Die jungen Krähen – ein Porträt von Piet Marsfeld mit einer europäischen Fabel

Der Ruf der Krähe - Foto: Privat
Der Ruf der Krähe

Es ist unglaublich viel, was eine junge Krähe alles lernen muß, ehe sie ohne die Eltern in der Welt fertig werden kann. Es ist zum Beispiel ganz ungefährlich, um die Zeit, wenn die Bauern alle auf der Wiese beim Heuen sind, zwischen ihnen herumzugehen und nach Jungmäusen und Käfern zu suchen. Dagegen muß man, wenn man im Dorfe Kirschen holen will, sich sehr dabei vorsehen. Manchmal steht ein Mensch auf dem Felde und rührt sich nicht; dann ist es gar kein Mensch, sondern eine Vogelscheuche, aber man tut doch gut, alles, was ungefähr wie ein Mensch aussieht, erst lange Zeit zu beobachten. Wenn ein Mensch sich auf dem Felde zu schaffen macht und fortgeht, und man findet dort nachher ein Stück Fleisch, das ist immer hochverdächtig. Findet man im Walde eine Eule, so darf man sie so viel plagen, wie man will; sitzt aber auf freiem Felde die große Eule auf einem Pfahle, so ist die Sache faul, denn diese Eule kann schießen.

Wenn man zu mehreren ist, muß man den Habicht fortjagen; ist man allein, so tut man gut, sich zu verstecken. Das alles und noch viel mehr lernten die jungen Krähen den Sommer über unter Führung der Alten. Sie lehrten sie, im Bogenfluge am Rande des Roggenfeldes entlang zu fliegen, eine Ähre zu haschen und abzureißen und sie, wenn ein bis zwei der milchigen Körner herausgepickt waren, fortzuwerfen und sich eine neue zu holen. Sie lehrten sie die Stellen unter den Brücken zu finden, wo selbst um die Mittagszeit das Wasser kühl ist, und zeigten ihnen die Buchten im Flusse, wo die abgestandenen Fische und die ertränkten jungen Hunde und Katzen antreiben. Sie wiesen ihnen die blauen Fliegen und die rot und schwarz gestreiften Käfer, die unfehlbar anzeigen, wo ein totes Tier oder ein Wildgescheide liegt, und machten es ihnen klar, wie man aus dem Benehmen eines Hasen oder eines Vogels erkennt, wo er seine Jungen oder seine Eier hat, und wie man es macht, dorthin, wo ein Schuß fällt, vorsichtig heranzustreichen und aufzupassen, ob man nicht ein Stück Wild findet, das dem Jäger entgangen ist. Wenn der Wind kalt von Osten kommt, ist auf dem Moore wenig zu finden, um so mehr aber, ist die Luft still und scheint die Sonne sehr warm. Wenn ein Hase klagt, kann man nie wissen, ob es ein Hase oder ein Mensch ist, der Krähen schießen will; deshalb muß man vorsichtig von hinten und in guter Deckung heranstreichen.
Der Jäger benutzt die natürliche Feindschaft zwischen Krähe und Eule zum Abschießen der. schädlichen Krähen. Er baut sich eine getarnte Hütte oder einen Erduntersland, wo er von den Vögeln nicht gesehen werden kann. Eine gezähmte Eule wird vor dem Unterstand auf eine Art Krücke gesetzt; sie ist an einem Fang mit einer dünnen Kette gefesselt. Vorbeistreichende Krähen entdecken sofort die Eule, rufen laut quarrend ihre Artgenossen herbei und stoßen „hassend1 auf die Feindin herab. Selbst die Schüsse aus der „Krähenhütte“ in den Schwärm vermögen die Angreifer nicht zu vertreiben.
Findet man ein größeres Tier, das krank ist, so hackt man ihm zuerst die Augen aus, damit es nicht fortlaufen kann. Der schlimmste Fehler für die Krähe ist die Einseitigkeit. Ist in Wald und Moor noch so viel Futter, so muß man doch ab und zu zu Felde fliegen oder bei dem Dorfe herumstöbern, damit man sich in der kargen Zeit dort zurecht findet. Wenn es irgend geht, soll sich die Krähe Gesellschaft suchen; vier Augen sehen doppelt soviel als zwei, und je mehr da sind, um so besser ist es. Der Sommer geht hin, der Herbst zieht in das Land; die einzelnen Krähenfamilien schlagen sich zu Flügen zusammen und treiben sich, bald für sich haltend, bald mit Dohlen und Saatkrähen gemischt, im Lande umher, heute in den Marschen, morgen auf den Stoppeln der Geest, übermorgen auf den Rübenfeldern des Lehmlandes, ungeheure Mengen von Drahtwürmern, Engerlingen und Mäusen vertilgend und Massen verwesender Stoffe forträumend, auch manches angeschossene Rebhuhn, manchen kümmernden Hasen überfallend und tötend. Sinkt der Abend über das Gefilde, färbt sich der Himmel rosig, dann ziehen sie, geführt von den ortskundigen Stücken, krächzend und quarrend nach einem fernen Walde, ihn noch eine Stunde lang mit dem Getöse ihrer rauhen Stimmen und dem Rauschen ihrer harten Schwingen erfüllend, bis der letzte Rosenschein am Himmelsrande erlischt und die Nacht hereinbricht. Jeder Morgen bringt dem Fluge neuen Zuzug j und um das Dreifache nimmt er zu, wenn im Winter Ostelbien, Skandinavien, Rußland und Nordasien die zahllosen Mengen von Nebelkrähen in das Land der Rabenkrähen schicken. Da wird allmählich das Futter spärlich in Feld und Wiese, Moor und Heide, und immer mehr drängen die Scharen nach den Siedlungen der Menschen, erst nach den Dörfern, dann nach den Landstädten und zuletzt zu den Großstädten, wo die Rieselfelder und Schuttplätze liegen, die allwinterlich die Tausende und Abertausende und Aberabertausende von Krähen ernähren müssen.

