Dr. Peter Jensen • Wir wünschen uns ein zweites Kind – bisher erfolglos

Hallo Herr Jensen! mein Mann und ich wünschen uns schon lange ein zweites Kind. es will einfach nicht klappen. meine Freundinnen sagen mir nun immer: es klappt nicht, weil ihr es euch zu sehr wünscht. meine Frage deshalb an sie: wie schafft man es, dass man sich etwas nicht mehr so wünscht? ist es wie mit dem Rauchen aufhören? ich wäre wirklich sehr dankbar für einen Rat.

Liebe Grüße. Alice, 35 trennlinie2

Liebe Alice,

mit dem lieben Nachwuchs ist es so eine Sache. Entweder kommt er unverhofft und unerwartet, oder aber er lässt einen vor der leeren Wiege schmoren.
Ihre Freundinnen mögen es ja gut meinen und darüber hinaus gar nicht so ganz unrecht haben, wenn Sie Ihnen sagen, dass Sie es sich einfach zu fest wünschen. Aber was bringt Ihnen dieser Rat? Es ist, als würde man Ihnen befehlen: “Du darfst auf gar keinen Fall an einen rosa Elefanten denken!” Es gelingt schlicht und ergreifend nicht.

Und es ist auch vollkommen ok, das sie daran denken. Schließlich führt Sie diese Stärke in anderen Bereichen genau dorthin, wo Sie wollen, nämlich zum Ziel. Sie können nichts dafür, dass es sich hier anders zu verhalten scheint.

Dr-Peter-JensenDie Analogie mit der Entwöhnung vom Rauchen ist nicht ganz falsch. Die meisten Bemühungen zielen darauf ab, es nicht mehr zu tun. Ich will jetzt nicht mehr rauchen! Aber auch das funktioniert in der Regel nicht, weil unser Hirn zwar extrem schlau, aber dennoch nicht fähig ist, Negationen zu verstehen. Und überhaupt! Stellen Sie sich einmal vor, wie ein verzweifelter Raucher aus der Wäsche guckt, wenn man ihm sagt, er solle doch einfach nicht mehr ans Rauchen denken und einfach damit aufhören…

Wie sehr Sie sich drum vornehmen, nicht mehr an das Baby zu denken, umso mehr denken Sie daran. Das ist nichts als logisch und funktioniert bei uns allen so. Das ist doppelt hinderlich, weil Sie damit genau das Gegenteil erzielen (also doppelt so oft an das Baby denken) und dabei vermutlich auch noch Schuldgefühle haben (weil Sie es einfach nicht schaffen, nicht an das Baby zu denken). Sie müssen selber zugeben, dass diese beiden Denkfallen recht viel Druck auf Sie und die ganze Situation ausüben.

Ich bin auch der Meinung, dass es nicht gerade förderlich ist, zwecks Vermehrung nach der inneren Eieruhr ins Bett zu steigen, aber das wissen Sie bestimmt selber und davon schreiben Sie ja auch nichts. Dennoch ist es äußerst schwierig, so einen starken Wunsch und Gedanken gänzlich beiseite zu schieben. Aber das müssen Sie auch gar nicht, keine Sorge.

Wenn Sie mit diesem Thema zu mir in die Praxis kommen würden, dann würde ich mit Ihnen gemeinsam versuchen herauszufinden, ob vielleicht noch etwas anderes, zusätzliches hinter dem Thema steht, als der nackte Kinderwunsch. Geht es vielleicht auch noch darum, dass man sich nur mit zwei Kindern als “richtige” Familie empfindet oder fühlt man sich dem vorhandenen Kind verpflichtet, weil man nicht möchte, dass es ein Einzelkind bleibt? Hinter jedem offensichtlichen Thema stecken meistens viele verborgene und es bringt schon sehr viel, wenn man diesen einmal etwas Raum gibt. Sobald hintergründige Aspekte ins Bewusstsein treten, kann man versuchen, für diese eine Lösung zu finden. Des Weiteren würde ich mit Ihnen nach einem Weg suchen, der Ihnen und Ihrem Mann etwas vom vorhandenen Druck wegnimmt. Es ist so unglaublich schwierig, sich von etwas weg zu bewegen, solange man nicht weiß, wohin man sich stattdessen bewegen könnte. Das “weg von” ist zwar ein starker Antrieb, reicht aber meistens nicht aus, solange kein attraktives “hin zu” vorhanden ist.

Überlegen Sie sich doch gemeinsam einmal, was es gibt, was Ihnen beiden grosse Freude macht. Geben Sie Ihrem Herzen und Ihrem Hirn neues Futter und locken Sie sie damit in eine andere Richtung. Das kann ein Tanzkurs sein, ein gemeinsames Projekt, oder was auch immer. Es geht dabei weniger darum, sich selber abzulenken (das funktioniert ja meistens eh nicht), sondern vielmehr darum, seine Aufmerksamkeit in eine neue Richtung zu lenken.

Vielleicht mag Ihnen dieser Rat nun allzu trivial erscheinen und die Wahrheit ist, er ist es auch! Aber oft sind es gerade die einfachen Sachen, die bestechend gut funktionieren. Man muss sich nur überwinden und ihnen eine Chance geben. Meistens sucht man viel zu weit und nach zu komplexen Antworten, weil man den naheliegenden nicht über den Weg traut. Aber ich bin der Meinung, dass man immer zuerst das simple ausprobieren sollte, bevor man es sich selber schwierig macht.

Kann gut sein, dass das gemeinsame Tango tanzen neue Leidenschaft für einander entfacht, die dem bestehenden Projekt in Schoss und Hände spielt. Und wenn nicht, haben Sie immerhin gemeinsame Zeit und Freude aneinander ver- und erlebt. Versuchen Sie so gut es geht, ziellos zu sein. Sobald Sie das gemeinsame Tanzen als Fruchtbarkeitsübung ansehen, können Sie es auch gleich wieder lassen.

Geben Sie allem Raum, was Leichtigkeit in die Liebe und die Beziehung bringt und wagen Sie gemeinsam Neues!

Mit ganz herzlichem Gruss! Ihr Peter Jensen

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