Dr. Peter Jensen: Darf ich bei der ganzen Scheiße die hier passiert, glücklich sein?

Jule hat mir geschrieben: In meinem Leben läuft alles rund. Ich, 23 Jahre jung, habe eine tolle Familie, sehr gute Freundinnen und Freunde auf die ich immer zählen kann und seit einem Jahr bin ich in einer glücklichen Beziehung. Im Sommer habe ich meine Lehre abgeschlossen und habe einen festen Job. Ich bin glücklich und zufrieden mit meinem Leben, habe alles was ich brauche und freue mich darüber; jeden Tag. Für die Zukunft habe ich tolle Ziele und viele Träume das gibt mir jeden Tag kraft und macht mich zufrieden, auch an Tagen an denen es nicht rund läuft (Job, Freunde, Stress etc.)! Sie sehen, ich schwärme geradezu von meinem Leben; was nicht nur daran liegt, dass ich ein Gefühlsdusel bin.
Jetzt zu meiner Frage: „Darf“ man überhaupt so glücklich sein? Es gibt auf der Welt so viele furchtbare und ungerechte Ereignisse, dass ich manchmal denke: Es ist angesichts des Grauens unangemessen und ungerecht, das ausgerechnet ich so glücklich bin und dies auch zeige.

Dr-Peter-JensenNun ja, das ist eine Frage, die sich ohne großen Aufwand mit ironischem Unterton beantworten lässt; insbesondere in Deutschland: Es ist in der Tat unangemessen, Sie leben in einem Land, in dem es en vogue ist, alles auf die gleiche Messlatte zu legen. Was bedeutet: wenn Sie ernst genommen werden wollen, müssen Sie im Gleichschritt gehen. Auch wenn heute so getan wird, als ob diese Zeiten lang vorbei sind; es ist eine „akzeptierte“ Lüge. Schauen Sie sich einfach mal die Diskussion um das „bedingungslose Grundeinkommen“ an. Aber das führt jetzt zu weit.

Mal im Ernst:
Es ist nicht nur Ihr gutes Recht, trotz allem was wir uns auf dieser Welt antun, glücklich zu sein. Es ist sogar Ihre „heilige Pflicht“! Sie leben in einem der sicheren und reichen Land. Sie haben die besten Startbedingungen für ein erfülltes und zufriedenes Leben. Und sind es dann meistens doch nicht. Weil wir als Mensch immer mehr wollen. Von allem. Wir sehen und begreifen nicht, was wir eigentlich (an uns) haben. Das empfinde ich als viel schlimmer an, als wenn wir trotz stürmischer Zeiten glücklich sind. Unsere ewige Unzufriedenheit ist eine wahrhaftige Ohrfeige ins Gesicht aller Flüchtlinge dieser Erde und jedes hungernden oder unterdrückten Menschen wo auch immer.

Wenn wir nicht begreifen, dass wir die Welt zu einer besseren machen, wenn wir unserer eigenen privilegierten Ausgangslage bewusst werden und aufhören, uns über Kleinkram zu grämen und ständig mehr wollen, anstatt das Vorhandene zu lieben und zu schätzen, dann haben wir den Sinn des Lebens nicht begriffen. Wir tragen Verantwortung dafür, dass wir es gut haben. Das heißt nicht, dass wir Schuldgefühle dafür hegen sollen, im Gegenteil. Aber es heißt, dass wir das beste daraus machen müssen und dafür sorgen, dass wir im Einklang mit uns selber und unseren Nächsten leben. Wenn Sie glücklich sind, liebe Jule, dann profitiert Ihr nächstes Umfeld direkt davon. Und davon wiederum das weitere Umfeld. “Nächstenliebe ist kein naives Konzept. Sie ist der erste Dominostein, der diese Welt zu einer besseren werden lässt.”

Genießen Sie Ihr Leben in vollen Zügen. Seien Sie so glücklich, wie Sie nur können. Und:teilen Sie dieses Gefühl mit möglichst vielen Menschen. Das ist Ihre Verpflichtung. Das ist Ihre Verantwortung.

Bringen Sie die Steine in Bewegung.

Ihr Peter Jensen

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