Die beiden Wahlbrüder – Serbisches Volksmärchen

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Einem armen Mann wollte nichts recht gelingen, was auch immer er anfing. Er verdiente nicht einmal das Geld für das tägliche Brot. So ging es Tag für Tag, und als er sah, daß er nie auf einen grünen Zweig kommen würde, beschloss er, durch Betrug zu Reichtum zu gelangen. Er füllte einen Sack mit Moos, legte Wolle obenauf und wollte ihn zum Markt tragen. Unterwegs traf er einen anderen armen Teufel. Der trug einen Sack voll Tannenzapfen, auf die er Nüsse gelegt hatte. Auch er wollte seinen Sack auf dem Markt verkaufen. Sie zogen gemeinsam weiter. Da fragte der eine den anderen:
„Was hast Du in deinem Sack?“
„Nüsse. Und Du?“
„Wolle.“
„Wollen wir tauschen? Nimm Du die Nüsse und gib mir die Wolle, damit mir meine Mutter Strümpfe daraus strickt, denn ich habe keine mehr.“
„Gut, warum sollen wir nicht tauschen? Ich esse Nüsse gern. Aber die Wolle ist teurer, du musst mir noch etwas draufzahlen.“

Sie begannen zu feilschen, denn jeder wollte den anderen betrügen. Schließlich einigten sie sich. Der, welcher den Sack mit den Nüssen hatte, sollte dem anderen für die Wolle noch zwei Groschen dazu zu zahlen. Da er aber kein Geld hatte, bat er um Aufschub und versprach, ihm das Geld später in seinem Hause zu zahlen. Der andere wusste genau, dass der Betrug dort herauskommen würde, und meinte, er könne solange warten. Über den guten Handel erfreut, schlossen die beiden Brüderschaft und tauschten die Säcke aus. Jeder ging seines Weges und schmunzelte, weil er glaubte, den anderen übertölpelt zu haben. Als sie aber nach Hause kamen, sahen beide, dass sie betrogen worden waren.
Nachdem einige Zeit vergangen war, machte sich derjenige, der Moos anstatt Wolle verkauft hatte, zu seinem Schuldner auf und verlangte die zwei Groschen. Er fand ihn im Haus des Popen, wo er sich als Knecht verdingt hatte.
„Bruder, Du hast mich betrogen!“
„Du hast mich auch betrogen, Bruder!“
„Gib mir wenigstens die zwei Groschen, die du mir noch schuldest!“
„Ich will sie dir gerne geben, denn ich pflege mein Wort zu halten. Aber ich kann es nicht, denn mein Beutel ist leer. Doch ich will Dir etwas sagen: Hinter dem Haus ist eine tiefe Grube. Da steigt der Pope oft hinein und gräbt. Sicher hat er da sein Geld versteckt. Wir wollen warten, bis es Abend wird, und dann lass mich in die Grube hinab! Was ich finde, wollen wir brüderlich teilen, und dann kann ich Dir auch die zwei Groschen zurückgeben.“
Gesagt, getan. Am Abend, als alles schlief, nahm der Knecht des Popen einen Sack und ein Seil, und die beiden Schlauberger gingen zur Grube. Der Knecht kroch in den Sack, und sein Wahlbruder ließ ihn hinab. Der Knecht suchte und grub überall, aber er fand nichts anderes als Weizenkörner. Er dachte bei sich:
„Wenn ich meinem Gefährten sage, dass ich nichts gefunden habe, so lässt er mich vielleicht in der Grube sitzen. Und Morgen wird mir der Pope den Buckel vollhauen.“
Er kroch also wieder in den Sack, band ihn am Seil fest und rief hinauf:
„Zieh, Bruder! Der Sack ist voll Gold!“
Der andere zog und dachte:
„Warum soll ich das Geld mit ihm teilen? Ich will den Sack fortschleppen und meinen Wahlbruder in der Grube lassen. Morgen wird ihn der Pope schon herausholen.“
Er warf den Sack über die Schulter und lief durchs Dorf. Die Hunde begannen zu bellen und schnappten nach ihm. Er lief und lief, bis er ganz erschöpft war. Bald rutschte ihm der Sack vom Rücken. Da meldete sich der Knecht aus dem Sack und rief: „Heb den Sack etwas höher, Bruder, die Hunde beißen mich!“
Der andere ließ den Sack vor Schreck zu Boden fallen, und sein Gefährte kam herausgekrochen.
„So so“, sagte der Knecht, „du wolltest mich also wieder übertölpeln.“
„Du hast mich ja auch betrogen“, erwiderte der andere.
Sie begannen mitten auf dem Weg zu streiten, wer der größere Lügner und Betrüger sei. Schließlich versprach der Knecht seinem Wahlbruder aufs Neue, ihm die zwei Groschen zurück zu geben, wenn er ein andermal käme.
Wieder verging eine geraume Zeit. Der Knecht hatte inzwischen geheiratet und war in das Haus seiner Frau gezogen. Eines Tages saß er auf der Schwelle und rauchte sein Pfeifchen. Da sah er seinen Wahlbruder kommen.
„Frau“, sagte er, „siehst Du den Mann dort? Dem schulde ich zwei Groschen. Ich habe versprochen, sie ihm zu geben, wenn er kommt. Ich werde mich tot stellen, du aber fang an zu klagen und zu weinen. Wenn er erfährt, dass ich tot bin, wird er denken, dass meine Schuld auch getilgt ist, und er wird fortgehen.“
