noch mein Freindin Madame Stephanie Lalande. Er ise genennen Napoleon Buonaparte Froissart, un Sie vollen etwa sag, auch das sein keine achtbar Namen?«

Die Länge oder der Inhalt ihrer Rede brachte Mrs. Simpson in eine gewaltige Aufregung, und um diesen Redestrom austoben zu lassen, sprang sie plötzlich wie behext vom Stuhle auf und erhob sich mit gewaltigem Gepolter auf die Beine. Als sie endlich stand, fletschte sie die Zähne, reckte die Arme, rollte die Ärmel auf, schüttelte mir die Faust ins Gesicht und endete dies Gehabe, indem sie die Haube vom Kopfe riß und mit ihr eine mächtige Perücke von kostbarstem und schönstem schwarzen Haar, was sie alles mit Geheul zu Boden warf, um in geradezu rasender Wut einen Fandango darauf zu tanzen.

Inzwischen sank ich entgeistert in den von ihr verlassenen Stuhl. »Moissart und Voissart!« wiederholte ich gedankenvoll, als sie eine wilde Drehung machte, »und Croissart und Froissart!«, als sie sich wieder zurückdrehte – »Moissart und Voissart und Croissart und Napoleon Buonaparte Froissart! – He! du unglaubliche alte Schlange, das bin ich – das bin ich – hörst du? Das bin ich« – hier schrie ich mit meiner schrillsten Stimme – »das bin i-i-ich! Ich bin Napoleon Buonaparte Froissart! Und der Henker soll mich holen, wenn ich nicht meine Ururgroßmutter geheiratet habe!«

In allem Ernst, Madame Eugénie Lalande quasi Simpson, früher Moissart, war meine Ururgroßmutter. In ihrer Jugend war sie schön gewesen, und selbst mit Zweiundachtzig behielt sie noch die majestätische Gestalt, den edlen Umriß des Hauptes, die schönen Augen und die griechische Nase ihrer Jugendzeit. Dadurch und mit Hilfe von Perlpuder, Rouge, falschen Haaren, falschen Zähnen und falscher »Tournüre« und unterstützt von den geschicktesten Pariser Modistinnen, gelang es ihr, mit jenen Schönheiten der französischen Metropole, die schon ein wenig passé waren, leidlich Schritt zu halten. In dieser Hinsicht mochte man sie wirklich nicht geringer einschätzen als die berühmte Ninon de l’Enclos.

Sie besaß ungeheuren Reichtum, und da sie wiederum Witwe und kinderlos war, hatte sie sich auf mein Dasein in Amerika besonnen und kam, um mich zu ihrem Erben zu machen, nach den Vereinigten Staaten, in Begleitung einer entfernten und wunderschönen Verwandten von seiten ihres zweiten Gatten – einer Madame Stephanie Lalande.

In der Oper erregte ich durch mein Hinschauen die Aufmerksamkeit meiner Ururgroßmutter, und als sie mich durch das Augenglas betrachtete, wurde sie von einer gewissen Familienähnlichkeit mit sich selber überrascht. Dadurch interessiert, und weil sie wußte, daß der gesuchte Erbe sich gegenwärtig in der Stadt aufhielt, wandte sie sich mit Fragen über mich an ihre Begleitung. Der Herr in ihrer Gesellschaft kannte mich vom Sehen und sagte ihr, wer ich sei. Die Aufklärung veranlaßte sie, ihre Beobachtung von neuem aufzunehmen, und diese eingehende Besichtigung war es, die mich so kühn machte, daß ich mich in der bereits geschilderten Weise benahm. Sie erwiderte jedoch meinen Gruß in der Meinung, durch irgendeinen sonderbaren Zufall habe ich erfahren, wer sie sei. Als ich, von meiner schwachen Sehkraft und den Toilettenkünsten über Alter und Reize der fremden Dame getäuscht, Talbot so begeistert fragte, wer sie sei, nahm er als selbstverständlich an, daß ich die jüngere Schönheit meinte, und sagte also sehr wahr, es sei »die berühmte Witwe Madame Lalande«.

