Die Kultur der Reparatur – Wolfgang M. Heckl – Rezension von Bettina Schnerr

Cover: Die Kultur der Reparatur - Wolfgang M. HecklKurzbeschreibung
Kaum ist die Garantie abgelaufen, gehen unsere Geräte kaputt. Das Display des mp3-Players spinnt, der Laptop überhitzt und schaltet ab. Doch wir können der Wegwerfgesellschaft entkommen: Indem wir wieder reparieren lernen. Das schont nicht nur die Ressourcen des Planeten, es macht auch Spaß! Überall in Deutschland gibt es Repair-Cafés, in denen Menschen gemeinsan an alten Plattenspielern schrauben und aus Secondhandklamotten Designermode machen. Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums in München, setzt sich an die Spitze der Do-it-Yourself-Bewegung. Er lehrt uns die Dinge um uns herum wieder wertzuschätzen – und zeigt uns den Weg zu mehr Autonomie von der Industrie.

Rezension

Was tun, wenn irgendetwas im Haushalt kaputt geht? Inzwischen werfen es die meisten Menschen weg und statten sich neu aus. „Da kann man auch anders lösen“ sagt Wolfgang M. Heckl und moniert, dass uns Wegwerfern das Interesse an der Reparatur verloren gegangen ist. Das Reparieren ist seiner Meinung nach in vieler Hinsicht eine Fähigkeit, um die es schade wäre, ginge sie vollends verloren.

Heckl selber ist mit der Werkbank und dem Schraubendreher groß geworden und freut sich zunächst über die Rückkehr der Reparaturwütigen, die sich in Repair Cafes oder Kreativtreffs zusammen tun und Wissen austauschen. Genau so sollte es auch aussehen, sagt Heckl, und beginnt sein Plädoyer mit einer ganz natürlichen Begründung: Die Natur macht es uns vor. Mit raffinierten Prinzipien der Selbstorganisation und der Fähigkeit, eine ganze Bandbreite von Schäden an Organismen und Systemen wieder in Ordnung zu bringen. Dieses große Bild lässt sich auf die Menschen und ihre Reparaturfähigkeiten übertragen. Abertausende Jahre lang haben wir schließlich nichts anderes gemacht; unsere Fertigkeiten und das Wissen um die nötigen Kniffe haben uns überleben lassen. Was die neuen Techniken und Gerätekonstruktionen uns gebracht haben? Bequemlichkeit, sonst nichts. Wie Heckl schreibt, haben die Psychologen längst einen Begriff dafür, es ist die so genannte „erlernte Hilflosigkeit“. Die beschreibt das Phänomen, wenn Passivität zur Routine geworden ist. Resignation und Apathie sind die Folge, auf persönlicher, aber auch gesellschaftlicher Ebene. In Sachen Konsum haben uns unreparierbares Design und die Verkaufswut der Unternehmen dorthin gebracht.

Die Reparatur ist ein Ausweg in vielerlei Hinsicht: „Selbst reparieren können ist ein Gegenmodell zur Hilflosigkeit, ein Ausweg aus dem Gefühl, nichts ausrichten zu können, an dessen Ende im besten Fall das Glück steht.“ Und Heckl fragt sich angesichts seines Nachbarn, der Stunde um Stunde an seinem Motorrad bastelt, ob diesen das Basteln nicht glücklicher macht als das Motorradfahren selbst. Auch er selbst pflegt seine Erfolgserlebnisse, die von der großen Reparatur einer Schwimmbadpumpe bis hin zum Auswechseln einer simplen Dichtung reichen. Denn zur Reparatur gehört nicht nur das Basteln, wenn schon gar nichts mehr geht, sondern auch die Vorsorge, dass es gar nicht erst so weit kommt. Der Start in eine kreative Lebenswelt beginnt bei Heckl im Kindesalter, mit Werkbänken, Schere, Klebstoff und Basteln statt stundenlang vor PC oder TV. Denn nur so könne sich die Fingerfertigkeit, die Neugier und das Verständnis für Zusammenhänge und Funktionalitäten entwickeln. Wem solche „alten“ Materialien und Techniken zu weit weg von der heutigen Realität entfernt sind, den erinnert Heckl daran, dass ohne diese Kenntnisse in Mechanik oder Optik die „besseren, modernen“ Geräte alle nicht existieren würden.

Freilich dreht sich Heckls Plädoyer nicht nur das Glück alleine. Das Thema Obsoleszenz kommt ebenfalls auf den Tisch, sowohl die durch allzu billige Bauteile und betriebswirtschaftliche Strategien als auch die durch immer weiter überbordende Software im IT-Bereich, die irgendwann auch die beste, noch funktionierende Hardware in die Knie zwingt. Hier ist, so Heckl, das Maß verloren gegangen, zwischen Produkten, die problemlos länger leben können und solchen, die vielleicht aus gutem Grund kurzlebiger gebaut sein können. Nicht zuletzt profitiert die Umwelt von verbesserten Haltbarkeiten, denn der Umgang mit Ressourcen wird bewusster und maßvoller. Heckl weist darauf hin, dass zum Beispiel Seltene Erden bereits heute problematische Rohstoffe sind, von denen sich die Gesellschaft durch die Wegwerfmentalität viel zu sehr abhängig gemacht hat.
Mit den Erläuterungen einher geht sein Aufruf, durch unsere Ansprüche und unser Kaufverhalten Zeichen zu setzen. Er setzt auf jedes noch so kleine Zeichen: „Viele kleine Effekte, die jeder Einzelne für sich erzielen kann, verändern eine Gesellschaft insgesamt, auch weil die Industrie auf das Verhalten von Verbrauchern reagiert.“ Zum Design for repair könne man also durchaus wieder zurück kommen. Eine Auswahl von Reparaturcafés und ihren Adressen sowie Websites für Reparaturanleitungen und Tauschbörsen runden das Buch im Anhang ab.

Das Buch von Wolfgang M. Heckl stellt sehr gut dar, inwiefern wir persönlich und die Umwelt als positive Folge davon vom Reparieren profitieren können. Aus verschiedenen Richtungen kommend denken immer mehr Menschen über ein verändertes Konsumverhalten nach und die Fürsorge und Sorgfalt für unser Hab und Gut ist ganz sicher ein Schlüsselelement auf dem Weg dorthin. Nicht zuletzt ist es ein Weg, den jeder beschreiten kann. Wer sich speziell für den Trend gegen das Wegwerfen interessiert, findet bei Heckl die Denkanstöße und Hintergründe dazu.

Da freut es mich besonders, dass wir während der Lektüre ganz im Sinne des Autoren unter anderem die Feder eines Teleskoprohres am Staubsauger reparieren konnten (immerhin, der Anbieter hätte Ersatzteile im Angebot gehabt, was auch nicht mehr überall zum guten Ton gehört), eine Schreibtischleuchte nachjustiert sowie den Stecker eines transportablen DVD-Players ersetzt haben. Und eine Lötlampe hilft uns in den kommenden Tagen bei der Reparatur eines Siebes und einer Schöpfkelle. So soll es sein.

ISBN: 978-3-44643-678-7

Verlag: Hanser

Erstveröffentlichung: 2013

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