Peter Jensen | Die sexlosen Jahre der Männer

Männer sind nach ihren „besten Jahren“ keine Männer mehr. Der „normale“ Mann wird von Frau nicht mehr wahrgenommen und auf eine Art geschlechtsloses Altenteil abgeschoben.
Die einzige sexuelle Aktivität, die man ihnen zubilligt und hinnimmt: der gierige Blick auf junge Frauen. Das idyllische Bild vom abgeklärten, leidenschaftslosen ER im Alter ist zum Klischee für den Mann über 60 geworden.

Wie falsch dieses Bild anmutet, legt die Statistik nahe: Jedes Jahr werden ca. 35.000 Kinder geboren, deren Väter älter als 50 Jahre sind.
„Ein Mann bleibt männlich, so lange er lebt. Weder seine sexuellen Wünsche noch die körperlichen Möglichkeiten sie zu erfüllen, gehen im Alter verloren.“ Das sagte einmal der amerikanische Altersforscher Robert A. Wilson. Und das ist die medizinische Realität.

man-505353_1280annayozmanEin Mann über 60 braucht also nicht auf den Geschlechtsverkehr zu verzichten. Die entsprechende Leistungsfähigkeit nimmt zwar ab der Pubertät langsam und stetig ab, aber „es gibt keinen physiologisch bedingten Zeitpunkt, an dem sie plötzlich endet,“ bestätigt die Psychologin Theresa Baumeister.
Der Schweizer Sexualtherapeut Johann Wahla hat in einer Untersuchung unter 128 älteren Männern herausgefunden, dass lediglich 5 % als sexuell inaktiv bezeichneten (wobei die Selbstbefriedigung mit eingeschlossen ist). Sogar bei den über 70jährigen war nur jeder fünfte impotent.
Ein Ergebnis der Untersuchung war jedoch noch wichtiger: besonders Männer, die in ihren jungen Jahren besonders häufig Geschlechtsverkehr hatten, waren auch im Alter am aktivsten.

Bei manchen hält sich hartnäckig die Mär des griechischen Arztes Galen, die besagt: Mit dem Samenerguss verliert der Mann auch gleichzeitig Lebenskraft.
Dies findet sich auch in alten chinesischen und japanischen Lehren wider.
Das Gegenteil scheint jedoch richtig: Häufiger Geschlechtsverkehr führt nicht zum Verlust der Potenz – es ist die Enthaltsamkeit, die später negative Folgen hat.
„Je länger Mann von seinen Geschlechtsdrüsen eine Leistung erwartet, um so länger bleiben sie auch leistungsfähig,“ erklärt Dr. Wahla. Als Beweis verweist er auf die zahlreichen Amouren des Victor Hugo, auf Anthony Quinn, der mit 81 noch Vater wurde, Rod Stewart mit 66, Jean Pütz mit 74, Franz Beckenbauer, Charlie Chaplin, Pablo Picasso und  Heiner Müller.

farmer-540658_1280_rottonaraMit dem Altern des Körpers, werden auch weniger Sexualhormone produziert, die Hoden verlieren an Größe und Festigkeit und der Samenerguss wird allmählich geringer; und natürlich lässt auch die Reaktion auf sexuelle Reize nach und die Zeitspanne bis zum Orgasmus wird länger. Das macht zwar den „Quickie“ unwahrscheinlicher, jedoch eröffnen sich im Liebesspiel dafür neue Varianten, die die Mann früher wenig Geduld hatte.

Wenn Männer nun ihre sexuellen Möglichkeiten nicht ausschöpfen können, liegt das nicht nur am Alter. Erkrankungen wie Diabetes und seelische Leiden wie Depressionen können den Mann unfähig zum Geschlechtsakt machen. Häufigere Ursachen für Impotenz sind allerdings geistige Überanstrengungen sowie übermäßiges Essen und die falschen Getränke in Massen. Ersteres ist dabei die häufigste Ursache. Ein anstrengender Beruf im Büro wirkt sich auf Libido und Potenz des Mannes negativer aus als stundenlange harte körperliche Arbeit.
Die Gefahr droht bereits durch Überlastung in früheren Jahren. Wie die Frau kommt der Mann um die 50 in die Wechseljahre. Die Ursachen sind noch immer umstritten, die Auswirkungen aber offensichtlich. Es zeigen sich beim Mann alle Symptome des Klimakteriums: leichtes erröten, Hitzewallungen, schlechter Schlaf, schnelles Ermüden, Reizbarkeit und Unkonzentriertheit. Dadurch lässt auch die Lust nach.
Impotenz ist aber nicht der einzige Grund, der Männer an der körperlichen Liebe hindert: Viele verzichten freiwillig – sie sind vom Sex gelangweilt.
Das ist vor allem dann der Fall, wenn dem Mann schon zu Beginn der Partnerschaft alle Wünsche, Neigungen und Verneinungen seiner Partnerin bekannt waren.  Der sexuelle Kontakt zu seiner Frau ist Routine geworden oder hat sich stetig reduziert. Beide Partner bieten  bieten keine Reize mehr. Mann und sicher auch Frau nutzen dann das Alter als Ausrede, um sich körperlich zu lösen.
Die Schriftstellerin Maxine Davis hat es schönes dazu geschrieben: „Mit Beginn der mittleren Jahre tut die Frau gut daran, ihre Erfindungsgabe einzusetzen, um ein Überraschungsmoment in ihre sexuellen zu bringen.“
old-man-971889_1280_Ben_KerckxEs mag diskriminierend klingen aber: Männer scheinen da wirklich einfältiger zu sein. Das zeigen zahlreiche nichtrepräsentative Umfragen aus der Praxis des Autors und wurden von Dr. Wahla bestätigt. Und schließlich will das Problem ja aus dem Weg geräumt sein. Die Männer sind natürlich dazu aufgerufen, sie ebenfalls etwas einfallen zu lassen. Dank Internet lassen sich hier endlos Anregungen finden. Fremdgehen ist einfach keine gute Lösung und sorgt für zu viele Kollateralschäden.

Neben der Langeweile gibt es noch einen ernsteren Grund für die Flaute im Bett: er verzichtet aus Angst vor dem eigenen Versagen auf die körperliche Liebe: sei es wegen seiner Manneskraft oder der Angst, seine Partnerin nicht mehr befriedigen zu können. Die Bedeutung dieses Motives kann nach Auffassung zahlreicher Sexualtherapeuten nicht hoch genug bewertet werden. Dr. Wahla: „Ein Grund ist sicherlich das gefühlte Unvermögen darüber zu sprechen. Doch: welche Vertrauensperson sollte geeigneter sein als die eigene Frau, mit der man sich gemeinsam befriedigen möchte?“

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