Die ältesten Klöster der Christenheit – St. Antonius und St. Paulus – Georg Schweinfurth

AntoniusKloster - Ägypten - Illustration: Stefan Otte
AntoniusKloster – Ägypten – Illustration: Stefan Otte

Kaum zweihundert Kilometer südöstlich von Kairo, aber in völliger Abgeschiedenheit und nur äußerst selten von Reisenden besucht, liegen unmittelbar zu Füßen der beiderseitigen Steilabstürze einer gegen das Rote Meer zu auslaufenden Ecke des östlichen Kalkplateaus die beiden berühmten Klöster St. Antonius und St. Paulus, die ältesten der gesamten Christenheit.

Als ein Teil jenes weitausgedehnten der Nummulitenformation angehörigen Plateaus, das der Nil auf seinem Laufe von Theben an durchschneidet und von der Hauptmasse auf der libyschen Seite absondert, bildet das die beiden Klöster voneinander trennende Gebirge einen bis über 1200 Meter ansteigenden Ausläufer. Nach Norden zu wird er von dem zehn Stunden breiten Uadi Arabah begrenzt, nach Süd-Osten dagegen tritt er vermittelst eines verworrenen Systems vorgeschobener Hügel und geradrückiger Abstufungen in Kontakt mit den nördlichsten Gliedern der sich längs der ganzen Westküste des Roten Meeres hinziehenden Kette von Porphyr-, Granit- und Dioritgebirgen. Von der Höhe dieses Plateau-Ausläufers, den die im Gebiete spärlich zerstreuten Hirten Galala nennen, verlaufen hauptsächlich nordwärts zum Uadi Arabah mehrere tiefe Taleinschnitte, die zwischen großartig pittoresken Felswänden hin und her gewunden, die Bergmasse in eine Anzahl unregelmäßiger Rippen gliedern, während diese auf der entgegengesetzten, nach Südwest verlaufenden Seite nur wenige Einschnitte zeigt und hier wie eine aus dem Gewirr der Vorhügel steil aufsteigende und zusammenhängende Mauer erscheint, ein Aussehen, das dem Kalkplateau auf seiner ganzen östlichen Begrenzung bis zur Stadt Keneh in Oberägypten, zukommt.

Pauluskloster Ägypten 1930/31 - Fotograf: Thomas-Whittemore
Pauluskloster Ägypten 1930/31 – Fotograf: Thomas-Whittemore

Das Uadi Arabah trennt von diesem östlichen Kalkplateau ein nördliches quadratisches Stück ab, indem es einen von Westen nach Osten gerichteten Spalt in demselben bildet, der sich gegen das Rote Meer unter 28° n. Br. öffnet. Die Luftlinie von Kairo zum Kloster St. Antonius bildet die Diagonale dieses Stücks, das die dortigen Araber gleichfalls mit dem Namen Galala zu bezeichnen pflegen; ein Wort, das wahrscheinlich synonym ist mit dem anderwärts mehr gebräuchlichen topographischen Terminus »Hamada«, d. h. Hochebene. Die Steilabstürze der nördlichen und südlichen Galala begrenzen das Uadi Arabah in Gestalt zweier Mauern, die, indem das immense Tal nach Westen zu ansteigt und allmählich in die Hochebene übergeht, in der Richtung zum Meere an Höhe scheinbar zunehmen. Diese Art der Umrahmung des Uadi Arabah macht es den Oasentälern der Libyschen Wüste sehr ähnlich, die bei annähernd gleichen Dimensionen ebensolche Einbrüche in die Plateaudecke des Nummulitenkalks bezeichnen, vielleicht ehemalige Ausbuchtungen eines der mittleren oder neueren Tertiärzeit angehörenden Meeres von unbekannter Ausdehnung.

Die Regenverhältnisse gestalten sich in diesem nördlichsten Teile der ägyptisch-arabischen Wüste etwas günstiger als in dem südlich von den Klöstern gelegenen, obgleich das ganze Stück denselben klimatischen Einflüssen unterworfen erscheint. Während südlich vom 28. Breitengrade mitunter mehrere Jahre verfließen können, ohne daß auch nur ein nennenswerter Niederschlag statt hätte, entladen sich auf den Höhen der Galala in den Wintermonaten fast ausnahmslos, und mindestens einmal im Jahre in ergiebiger Weise, die aus der Region der Winterregen herübergreifenden Wolkengeschiebe. Ein solcher Regen ist selten von anhaltender Dauer, auch trifft er gewöhnlich nur einen kleinen Strich, aber die Natur hat, ganz im Einklange mit dem ökonomischen Haushalte des gesamten Wüstenlebens für eine um so sparsamere Verausgabung des kostbaren Lebensstoffes gesorgt. Die nackten steilen Felsgehänge, wenn auch nur flüchtig benetzt, liefern immerhin beträchtliche Wassermassen, die schleunigst der Tiefe zustürzend sich ohne großen Verlust anzusammeln vermögen. Die durstige poröse Kalkmasse an den einen, kieseldurchsetzte Schichten an den anderen Stellen arbeiten sich zur sorgfältigen Aufspeicherung des Wassers gegenseitig in die Hände. Hier wird das Gewonnene schnell aufgesogen und vor der intensiv wirkenden Verdunstung bewahrt, dort in wohlabgeschlossenen Reservoiren tief unter der mächtigen Decke des Gebirges eingeheimst, um alsdann tropfenweise in geheimnisvollen Adern weiter geleitet und schließlich auf dem Grunde der von Geröll erfüllten Talsohle als belebender Dunst den Wurzeln der auf die Verwertung auch der geringsten Feuchtigkeitsmengen eingerichteten Wüstengewächse zugeführt zu werden. Ab und zu stößt man am Ursprunge der Täler auf große natürliche Wasserbecken, die tief in den Felsen ausgehöhlt den Strahlen der Sonne nur selten Eingang gestatten und trotz jahrelangen Regenmangels ihren Inhalt fast ungeschmälert aufzubewahren vermögen, bis Menschen und Tiere ihn leeren. Die ganze Gebirgsmasse gleicht einem von feuchten Dünsten erfüllten Schwamm. Unbedeutend ist in diesen Wüsten die dem Taufall zugewiesene Rolle. Er tritt hauptsächlich während der Wintermonate bei nordwestlicher Luftströmung in Wirksamkeit. Auch wirkliche Quellen sind selten, aber da, wo sie auftreten, von zuverlässigster Beständigkeit. Den untersten Schichten des Gebirges entstammend, da wo die Mergel einer älteren Formation (Kreide) sich unter die meist festen Schichten des Nummulitenkalkes lagern, scheinen diese Quellen den Überschuß vom Resultate der hydraulischen Gesamtarbeit der Gebirgsmassen auszumachen. Die ihnen eigene, der mittleren Jahreswärme der Gegend entsprechende Temperatur beweist, daß hier die Quellen keiner großen Tiefe, mithin auch keinem anderen Wasservorräte ihren Ursprung verdanken können als demjenigen, den die umliegenden Berge oberflächlich hier und da aufzufangen Gelegenheit hatten.

Solcher nie versiegender Quellen kennt man im Uadi Arabah vier, die am Fuße der es im Süden begrenzenden Felswände zutage treten, und zwei auf der nördlichen dem Roten Meere zugewandten Seite. Unter ihnen sind die beiden Klosterquellen die beträchtlichsten, und während die übrigen die Ansiedelung von nur wenigen Dattelpalmen gestatteten, haben die Quellen von St. Antonius und St. Paulus deren ganze Haine aufzuweisen und doch noch Überfluß genug zur Bewässerung ihres Gartenlandes. Der Leser aber glaube nicht, daß an solchen Quellen und Wasserbecken von Hause aus ein besonders üppiger Pflanzenwuchs auftrete. Die größere oder geringere Menge des zugeführten Naß beeinflußt wenig die gewohnheitsmäßige Enthaltsamkeit der Wüstengewächse. Alle sind sie an ein äußerstes Minimum davon gewöhnt, der Überfluß bleibt unbenutzt und in der nächsten Umgebung der Wasserstellen begegnet der Reisende nicht mehr Gewächsen, als er stundenweit talabwärts an scheinbar völlig dürren Orten wahrgenommen hat.

Der ganze Wüstenhaushalt ist auf ein beständiges Fastenleben eingerichtet. Pflanzen und Tiere unterliegen demselben Gesetz, auch der Mensch, der in ihrer Mitte heimisch wird, macht keine Ausnahme. Die Nüchternheit wird zur Gewohnheit, das Fastenleben der Anachoreten kein Verdienst mehr. Alles, was ihn umgibt, hungert nach unseren Begriffen und durstet, und doch ist alles voller Leben und Kraft. Eine Wiese im Norden verzehrt mehr Wasser als hier ein ganzer Landstrich und mancher Bauer daheim mag beim Hochzeitsschmaus so viel an Nahrungsstoffen zu sich nehmen, als ausreichen würde, eine ganze Beduinenfamilie tagelang mit Kost zu versorgen. Die große Mehrzahl der vierfüßigen Wüstengeschöpfe trinkt nie, d. h. sie pflegen nie tropfbares Wasser in anderer Gestalt zu sich nehmen, als solches in den winzigen Sprossen der Kräuter dargeboten erscheint, mit denen sie ihren Magen füllen. Es ist erwiesen, daß selbst die Gazelle jeglichen Wassers zu entbehren vermag. Bei den vielen großen und kleinen Sauriern, bei den Wüsten-Hasen, Springmäusen und anderen Nagetieren, die in diesen Strichen heimisch sind, ist das die stehende Regel. Angesichts dieser Verhältnisse scheint die uns aus dem Altertum überkommene Nachricht, es hätten Einsiedler mitten in der Wüste ohne alle Beihilfe jahrelang ihr Leben zu fristen vermocht, viel von ihrer Unglaubwürdigkeit einzubüßen. Es mag keineswegs undenkbar erscheinen, daß Paulus von Theben sich einzig von den Früchten der Dattelpalmen, die er an der Quelle vorfand, bei der er sich niederließ, ernähren konnte, und daß Antonius ein halbes Jahr lang mit einem Sack Zwieback auszukommen wußte, den ihm ein Freund überbrachte. Die Kirchengeschichte berichtet sogar von einer Klasse von Anachoreten, die man die »Weidenden« nannte, weil sie sich wie das Vieh, von den Kräutern, die sie sammelten, zu ernähren wußten. Setzen wir an die Stelle der Kräuter Wurzeln, so erscheint die Sache nicht undenkbar. Ich habe noch heute auf den Höhen der Galala zwei Pflanzen in großer Menge allverbreitet vorgefunden, die in rohem Zustande genießbare Wurzeln, etwa den Karotten und dem Schwarzwurz vergleichbar, liefern und von denen die Beduinenkinder alltäglich bedeutende Quantitäten ohne Schaden zu sich nahmen: Malabaila Sekakul und Scorzonera mollis.

Die Vegetation in den Felstälern der südlichen Galala und die der höchsten Teile des Plateaus selbst macht auf denjenigen, der nur die nackten weißen Felsen in der Umgegend von Kairo und am Rande des Niltals kennt, einen außerordentlich überraschenden Eindruck. Einzelne Täler, wie z. B. das (südliche) Uadi Ashar, das ½ Stunden westlich vom Kloster St. Antonius mündet, und das Uadi Tin, vier Stunden westlich vom Kloster Paulus, finden in allen Wüsten des eigentlichen Ägyptens, was eine verhältnismäßig üppige und mannigfaltige Entwicklung des Pflanzenwuchses anbetrifft, nicht ihresgleichen. Sie erscheinen inmitten des nackten Nummulitengebirges mit ihrem ununterbrochenen Pflanzenteppich, mit den großblütigen Stauden von Salbei, Bilsenkraut, Thymian, Peganum, Stachys und dergleichen, wie ein Stück gelobten Landes. In der Tat entspricht der Vegetationscharakter hierselbst der Flora Palästinas und er ist mit demjenigen der Sinai-Halbinsel fast identisch. Allein im großen und ganzen sind dies eben nur Ausnahmen und oasenartige Lücken in der verzweifelten Starrheit solcher Felseinöden, von denen man, ohne Ägypten und den südlichen Orient bereist zu haben, sich schwerlich einen Begriff wird machen können. Nichts als das blendende Weiß der Felsen und Gerölle, ab und zu in graue und braune Töne übergehend, darüber das Blau des Himmels und der in violettem Schimmer verschwindende Hintergrund, bietet sich hier dem Auge des Beschauers. Kein Baum, nur selten ein mannshoher Strauch, der einigen Schatten spendet, unterbricht diese tote Landschaft, ein Wald von bizarr gestalteten Felsen und Steinblöcken.

So beschaffen war der Schauplatz, auf dem in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung die beiden Urbilder des Anachoretenlebens St. Antonius der Abt und St. Paulus von Theben erscheinen. Stellen wir ihm das Tal von Subiaco in Italien gegenüber, jene Wiege des abendländischen Mönchtums, an der St. Benedikt gestanden, so erscheint es, trotz seiner so nackt und ernst herniederschauenden Felsgehänge doch wie ein irdisches Paradies voller Anmut und Lebensfrische, von der Paulus, seit er als Jüngling dem Niltal entfloh, während seiner fast hundertjährigen Wüsteneinsamkeit nie auch nur den geringsten Abglanz empfand.

Die Klöster, die das unmittelbar auf unsere Tage übernommene Vermächtnis der beiden Schutzpatrone des christlichen Ägyptens darstellen, wurden, ungeachtet ihrer geringen Entfernung von der Hauptstadt des Landes, von Reisenden, fränkischen sowohl wie orientalischen, nur äußerst selten, wenigemal in jedem der letzten drei Jahrhunderte berührt. Gegenstand der Wallfahrt sind die Klöster, dank der Gleichgültigkeit, wie sie die monophysitische Kirche von jeher gegen den bereits von Antonius bekämpften Reliquienkultus und gegen eine abgöttische Heiligenverehrung an den Tag gelegt hat, seit dem Tode dieses ihres Altvaters nie gewesen. Die dahin führenden Wege liegen gänzlich abseits von allem Verkehr und die Reise erfordert eigene Vorbereitung und Ausrüstung zu einem fünf- bis sechstägigen Durchzug durch wasser- und menschenleere Felswüsten.