So taten sie auch: Der Mann legte sich auf den Rücken und kreuzte die Hände. Seine Frau deckte ihn mit einem Leichentuch zu und fing an zu weinen, raufte sich das Haar und jammerte.
Da klopfte schon der Wahlbruder an der Tür. Die Frau trat verweint hinaus.
„Gott befohlen, Frau! Wohnt hier mein Wahlbruder?“ Und er nannte dessen Namen.
Die Frau antwortete unter Tränen:
„Ach, ich Ärmste! Drinnen liegt er, aber er ist tot!“
„Die Erde sei ihm leicht! Mein armer Wahlbruder! Wir haben zusammen gearbeitet und Handel getrieben. Wenn ihn so ein Unglück getroffen hat, so will ich ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleiten und eine Handvoll Erde auf sein Grab werfen.“
Die Frau sagte ihm, daß das Begräbnis später stattfinden würde und er lieber gehen solle. Aber der andere blieb fest.
„Ich kann warten, und wenn es drei Tage dauert.“
Der Mann hörte das und sagte leise zu seiner Frau, sie möge zum Popen gehen und ihm sagen, dass er gestorben sei. Man solle ihn auf den Friedhof tragen, vielleicht würde der Wahlbruder dann fortgehen.
Die Frau holte den Popen. Er kam mit mehreren Leuten. Sie bahrten den Toten auf, brachten ihn in die Kirche und wollten ihn am nächsten Tag begraben.
Der Wahlbruder aber sagte zur Frau:
„Wir haben so viele Jahre Salz und Brot geteilt, ich werde bleiben und die Totenwache in der Kirche halten.“
In derselben Nacht waren Räuber in ein reiches Haus eingebrochen und hatten viel Geld, Kleider und Waffen geraubt. Als sie an der Kirche vorbei kamen, sahen sie drinnen ein Licht brenne und meinten:
„Am besten ist’s, wir gehen in die Kirche und teilen da unsere Beute.“
Als der Wahlbruder, der die Totenwache hielt, sah, dass in der Nacht Menschen in die Kirche kamen, dachte er, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen, und versteckte sich hinter dem Altar. Die Räuber traten ein, setzten sich und machten sich daran, die Beute zu teilen:
Vom Geld immer eine voll mir, eine Mütze voll dir, und die Kleider und Waffen teilten sie, wie es gerade kam. Nun hatten sie alles aufgeteilt, bis auf ein Säbel. Jeder wollte ihn haben, und sie fingen an zu streiten. Da sprang einer auf, packte den Säbel und sagte:
„Wir wollen sehen, ob der Säbel wirklich so gut ist. Wenn er mit einem Streich den Kopf des Toten dort abschlägt, dann ist er gut!“
Sie gingen auf die Bahre zu. Der Tote aber sprang auf und schrie: „He, ihr Toten wo seid ihr?“
„Hier!“ Rief der Wahlbruder hinter dem Altar. Wir sind bereit. Sollen wir anfangen?“
Als die Räuber das hörten, ließen sie alles stehen und liegen davon, ohne sich noch einmal umzusehen.
Sie liefen und liefen, bis sie endlich im Wald anlangten, wo sie etwas Atem schöpften. Der Hauptmann aber sprach: „He, Brüder, wir sind Tag und Nacht durch die Welt gezogen, haben starke Festungen und Schlösser überfallen und uns mit so vielen Leuten geschlagen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und jetzt sind wir vor einem Toten davongelaufen. Ist ein tapferer Kerl unter uns, der es wagt, in die Kirche zurückzugehen?“
„Ich gehe nicht!“ sagte der eine.
„Ich fürchte mich auch!“, sagte ein anderer.
„Gegen zehn Lebende trete ich zum Kampf an, aber mit einem Toten nehme ich es nicht auf!“ sprach ein dritter.
Aber schließlich fand sich ein Mutiger, der in der Kirche nachsehen wollte. Er ging zum Friedhof zurück, schlich sich leise unters Kirchenfenster und horchte. Die Wahlbrüder waren gerade dabei, die Beute zu teilen. Zu guter Letzt begannen sie um die zwei Groschen zu streiten und hätten sich fast geprügelt. Der Räber hörte den Streit.
„Und meine zwei Groschen! Gib mir meine zwei Groschen!“
Der Schuldner wandte sich um und sah die Pelzmütze des Räubers, der unterm Fenster stand. Rasch streckte er die Hand aus, packte die Mütze und warf sie auf die Erde.
„Da hast du deine vermaledeiten zwei Groschen.“
Der Räber erschrak sehr und lief, so schnell er konnte davon. Als er zähneklappernd bei den anderen Räubern ankam, war er vor Angst halbtot.
„Ach, Brüder, welch ein Glück, dass wir mit dem Leben davongekommen sind! Wir konnten das Geld mit einer Mütze verteilen, und jeder von uns hätte ein paar Mützen voll bekommen. Der Toten sind aber so viele, dass jeder nur zwei Groschen bekommt. Für einen langte es nicht einmal mehr. Da rissen sie mir meine Mütze vom Kopf und gaben sie ihm statt der zwei Groschen!“
Da machten sich die Räuber schleunigst aus dem Staube. Die beiden Wahlbrüder aber teilten sich die Beute, lebten froh und zufrieden und versuchten nie mehr, jemanden zu betrügen.

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