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Fabeln aus Europa

Die Krähen und das Pulver

Nach der Erfindung des Pulvers beriefen die Krähen krächzend eine Versammlung. In der Luft kreisend besprachen sie, wie man sich jetzt schätzten könnte vor Pulver und Flinten.

»Früher«, sagte ein alter Krähenvater, »war es möglich, sich vor dem Menschen zu hüten. Schon von ferne sahen wir, wenn ein Knabe sich zur Erde beugte, einen Stein oder Knüttel aufzuheben. Und wenn wir das auch nicht bemerkten, dann pflegten wir den Knüppel heransausen zu hören oder sahen den Stein heranfliegen und konnten uns verziehen. Selbst wenn mit Pfeilen geschossen wurde, dann war es doch immer möglich, ihnen auszuweichen, denn auch die sahen wir von Ferne heranfliegen. Aber nun haben die klugen Menschen das Pulver erfunden und sich Flinten fabriziert, nun ist’s Essig! Kaum legen sie die Flinte an, und blitz! burr! fliegt eine Handvoll einer Erbsenart, man kann nicht mehr rechtzeitig wegfliegen, man weiß auch nicht, nach welcher Seite man springen soll. Was sollen wir nun machen?«

»O weh! O weh!« krächzte der Krähenhaufe.

Aber einer von den Jungen, der weit in der Welt herumgekommen war, stand auf und sagte: »Wir Jüngeren sind besser unterrichtet und haben mehr gesehen. Wir müssen mit der Welt mitgehen! Nun hilft nichts anderes, allein auf die Nase müssen wir uns verlassen, das Pulver kann man von weitem riechen.«

»Ja! So werden wir’s machen! Die Nasen werden wir wittern lehren!« krächzten alle Krähen. Und von dem Tage an wittern sie das Pulver und lassen sich von weitem nicht beikommen.

Kategorien Fauna Piet Marsfeld Umwelt-Natur-Technik
Piet Marsfeld

Piet Marsfeld studierte Umweltwissenschaften in Lüneburg und engagiert sich seit Jahren im Umweltschutz. Derzeit nimmt er an einem Großprojekt zum Thema Getreideanbau teil. Thema: Weg vom Weizen. Reaktivierung alter Getreidesorten und die Möglichkeiten diese in unserer Ernährung stärker zu integrieren. Dazu hält er sich überwiegend in Griechenland, Ungarn und Schweden auf. Seine Motivation für unser Magazin zu schreiben: Piet ärgert es, dass wir immer mehr den Kontakt zur Natur verlieren. Viele Kinder glauben, dass unser Fleisch schon immer in der Platikverpackung war und können sich nicht vorstellen, dass diese Teil eines Tieres waren. Es ist ihm ein Anliegen uns die Wunder der Natur wieder näher zu bringen und den ein oder anderen zu animieren sich um Umweltschutz zu engagieren, damit wir nicht eines Tages nur noch in Riesenstädten leben und uns von Nahrungspillen ernähren.

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