Die Welt ist für uns unmessbar | das Leben unfassbar

Karl Blossfeldt -Zylinder
Karl Blossfeldt -Zylinder

Unübersehbar liegt die Unendlichkeit des Raumes und die Ewigkeit der Zeit vor unseren Sinnen. Aus nächtigem Dunkel taucht der Anfang und die Vorzeit, in nächtiges Dunkel verliert sich die Zukunft und das Ende. Aber die kurze, uns übersichtliche Strecke dazwischen teilt, misst und schätzt der Mensch genau nach Maßen, die er selbst geschaffen, aus dem Ungemessenen gerissen hat, nach Metern, Kilometern, Meilen, Erdbahnhalbmessern, Sternweiten; nach Sekunden, Stunden, Tagen, Jahren, Jahrhunderten, Jahrtausenden, Äonen, bis er den Atem verliert und zu messen aufhört, und die Unermesslichkeit beginnt.

Und genau so unübersehbar wie die Bahn zwischen woher und wohin liegt vor dem Menschen die zwischen warum und wozu. Das selbstgemachte Maß aber, womit er hier die seinen Maulwurfsaugen übersichtliche Strecke misst, das ist der Zweck! Bis er den Atem verliert, der Zweck! Er kann nicht anders, er muss messen und den Atem darüber verlieren. Und wie er vor dem Begriff der Unermesslichkeit und Unendlichkeit stehen bleibt, wenn seine Äonen und Sternweiten ausgegeben und verbraucht sind, so steht er am Ende auch hier vor dem schauerlichen Begriff des Unbezweckten und Zwecklosen, wenn er mit seinen Zwecken und Aberzwecken ausgemessen hat.

Die Welt ist eben für uns unmessbar und das Leben unfassbar. Sie zu messen und zu fassen geht der junge Mensch aus, und mit dieser Erkenntnis steigt der greise Denker ins Grab.

Karl Blossfeldt | Büschelkraut; aus: „Wundergarten der Natur“ (published 1932)

Und um sein Grab stehen Toren und fragen: wozu also die ganze Mühe dieses Lebens? Was der Zweck und wo das Ziel? Das tote Gehirn da drunten aber würde antworten: Menschenkinder, wozu die Frage nach Zweck und Ziel? Ich habe meine Arbeit getan und – damit genug! Ich ging aus gen Osten, und kehrte von Abend zurück; ich stieg senkrecht in die Höhe durch die Unendlichkeit und kam lotrecht von unten wieder herauf; ich warf mich in den Strom der Zeit und floss und floss mit ihm, seine Mündung ins Meer zu ergründen, und kam nach einer kleinen Ewigkeit wieder zur Uferstelle geflossen, von der ich hinein gesprungen; und scharfsinnig und unerbittlich wahrhaftig klomm ich am Faden der Logik dem verborgenen Zweck, dem unbekannten Ziel nach, und wie es vor meinen Augen hell wurde, stand ich wieder vor der Türe des Labyrinthes, durch die ich eingetreten war, und konnte des Fadens Ende an den Anfang knüpfen. Von jedem Ding wusste ich den Zweck und von jedem Schritt das Ziel – aber das Ganze war ohne Zweck und ohne Ziel: wenn ich’s mit meinen Sinnen und meinem Verstande messen wollte. Lasst mich nun von der Wanderung ausschlafen – vielleicht kommt mir’s im Traum.

Kalr Blossfeldt – Collage

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