Die Müllprinzessin – Eine Kindergeschichte von Dagmar Finger

Die Müllprinzessin

Müllprinzessin nach einem Motiv von Zinaida SerebriakovaEs waren noch vier Wochen bis Weihnachten, als man sie nicht mehr wollte.
Da sie für niemanden mehr von Nutzen war und keiner sie mehr lieb hatte, warf man sie auf den Müll.
Ihre schönen langen blonden Haare, sonst zu Zöpfen geflochten, verfilzten. Das blaue Kleid mit den roten Rosen wurde schmutzig und stellenweise zerriss es. Ein Schuh fehlte, und das rechte Bein hing verdreht an ihrem Körper. So sah sie sich, als sie erwachte.

Sie schaute sich um, aber das, was sie sah, sah auch nicht besser aus. Alles war schmutzig. Eine rostige Fischdose neben ihr stank fürchterlich. Aus einem alten Sessel kamen die Sprungfedern heraus. Plastiktüten, die dort schon lange lagen, bewegten sich raschelnd mit dem Wind. Sie fühlte sich grenzenlos einsam und ausgestoßen. Außerdem war ihr kalt. Das kann doch nicht das Ende sein, dachte sie.

Plötzlich hörte sie ein tiefes Brummen hinter sich. Gar nicht freundlich. Es machte Angst. Erschrocken drehte sie sich um. Dort stand ein Bär. Zottelig, fleckig, schmutzig, mit einem halb abgerissenen Ohr. Seine dunklen Knopfaugen blickten eher erstaunt als böse.

Leise fragte er: „Wer bist du?“ Sie musste erst einmal schlucken, dann antwortete sie zaghaft: „Ich? Ich weiß nicht so genau. Einmal hieß ich Susi, dann wieder Helene oder Eva. Doch am liebsten hieß ich Isabel. Vielleicht willst du mich so nennen?“ „Isabel“, brummte der Bär, „das gefällt mir. Ich heiße eigentlich nur Bär. Entschuldige bitte mein Aussehen. Aber das war nicht immer so. Früher durfte ich sogar in einem richtigen Bett schlafen, und wurde geknubbelt und gedrückt.

„Oh ja“, rief Isabel, „mir ging es genau so. Ich hatte ein so schönes Bett, ganz weich mit bunten Bettbezügen. Es waren kleine Pferde darauf. Das Mädchen, dem ich gehörte, spielte stundenlang Prinzessin auf der Erbse mit mir. Das war sein Lieblingsmärchen und ich war so gerne die Prinzessin. Und jetzt? Schau mich an, wie ich aussehe. Ich bin allein, mir ist kalt und ich fürchte mich so sehr. Warum hat mich niemand lieb? Warum hält mich niemand im Arm? Warum bin ich so alleine hier? Ich will nicht hier sein, das Leben einer Puppe sollte doch nicht hier enden, oder?“ Sie weinte leise.

„Ja ja“, brummte der Bär und ihm wurde unbehaglich. Weinende Puppen – damit konnte er nichts anfangen.

Also sprach er weiter: „Früher, da war alles ganz anders. Da war man zum Trösten noch gut genug. Mein Junge hat mir all seinen Kummer erzählt, und ich hab dann immer ganz lieb mit ihm gekuschelt. Und nun?“ Sie schwiegen dann beide und dachten an vergangene Tage. Isabel fror schrecklich und auch dem Bär wurde nicht richtig warm. Der kalte Wind pfiff ihnen um die Ohren.

Nach einer Weile fragte Isabel: „Du, wenn wir uns unseren Kummer erzählen, ob es uns dann besser geht? Wenn du dann noch ein wenig näher kommst, vielleicht wird dein Fell mich wärmen?“ Danach sahen sie sich lange an, und rutschten ein großes Stück näher zueinander. Nach vielen Tagen und Nächten hörte man den Bär leise sagen:

„Ich mag dich sehr Isabel. Du bist meine Prinzessin, meine Prinzessin vom Müll“.


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2 Kommentare zu “Die Müllprinzessin – Eine Kindergeschichte von Dagmar Finger

  1. Dagmar Finger

    Diese Geschichte gibt es auch als Hörgeschichte…. Danke auch für das sehr schöne Bild . Dagmar Finger

  2. Eva Steinki

    Wieder wunderschön. Doch ich habe auch nichts anderes aus deiner Feder erwartet. Natürlich hätte ich gerne ein Happy – End gehabt, aber es ist nun mal so wie es geschrieben steht. Ich bin zu harmoniesüchtig. Weiterso…………….doch das muss ich dir ja nicht sagen 🙂

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