Dr. Peter Jensen • Der abgehauene Vater – suchen oder ziehen lassen?!

Eine Fragestellung aus meiner Praxis:
Ich war 2 Monate alt, als mein Vater abgehauen ist. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt im Leben. Trotzdem habe ich plötzlich das Bedürfnis, ich müsse ihn treffen bevor es zu spät ist. Wieso er uns sitzen liess, weiss ich nicht. Meine Mutter sprach nie von ihm. Mit 12 habe ich ihm geschrieben, dass ich ihn treffen will. Es hiess, er wolle mich nicht sehen, weil er eine andere Familie hat. Mit anderen Kindern. Er wohnt nur eine halbe Stunde entfernt. Ich habe extrem Anst vor einem Treffen. Zwar habe ich keine Erwartungen, er ist ja einfach ein fremder Mann. Was aber, wenn er ein kompletter Arsch ist? Soll ich mein Besuch ankündigen oder ihn einfach zu Hause überrumpeln? Θ Nora, 28

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Ich stelle mir Ihre Situation sehr gespalten vor. Auf der einen Seite gibt es einen Part, den Sie bis anhin nicht gekannt und kaum vermisst haben, auf der anderen Seite fehlt er eben trotzdem und lässt nicht los.

Das geht vermutlich jedem Menschen so, der in einer ähnlichen Situation aufgewachsen ist. Dass Ihre Mutter nicht über Ihren Vater sprechen mag, macht das Ganze natürlich nicht einfacher und ist im Grunde genommen auch nicht richtig. Sie trägt eine gewisse Mitverantwortung für Ihre Lage und es wäre wünschenswert, wenn sie Sie etwas unterstützen würde, indem sie sich Ihren Fragen stellt. Das heißt natürlich nicht, dass Ihre Mutter eine Verantwortung dafür trägt, dass Ihr Vater nach 2 Monaten abgehauen ist, aber zumindest dafür, dass Sie mit Ihnen darüber spricht. Vermutlich ist es für sie noch immer dermaßen schmerzhaft, dass Sie dazu nicht im Stande ist und darum sollten Sie ihr deswegen nicht böse sein.

Dr-Peter-JensenAber lassen Sie uns nun über Ihrem Vater sprechen. Sie haben ihm als 12jähriges Mädchen einen Brief geschrieben, welchen er nicht beantwortet hat. Das hat vermutlich verdammt viel Mut gekostet und darum kann ich mir nur zu gut vorstellen, wie groß Ihre Enttäuschung sein musste, dass er diesen Mut so gar nicht belohnt hat. Dafür kann es viele Gründe geben. Vielleicht war es Unfähigkeit oder Unwillen. Es gibt Männer und auch Frauen, die von einem Tag zum andern ihr altes Leben verlassen, um dann ein neues zu beginnen. Dieses möchten sie dann nicht mit dem vorhergehenden Dasein vermischen und denken nicht über die Konsequenzen für alle Beteiligten nach. So furchtbar egoistisch das auch klingt, ein absoluter Schnitt scheint gewissen Menschen in der gegebenen Situation die einzige für sie machbare Option.

Sein nicht-reagieren kann aber auch ein Resultat äußerer Einflüsse sein. Gut möglich, dass seine neue Frau damit nicht einverstanden ist, dass er zu Ihnen den Kontakt aufnimmt. Es ist ein verbreitetes Problem, dass Menschen eine ungeheure Eifersucht auf Ex-PartnerInnen entwickeln können und diese Angst scheint noch grösser zu sein, wenn ein Kind im Spiel ist. Es gibt so viele (auch unterschwellige) Gründe, die weder Sie noch ich kennen.

Ich verstehe Ihr Bedürfnis, ihn zu treffen sehr gut! Sie sind nun eine junge erwachsene Frau und wollen diesen blinden Fleck lösen, damit Sie endlich zur Ruhe kommen können. Und dazu rate ich Ihnen auch. Es kann gut sein, dass die Begegnung furchtbar unschön und schmerzhaft für Sie wird, ich persönliche kenne genau so eine Geschichte, die mit einer frustrierenden Begegnung am Hauptbahnhof geendet hat. Und trotzdem ist es besser, als sich den Rest des Lebens den Kopf darüber zu zerbrechen, was wäre wenn. Eine Verletzung, die man erfahren hat, kann heilen. Ein Phantomschmerz, der einen wegen Ungewissheit quält, verschwindet dagegen nie.

Sprechen Sie mit Ihrer Mutter darüber. Wenn möglich an einem neutralen Ort. Vielleicht ist sie bereit, den Kontakt zu Ihrem Vater aufzunehmen und zu vermitteln. Falls dies nicht möglich ist, schreiben Sie ihm einen Brief, in dem Sie Ihre Gefühle schildern. Erheben Sie keine Vorwürfe und versuchen Sie, so wenige Erwartungen wie möglich zu haben. Natürlich wäre es besser, wenn Sie ihn vor der eigentlichen Begegnung per Brief informieren, damit er sich vorbereiten kann. Falls das nicht möglich ist, weil seine Frau den Brief verschwinden lässt oder er von sich aus nicht darauf reagiert, müssen Sie sich auf seine Ablehnung gefasst machen. Dann wird er Sie kaum mit offenen Armen empfangen, wenn Sie plötzlich vor seiner Türe stehen.

Bereiten Sie sich auch auf dieses Szenario vor. Hier lohnt es sich durchaus, sich mit dem „worst case“ auseinanderzusetzen um dann nicht emotional zusammen zu brechen, falls er Sie vor der Türe stehen lässt. Bereiten Sie ein Notfallszenario vor. Bitten Sie eine Freundin Sie zu begleiten oder zumindest in sicherem Abstand zu bleiben. Sie sollten auf keinen Fall alleine sein, falls Ihr Vorhaben misslingt.

Und dennoch glaube ich, dass es für Sie gesünder ist, Ihren Vater eventuell von dieser Seite kennen zu lernen, als gar nicht. Mit einem Arschloch kann man besser umgehen, als mit einem Phantombild. Aber selbst wenn er der Begegnung aus dem Wege gehen sollte, muss das nicht automatisch bedeuten, dass das obengenannte Schimpfwort auf ihn zutrifft. Vermutlich wird Ihr Vater genau so viel Angst haben, wie Sie. Wenn nicht mehr. Und darüber hinaus noch durchtränkt sein von seinem schlechten Gewissen, Sie und Ihre Mutter im Stich gelassen zu haben. Männer kehren Angst oft in angebliche Stärke oder Kälte um, um sich selber zu schützen. Lassen Sie sich davon nicht blenden.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Mut und grüße Sie herzlichst.

Peter Jensen

Wenn Sie auch eine Frage haben, senden Sie diese gern an redaktion@derblaueritter.de

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