Drei Wege führen zu den Klöstern der östlichen Wüste. Der gewöhnliche, den auch die zweimal im Jahr zur Verproviantierung der Mönche vom Niltal abgesandte Karawane einschlägt, ist der von Bayad, gegenüber der an der oberägyptischen Eisenbahn gelegenen Provinzialhauptstadt Benisuef seinen Ausgangspunkt nehmende. Der Weg führt durch die Uadis Escheb, Sanur und Chädr ins Uadi Arabah und nach Kreuzung des letztgenannten zum Kloster St. Antonius, mit einer Gesamtlänge von hundertundvierzig Kilometern. Ein wegen seiner Terrainverhältnisse beschwerlicherer, aber auch für Lastkamele zugänglicher Pfad beginnt am rechten Nilufer vierzig Kilometer im Süden von Kairo beim Dorfe Ab-el-Ejam, und geleitet durch das Uadi Uarag auf die Höhe der nördlichen Galala, steigt dann zum nördlichen Uadi Ashar (es gibt deren zwei des gleichen Namens) hinab und mündet gleichfalls im Uadi Arabah gegenüber dem Kloster St. Antonius. Man kann auch von Suez aus zur See oder mit Kamelen dem Westufer des Roten Meeres folgend, zu den Klöstern gelangen. Dieser Weg führt auf das Kap Safarana zu, von dem beide Klöster, in gleichem Abstande, eine gute Tagereise entfernt sind.

Ein wiederholter Besuch der ehrwürdigen Stätten setzt mich in den Stand, ausführlich über ihr heutiges Aussehen zu berichten, sowie von dem Leben und Treiben ihrer Bewohner Nachricht zu geben. Zum besseren Verständnis ihrer Bedeutung für das orientalische Christentum und für die Entwicklung des Christentums überhaupt will ich indes zunächst einige historische Nachweise vorausschicken und versuchen, das Bild des im Abendlande weniger als im Orient gefeierten großen Heiligen Antonius und dessen Schicksale, sowie dasjenige St. Paulus, seines Nachbarn im Anachoretenleben, wieder aufzufrischen.

Die Lebensgeschichte des heiligen Antonius ist uns von seinem Zeitgenossen Athanasius, dem berühmten Eiferer gegen die Irrlehre des Eutychus und Bischof von Alexandria, überliefert worden. Euagrius, der St. Hieronymus auf seiner Orientreise begleitete, hatte frühzeitig den griechischen Text ins Lateinische übertragen und Hieronymus diese Übersetzung seiner biographischen Sammlung, fünfunddreißig Jahre nach Antonius Tode, einverleibt, so daß die Überlieferung eine ziemlich gut vermittelte geblieben ist. Antonius stammte aus einer reichen, in Komea (heute Keman-el-aruss bei Benisuef) ansässigen Familie Mittelägyptens. Seine Geburt wird in das Jahr 251 verlegt. Ein fleißiger Besucher der öffentlichen Evangelienvorlesung fühlte er sich eines Tages – er stand im Alter von achtzehn bis zwanzig Jahren und war elternlos – durch die Erzählung vom reichen Jüngling (Math. XIX. 21) dermaßen hingerissen, daß er all sein Hab und Gut unter die Armen verteilte, die einzige Schwester fremder Pflege anvertraute und selbst hinaus vor die Stadt zog, um sich einsamen Gebetsübungen hinzugeben. Zu jener Zeit gab es in Ägypten noch keine Klöster; von Eremiten aber, die in der Wüste lebten, hatte man noch nie etwas gehört. Indes pflegten viele fromme Männer bereits an abgelegenen, vom Geräusche der Welt entfernten Plätzen sich aufzuhalten, um den noch schüchternen Bekennern der christlichen Lehre Zuspruch und Trost zu gewähren. Zu diesen begab sich Antonius, um ihre Lehren zu empfangen und sich an ihrem Beispiel zu erbauen. Dabei arbeitete er als Tagelöhner, um sich den nötigen Unterhalt zu verdienen, und verteilte den Überschuß unter die Armen. Nach einiger Zeit nahm er seinen Aufenthalt an einem verödeten Orte, wo sich alte Gräber befanden. Hier richtete er sich seine Wohnstätte zurecht, während ein Freund ihn mit Speise und Trank versah. Abermals nach Verlauf einiger Zeit und nach vielfach ausgestandener Anfechtung seitens des Bösen, der ihm unter den mannigfachsten Gestalten erschienen war (von Malern so häufig zum Gegenstande ihrer Darstellungen gewählt), gelangte in Antonius der Entschluß zur Reife, was noch keiner vor ihm gewagt, keiner wenigstens, von dem man Kunde hatte, sich ganz und gar in die unzugänglichste Wüstenei zurückzuziehen und daselbst für immer der Welt abzusterben.

Er hatte bereits das fünfunddreißigste Jahr zurückgelegt, als er sich infolgedessen auf einen Berg begab, wo sich die Trümmer eines alten Kastells befanden. Dies war vermutlich die Stelle unterhalb Benisuef am rechten Nilufer, wo sich heute noch die Reste eines anderen uralten Klosters befinden, das gleichfalls seinen Namen trägt.

Antonius sperrte sich durch vorgelegte Steine im Innern der Burgruine einen Raum ab, in dem er sich einschloß. Zweimal im Jahre wurde er von seinem treuen Freunde mit dem nötigen Vorrat an Brot und Wasser versorgt. Der Bericht lautet: »er nährte sich von jenem Brot, das die Bewohner Ägyptens so herzurichten wissen, daß man es ein ganzes Jahr unverdorben aufzubewahren vermag.« Es war also eine Art jenes Zwiebacks, in dessen Zubereitung die Ägypter noch heutigen Tages große Geschicklichkeit bekunden, und zu dessen Zubereitung der im Niltal gewonnene Hartweizen ganz besonders geeignet erscheint.

Zwanzig Jahre harrte Antonius in seiner engen Klause aus, ohne sich vom Platze zu rühren. Eine innere Stimme hatte ihm indes geboten, er dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen; so predigte er vor dem herbeiströmenden Volk, das ihn als einen wahren Heiligen zu verehren begann, und seine Fürbitte um Heilung von allerhand Gebrechen anzusprechen kam. »So begann sich die Wüste zu beleben,« sagt der Bericht.

Da erfuhr Antonius von der großen Christenverfolgung, die unter Maximinus‘ Regierung (311 n. Chr.) in Alexandria wütete. Er begab sich dahin, sehnsüchtig nach dem Martyrium verlangend. Allein, obgleich er der Gefahr überall die Stirne bot, blieb er unter Hunderten verschont und kehrte, mit der Überzeugung, daß Gottes Vorsehung ihn zu anderen Taten berufen hätte, wieder nach dem Heptanomos zurück.

Viele Zeichen hatte Gott durch ihn vollziehen lassen und weit und breit galt er als der »Mann Gottes«, so beschloß Antonius, fürchtend, daß sein Geist sich infolge der ihm von allen Seiten an den Tag gelegten Verehrung mit Eitelkeit und Hochmut behaften möchte, nach Oberägypten zu wandern, wo ihn niemand kannte. Bald stieß er auf einen Trupp Araber (Sarazenen nennt sie der Text, eines der ältesten Vorkommnisse dieses Namens), die Ägypten auf einem Handelszuge besucht hatten, und sich nun zur Heimkehr durch die östliche Wüste anschickten. Es bot sich ihm auf diese Art eine Gelegenheit dar, vor der bewundernden Menge tief in die abgelegensten Einöden zu entfliehen. Die Araber hatten nichts dagegen, daß sich Antonius ihrer Karawane anschloß, und so brachten sie ihn nach einer Reise von drei Tagen und drei Nächten (entspricht genau der 140 Kilometer betragenden Entfernung von Bayad zum heutigen Kloster, die eine ledige Karawane in der angegebenen Zeit zurückzulegen pflegt) zu einer Stelle, wo, wie eine innere Stimme ihm anzeigte, er Ruhe und Seelenfrieden finden sollte.

In einem hohen Berge, an dessen Fuße sich eine sprudelnde Quelle mit einigen Palmen und eine Fläche mit anbaufähigem Erdreich vorfand, erkannte der Wanderer den Ort, den Gott ihm als Wohnsitz bestimmt hatte. Nachdem er von seinen Begleitern einiges Brot empfangen hatte, blieb er allein an dieser Stelle zurück. Ab und zu erneuten in der Folge vorüberziehende Kaufleute diese Lebensmittel, und ungestört vermochte der Heilige sich für einige Zeit in dieser Einsamkeit von allem Verkehr mit seinen Bewunderern abzuschließen; aber bald war die Kunde von seinem Wohnort ins Niltal gedrungen und so kamen viele, um ihn auch hier aufzusuchen. Antonius bat seine Besucher, sie möchten ihm einiges Ackergerät und Sämereien herbeischaffen, und nachdem er diese erhalten, machte er sich daran, einen Garten anzulegen, und das Wasser der Quelle auf den angebauten Boden zu leiten. So gelang es ihm durch eigenen Fleiß nicht nur für seinen Unterhalt, sondern auch für denjenigen der zahlreichen Anhänger zu sorgen, die sich nicht hatten abhalten lassen, seine Nähe aufzusuchen und in der Umgegend als Eremiten zu hausen. Er flocht aus den Blättern der Dattelpalme Körbe und sandte solche zum Nil, um mit dem Erlös weitere Vorräte für die Brüderschaft in der Wüste zu beschaffen. Antonius machte sich immer etwas zu schaffen, sein Grundsatz war »bete und arbeite«, denn die fortgesetzte körperliche Untätigkeit, das wußte er aus Erfahrung, schwächt den Geist, während ununterbrochene Gebetsübungen ihn krankhaft entarten lassen mußten. Seinem Beispiele folgten die übrigen und so wurde er in der Tat der Begründer des ersten Klosterlebens in der Wüste.

Unzählig sind, so sagt sein Biograph, die Wunder, die Gott dem Verdienste und den Gebeten des Antonius zuliebe geschehen ließ. Von weit und breit kamen Gläubige und Ungläubige herbeigezogen, um den »Mann Gottes« zu schauen. Der Kaiser Konstantin schrieb ihm einen eigenhändigen Brief und ließ diesen durch eine eigene Gesandtschaft überbringen, viele vornehme Griechen und Ägypter pilgerten zu ihm, um seine Fürbitte zu erflehen, ja sogar heidnische Philosophen suchten den weltberühmten Heiligen in seiner Bergeshöhle auf, um an ihm die geistige Kraft des Christentums zu prüfen. Antonius war trotzdem weder gelehrt, noch einer anderen Sprache, als der seines Volkes mächtig, es ist sogar wahrscheinlich, daß er nicht einmal zu lesen und schreiben verstand, sondern die heiligen Schriften bloß durch Anhören der Vorlesungen vermöge einer starken Gedächtnisgabe sich eingeprägt hatte. Noch heutigen Tages sind Leute unter den koptischen Christen Ägyptens und Abessiniens eine gewöhnliche Erscheinung, die das ganze Evangelium, den Psalter Davids und das hohe Lied Salomonis auswendig herzusagen wissen.

Antonius scheint indes nicht unausgesetzt in seinem letzten Zufluchtsorte ausgeharrt zu haben, denn die auf uns überkommenen Bruchstücke der Geschichte seiner Zeit erwähnen sein Auftreten in verschiedenen Gegenden Ägyptens zu wiederholten Malen. Hochbetagt ward ihm die Freude zuteil, seine Schwester in der alten Heimat wieder begrüßen zu können. Am bedeutsamsten für die Zeitgenossen war indes sein Erscheinen zu Alexandria, wo er, ein hundertjähriger Greis, im Jahre 352, den Irrlehren des Eutychus entgegentrat. Die Arianischen Streitigkeiten hatte er infolge einer Vision bereits etliche Jahre vorher vorausgesagt. Antonius sah im Traume den Altar des Herrn von Mauleseln umstellt und besudelt; das waren »diese Bestien von Arianern«, sagt der Bericht.

In dem Eifer, mit dem sich Antonius den Leugnern der Gottes- und Menschennatur Christi gegenüberstellte, können wir bereits die Hinneigung vieler zu dem sich ein Menschenalter später in Ägypten bahnbrechenden Monophysitismus erblicken, den die koptische Kirche annahm.

Fünf Jahre später sah er sein Ende herannahen, er hatte hundertundfünf Jahre gelebt. Sorgenvollen Blickes pflegte er in die Zukunft zu schauen, wenn er an das Umsichgreifen der gegen alle Lehren des Christentums verstoßenden Neigung seiner Zeitgenossen dachte, Männern von besonders heiligem Lebenswandel eine abgöttische Verehrung zu zollen und mit den Überbleibseln ihrer sterblichen Hülle allerhand Götzendienst zu treiben. Weil er an sich erfahren, mit welcher Liebe und Verehrung alle Welt ihm zugetan war, fürchtete er auch nach dem Tode als Wundertäter verehrt zu werden, trotzdem er sein ganzes Leben lang bemüht gewesen war, die durch ihn vollzogenen Zeichen allein dem Walten der göttlichen Gnade zuzuweisen. Der heidnische Gebrauch, die Körper der Verstorbenen nach alter Kunst einzubalsamieren, und namentlich diejenigen von besonders geliebten Personen, unbegraben in den Häusern zum Gegenstande eines fortgesetzten Kultus zu machen, mißfiel ihm durchaus, und um mit seinem eigenen Körper ein gutes Beispiel zu geben, wie man der Erde wiederzugeben habe, was man von ihr genommen, machte er seinen Jüngern eindringlichst zur Pflicht, ihn im geheimen zu bestatten, so daß niemand die Stelle wüßte, wo sich sein Grab befände. Dieser Auftrag wurde gewissenhaft befolgt. Noch heute wiederholen die Mönche im Kloster St. Antonius jedermann, der darnach fragt, daß ein Grab ihres Heiligen nicht vorhanden sei, und nie ein äußeres Kennzeichen die geweihte Stätte, wo er vergraben, verraten habe.

Was die äußere Erscheinung des großen Heiligen anbetrifft, so schildert sie uns ein Zeitgenosse als die eines Mannes von sanftem und gefälligem Wesen. Viele, die von Neugierde getrieben, zu ihm kamen und glaubten einen seltsamen Schwärmer und, wie man bei seiner wilden Lebensweise anzunehmen sich berechtigt hielt, einen rauhen und ungeschliffenen Gesellen zu erblicken, bezauberte seine schlichte Herzensgüte und sein leutseliges Benehmen. Seine Körperkonstitution muß von unverwüstlicher Stärke und Zähigkeit gewesen sein, denn ungeachtet der dieses ganze lange Leben hindurch ausgestandenen Entsagungen erhielten sich seine Sinne bis an das Ende in ungeschwächter Frische. Kein einziger Zahn soll ihm, als er starb, gefehlt haben.