Am nächsten Morgen begegnete meine Ururgroßmutter auf der Straße Talbot, einer alten Pariser Bekanntschaft, und ganz natürlich bezog das Gespräch sich auf mich. Meine Kurzsichtigkeit wurde erörtert, denn die war offenkundig, so unbekannt auch mir selbst diese Offenkundigkeit blieb, und meine gute alte Verwandte entdeckte sehr zu ihrem Leidwesen ihren Irrtum, als sie glaubte, ich kenne sie, und daß ich mich nur selber furchtbar bloßgestellt hatte, indem ich im Theater mit einer fremden alten Frau öffentlich kokettierte. Um mich für diese Unvorsichtigkeit zu strafen, schloß sie mit Talbot ein Komplott. Er ging mir absichtlich aus dem Wege, um mich nicht einführen zu müssen. Meine Erkundigungen auf der Straße nach der entzückenden Witwe Madame Lalande wurden natürlich auf die jüngere Dame bezogen, und so kann man sich die Unterredung mit den drei Herren, die ich kurz nach dem Verlassen von Talbots Wohnung ansprach, leicht erklären, ebenso ihre Bezugnahme auf Ninon de l‘ Enclos. Ich hatte keine Gelegenheit, Madame Lalande bei Tageslicht aus der Nähe zu sehen, und bei ihrer musikalischen Soiree hinderte mich mein alberner Verzicht auf helfende Augengläser, ihr Alter herauszufinden. Als man »Madame Lalande« zu singen bat, war die jüngere Dame gemeint, und sie war es, die sich erhob, um dem Rufe zu folgen; meine Ururgroßmutter aber erhob sich gleichzeitig, um die Täuschung durchzuführen, und begleitete sie ans Piano im großen Gesellschaftszimmer. Hätte ich mich entschlossen, sie dorthin zu begleiten, so hätte sie mir nahegelegt, es sei ratsamer, zu bleiben, wo ich war; meine eigene Vorsicht machte das aber überflüssig. Der Gesang, den ich so tief bewunderte und der meinen Eindruck von der Jugend meiner Angebeteten so befestigte, entströmte dem Munde der Madame Stephanie Lalande. Das Augenglas wurde mir überreicht, um dem Spott die Schmach hinzuzufügen – der hohnvollen Täuschung noch einen Stachel zu geben. Das Geschenk bot Gelegenheit zu einer Vorlesung über Zuneigung, mit der man mich besonders erbaute. Es ist recht überflüssig, zu sagen, daß die Gläser des Instruments, wie die alte Dame sie benutzte, gegen ein Paar meinen Jahren besser passende ausgetauscht worden waren. Tatsächlich paßten sie mir vorzüglich.

Der Geistliche, der nur so tat, als knüpfe er die fatale Schlinge, war ein guter Freund Talbots und kein Priester. Jedenfalls war er ein gewandter Betrüger, und als er das Unterkleid des Geistlichen mit einem Überrock vertauscht hatte, kutschierte er mit seiner Mähre das »glücklich« Paar« zur Stadt hinaus. Talbot nahm neben ihm Platz. Die beiden Schurken hatten sich also mitgeschmuggelt und ergötzten sich daran, durch ein halboffenes Fenster des Gastzimmers die Lösung des Dramas mitanzusehen. Ich werde wohl genötigt sein, sie alle beide zu fordern.

Immerhin, ich bin nicht der Gatte meiner Ururgroßmutter, und das ist ein Bewußtsein, das sehr befreiend wirkt; aber ich bin der Gatte von Madame Lalande von Madame Stephanie Lalande –, denn meine gute alte Verwandte, die mich zu ihrem einzigen Erben nach ihrem Tode ernannt hat – wenn sie je stirbt hat sich bemüht, aus uns ein Paar zu machen. Zum Schluß: ich bin ein für allemal fertig mit »billets-doux« und lasse mich nie mehr ohne Brille blicken.


Edgar Allan Poe – Die Brille
Ins Deutsche übertragen von Gisela Etzel
Edgar Allan Poes Werke – IV. Band
Im Propyläen-Verlag zu Berlin
Herausgegeben von Theodor Etzel
Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen
Sechster Band – Zweite Auflage

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