Die Münze im Brunnen – Ein absurdes Märchen – Menschen mit Handicap

…und in seiner Verzweiflung warf er seine letzte Münze in den Brunnen. Das Wasser kam in Bewegung, verfärbte sich und formte sich zu einem Wesen, welches ihn mit seinen kleinen und mit langen Wimpern umrahmten Augen fragend ansah.
Nun war er nicht nur verzweifelt, sondern auch hilflos. Hatte er nicht um eine milde Gabe gebeten, damit er seiner Angebeteten den erwünschten Diamantring schenken konnte?! 

Münze im Brunnen
Münze im Brunnen

Seine Mutter schwor auf die Macht der „Münze im Brunnen“. Ihr hatte diese damals seinen „Vater“ beschert. Welcher zwar nicht sein richtiger war aber immerhin blieb Mutters Bettseite nicht vom Sohnemann belegt. ER konnte nun wirklich nicht ewig neben ihr liegen. Zumindest nicht, nachdem er regelmäßig sein „Morgengewächs“ bekam. Das war ihm peinlich.

Nun ER also am Brunnen. Statt des Ringes oder eines Beutels voll des Geldes, stieg nun langsam aber stetig dieses Wesen empor. Es formte sich immer weiter und nahm teils skurrile Gestalt an. Was zunächst aussah wie eine Knetfigur aus Gromit und Wallace, nahm nun die Erscheinung vom Elton aus dem Fernsehen an. Was sollte das nun wieder?! Er kramte mühsam sein Handy aus der Hosentasche und wählte beim Rückwärtsschreiten die Nummer seiner innig geliebten Mutter. Sie meldete sich mit ihrer säuselnden Mama-Sohnemann-Stimme und fragte nach seinem Begehr.
ER schilderte, was er gerade erlebte und endete mit der Frage: Mama, was soll ich damit nur anfangen?!
Sie seufzte schwer ins Telefon und erwiderte: Mein Sohn, was erwartest Du, wenn Du Dich zur Verehelichung an ein russisches Anbahnunginstitut wendest. Und was erwartest Du außerdem, wenn Du Dir beim Wünschen Musik von Elton John anhörst. Wahrscheinlich wieder diesen Schnulzenkram aus Sidney, oder?! Wünschen kann man nur mit Inbrunst. Ohne das, kommt Nichts oder nur Murx rum. Siehst Du ja. Wie immer in Deinem Leben. Ich kann Dir nicht mal eine Münze überlassen, ohne dass Du es verkorkst.
Er lauschte seiner Mutter andächig und zugleich angewidert, wischte sich eine Träne fort, seufzte inniglich und ergab sich seinem Schicksal.
ER reichte „Elton“ die Hand, zog ihn vollends aus dem Wasser, nahm ihn in den Arm. Dann schlenderten sie gemeinsam der winterlichen Sonne entgegen. Er rief seine Mutter nie wieder an und lebte fortan glücklich und schweigsam  in einer kleinen Souterrain-Wohnung am Rande eines Industriegebietes. Gerne wäre er Vater geworden, daraus wurde ja nun nichts. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich einen kleinen Hund ins Heim zu holen. So hatte auch ER fortan eine eigene Familie. Mit einem Bett. Riesengroß.

 

Paul Rüsing
Paul Rüsing

Dieses Märchen, das aus einem Traum entstanden ist, hat mir Paul bei einem unserer Treffen erzählt. Es ist, bis auf wenige kleine Korrekturen, so niedergeschrieben, wie erzählt. Zur Erinnerung: Paul Rüsing hat Bilder des Espresso Orakels interpretiert. 

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