Legen wir uns die Frage vor, was es gewesen sei, das Antonius einen solchen Einfluß auf seine Zeit und seine Umgebung verlieh, so gelangen wir zu einem Schluß, dessen Prämissen in der Zeit, in der wir leben, gänzlich rätselhaft bleiben würden, wäre uns in der geschichtlichen Entwicklung der in immer neue Phasen tretenden Anschauungen des Genius der Menschheit nicht das Mittel eines teilweisen Verständnisses dargeboten.

Wie wir bereits gesehen, war Antonius weder gelehrt, noch ein Mann von phantastisch begeistertem Gemüt, der durch die Gewalt einer hinreißenden Rednergabe die Massen zu erwärmen, in Bewegung zu setzen vermocht hätte für, wir würden sagen, eine große Idee. Von solchen Eigenschaften weiß uns sein Biograph nichts zu berichten. Im Gegenteil, was uns von seinen Aussprüchen erhalten geblieben, zeugt keineswegs von einer überraschenden Geistesschärfe. Seine Reden waren ein nüchternes Bekenntnis der als einzig erfaßten Wahrheit, ausgestattet mit dem gegen alle Vernunftgründe unbezwinglich siegreich vorgehenden erfahrungsmäßigen Glauben. Und dabei ward seine Tätigkeit getragen von dem unüberwindlichen Strom, der ihn hochhob über die ganze Erbärmlichkeit seiner Zeit, jenem welterobernden Geist der volkstümlichsten aller Religionen! Das war das Medium, in dem sein Wirken sich bewegte; die Kraft kam von dem überraschenden Kontrast, in dem sich die apostolische Einfachheit, die nüchterne, naive Einfalt seiner Gedanken zu dem Aberwitze einer schalen, abgelebten und blasierten Zeit stellte, dann in der Unabhängigkeit von dem, was die Welt reizt oder schreckt.

Ägypten aber war der geeignetste Boden, denn ernsten Dingen waren von jeher die Bewohner dieses Landes zugetan. Nirgends ist die Grenze zwischen Tod und Leben so scharf gezogen wie hier, wo das lachende üppige Niltal von dem engen Rahmen der starresten Wüste eingefaßt ist, ein beständiges »memento mori«. Ein aussichtsloses Sklavengeschick bekräftigte außerdem in dem Ägypter, dessen Geschichte eine fortlaufende Kette von in den äußeren Existenzbedingungen des Landes begründeten Bedrückungen ist, die Vorstellung, in dem irdischen Leben nur eine Vorbereitungsstufe für das Jenseits zu erblicken.

Die Ägypter waren die ersten, die sich dem Christentum als Nation zuwandten und der Einfluß, den in den ersten Jahrhunderten Ägypten auf die Entwicklung des Christentums als Weltreligion gehabt, ist nicht abzuschätzen. Wir mögen die altgriechische oder die altchristliche Zeit im Auge haben, immer erkennen wir die Brücke, die uns mit dem alten Wunderlande der Kultur verbindet, und noch heute, auf der Höhe unserer modernen Gesittung, stehen wir unter dem, wenn auch noch so weitläufig übermittelten Einfluß seiner uralten Geistesrichtungen.

Nach der Tradition der Mönche bestand das Kloster 1876 seit fünfzehnhundertzweiundsechzig Jahren. Nehmen wir an, Antonius habe sich ein Jahr nach der Maximinischen Christenverfolgung, also um 312, hier niedergelassen, so können sehr wohl drei Jahre später Bewunderer und Anhänger des damals schon weltberühmten Mannes seine Nähe aufgesucht, eine Kapelle erbaut und bei ihm dauernde Stätte gefunden haben. Vor dreihundertdreiundsiebenzig Jahren wären, so erzählten weiter die Mönche, infolge unsicherer Zustände und beständig gefährdeter Verbindung mit dem Niltale, beide Klöster verlassen worden und hätten alsdann durch siebenzig Jahre leer gestanden. Die Eroberung Ägyptens durch Selim I. (1517) fällt in diese Zeit und damit der Beginn der an dem neuesten und tiefsten Verfall dieses Kulturlandes die Hauptschuld tragenden Türkenherrschaft. Seit dem Jahre 1574 sind die beiden Klöster wieder instandgesetzt und bewohnt. Unter den Kalifen scheinen sie unangetastet geblieben zu sein. Kirchliche Institutionen wie sie die arabischen Eroberer in Ägypten vorfanden, wurden von ihnen respektiert, und so groß auch die Bedrückungen und Verfolgungen, die Christen in der Folge zu erleiden hatten, sein mochten, so waren sie doch meist durch den Hochmut der letzteren und ihre Ränke selbstverschuldet. Die abessinische Geschichte tut häufig einer alljährlich nach den heiligen Stätten des gelobten Landes entsandten Pilgerkarawane Erwähnung, die oft viele tausend Köpfe stark überland Nubien und Ägypten in ihrer ganzen Länge zu durchziehen pflegte. Während der ganzen Dauer der Kalifen- und älteren Mamelukenherrschaft blieb ihr Durchzug unangefochten, allein unmittelbar nach der türkischen Eroberung wurde die Straße durch wiederholte Überfälle, Mord und Plünderung versperrt und nur eine geringe Zahl abessinischer Pilger fand unter beständigen Gefahren hinfort ihren Weg zum heiligen Grabe.

Während der siebenzig Jahre ihres Leerstehens wurden die Klöster natürlich vom Zahn der Zeit arg mitgenommen. Beduinen hausten in ihren Mauern und trugen was sich von Holzteilen loslösen ließ davon. Der Regen ergoß sich durch die Fensteröffnungen und verwusch einen Teil der uralten Fresken, mit denen die Kapelle des heiligen Antonius ausgemalt war. Trotzdem aber hat sich der alte Bau doch noch in seiner ursprünglichen Ausdehnung erhalten und die Renovation, die er 1859 erfahren haben soll, sichert seinem Bestehen eine weite Zukunft. Bücherschätze, die hier früher angehäuft gewesen sein mögen, sind während der neuen Zeitabschnitte verschwunden. Eine Klosterbibliothek existiert nicht. Die vielen Evangelien und Psalter, die in den verschiedensten Abschriften einen Ersatz für sie zu bieten scheinen, sind sämtlich neueren Datums. Die alten Schriften, die noch vor einiger Zeit vorhanden gewesen sein sollen, hat der jetzige koptische Patriarch zu sich nach Kairo senden lassen.

Nur selten und in großen Zwischenräumen haben Europäer die Klöster besucht. Ihre Namen finden sich zum Teil mit empörender Rücksichtslosigkeit in die geschwärzten mit uralten Fresken bedeckten Wände der Kapelle des Heiligen eingekritzelt, und weder griechische Patriarchen noch russische Archimandriten machten hiervon eine Ausnahme. Der älteste abendländische Besucher scheint im Jahre 1626 ein gewisser Frater Bernardus a Ferula aus Sizilien gewesen zu sein. Er hat seinen Namen mit großer Schrift, wo nur immer tunlich, angebracht, mit dem Zusätze: »primus visitator catholicus hic fuit.«

Das Kloster St. Antonius, arabisch »Der Mar Antonius « genannt, bedeckt mit seinen elfhundertzwanzig Meter langen Umfassungsmauern einen Flächenraum von über sechs Hektaren. Die Fläche bildet ein ungleichseitiges Fünfeck, das sich im Rücken mit seiner längsten Seite an die unterste Stufe des Absturzes der Galala anlehnt und mit der gegenüberliegenden von Südwest nach Nordost gerichteten Seite Front gegen das Uadi Arabah macht, über das es eine unbeschränkte Übersicht gewährt, da die beiden Seiten des muldenförmig ausgehöhlten Tals stark ansteigen und das Kloster, von der Mitte der Talsohle aus betrachtet, bereits wie in einem Drittel der relativen Berghöhe zu liegen kommt. In der Tat beträgt seine Höhe über dem Spiegel des Roten Meeres nach Dr. Güßfeldts Messung mit dem Quecksilberbarometer bereits vierhundertundzehn Meter. Der Steilabsturz der südlichen Galala oberhalb des Klosters erreicht tausend Meter Meereshöhe.

Von außen betrachtet gewährt der ausgedehnte Klosterbau keinen fesselnden Anblick. Der Ankömmling erblickt zunächst nichts als eine lange nackte Mauer von dreißig bis vierzig Fuß Höhe hinter der hier und da einige Palmkronen hervorragen. Kein Tor wird sichtbar, bis man, ganz in die Nähe gelangt, eine in die Mauer eingelassene Nische unterscheidet, über der die Mauer mit einem erkerartigen Aufbau gekrönt erscheint. Er ist das Aufzugshaus in dem sich die mächtige Winde befindet die durch ein horizontal gedrehtes Rad wie ein ägyptischer Ziehbrunnen, von zwei Mönchen in Bewegung gesetzt wird. Eine daneben herunterhängende Schnur dient zum Anziehen der Glocke, deren Geläute jeden Besuch anmeldet. Es währt nicht lange, so öffnen sich oben in dem getäfelten Holzwerk des Erkers einige Schiebefenster, aus denen schwarzbeturbante Mönchgesichter neugierig spähend herniederschauen. Plötzlich wird mit überraschendem Gepolter die Falltür zur Seite geschoben und am herabgelassenen Seil schwingt sich eine schwarzgewandete Gestalt. Einen Augenblick später steht sie in unserer Mitte. Es ist der Mönch, der zur Begrüßung der Fremden abgesandt wurde. Diese ursprünglich zur Sicherung gegen unerwarteten Überfall erdachte Vorkehrung findet sich noch heutigen Tages bei allen Wüstenklöstern des Orients, hat aber hierzulande bei dem friedfertigen Sinn der auf wenige hundert Köpfe beschränkten Bevölkerung der ganzen ägyptisch-arabischen Wüste, einem Gebiet von der Größe der apenninischen Halbinsel, und bei dem guten Einvernehmen, in dem die Mönche mit den Arabern leben, den ursprünglichen Zweck längst eingebüßt. Als auf ein sichtbares Zeichen ihrer Unabhängigkeit von der Außenwelt blicken indes die um Erhaltung der alten Gebräuche ängstlicher als um die der Altertümer selbst besorgten Mönche auf ihre Aufzugsmaschine mit Stolz, wie auf eine Art kostbaren Privilegiums. Nur dem Patriarchen öffnet sich bei seinem Einzuge das vermauerte Tor zur Linken des Aufzuges, das außerdem einmal im Jahre, wenn die Vorräte von Brennmaterial ins Kloster geschafft werden sollen, aufgebrochen wird, um die mit Reisig und Tamariskenholz beladenen Kamele in den Hofraum einzulassen.

Nachdem man sich hat hinaufziehen lassen, tritt man von dem Aufzugshause auf die Zinne der Ringmauer, wo sich ein überraschender Anblick des Klosterinnern eröffnet. Allerhand Baulichkeiten von geringen Dimensionen, aber vielfach gegliedert und mannigfaltig an Gestalt bilden ein buntscheckiges Durcheinander, aus dem die Kuppeln der kleinen Kirchen hervorleuchten, überragt von dem vierkantigen Zufluchtsturm in der Mitte. Die graubraunen Erdgemäuer und die mit weißem Kalkbewurf versehenen Kirchen heben sich von dem tiefen Olivengrün der Palmen ab, die überall den Hintergrund bilden. Das an die menschenleere Einöde der Felswüsten gewöhnte Auge vermeint eine ganze Stadt vor sich zu sehen. Das Kloster St. Antonius ist aber auch das größte und angesehenste unter allen, die sich in Ägypten erhalten haben. An Ausdehnung steht es der Kairener Zitadelle wenig nach. Auf breiter Freitreppe steigt man zu einer großen Plattform (»elmeideh«) hinab, die den in den Erdgeschossen angelegten Kornspeicher bedeckt, überschreitet diese und betritt alsdann erst den eigentlichen alten Klosterraum, der jetzt mit seinen uralten Mauern in die äußere Umfassung gleichsam eingeschachtelt erscheint. Wie bereits erwähnt, fand im Jahre 1859 ein durchgreifender Neubau statt. Der verstorbene Patriarch Kyrillus, der selbst diesem Kloster viele Jahre als Mönch angehört hatte, bewies seine Anhänglichkeit an die ihm liebgewordene Stätte durch häufigen Besuch, den er in späteren Jahren ihr abstattete. Auch leitete er eine Kollekte zum neuen Ausbau des Klosters in allen Kirchen Ägyptens ein und vollendete im Laufe von drei Jahren dieses bedeutende Kosten verursachende Werk. Die neue Ringmauer, auf der man einen bequemen Rundgang um das ganze Kloster machen kann, erweiterte sein Areal um das Doppelte. Das Aufzugshaus, der Speicher, eine neue Kirche und zwei Reihen neuer Wohngebäude für die Mönche, von denen die letzteren indes noch leerstehen, wurden zu gleicher Zeit errichtet. Die beabsichtigte Erweiterung des Gartens und der Palmpflanzung harrt indes noch ihrer Ausführung und die geräumigen Hofräume, die zwischen den alten und neuen Mauern entstanden sind, liegen noch wüst und unbenutzt, nur eine Abteilung wird als Holzhof zum Aufhäufen des im Uadi Arabah von den Mönchen eingesammelten Reisigs verwandt. Keine Inschrift, kein ornamentales Monogramm gibt Kunde von dem Werke Kyrills; schmucklos starren die nackten weißen Mauern zum Himmel, wie in allen Kirchen und Klöstern der ägyptischen Kirche, kaum daß hier und da ein koptisches Kreuz, gewöhnlich in Gestalt des Andreaskreuzes, aus dem Kalkstein ausgemeißelt ist.

