Die stille Frau und ihre Wolfrute • Kurzgeschichte • Ein Gastbeitrag von Jeanette Rieling

Die stille Frau 

Foto: M. Boekhoff
Foto: M. Boekhoff

In unserer Straße hat eine Frau gewohnt, mit der hat keiner Freundschaft schließen wollen. Niemand hat ihr was Böses nachsagen können;sie ist immer still und fleißig gewesen. Nur manchmal, da hat sie eine Wut bekommen. So sehr, dass sie mit den Zähnen geknirscht hat. Und da haben alle doch Angst vor ihr bekommen. In den Wald ist sie dann gelaufen. Wenn sie wiederkam, hat sie geweint und für zwei geackert.

Einmal waren die Frauen unseres Dorfes zum Getreidebinden für das Erntedankfest aufs Feld gegangen. Eine hatte ihr kleines Kind mitgenommen und hinter eine schützende Hecke gelegt. Sie hat aber doch immer nach der stillen Frau sehen müssen. Kein Wort hatte diese bei der Arbeit geredet. Manchmal hatte sie nach dem Kind gesehen, und dann war wieder diese Wut in ihren Augen gewesen. In den Wald ist sie da wieder gelaufen. Die Mutter war froh gewesen, dass die stille Frau fort war; aber die Angst hatte ihr keine Ruhe mehr gelassen.

Und dann dies: ein Wolf kam aus dem Wald und lief zu dem schlafenden Kind hinter der Hecke. Einer der mitgekommenen Männer eilte herbei und traf den Isegrim mit der Sense. Dieser schrie wie ein Mensch während er sich zurück in den Wald rettete. Und wie sie dem Wolf allesamt nachgelaufen sind, da haben sie die stille Frau gefunden. Sie lag tot im Forst. Wie sie ihr die Kleider ausgezogen haben, haben sie gesehen, dass sie eine kleine Wolfsrute hatte.

Bis heute wird darüber gestritten, warum der stillen Frau eine Rute wuchs. Denn, wie konnte eine so bodenständige Frau etwas anderes sein, als eine der ihren?

©  2016 Jeanette Rieling


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