Die Eiche als 5-Sterne-Hotel mit Vollpension

cork-228449_1280_Ben_Kerckx_KorkeicheEine ausgewachsene, bis zu dreißig Meter hohe Eiche bietet mehr Tieren Unterschlupf und Nahrung als jeder andere europäische Baum. So wurden auf einem Exemplar dreißig verschiedene Vogel-, fünfundvierzig Wanzen- und über zweihundert Falterarten gezählt. Dabei hat jeder Teil des Baumes seine besonderen Untermieter. Zwischen den Wurzeln lebende Blatthorn- und Schnellkäferlarven; winzige Falter, viele mit einer Flügelspannweite von nur zwei Zentimetern, verstecken sich tagsüber in den Rindenspalten und fliegen des Nachts zwischen den Ästen umher, und unter der Borke hausen Käfer und hinterlassen dort unzählige verzweigte Gänge.
Die weichen, saftigen Blätter der Eiche werden von ausgewachsenen Blatthornkäfern und von zahlreichen Schmetterlingsraupen gefressen. Dabei verleiben sich die größeren von ihnen ganze Blattstücke ein, während die kleineren lediglich Gänge in das weichere Blattinnere bohren. Rüsselkäfer, wie die Eichelblattroller, benutzen die Blätter dagegen als Behausung für ihre Nachkommen. Sie beißen ein Blatt zuerst von der einen und dann von der anderen Seite bis zur Blattrippe durch, falten die beiden Hälften zusammen und rollen sie zu einer Röhre, in die später die Eier gelegt werden.

Traubeneiche - Baum des Jahres 2014 - Foto: Piet Marsfeld
Traubeneiche – Baum des Jahres 2014 – Foto: Piet Marsfeld

Viele Blätter bilden zur Abwehr Gallen, deren Vielfalt sich aus den verschiedenen Namen ablesen lässt, die ihnen die Forstleute gegeben haben, beispielsweise Gallapfel, Eichenrose, Napfgalle, Linsengalle und Schlafapfel. Anlass für die Gallenbildung sind immer kleine Insekten, etwa Mücken, Falter oder kleine, weniger als einen halben Zentimeter große Wespen. Sie alle legen ihre Eier in Blätter, die darauf mit verstärktem Zellwachstum reagieren. In dieser Wucherung entwickeln sich dann die Insektenlarven, die oftmals sogar dann noch dort bleiben, wenn das Blatt bereits abgefallen ist, um es erst im folgenden Frühjahr als fertige Insekten zu verlassen. In kleinen Gallen sitzt zumeist nur eine Larve, während sich in größeren bis zu dreißig Exemplare aufhalten.
Die nahrhaften Eicheln, von denen ein einziger Baum jährlich bis zu neunzigtausend hervorbringen kann — während eines langen Eichenlebens also viele Millionen —, dienen als Futter für ungezählte Tiere. Das schadet dem Baum nicht, denn es genügt in jedem Jahrhundert eine einzige Eichel, die tatsächlich zu einem Baum auswächst, um die Eichenpopulation zu sichern, so dass ein ungeheurer Überschuss entsteht. Krähen und Häher pflücken die Eicheln von den Ästen, kaum daß sie reif sind; die gefräßigen Ringeltauben schleppen oft bis zu siebzig Früchte gleichzeitig in ihrem Kropf fort, und Rüsselkäfer bohren mit ihren verlängerten Mundwerkzeugen Löcher in die Früchte der Eiche, um dort ihre Eier abzulegen. Aber selbst wenn eine Eichel von all diesen Angriffen verschont bleibt, fällt sie irgendwann auf den Boden, wo bereits hungrige Mäuse, Eichhörnchen, Rehe oder Wildschweine auf die willkommene Mahlzeit warten.
Viele der Insekten, die sich etwa von den Eichelblättern ernähren, werden wiederum von anderen Tieren gefressen. Wespen, Spinnen und Marienkäferlarven machen Jagd auf Raupen, und auch viele Vögel brauchen für ihre Brut tierische Nahrung. Buntspechte und Baumläufer picken die Insekten aus den Rindenspalten; Kohlmeisen ziehen ihre Jungen genau dann auf, wenn besonders viele Raupen auf den Eichenblättern zu finden sind, wobei einige Vogelarten jeden Tag bis zu dreihundert Raupen benötigen, um ihre hungrigen Jungen satt zu bekommen, und auch viele Zugvögel, etwa Grasmücken oder Nachtigallen, beteiligen sich in den Sommermonaten an der Suche nach Kerbtieren. Und wenn die Eiche älter geworden ist und sich Höhlen und größere Spalten im Stamm auftun, ziehen dort Eulen und Fledermäuse ein, und zwischen den knorrigen Wurzeln graben sich Füchse oder Dachse ihren Bau.

Stieleiche - Foto: Piet Marsfeld
Stieleiche – Foto: Piet Marsfeld

Eichen sind also wahrhaftig die Herren des Waldes, und wie verantwortungsvolle Monarchen sorgen sie für den Lebensunterhalt der unzähligen kleinen Bewohner ihres Reiches.
Aber die reichen Nahrungsgründe, die sich während des Sommers in den nördlichen Breiten auftun, sind nicht von Dauer. Im Herbst werden die Tage kürzer, und die Zugvögel machen sich auf den Weg nach Süden. Die meisten Schmetterlinge und Nachtfalter gehen zugrunde, nachdem sie ihre Eier an sicheren Plätzen abgelegt haben, und auch die Laubbäume werfen ihre frostempfindlichen Blätter ab und setzen ihren Stoffwechsel so weit herab, dass ihr Wachstum fast völlig zum Erliegen kommt. Mit dem Verlust ihrer Blätter verlieren die Eichen vorübergehend auch die Herrschaft über ihr Territorium. Zum ersten Mal seit Monaten fällt wieder Sonnenlicht auf den Waldboden. Aber es gibt zu dieser Zeit nur wenige Pflanzen, die damit etwas anfangen können, da die meisten ebenfalls keine Blätter mehr besitzen und deshalb ihre Aktivitäten einstellen müssen.

 

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