Die Wohnungen der Mönche sind nicht Zellen, die zu einem Gebäude vereinigt sind, sondern nach dem Prinzip der Kartäuser-Klöster voneinander getrennt. Es sind durch alle Stockwerke gehende Abteilungen langer Häuser, eine jede mit eigener Eingangstür versehen, etwa wie die Wohnungen der ärmeren Volksklassen in den Vorstädten einiger italienischer Städte oder wie englische Arbeiterwohnungen, wenn dieser stolze Vergleich erlaubt ist. Alle Klosterräume haben nämlich etwas zwerghaftes, und die einzelnen Kammern der Mönche gleichen eher Taubenhäusern als menschlichen Behausungen. Man nennt sie trotz ihrer von abendländischen Klöstern abweichenden Form gleichfalls Zellen, arabisch »Kelali«. Den merkwürdigsten Bau dieser Art bilden die den inneren Klosterkomplex nach Westen begrenzenden Zellen, die an die Bäckerei anstoßen. Diese machen offenbar den ältesten Teil der Klosterniederlassung aus und bestehen aus vier bis fünf Stockwerken mit zahlreichen aufs unregelmäßigste verteilten Fensteröffnungen, oder vielmehr Luftlöchern. Die einzelnen Etagen erreichen indes kaum fünf Fuß Höhe, die Kammern bieten kaum mehr Spielraum dar, als zu einer Schlafstätte erforderlich ist. Aus Stuck verfertigte zierlich gearbeitete Fenstergitter, wie man deren noch viele in den alten Moscheen Kairos wahrnimmt, sind das einzige, was sich hier von Proben der Kunst aus dem grauen Altertum erhalten hat. Die neueren etwas geräumigeren Mönchswohnungen sind in drei parallel gestellte, gleichfalls aus Rohziegeln errichtete Gebäude verteilt, die vor der alten Kapelle sich hinziehen. Hier hat auch der Abt des Klosters seine Abteilung, die sich von den übrigen nur durch etwas größere Dimensionen unterscheidet.

Alle großen Klöster Ägyptens haben in ihrem Zentrum einen turmartigen Bau, den sogenannten »Kasr«, die Burg. Diese Art Beffroi gewährte den Mönchen, falls die weitläufigen Mauern nicht mehr gegen den eindringenden Feind zu halten waren, eine letzte Zufluchtsstätte. Der Kasr in den Klöstern der östlichen Wüste besteht aus einem vierkantigen Bau von pylonenartig geneigten Rohziegelmauern mit einem Unterbau von Steinblöcken und enthält mehrere Stockwerke mit Kapelle, Küche, Speicherraum und unterirdischer Wasserleitung kurz allem, was zum längeren Ausharren nötig erscheint. Eine Zugbrücke führt von der Mauer des nächsten Gebäudes zum Tor. Der mit dickem Rost inkrustierten Kette sieht man es an, daß sie seit Jahrhunderten nicht mehr aufgezogen worden ist.

Von allem, was das Kloster des Altertümlichen enthält, erweckt selbstverständlich nichts ein so hohes Interesse, als sein ehrwürdiges Heiligtum, die Kapelle, in der St. Antonius nach der Tradition der Mönche die Messe zu lesen pflegte, so oft er von seiner Höhle oben im Berge zu der Klosterniederlassung herniederstieg, und wo er vor dem herbeigeströmten Volk und den versammelten Einsiedlern predigte. Wie es scheint, hatten sich die letzteren damals noch nicht zu einer Klostergemeinschaft konstituiert, sondern sie lebten einzeln in den benachbarten Höhlen des Gebirges. Die früheren Mönchsgenossenschaften in den Oasen der Libyschen Wüste und im Tale von Nitra (Sketis oder richtiger Schiet), wie sie Pachomius eingerichtet hatte, bestanden ebenfalls aus Niederlassungen von Eremiten, die sich bezirksweise in eigens dazu errichteten Häusern oder in natürlichen Höhlen angesiedelt hatten, und die ganz nach Art der Serapis-Priester des Altertums ein gemeinsames korporatives Band zusammenhielt. Erst ein oder zwei Jahrhunderte später, als der Gegensatz der monophysitischen Landeskirche zum orthodoxen Byzantinismus der Staatsgewalt in sich immer steigernde Konflikte geriet, mögen diese befestigten Klosterburgen entstanden sein, wie sie sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Die große Menge kleiner weitab in der Wüste zerstreut liegender Baulichkeiten mit ihren gewölbten Kapellen und winzigen Zellräumen, die ich in der Großen Oase angetroffen habe, lassen keine andere Deutung zu, als daß sie die Niederlassungen vereinzelter Mönche darstellen. Als Überbleibsel dieser Organisation wäre dann noch die vorhin erwähnte Anordnung der Mönchswohnungen in den bestehenden Klöstern Ägyptens zu betrachten.

Die Kapelle des heiligen Antonius besteht, wie nach dem Vorbilde des Tempels von Jerusalem alle Kirchen der koptischen Kirche eingerichtet sind, aus drei Abteilungen, von denen eine jede mit einem halbkugeligen Kuppelgewölbe versehen ist. Der Chor oder vielmehr Priesterraum ist vom Hauptraum, dem Narthex, der hier gegen fünfzehn Schritt im Geviert mißt, durch ein brusthohes Mauerwerk unten abgegrenzt und öffnet sich zu letzterem durch einen halbkreisförmigen Bogenausschnitt in der Mauer, rechts und links von dem noch zwei niedere viereckige Oeffnungen in ihr angebracht sind. Beide Räume haben denselben Fußboden gemein, nur zum Allerheiligsten, dessen Kuppel von Gewölben im Spitzbogenstil getragen wird, führen wenige Stufen hinan. Nie scheint eine tünchende Hand die geschwärzten Mauern dieses jetzt ältesten christlichen Gotteshauses, das in Ägypten besteht, berührt zu haben, seit sie vor sicher mehr als tausend Jahren mit Fresken altbyzantinischer Kunst geziert wurden. Nur der eindringende Regen hat weiße Streifen über die Wandgemälde gezogen und einen Teil von ihnen verwischt. Dessenungeachtet haben sich noch viele in ihren Umrissen erhalten und bieten dem Kunsthistoriker ein hochinteressantes Objekt für seine Forschungen; denn diese Bilder dürften als die ältesten zu betrachten sein, die sich aus den ersten Jahrhunderten des Christentums überhaupt erhalten haben. Man unterscheidet noch ziemlich deutlich an den Wänden des Hauptraums die lebensgroßen Bilder der Apostel und Erzengel, die Jungfrau Maria mit dem Jesuskinde und mehrere Reiterbilder, wie solche mit Vorliebe in den alten Kirchen auch in späteren Zeiten angebracht zu werden pflegten, indem man die Heiligen als streitbare Helden der Kirche aufzufassen beliebte.

Hier im Narthex der Kapelle fesselt vor allem ein Bild die Blicke des Beschauers, das gleich zur Linken des Eingangs die Wand bedeckt. Es stellt zwei mit Heiligenscheinen umgebene Reiter vor, die sich zu begegnen scheinen, das Pferd des einen erscheint en face, das des anderen in Profil. Der letztere in römischer Kriegstracht stützt die Rechte auf den Schaft einer Lanze, während zu seinen Füßen ein großer gekuppelter Dom mit vielen Fensterreihen übereinander sichtbar wird. Das Bild mag den Kaiser Konstantin zum Gegenstande haben mit dem Kaiserpalast von Konstantinopel. Für diese Deutung scheint außer der Tracht auch der Nimbus zu sprechen, der das Haupt des Reiters umgibt. In der Kirche S. Vitale zu Ravenna findet sich eine aus der Mitte des sechsten Jahrhunderts stammende Darstellung vom Kaiser Justinian, die Gregorovius, dem ein zweites Beispiel dieser Art unbekannt war, zu der Vermutung veranlaßte, daß um jene Zeit der Nimbus auf den Gemälden noch nicht die spätere dogmatische Bedeutung gehabt haben konnte. Es ist dies charakteristisch für das bereits in frühester Zeit sich Bahn brechende byzantinische Dogma von der unnahbaren und göttergleichen kaiserlichen Gewalt. Könnte der Beweis, daß das in Rede stehende Bild wirklich den Kaiser Konstantin, den Freund und Bewunderer des heiligen Antonius, darstellte, von einem Kunsthistoriker geführt werden, so ließen sich daraus wichtige Schlußfolgerungen auf das Alter der Fresken in dieser Kapelle und das Alter der letzteren überhaupt ziehen. Denn um dieselbe Zeit, da die erwähnten Mosaikbilder von S. Vitale entstanden, hatte die koptische Kirche sich von der Staatskirche losgesagt und einen eigenen Patriarchen gewählt; man würde daher in nach justinianischer Zeit, angesichts der zwischen der jakobitischen und melekitischen Partei herrschenden Erbitterung, es schwerlich gewagt haben, ein derartiges, mit einem Nimbus angetanes Kaiserbild in dem gefeiertsten Heiligtum Ägyptens anzubringen.

An Stellen, wo sich die Farbe von dem Mauerbewurf losgelöst hat, kann man sich leicht davon überzeugen, daß die Fresken niemals eine Renovation erfahren haben. Überhaupt ist das ganze Aussehen des inneren Raumes der Art, daß es unwillkürlich eine Vorstellung von über tausendjährigem Alter gibt. Die Kapelle befindet sich, abgesehen von einigen im Ikonostas aufgestellten Oelbildern neueren Ursprungs, dann von dem Holzgitter und einigen Bänken an den Wänden, genau in dem Zustande, in dem sie die Mönche antrafen, als sie nach siebenzigjähriger Verwahrlosung des Klosters vor dreihundert Jahren hier wieder ihren Einzug hielten. Die ältesten Moscheen Kairos, die nie renoviert wurden, haben ein neues Ansehen im Vergleich zu diesem finster ehrwürdigen Raum und die tausend Jahre alten Grabkapellen der Nekropolis von Hibe in der Großen Oase nehmen sich mit ihrer wohlerhaltenen Ornamentik ihm gegenüber wie moderne Bauten aus. Viele rätselhafte uralte Monogramme, die kein Kenner des Koptischen zu entziffern vermochte, tauchen hier und dort aus dem tiefgeschwärzten Grunde hervor, darüber die Namenszüge des Frater Bernardus von 1626, wie eine Schrift von gestern.

Außer der uralten Kapelle umschließen die Klostermauern noch drei Kirchen neueren Datums. Sie sind quadratisch im Grundriß und mit je zwölf halbkugeligen Kuppeln versehen. Auffallend ist es, daß sie weder untereinander gleich, noch nach den Himmelsrichtungen orientiert sind, wie das doch bei fast allen Kirchen des Orients der Fall zu sein pflegt. Der Eingang zu der vor zweihundert Jahren erbauten Hauptkirche, die unmittelbar an die alte Kapelle stößt, ist, wie auch bei dieser letzteren, auf der Nordwestseite angebracht. Die innere Einrichtung der Kirchen zeigt die gewöhnliche Einteilung der koptischen Gotteshäuser und bietet nichts Bemerkenswertes dar. Die zahlreichen älteren und neueren, meist fratzenhaften Heiligenbilder sind ohne Kunst- oder historischen Wert und wurden in Jerusalem angefertigt. Eine überraschende Menge von abgegriffenen Evangelien, gedruckten wie geschriebenen, von verschiedenem Format, mit koptischem und mit arabischem oder auch mit zweisprachigem Text liegt in diesen Kirchen aus. Desgleichen beherbergen die Mönchszellen noch beträchtliche Vorräte, und immer neue, meist fehlerhafte Abschriften werden von den Mönchen gewerbsmäßig hergestellt. Die Kenntnis der koptischen Schreibeschrift ist bei einer großen Anzahl von ihnen verbreitet, aber keinem von ihnen steht mehr als eine nur sehr oberflächliche Kenntnis der Sprache selbst zu Gebote.

Die übrigen Klostergebäude enthalten die Vorratskammern, eine durch ein Pferd in Bewegung gesetzte Mühle, dann große Backöfen und die gemeinschaftliche Küche. Von Haustieren beherbergt das Kloster neben dem einen Pferd noch einen Esel, der, so oft einer der Mönche nach dem benachbarten Kloster St. Paulus geschickt wird, diesen als Packtier begleitet und im Erklimmen der selbst für Menschen schwer zugänglichen Gebirgspfade im Uadi Rigbe eine beispiellose Gewandtheit erlangt hat. Außer einigen Katzen und Tauben werden keine anderen Haustiere geduldet, es sei denn, man wollte zu letzteren auch die Wüstenraben rechnen, die gleichsam als lebendige Überlieferer der Legende des heiligen Paulus von Theben die Klostermauern zu ihrem Aufenthaltsorte bei Tage erkoren haben und die Luft mit unablässigem Gekrächze erfüllen. Sie nisten in den Spalten der nahen Bergwand und sollen zur Zeit der Dattelreife diesen Früchten arg nachstellen. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb die Mönche ihnen gram sind. Es überraschte mich, daß der Abt des Klosters die mich begleitenden Beduinen, als sie eines Tages über Mangel an jagdbarem Wild in der nächsten Umgebung klagten, zur Jagd auf diese Raben, deren Fleisch kein Beduine verschmäht, aufforderte. Ich machte ihm Vorwürfe, wie er diese Vögel, deren Geschlecht sich um die Ernährung des Propheten Elias und nachher um die des heiligen Paulus, Vorbild und Nachbarn des gottbegnadeten Gründers dieses Klosters, so große Verdienste erworben, der Mordlust von Ungläubigen preisgeben könne. Allein mein Einwand erregte bei den ganz auf apostolisch-protestantischer Glaubensbasis stehenden, aller an äußeren Dingen haftenden Pietät baren Monophysiten nur Lächeln. Ebenso auffällig erscheint der Mangel an Ehrfurcht gegen kirchliche Altertümer bei den Kopten und diesem haben wir es leider zuzuschreiben, daß sich so wenig alte Geräte und Bilder in den Kirchen vorfinden und von den Kirchen selbst nur wenige aus den ersten Jahrhunderten sich in Ägypten erhalten haben. Der Reliquienkultus scheint in diesem Lande nie rechten Eingang gefunden zu haben, oder aber der Hohn und Spott der Mohammedaner über solche Dinge ließ ihn verschwinden. Wertvolle Kunstgegenstände, die sich noch bis vor wenigen Jahren in den koptischen Kirchen Kairos erhalten hatten, verschwanden infolge häufiger Nachfrage und verlockender Angebote seitens kauflustiger Raritätensammler, ebenso die alten Schriften aus den Klöstern. Diese Gleichgültigkeit der Priester und Mönche gegen alles Körperliche in ihren Kirchen erscheint wie eine Parodie auf den Ausspruch des heiligen Antonius, die Kirche sei nicht Haus und Dach, sondern Geist und Leben. Von der Verehrung Gottes im Geiste und in der Wahrheit haben sie sich aber trotzdem arg entfernt, denn in keiner Kirche der Christenheit ist die Befolgung äußerer Vorschriften dermaßen zur gewohnheitsmäßigen Schablone geworden, nirgends wird an gedankenlosem Gebetsgeplapper und Ableiern der den Zeitgenossen fast unverständlichen koptischen Evangelien, an Unfug mit Klingeln und Schellen während des Gottesdienstes und unangemessenem Benehmen seitens der Kirchenbesucher so viel geleistet, wie in diesen christlichen Tempeln Ägyptens. Gegen Andersgläubige sind die koptischen Priester tolerant bis zum Exzeß, namentlich gegen die fränkischen Besucher. Sie gestatten ihnen, das Allerheiligste zu betreten, ohne die Schuhe auszuziehen, bewirten den Fremden mit den geweihten Broten des Sakraments, ja sie wären imstande, nicht einmal Einspruch dagegen zu erheben, falls man sich in den geheiligten Räumen der frommen Altväter eine Zigarre anstecken wollte. Trotz alledem würde man eine große Ungerechtigkeit begehen, wollte man diesen durch Jahrhunderte mohammedanischer Unterjochung hindurch hartnäckigen Bekennern der christlichen Lehre Gleichgültigkeit gegen die Religion überhaupt zumuten. Die koptischen Priester mögen in ihrer Art ebenso gottesfürchtig und glaubensstark sein, wie die hervorragendsten unter ihren abendländischen Kollegen; ja in vielen Stücken könnten sich letztere an ihrem Vorbilde ein Beispiel nehmen. Ihr Grundsatz lautet: »leben und leben lassen«, und himmelweit sind sie davon entfernt, beständig Gift und Galle über die minder bußfertige Menschheit zu speien oder ihre Tage mit Klagen über die Mißachtung der Kirchenrechte auszufüllen.

Da wo auf der Südseite des Klosters die Umfassungsmauer unmittelbar an den Felsabhang anlehnt, öffnet sich die Quelle, die jahraus jahrein in ungeschmälerter Fülle hervorrieselt. Das Wasser ist, wie in diesen Gebirgen alles Quellwasser, im Gegensatze zu den reineren vom Regen unmittelbar gespeisten natürlichen Zisternen, stark mit Salzen und Mineralteilen versetzt, so daß der neue Ankömmling sich schwer an seinen Genuß gewöhnt. Die Quelle tritt aus einem Loch im anstehenden weißen Kalkgestein zutage, unter dem sich Schichten von buntem Mergel lagern, da wo wahrscheinlich die älteren Tertiärschichten auf den oberen Kreidegebilden lagern, und wird zunächst in ein großes wohlverschlossenes Zisternengebäude geleitet, von wo aus man es nach Belieben über die Anpflanzungen rieseln läßt. Eine zweite derselben geologischen Schicht entstammende Quelle, aber von geringerer Wassermenge, befindet sich außerhalb, in Nordost und ein Kilometer von der Klosterquelle entfernt. Sie ist umgeben von einigen sich selbst überlassenen Palmen.

Der Palmenhain und das kultivierte Gartenland innerhalb der Klostermauern umfaßt über zwei Hektar und ihr Ertrag hat keinen geringen Anteil an der Versorgung der Mönche mit Lebensmitteln. Die Dattelernte beträgt mehr als die Klosterbewohner davon bedürfen. Zwiebeln werden in großer Menge erzielt, während Küchenkräuter und einiges Gemüse das ganze Jahr hindurch zu Gebote stehen. Außerdem finden sich seit den ältesten Zeiten, und zum Teil mit hundertjährigen Stämmen, verschiedene Fruchtbäume angepflanzt. Vorzüglich entwickelt ist der Johannisbrotbaum, reich ist auch der Ertrag an Oliven, Feigen und Limonen. In geringerer Menge sind Granaten, Orangen, Pfirsiche, Aprikosen und Mandeln vorhanden. Schattige Zizyphus-Bäume, Laubengänge von Weinreben, Rosen-Gesträuch vervollständigen das anmutige Bild dieser Klosteridylle. Wenn man sonnenverbrannt aus der toten Felsenwüste in die Frische dieses von murmelnden Wasseradern belebten Laubschattens eintritt, so ist der Eindruck ein überwältigender. Augenblicklich fühlt man sich hier heimisch, und die soeben verlassene Öde tritt wie ein Traumgebilde vor die Erinnerung des Reisenden. Muß man dann wieder hinaus in die unabsehbare Sonnenglut, so ist man momentan dermaßen geblendet, daß man wie im Rausch kaum seiner Schritte Herr nur tastend weitertaumelt.

Kein Besucher des Klosters wird ihm den Rücken kehren, ohne eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges in der Nachbarschaft in Augenschein genommen zu haben, die vom heiligen Antonius bewohnt gewesene Höhle. Ein beschwerlicher Pfad, stellenweise durch große Steinhaufen gekennzeichnet, wie sie die dahin wallenden Mönche und andere Besucher seit den ältesten Zeiten zusammengetragen haben, führt über steile Felsgebirge und aus wilden Geschieben zusammengesetzte Schutthalden in südöstlicher Richtung bergauf, bis man den Fuß einer über 300 Meter hohen Steilwand erreicht hat, mit der die Galala-Höhle senkrecht zur Tiefe abstürzt. Erst dicht am Ziele angelangt, erkennt man den engen Felsspalt, der in die Höhle des Heiligen führt, 680 Meter über dem Meere, 276 Meter über dem Kloster. Die Höhle selbst ist kaum sieben Meter lang und hat an der breitesten Stelle zwei Meter im Durchmesser. Nach Westen zu verjüngt sie sich zu einem engen Spalt, auf der gegenüberliegenden Seite ist sie zu einem runden Becken erweitert, das fast den ganzen Raum ausfüllt und dessen Bedeutung mir nicht gelang in Erfahrung zu bringen. Die Wände sind mit den Namenszügen der Besucher bedeckt. Sonst bietet die Höhle nichts dar, was die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich zu lenken vermöchte.

Dies war die Stätte, zu der sich St. Antonius vor dem Andrange seiner Anhänger und der von ihm Wunder oder Fürbitte erheischenden Kranken zurückgezogen hatte. In dem Athanasianischen Bericht heißt es, nachdem die Geschichte von der Gesandtschaft des Kaisers Konstantin erzählt worden ist, ausdrücklich: »darnach zog sich Antonius tiefer ins Innere des Berges zurück, zur gewohnten Lebensstrenge«. Die Tradition hat sich außerdem, wie gesagt, im Kloster erhalten, daß der Heilige für sich allein in dieser Höhle zu hausen pflegte, während seine Jünger sich unten an der Quelle, wo die Kapelle errichtet war, angesiedelt hatten.

Nach dieser Schilderung alles Sehenswürdigen an der Stätte des heiligen Antonius bitte ich den Leser mit mir über den Berg zu dem benachbarten zweiten Kloster der östlichen Wüste zu pilgern, zum einstigen Wohnsitz des heiligen Paulus von Theben, und er wird sehen, daß ihm auf diesem Wege, auch ohne so rätselhaften Wesen, wie sie sich dem St. Antonius in Gestalt von Kentauren und Satyrn präsentierten, zu begegnen, mancherlei dargeboten wird, was ihn für die Mühen der beschwerlichen Wanderung zu entschädigen vermag.

Um von einem Kloster zum anderen zu gelangen, ist man wegen des hohen und vielgegliederten Gebirges, das dazwischen liegt, zu einem Umweg gezwungen; je nachdem man zu Fuß oder zu Kamel reisen will, hat man die Wahl zwischen einem größeren oder kleineren. Der nur für Fußgänger und Esel zugängliche Pfad, der die möglichst direkte Verbindung darbietet, verfolgt anfänglich die große Karawanenstraße in Uadi Arabah, fünfzehn Kilometer weit gen Ostnordost bis zum westlichen Mündungsarm des Uadi Rigbe und biegt dann südlich in dieses Tal ein, das er bis zu seinem Ursprunge dicht am Rande des oberhalb des Klosters St. Paulus befindlichen Steilabsturzes verfolgt. Auf der Karawanenstraße hat man dagegen den ganzen Gebirgsausläufer der südlichen Galala zu umgehen, gelangt in der Nähe von Kap Safarana dicht ans Rote Meer und zieht alsdann in südlicher Richtung und in geringem Abstande von der Küste weiter, bis man das Klostertal, das Uadi Der, betritt. An dem Ursprung dieses letzteren befindet sich das Kloster selbst. Auf diesem Wege sind sechzehn Wegstunden zurückzulegen, während der Gebirgspfad in neun Stunden zum Ziele der Wanderung führt.

Das Uadi Rigbe (»Fußsteigtal«) bildet einen bis hart an die östliche Kante des Gebirges reichenden Querspalt und belohnt die Beschwerden des Weges durch die überraschende Mannigfaltigkeit seiner äußerst wild und pittoresk geformten Felsgehänge. Dieses Tal ist auch in geologischer und botanischer Hinsicht sehr ausgezeichnet. Höchst eigentümlich geformte senkrechte Schuttmauern, zehn bis dreißig Meter Höhe erreichend, begrenzen in seinem oberen engeren Teil zu beiden Seiten die von wildem Geröll erfüllte Talsohle.

Sie geben mit ihrem gleichmäßig sortierten Geröll nicht Merkmale des Moränenschutts in unseren Alpen zu erkennen, sind jedoch denjenigen analog gestaltet, die der Reisende im Uadi Feiran am Sinai zu bewundern Gelegenheit findet. Als Zeugen einer Glazialperiode, die sich bis auf diese Gebirge erstreckte, können sie eben nicht betrachtet werden, obgleich sie für solche von mehreren Geologen, die die Sinaihalbinsel bereisten, gehalten wurden. Durch die ursprünglich von diluvialen Ablagerungen erfüllte Talsohle zogen die von den Höhen der Galala herabstürzenden Regengüsse eine neue Furche. Die Schuttmassen, die man stellenweise deutlich auf dem anstehenden Felsen von Nummulitenkalk auflagern sieht, blieben als senkrechte Wände zu beiden Seiten stehen, während sie von den seitwärts an den Talgehängen herunterströmenden Wassermassen auf weite Strecken auch in ihrem Rücken abgespült und unterwühlt wurden, so daß sie schließlich als wirkliche Mauern, senkrecht nach beiden Seiten abstürzend, die Einfassung des jetzigen Talgrundes darstellen. Außerdem sind diese durch eine sehr regelmäßige horizontale Schichtung ausgezeichnete Mauern in bizarrster Weise zerrissen und gespalten. So erscheinen sie wie Trümmer von gewaltigen Ringmauern. Auf ähnliche Ueberbleibsel von alten Ablagerungen aus der Pluvialperiode des älteren Diluviums stieß ich in vielen Tälern der östlichen Wüste.

Die Vegetation im Uadi Rigbe ist stellenweise von überraschender Üppigkeit und muß nach einem regenreichen Winter mit derjenigen des Uadi Ashar an Mannigfaltigkeit und Blütenfülle wetteifern. Sehr alte Exemplare der Acacia tortilis finden sich in der Mitte des Talgrundes hin und wieder, das auffälligste Gewächs ist indes eine Pistazie (P. Khinjuk), die über zehn Meter hohe Bäumchen darstellt und im obersten Teile des Tales vielfach angetroffen wird, das einzige wildwachsende und vielleicht noch aus der Pluvialperiode stammende Vorkommen dieser Gattung im Gebiet der ägyptischen Flora.

Ein großartiges Gebirgspanorama eröffnet sich den Blicken des Wanderers, sobald er den Ursprung des Tales erreicht hat und von einem 1200 Meter Meereshöhe erreichenden Kamm aus in die jähe Tiefe blickt, zu der das Gebirge auf der dem Meere zugekehrten Seite plötzlich abstürzt. Nur fein verteilte Dünste, die dem Meer entweichen, scheinen hier die unermeßliche Fernsicht zu begrenzen. Vor sich hat man zunächst in gleicher Höhe des Gesichtsfeldes die lange Kette des Sinai-Gebirgsstockes. Der majestätische Serbal tritt höchst eigenartig, wie mit ausgeprägter Individualität seiner Gestaltung daraus hervor. Man glaubt eine unmittelbar aus den azurblauen Fluten des Meeres auftauchende Gebirgswand vor sich zu haben, so nahe erscheinen die in den prächtigsten violetten und purpurnen Tinten schimmernden und durch grelle Schlagschatten voneinander getrennten Spitzen, Kuppen und Tafelberge. Die Basis der gesamten Bergmasse verschwimmt im bläulichen Duft der Meeresdünste. Der hier über vierzig Kilometer breite Golf von Suez, sowie die fast eine gleiche Breite einnehmenden Vorberge mit ihrem Gewirr von tiefen Taleinschnitten und langausgestreckten Rücken – alles verwischt diese Bläue zu einer Fläche.

Ebenso großartig gestaltet sich die Aussicht unmittelbar zu den Füßen des Beschauers. Die Bergmasse stürzt zunächst mit einer mehrere hundert Meter hohen senkrechten Wand in die Tiefe und bildet in weitem Bogen einen ungeheuren Kessel, an dessen Fuß gewaltige Schutthalden in mehrfachen Etagen eine über der anderen abgelagert sind. Verschiedene Seitentäler nehmen hier ihren Ursprung, dazwischen steilabfallende Felsrücken, die von der Gebirgswand wie die Finger einer Hand auszulaufen scheinen. Weiter unten lagert ein förmliches Labyrinth von blendend weißen Kalkmauern, in verschiedener Abstufung vor den Ostabfall der Galala vorgezogen. Vielverzweigte Uadis, mit stellenweise grünender Talsohle ranken durch dieses Gewirre von mannigfaltigen Felsgebilden und verlaufen sich, vielfach anastomosierend (durch Hohlwege verbunden) in der gleichförmigen Fläche am Meeresgestade. Am südlichen Horizont verschwimmen die langhingezogenen Kalkrücken und abstürzenden Felsmauern zu einer unermeßlichen Wellenfläche von lichtem Grau und Braun, und aus dem steinernen Meer ragen die dunklen Massen des Om-el-Tennassib und die des zweithöchsten Berges von Ägypten, des Ghahrib, gleich schwarzen Inseln hervor, mit ihren zackenreichen Spitzen. Es sind die nördlichsten Massenanhäufungen der dem Roten Meer als Kordillere folgenden Urgebirge. Das Kloster selbst ist von der Höhe aus nicht sichtbar, da es in einem hufeisenförmigen Kessel steckt, unter der dem Gebirgsabsturze parallelen Vorstufe von weißem Kalkstein, deren obere Fläche man allein überschaut. Dieser Vorberg wird Om-Ssellem, Mutter oder Urbild der Treppe genannt, ein topographischer Ausdruck, der sich in diesem Gebiet häufig wiederholt und in der »Klimax« der Alten sein Äquivalent findet. In einer Höhe von relativ zweihundert Metern zieht sich die Om-Ssellem mit mehreren gleich Bastionen vorspringenden Ecken einige Stunden weit unten längs des Gebirges hin. Da, wo ein östlicher Absturz einen nahezu vollständigen Halbkreis beschreibt, liegt unmittelbar am Fuße der sich weit herabsenkenden, zu diesem Mittelpunkt vereinigenden Schutthalden das Kloster. Der Abstieg zu ihm, der von der Kammhöhe aus genau 800 Meter beträgt, erfordert ungeachtet des nur wenig gewundenen und unaufhaltsam der Tiefe zueilenden Pfades doch noch anderthalb Stunden angestrengten Marsches.

Eine fürchterliche Gebirgswildnis bildet die nächste Umgebung von St. Paulus, sie gewährt das großartigste Bild von der felsenstarrenden Wüstenöde, die sich der Wanderer auf diesem den Fußspuren des Vaters aller Eremiten folgenden Pfade zu vergegenwärtigen vermag. Es ist ein Masseneinbruch in die Tiefe, ein wahres Höllentor, wie es sich schreckensvoller kaum die Phantasie eines Dante auszumalen wüßte. Ein einförmiges Grau, eingefaßt vom weißen Rahmen der oberen Steilabstürze, ohne jegliche Spur von Vegetation außer den vereinzelten Palmen an den Quellen, die tief versteckt in schauerlichen Felsspalten hier und dort mit ihren dunklen Kronen ans Tageslicht treten, umfängt mit langen Schatten, die von den Wänden des Kessels in die Tiefe fallen, allseitig die finsteren tausendjährigen Mauern des Klosters. Nichts stört die tote Ruhe und den schweigenden Ernst dieser furchtbar drohenden Felsgehänge, der Eindruck ist ein unsäglich finsterer und schauerlicher.

Hier war es, wo der heilige Paulus von Theben, ungekannt von seinen Zeitgenossen, sein fast hundertjähriges Eremitenleben hinbrachte und so unbewußt der Urheber einer Geistesrichtung wurde, die tonangebend durch die ersten Jahrhunderte des die weltliche Macht überwindenden Christentums hindurch Tausende von frommen Schwärmern der sichtbaren Welt und ihren Zwecken entfremdete, um bis ins fernste Abendland hinein die Gemüter zu gläubiger Nacheiferung zu begeistern.

Aus analogen äußeren Verhältnissen hervorgerufen, nahm zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern das Anachoretentum seinen Ursprung und wiederholt kräftige Anläufe zu weiterer Ausbreitung. So dürfen wir auch kaum Paulus von Theben als den alleinigen Urheber betrachten. Weit eher gebührt diese Bezeichnung dem Antonius, der Jünger heranzog, mit seiner Zeit in Verkehr blieb und auf sie den nachhaltigsten Einfluß ausübte. Trotzdem aber können wir den erstgenannten immerhin den Anfänger des Eremitenlebens nennen, da die Überlieferung, die wir von ihm besitzen, ausdrücklich hervorhebt, Antonius habe in ihm sein Vorbild, sein nacheiferungswürdiges Ideal erblickt.

Eine Erscheinung, die in der Geschichte des Menschen immer wieder hervortritt, muß tief im Wesen seiner Natur begründet sein. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, erregt die rätselhafte, unserem jetzigen Getriebe so durchaus entfremdete Gedankenwelt dieser wunderbaren Gottesmänner die berechtigte Neugierde des Forschers. An der Hand der geschichtlichen Überlieferungen sucht man sich das Bild jener längstentschwundenen Zeit wieder herzustellen. Wir wissen, in wie hohem Grade der ägyptische Geist von jeher zu finsterer Auffassung des Zweckes unseres menschlichen Daseins geneigt erschien. Die mystische Richtung hat selbst unter den Sekten vorgewaltet, die der so praktischen Religion des Islam auf diesem Boden erwuchsen. Auch hat es von jeher im Heidentum des Orients Asketen gegeben und selbstauferlegte Büßungen pflegten auch hier schon als verdienstlich und nacheifernswert betrachtet zu werden. Sie sollten den Menschen einesteils wenigstens seiner irdischen Fesseln entledigen, sein Dasein gleichsam vergeistigen. Nun waren aber die ägyptischen Wüsten vor allen dazu bestimmt, dieser Geistesrichtung im vollkommensten Maße als Pflanzstätte zu dienen, war der ägyptische Geist von Hause aus dazu vorbereitet. Tausende von Serapisdienern sollen daselbst im heidnischen Altertum ihr Leben in strenger Askese verbracht haben. Professor Ebers hat den Zusammenhang dieser wunderbaren Genossenschaft mit den Anfängen des christlichen Mönchtums im Widerspruch mit anderen dargelegt. Hier, wo der grelle Kontrast zur Lebensfülle des fruchtbaren Niltals so deutlich in die Augen stach, wo der ganze Haushalt der Natur aller Orten den äußersten Grad des Sparsamkeitsprinzips zur Schau stellte, wo Pflanzen und Tiere aus einem Minimum des dargebotenen Unterhalts ihre Lebenskräfte bezogen, hier, wie wir bereits im Eingange gesehen, ward auch dem Menschen das Fastenleben zur naturgemäßen Pflicht. Im Anblick eines Schauplatzes solchen Treibens, wie er im grauenvollen Talkessel des Klosters St. Paulus uns noch heute unverändert vor die Augen tritt, können wir unmöglich des Mannes vergessen, dessen Name allein schon die ganze Fülle historischer Erinnerungen, die in weiterer Folge sich an ihn knüpfen, lebhaft in unserer Seele wachrufen muß.

Was wir von dem Leben des Paulus wissen, verdanken wir allein dem Berichte des Hieronymus, der selbst in Ägypten war, und dort die Einzelheiten einer noch frisch in der Erinnerung mancher Zeitgenossen fortlebenden Überlieferung aufzuzeichnen vermochte. Der lateinische Text scheint unverändert auf unsere Zeit überkommen zu sein, da er bereits im Jahre 494, anderthalb Jahrhunderte nach dem wahrscheinlichen Todesjahr St. Paulus, durch päpstliche Anerkennung als authentisch betrachtet wurde, was allerdings nicht verhindert hat, daß der Bericht durch Hinzufügung einer Menge wunderbarer Geschichten einen durchaus sagenhaften Charakter empfing, während die Lebensgeschichte des heiligen Antonius, von einem Zeitgenossen selbst erzählt, im ganzen frei von derartiger Ausschmückung erscheint, indem die mannigfachen Kämpfe, die dieser Heilige angeblich mit sichtbaren dämonischen Gewalten zu bestehen hatte, als eben so viele geistige Anfechtungen oder als Visionen, wüste Traumbilder einer erhitzten Einbildungskraft, die vollzogenen Wunder aber lediglich als Gebetserhörungen aufgefaßt werden können. Die von Hieronymus verfaßte Biographie weicht hinsichtlich ihres Inhalts auch darin bedeutend von der Athanasianischen ab, daß weniger die Lehren des Heiligen als vielmehr seine Wundertaten Gegenstand der Erzählung sind.

Das Geburtsjahr St. Pauls von Theben ist ungewiß, da die Überlieferung nur angibt, daß er zur Zeit der Christenverfolgung unter Decius und Valerianus das sechzehnte Jahr erreicht hat. Erstere fand um 250, letztere um das Jahr 257 statt. Wie Antonius war auch Paulus Ägypter von Geburt und reicher Leute Sohn; ihm war außerdem ein gelehrte Erziehung zuteil geworden. Aus Furcht vor der Habgier seines Schwagers, der durch Denunzierung des Paulus als Christen sich seines Besitzes zu bemächtigen hoffte, floh der Jüngling in die benachbarte Wüste und hielt sich in einer Höhle versteckt. Als er sich auch an diesem Platze nicht mehr sicher fühlte, faßte er den Entschluß, die abgelegenste Einöde zu seinem Wohnsitze auszuwählen. Er wanderte immer weiter gen Osten, bis er zu einer durch einen Felsblock verschlossenen Schlucht gelangte, aus der die Krone einer Palme hervorragte. Die Lokalität erinnert lebhaft an die in der Umgebung des heutigen Klosters auftretende Terrainbildung. Nachdem er einen Stein auf die Seite geschoben, betrat er einen weiten Raum, den eine Palme beschattete und eine Quelle von klarem Wasser rieselte daneben. In solchen gänzlich abgeschlossenen Talschluchten finden sich in dieser Gegend noch heutigen Tages häufig Dattelpalmen angesiedelt, die auf quelligem Grunde eine sehr üppige Entwicklung zu nehmen pflegen. Der von Paulus aufgefundene Zufluchtsort soll, dem Berichte zufolge, bereits früher bewohnt gewesen sein, und zwar von Falschmünzern, die hier »zur Zeit der Kleopatra und des Antonius« ihr Wesen trieben, und deren Gerätschaften der Einsiedler noch am Platze vorfand. Die anfangs notgedrungene Lebensweise wurde ihm zur Gewohnheit, als Speise dienten dem Paulus die Datteln und aus den Blättern der Palme flocht er sich seine mattenartige Gewandung, eine Bekleidungsart, die in der Folge bei vielen Anachoreten Nachahmung fand. So fristete er notdürftig sein Dasein und verbrachte, ohne die Gegend wieder zu verlassen, den Rest seines Lebens fast ein Jahrhundert lang in einsamem Gebet und Gottesbetrachtung.

Hieronymus führt nun, um die Möglichkeit glaubhaft zu machen, St. Paulus hätte sich sehr wohl von den Früchten der Palme allein zu ernähren vermocht, das Beispiel syrischer Einsiedler an, die, wie er sich selbst davon zu überzeugen Gelegenheit gefunden hätte, nur zweimal wöchentlich Gerstenbrot genossen, sich im übrigen aber ausschließlich von trockenen Feigen ernährten. Ein großer fruchttragender Dattelbaum, und deren waren es an der bezeichneten Stelle gewiß eine ganze Anzahl, konnte in der Tat schon allein mit seinem Vorrate von etwa zwei Zentnern Datteln Speise für fast ein Jahr abgeben. An jagdbarem Wild fehlte es damals in der Umgegend gewiß ebensowenig wie heute. Durch einen Steinwurf zu erlegende Hasen sind in allen Tälern anzutreffen. Wüstenmäuse, Springmäuse können mit Leichtigkeit ausgegraben werden, ebenso die großen äußerst zahlreichen Eidechsen (Uromastix), deren Fleisch ebenso genießbar ist, als das der Leguane. Der Naturmensch findet außerdem überall Mittel und Wege, um auch des größeren jagdbaren Wildes habhaft zu werden, Gazellen, Mähnenschafe und Steinböcke, von welchen letztgenannten es auf der Galala noch heute eine große Menge gibt. Im Verlaufe seiner Erzählung berichtet aber Hieronymus auch von dem Wunder der täglichen Brotlieferung durch einen Raben, der, wie einst dem Propheten Elias, dem Heiligen regelmäßig seine Ration zu überbringen pflegte. Auf den ältesten, wie auf allen heutigen ägyptischen Kirchengemälden ist St. Paulus stets in einem Mattengewande dargestellt, und über ihm ein Rabe, der in seinem Schnabel ein Brot herbeiträgt. Es sind dies die stehenden Attribute des Heiligen. Wir müssen uns bei alledem noch vorstellen, daß diese Wüsten auch zu jener Zeit doch nicht so völlig menschenleer gewesen sein mögen, als der Bericht glauben machen will. Hirten werden wohl zu jeder Zeit, wenn auch nur in kleiner Anzahl, die gute Ziegen- und Schafweide der Galala aufgesucht haben und an gelegentlich vorüberziehenden Karawanen, die Salz vom Meere oder Waren aus Asien nach Mittel- und Oberägypten brachten, wird es wohl auch nicht gefehlt haben, um dem Verfolgten durch Spendung von Lebensmitteln ihr Beileid zu bezeugen, so wie sie dem Antonius zuteil wurden.

Was sich sonst noch in dem genannten Bericht auf das Leben des Altvaters der ägyptischen Kirche bezieht, ist dermaßen von unglaublichen Wundergeschichten erfüllt, daß man aus ihnen allein schon den legendenhaften Charakter der dem Hieronymus zugegangenen Berichte zu erkennen vermag. Löwen sollen das Grab für den Eremiten ausgescharrt haben und mit den seltsamsten Begebenheiten ist die Geschichte von der Zusammenkunft des heiligen Antonius mit ihm ausgemalt. Letzteren Umstandes tut der Athanasianische Bericht keinerlei Erwähnung, obgleich es kaum denkbar erscheint, daß die beiden so viele Jahre nahe benachbart nebeneinander in der Wüste gehaust haben sollen, ohne Kunde voneinander zu vernehmen.

Die Begegnung beider Heiligen trug sich, so heißt es, zu einer Zeit zu, da Paulus bereits im hundertdreizehnten Jahre, Antonius im neunzigsten seines Lebens stand. Antonius, so sagt der Bericht weiter, bildete sich ein, der erste Wüsteneinsiedler zu sein, aber Gott wollte auch diese Quelle des Hochmuts und menschlicher Eitelkeit in ihm vernichten, und so schuf er in seinem Geiste die Vorstellung von einem Manne, von dem er bisher noch nicht das Geringste erfahren, und der sich doch viel früher noch als er in die Einsamkeit zurückgezogen hatte. Er machte sich infolgedessen trotz seines gebrechlichen Alters auf, ihn aufzusuchen, hoffend, Gott werde ihm schon den einzuschlagenden Weg offenbaren. Als nun Antonius so aufs Geratewohl das heutige Uadi Arabah hinabschritt, geschah es, daß »eins jener merkwürdigen Tiere, die die alten Dichter Kentauren nennen,« sich ihm in den Weg stellte und ihm die einzuschlagende Richtung mit der ausgestreckten Rechten andeutete. Antonius betrat darauf ein felsiges Tal (das Uadi Rigbe). Nachdem er es eine Zeitlang verfolgt hatte, begegnete ihm eine menschenähnliche Gestalt mit Ziegenfüßen und Hörnern auf der Stirn und mit langer und gebogener Nase, die zum Zeichen ihrer friedlichen Absicht dem Wanderer Datteln darreichte. Befragt, wer sie sei, antwortete die Gestalt: »Ich bin ein sterbliches Geschöpf und eins von jenen, die in der Wüste hausen, wie sie die Heiden infolge verschiedener Irrungen als Gottheit verehren und Faune oder Satyrn oder auch Inkuben nennen. Ich bin von meinem Stamme abgesandt, dich zu bitten, bei dem gemeinsamen Herrn für uns Fürsprache zu tun. Wir wissen von ihm, daß er in die Welt gekommen ist zu ihrem Heile und alle Länder voll seines Ruhmes sind.« Worauf Antonius ausrief: »O wehe dir Alexandria, du Buhlerin, du große Sündenstadt, wo alle Dämone der Welt ihren Sammelplatz zu haben scheinen! Siehe, die Bestien bezeugen Christum und in deinen Mauern weilen noch so viele Heiden und andere, die sich der wahren Erkenntnis verschließen.« Nachdem er diese Worte gesprochen, verneigte sich die seltsame Gestalt und entfloh.

Hieronymus, dem infolge seiner klassischen Bildung derartige mythologische Vorstellungen beständig vorgeschwebt haben mögen, dem aber ungeachtet dessen die zwischen Faunen und Satyrn bestehenden unterscheidenden Speziesmerkmale unklar geblieben zu sein scheinen, beteuert ausdrücklich die Wahrheit dieser Nachricht und fügt hinzu, daß es in der Tat solche Geschöpfe gegeben habe. Noch zu seiner Zeit habe in Alexandria eine Art Satyr gelebt und dessen Körper sei, nachdem er eines natürlichen Todes verstorben, ausgestopft und nach Antiochia geschickt worden, damit auch der Kaiser Konstantius sich durch den Augenschein von dem Vorhandensein eines solchen Wesens zu überzeugen vermöchte.

Kehren wir zu unserem auf der Suche nach seinem Anachoreten-Vorbilde befindlichen Heiligen zurück. In der zweiten Nacht seiner Wanderung erblickte Antonius ein Licht, das aus einer Felsspalte hervorschimmerte. Ein Fuchs oder ein Wolf hatte ihm als Führer auf der letzten Strecke seiner Wanderung zu der verborgenen Klause des Paulus gedient. Nachdem nun Antonius sich durch seine Stimme von außen angemeldet hatte, ließ ihn der verschollene Einsiedler in das Innere seiner Höhle ein, teilte mit ihm das vom Raben dargereichte Brot und offenbarte ihm folgendes: »Ich weiß,« so hob er an, »schon seit langem, daß du in dieser Gegend hausest. Dich hat Gott zu mir geführt, daß du Zeuge meines Todes seiest und mir ein Grab bereitest.« Worauf Antonius erwiderte: »O Paulus, mußte ich dich so spät auffinden und kennen lernen, um dich so früh zu verlieren!« Bald darauf war er verschieden. Das Grab wird heute noch im Kloster sorgfältig gehütet und besteht nach orientalischen Kirchengebräuchen aus einer mit uralten Stoffen überdeckten Bahre, auf der sich die ungefähren Umrisse eines eingewickelten Körpers abheben. Diese Bahre befindet sich in einem nur durch Kerzenlicht zu erleuchtenden Raume unter der alten Klosterkirche einer Art Krypte. Die wirklichen Gebeine des Heiligen, wenn sie nicht in den nachfolgenden Jahrhunderten der Reliquien-Manie anderswohin geführt worden sind, mögen im tiefen Schoße der Erde unter den alten Mauern des Klosters ruhen, an einem Orte, den niemand kennt. Wallfahrten zu diesem Grabe, wie überhaupt abgöttisch den Gebeinen des Heiligen widerfahrene Verehrung, scheinen auch hier nachweisbar zu keiner Zeit stattgefunden zu haben.

Die Mönche im Kloster St. Paulus wollen ihrer Niederlassung ein um einige Jahre höheres Alter zuerkennen, als nach ihrer Meinung dem benachbarten von St. Antonius zukommen würde. Dies stimmt mit der vorhandenen schriftlichen Überlieferung keineswegs überein, denn Antonius war neunzig Jahre alt, als er Paulus auffand und gleich darauf Zeuge seines Todes wurde. Das Kloster des heiligen Antonius, d. h. die Niederlassung seiner Jünger unten am Berg an der Quelle konnte damals schon zwanzig Jahre vorhanden gewesen sein, während Paulus doch nur allein in seiner Felshöhle hauste. Jedenfalls wird man nicht fehlgreifen, wenn man für beide Klöster ungefähr das nämliche Alter annimmt und die Zeit ihrer Erbauung auf die Mitte des vierten Jahrhunderts beschränkt.

Da wir die innere Einrichtung des Klosters St. Antonius bereits eingehend kennen gelernt haben, wird es nur einiger flüchtiger Angaben bedürfen, um das ihm in den meisten Stücken völlig analoge Nachbarkloster in allgemeinen Umrissen vor die Augen zu führen. Eine Renovation hat das letztere seit langer Zeit nicht mehr erfahren, die Mauern, obwohl gut erhalten, sind aus gewöhnlichen Steintrümmern bloß mit Hilfe von Tonerde, zum Teil auch aus rohen Tonziegeln selbst aufgeführt. Die äußere Umfassungsmauer hat eine Ausdehnung von 455 Meter und umschließt in Gestalt eines langen, von West nach Ost gerichteten Oblongs einen Flächenraum von anderthalb Hektaren. Das Aufzugstor befindet sich auf der Ostseite. Die Wohnungen der achtundzwanzig Mönche, die bei meinem Besuch die Einwohnerschaft ausmachten, befinden sich in zwei parallelen Häuserkomplexen, die sich längs der südlichen Mauer hinziehen. Der noch wohl erhaltene Turm oder »Kasr« ragt in der Mitte des Klosters, näher dem Ostende, über die drei vorhandenen vielkuppeligen Kirchen hervor. Der Garten, der außer den Dattelpalmen noch die Mehrzahl der im Kloster St. Antonius beobachteten Baumarten enthält, nimmt ungefähr den vierten Teil des Klosterraumes in Anspruch. Die Quelle im Garten gibt schönes kühles Wasser von geringerem Mineralgehalt als dasjenige im anderen Kloster. Außerdem befinden sich noch zwei von Palmen umstandene Quellen in der unmittelbaren Nähe, die eine auf der Ost-, die andere auf der Westseite des Klosters.

Die alte Kirche mit dem Grabe des heiligen Paulus scheint vor etwa zweihundert Jahren renoviert zu sein, nach den äußerst rohen und barbarischen mit koptisch und arabisch geschriebenen Bibelsprüchen versehenen Wandgemälden zu urteilen, die den Kuppelraum am Eingange zieren. Alle Wände dieses uralten Heiligtums sind mit fratzenhaften Karikaturen bedeckt. Die Köpfe der Heiligen und Apostel sind, wie ihre Nimbusscheiben, mit Hilfe des Zirkels entworfen und Augen, Nase und Mund mit geometrischer Regelmäßigkeit eingetragen. Reiterbilder machen auch hier den Hauptgegenstand der Darstellung aus. Unter dem jetzigen, bereits stark geschwärzten Bewurf erkennt man die alte Kalkdecke der Mauer mit uralter Ornamentik, und es würde sich wohl der Mühe verlohnen, diese letztere durch die Hilfsmittel der heutigen Technik wiederherzustellen, wie solche in einigen uralten Kirchen byzantinischen Ursprungs zu Kiew mit vielem Erfolg zur Anwendung gelangten. In der finsteren Krypte unter der Kirche, wo sich das Grab des Heiligen befindet, nimmt man an den tiefgeschwärzten Mauern sehr alte von früheren Besuchern herrührende Schriftzüge wahr, die in den Kalkbewurf eingekratzt wurden. Ein Kenner dürfte bei genauer Nachforschung dort manchen interessanten Fund zu machen Gelegenheit finden. Von Namenszügen moderner Klosterbesucher ist keine Spur zu vorhanden. Auch der erwähnte Frater Bernardus a Ferula scheint dieses Kloster mit seiner Anwesenheit nicht beehrt zu haben, dagegen erkannte ich in einer sehr altertümlichen gotischen Mönchsschrift den Namen eines gewissen Franz Sambacher.

Es liegt mir noch ob, über die Verwaltung und innere Organisation dieser Klöster, sowie über das Leben ihrer Insassen einige Mitteilung zu machen. Den beiden Wüstenklöstern entsprechen zwei andere im Niltale, die man ihre Kartell- oder Filial-Klöster nennen könnte. Letztere befinden sich im Dorfe Busch, anderthalb Stunden nördlich von Benisuef, und führen gleichfalls die Namen der beiden ägyptischen Altväter. Busch ist ein doppelter Bischofssitz, und die Bischöfe sind zugleich Äbte von den Klöstern St. Paulus und St. Antonius. Sie pflegen indes das Niltal nur selten zu verlassen und werden in den Wüstenklöstern durch einen Prior vertreten der Erzpriester (Kummus) ist. Der Bischof (Uskuf) von St. Antonius ist der angesehenere und einflußreichere von beiden, seinerzeit ein Mann ohne Bildung und von derbem, bäurischem Wesen, durch nichts in seinem Äußeren von einem der gewöhnlichen Fellachen-Scheichs unterschieden.

Zu den Klöstern in Busch gehören ausgedehnte Ländereien, für die sie nach einem geringern Maßstabe als die im Verhältnis der Erbpacht stehenden Fellachen, Abgaben an die Regierung zu entrichten haben. Das Kloster St. Paulus hat in der letzten Zeit starke Einbuße an ihm gehörigen Ländereien erlitten, indem der Vorgänger des jetzigen Bischofs zum Islam übertrat und einen Teil der Klosterfelder an die Regierung verkaufte; zu seiner Wiedergewinnung wurden bisher vergebliche Anstrengungen gemacht. Christliche Bauern der Umgegend leisten den Klöstern Frondienste zur Bestellung der Felder, zu der auch die Laienbrüder, die ihre Probezeit zu bestehen haben, angehalten werden. Die Feldarbeit wird von solchen Mönchen beaufsichtigt, die den Titel »Chori« führen (vom griechischen »Chorepiskopus«, Landaufseher). Dieser Titel ist dann auch auf eine höhere Klasse der Landgeistlichen übergegangen und findet sich auch im arabischen Sprachgebrauche der heutigen Städter wieder, wo die Gartenaufseher und Gutsverwalter ähnlich (»Choli«) genannt werden.

Von dem Ertrage der Klosterfelder von Busch wird zweimal im Jahre so viel nach der östlichen Wüste abgeliefert, als zum Unterhalt der dortigen Mönche nötig ist. Die Anzahl der gegenwärtig im Wüstenkloster St. Antonius wohnhaften Mönche (arabisch »rahib, ruhban«) beträgt vierzig Köpfe, obgleich dort Wohnung für ihrer hundert dargeboten ist. Im Kloster St. Paulus fand ich (1876–78) nur achtundzwanzig Mönche vor. Der Mehrzahl nach sind es alte hinfällige Leute, die lebensmüde am Stabe in dem alten Gemäuer umherschleichen. Alle Arbeit im Kloster und in seinen Gartenanlagen lastet auf den wenigen Laienbrüdern und einigen jüngeren Mönchen, die sie beaufsichtigen.

Die vornehmeren schriftkundigen Mönche, die »Arif« genannt werden (etwa Dekane; doch entspricht im Kirchendienst diese unsere Bezeichnung eher der dem Titel Erzpriester oder »Kummus« vorausgehenden Stufe des »Schemmas«), pflegt man ehrenhalber mit dem Prädikat »Albuna«, das ist »unser Vater«, anzureden, was eigentlich nur den Bischöfen gebührt.

Siebenmaliges Gebet füllt den größten Teil des Tages aus. Durch Schellengeläute werden die Mönche vom wachthabenden Laienbruder zur gemeinschaftlichen Andacht zusammengerufen. Die erste Versammlung findet um Mitternacht, die zweite zwei Stunden vor Sonnenaufgang statt; indes bemerkte ich, daß diese niemals eine vollzählige war, und häufig ein großer Teil der Mönche in ihren Zellen verblieb. In Ermangelung von Betstühlen stützen sich die Andächtigen, wie es in allen koptischen Kirchen Gebrauch ist, auf hohe Achselkrücken, »Okkasa« genannt.

Nach Art der Karthäuser und gewisser Mönchsorden des Abendlandes vereinigt die Mönche dieser Wüstenklöster für gewöhnlich kein gemeinsames Mahl, sondern ein jeder holt sich seine Ration aus der Klosterküche, wo in großen kupfernen Kesseln Linsen, Saubohnen oder Reis, die gewöhnliche Tageskost, zubereitet werden. Ganz besondere Sorgfalt wird auf die Zubereitung des Brotes verwandt, das nebst Zwiebeln oder Oliven, wie bei der Mehrzahl der Bewohner Ägyptens, die eigentliche Basis der Ernährung ausmacht. Das Küchen- und das Bäckeramt wechselt unter den Mönchen ab. Nur zur Zeit der großen Osterfasten versammeln sich die Mönche in einer Art Refektorium, wo sie sich um einen langen, aus Felsstücken aufgemauerten Tisch (»el meideh«) in zwei Reihen scharen. Der Tisch mit den gleichfalls gemauerten Bänken, auf denen die Mönche nicht sitzen, sondern niederhocken, gleicht aufs täuschendste einem Futterstande für Rindvieh mit zwei Trogrinnen zu beiden Seiten. Das Fastenbrot, das um jene Zeit die ausschließliche Speise der Mönche ausmacht, liegt auf einem schmutzigen Streifen von Palmenmatten, der den Tisch bedeckt, ausgebreitet. An dem einen Ende erhebt sich eine mit dem Tisch zusammenhängende Erhöhung von Mauerwerk in Gestalt eines Gebetpultes, wo ein Evangelienexemplar aufliegt und einer der Mönche aus diesem vorliest, während die anderen ihr kärgliches Mahl zu sich nehmen. Die übrigen Fastenzeiten, von denen die ersten um Weihnachten, die zweiten (die »Apostelfasten«) nach Christi Himmelfahrt und die dritten bei Mariae Himmelfahrt stattfinden, sind weniger streng und werden von einem jeden für sich beobachtet.

Fleisch wird den Klosterbewohnern bei den seltenen Gelegenheiten, wo große Kirchenfeste eine Ausnahme von der strengen Lebensregel gestatten, von den benachbarten Beduinen in Gestalt eines schmächtigen Schafes oder einer Ziege zugeführt. Das Gesagte gilt indes mehr für das Kloster St. Antonius als für dasjenige von St. Paulus. In den Mauern des letztgenannten scheint ein minder strenger Geist zu herrschen, denn Knochenreste von verdächtiger Frische zeugten daselbst von den statthabenden Verstößen gegen die Regel selbst während der Fastenzeit.

Der Genuß von Tabak und Kaffee wird, wie ich glaube, nicht einmal während der Fasten ausgesetzt. Die Mönche rauchen fast den ganzen lieben Tag, nur das Gebet in den Kirchen läßt den Tschibuk mit dem Okkas vertauschen. Wein und spirituöse Getränke, denen die Christen in Ägypten im allgemeinen weit mehr zuzusprechen pflegen, als sich bei ihrer sonstigen Anbequemung an die mohammedanischen Sitten erwarten ließe, scheinen in diesen Klöstern in sehr beschränktem Maße Eingang gefunden zu haben. Nur an hohen Festtagen wird von dem eigentümlichen Kirchenwein unter die Mönche verteilt, dessen Zubereitung sie große Aufmerksamkeit widmen. Ich fand eines Tages Gelegenheit, sie bei dieser interessanten Beschäftigung zu überraschen. Als ich in der Frühe die inneren Räume des Klosters betrat, befremdete mich die Abwesenheit aller Mönche. Die Zellen standen leer und die gewöhnlich vor den Türen kauernden Gruppen fehlten allerorten. Ich setzte meine Wanderung fort, bis ich zu einer versteckten Abteilung des Gartens gelangte, wohin mich ein eigentümliches Geräusch, wie Geknister mit leisem Gemurmel gemischt, gelockt hatte. Wie ich eben um eine Mauerecke gebogen, eröffnete sich mir ein überraschendes Bild harmloser Klosteridylle. Im lichten Halbschatten eines reizenden von Rebengewinden überhangenen Laubenganges, umgeben von blühenden Rosensträuchern und duftendem Zitronengebüsch, erblicke ich die schwarze Schar der Mönche, einige dreißig an der Zahl, in dichten Gruppen um ebenso schwarze Haufen einer mir unerklärlichen Masse gelagert, mit der sie sich etwas zu schaffen machten, das mir nicht gleich verständlich war. Schüchternen Schritts, um sie nicht zu stören, nähere ich mich den Gruppen, und was werde ich gewahr? Getrocknete Weintrauben, Rosinen, zentnerweise aufgeschichtet und genug, um eine ganze Karawane damit zu belasten, liegen am Boden und die Mönche säubern sie von ihren Stengeln, sieben und stäuben sie ab, mit emsigem Fleiß, wie die abgerissenen, kurzen Sätze ihrer flüsternden Unterhaltung bezeugen. Auf meine weitere Nachfrage erfuhr ich dann, daß sie Vorrat zur Zubereitung des Kirchenweines herrichten. Dieser wird ausschließlich aus den getrockneten Trauben bereitet, die das Kloster von den reichen Kirchenpfründen in Fajum bezieht, jener Provinz Ägyptens, die durch Wein- und Obstbau vor allen übrigen des Landes ausgezeichnet ist. Und weshalb bezieht man keinen fertigen Wein? Die Antwort auf diese Frage lag, wie mich die Mönche unterrichteten, in der Verderbnis der Zeit. Der käufliche Wein, so sagten sie aus, ist selten rein und von ungefälschter Qualität. Wir wissen nicht, was er enthält. Was aber der Kirche geweiht werden soll, muß rein und ohne Falsch sein, und daher, um ganz sicher zu gehen, lassen wir uns die trockenen Trauben kommen, wir ersetzen den geschwundenen Saft aus der Quelle des Heiligen Antonius und so erhalten wir reinen Wein, reinen, um Träger und Inhaber werden zu können des Blutes Christi.

Eine solche Vorstellung erinnerte mich an gewisse rituelle Vorschriften der orientalischen Kirche im allgemeinen, denen zufolge alle Substanzen, die bei kirchlichen Handlungen zur Anwendung gelangen, echt und unverfälscht sein müssen. So wird z. B. von der griechisch-orthodoxen Kirche, die einen großen Verbrauch von Wachskerzen macht, mit besonderer Sorgfalt auf die Zubereitung und die Bezugsquellen dieses Artikels geachtet. Es darf nur wirkliches, reines Bienenwachs zur Verwendung kommen, deshalb wird dem durch die Art seiner Verpackung leicht kenntlichen Wachs von Angola und Benguella, als demjenigen, das die meisten Garantien des Unverfälschtseins darbietet, vor allen übrigen Wachsarten der Vorzug gegeben. Das Oel, das in den ewigen Lampen vor den Heiligenbildern brennt, darf nur wirkliches Olivenöl sein, und dergleichen mehr.

In der Tracht unterscheiden sich für gewöhnlich die Mönche der zahlreichen Klöster Ägyptens ebenso wenig wie die einzelnen Abstufungen der geistlichen Grade innerhalb der koptischen Kirche überhaupt; denn abgesehen vom rituellen Kirchendienst gehen auch ihre Priester im gewöhnlich bürgerlichen Gewände einher. Ein umfangreicher schwarzer Turban und ein langes, schwarzes Gewand mit weiten Ärmeln von Wollenstoff gibt ihrer äußeren Erscheinung jenen Ausdruck der Einförmigkeit und des ruhigen Ernstes, der so treffend zu dem finsteren Aussehen ihrer Behausungen und deren öder Umgebung paßt. Die ursprünglichen Vorschriften für die Tracht, wie sie von den verschiedenen Stiftern der ägyptischen Mönchsgenossenschaften gegeben worden waren, scheinen im Laufe der letzten Jahrhunderte, wahrscheinlich seit der türkischen Eroberung, fast in Vergessenheit geraten zu sein, und jene Ziegenfelle und Kapuzen, wie sie Pachomius vorgeschrieben, werden hierzulande nirgends mehr bei den Mönchen angetroffen. Das wollene Gewand tragen sie nach ihrem Belieben mit oder ohne Unterkleider.

Im profanen Leben, in ihrem gegenseitigen Verkehr und in ihren Gesprächen miteinander geben diese Mönche nicht den geringsten Unterschied von dem einfachen ägyptischen Landmann, überhaupt durchaus keinen Anstrich eines exklusiv kirchlichen, der Welt abgestorbenen Charakters zu erkennen. Verträglich im Umgang, gemütlich und ohne jeden lärmenden Wortwechsel in ihren Plaudereien zeichnen sie sich vor den übrigen vorteilhaft aus; im allgemeinen läßt sich wenig Nachteiliges über ihr äußeres Leben sagen, nur im Punkte der Reinlichkeit lassen sie viel zu wünschen übrig. Sie ahmen das Beispiel ihres großen Stifters und Vorbildes nach, diese modernen Anachoreten. Von Antonius wird uns berichtet, daß er sich nie wusch, daß er über sein Haupt- und Barthaar nie eine Schere kommen ließ, daß er nie seine Kleidung wechselte und aus Scham vor sich selber sich ihrer nie entledigte. In den Mönchszellen herrscht eine unglaubliche Unordnung, die verschiedensten Dinge liegen da bunt durcheinander: Bücher und Oelsamen von Saflor, Leisten und Schuhleder, angefangene Dattelkörbe und Oliven, Tabakblätter, Decken und Küchengeschirr, das alles fand sich am Boden ein und derselben Wohnzelle vor, die kaum zehn Schritte im Gevierte maß.

Mit Unrecht legt man dem ägyptischen Bauern außergewöhnliche Unsauberkeit zur Last. Das Medium, in dem sich sein Dasein bewegt, ist die schwarze Nilerde, aus der er seine Wohnstätte formt und deren feiner Staub die gesamte Atmosphäre Ägyptens erfüllt. Alles, was er berührt, ist von einer Schicht dieser dunklen, alles durchdringenden Masse überzogen; kein Wunder daher, daß er seiner Gewandung, wie seiner Haut nicht jene Frische zu bewahren vermag, der unter einem anderen Himmel die allseitig verbreitete Rasendecke oder das saubere Laub des Waldes schützend zur Seite steht. Der scheinbare Schmutz ist kein Fremdkörper mehr am unrechten Platz, er heißt Nilschlamm und hat sich das Bürgerrecht erworben im Haushalt des Menschen sowohl, wie in demjenigen der gesamten Natur Ägyptens. Ganz anders gestaltet sich dieses Verhältnis in der Wüste. Hier ist der Mensch mit allem, was ihm anhaftet, ein fremder, zur Existenz kaum berechtigter Körper, die Wüste selbst, die steinige sowohl wie die sandige, aber das Ideal der Reinlichkeit. Alles, was die Wüste hervorbringt, sagt der Beduine, ist rein und nett, deshalb nehmen wir es auch nicht so genau mit der vorschriftsmäßigen Unterscheidung von rein und unrein; wir essen die zierlichen, zarten Wüstenmäuse, die mit dem makellosesten Flaum bekleideten Hasen, die schmucken Füchse und Katzen, wie die Niltalbewohner das Fleisch ihrer Schafe und Ziegen verzehren, die sich, was Reinlichkeit anlangt, doch lange nicht mit den Wüstentieren messen können. Sie verzehren ja selbst auch nur Reines, diese sauberen Tierchen! Der Abglanz aller idealen Sauberkeit und Zierlichkeit strahlt von der reizenden Gestalt der Gazelle wieder; dem Schneeglöckchen gleich das unserer weißen Winterdecke entsproßt, kleidet sie, wie die anderen Genossen der Wüstenfauna, das umgebende Medium in das isabellfarbene Gewand der schützenden Ähnlichkeit. Und unter diese makellose Umgebung tritt nun der Mensch mit seinen Schwächen und Gebrechen, er haftet auf der heiligen Gewandung der Natur wie ein schwarzer Flecken.

Für die in den umliegenden Wüstentälern umherschweifenden armen Hirten, die sämtlich dem Araberstamm der Maase angehören, sind die Klöster ein äußerst wohltätiges Institut. Das Brot, das die vorüberziehenden Sarazenen vor anderthalb Jahrtausenden dem heiligen Antonius gespendet, da er einsam an der Quelle seine Dattelkörbe flocht, ist tausendfältig ihren Stammgenossen wiedergezahlt worden. Jeder, den der Weg an der Klostermauer vorüberführt, hat das Recht, an dem Glockenstrang zu ziehen, um sich Speise und Trank zu erbitten. Selbst Hunde, die häufig halbverhungert von einem Nomadenlager zum anderen irren, haben, so versichern die Mönche, diesen Vorteil erfahrungsgemäß erkannt, um von der Gastfreundschaft des Klosters den ihnen zukommenden Tribut zu empfangen.

Die Mönche stehen mit den Maase-Arabern überhaupt im besten Einvernehmen und letztere sind voll des Lobes ob ihrer Güte und Freigebigkeit. Der Besuch des Inneren des Klosters ist auch Mohammedanern nicht verwehrt, wenn es die Umstände erheischen. Es fehlt aber auch nicht an Fällen, wo diese Gastfreundschaft gemißbraucht wird. So ereignete es sich noch während meines letzten Aufenthaltes im Kloster St. Antonius, daß ein Beduine, um sich eine doppelte Ration Lebensmittel zu verschaffen, zu einer List seine Zuflucht nahm, die unter den Mönchen große Heiterkeit erweckte. Nachdem er, angetan mit einem weißen Gewande, bereits vor dem Aufzugstor gebettelt und seinen Teil an Brot und Mehl erhalten hatte, erschien er einige Stunden später, in einen blauen Überwurf gehüllt, an der Mauer, um ein zweites Mal, als sei er ein neuer Ankömmling, die Gastfreundschaft des Klosters in Kontribution zu setzen.

Europäische Reisende, gleichviel welcher Konfession sie angehören mögen, und ob sie mit einem Empfehlungsbriefe seitens des Patriarchen versehen seien oder nicht, es bleibt sich gleich, können in den Wüstenklöstern jeder Zeit auf die gastlichste und uneigennützige Aufnahme rechnen. In dieser Beziehung unterscheiden sich die koptischen Klöster Ägyptens überhaupt vorteilhaft von manchen ihrer Schwesterinstitute in anderen Ländern des christlichen Orients.

Welchen höheren Zweck gegenwärtig wohl diese Klöster erfüllen mögen, als den: Gastfreundschaft zu üben an umherschweifenden hungernden Beduinen und seltenen Reisenden, eine Altersversorgungsanstalt zu sein für hinfällige Greise, ein ehrwürdiges Heiligtum der Christenheit zu hüten? – läßt sich schwer sagen. Muß schon im zivilisierten Abendlande die Klosterfrage heutzutage unzählige Bedenken hinsichtlich ihrer fortdauernden Existenzberechtigung in uns wachrufen, so sehen wir uns hier zu dem offenen Geständnis gezwungen: Die ägyptischen Klöster sind ihrer ursprünglichen Aufgabe gegenüber längst gegenstandslos geworden. Sehr bald nach ihrem Entstehen war das Christentum in Ägypten durch keine heidnische Gegenbewegung mehr bedroht, nur noch eine Zeitlang dienten die Klöster als Bollwerke der monophysitischen Richtung, die hier eine eigenartige Landeskirche schuf; gegen den Andrang des Islams dagegen standen sie wehrlos da und ohne Nutzen für die Sicherung des Glaubens, dazu waren sie zu wenig praktisch organisiert. Es muß hierbei vor allen Dingen hervorgehoben werden, daß in Ägypten, der Heimat des Mönchtums und der Klöster, von jeher ganz andere Grundsätze galten als im Westen, sie waren hier eben einzig und allein nur sich selber Zweck. Sie bestanden für einen rücksichtslos idealen Zweck, etwa in dem Sinne, wie es die abstrakte Wissenschaft verschmäht, durch den Köder der Nützlichkeit die Massen für sich zu interessieren. Der Grund dieser Erscheinung mag in dem Umstand zu suchen sein, daß es gerade diejenigen Kulturländer des Morgenlandes waren, wo dieses Mönchstum aufkam, in denen der Sittenverfall am tiefsten durch alle Schichten der Bevölkerung gedrungen war, und die keine Gelegenheit fanden, sich durch das frische Blut eindringender Barbaren zu regenerieren, wo auch die Klöster im Gegensatz zur Überkultur durch die Einfachheit des christlichen Geistes ebenso groß dastanden bei ihrem Beginn, als unbedeutend nach dem allgemeinen Siege des Christentums.

Wie der kriegerische Geist, die Expansionskraft der Völker im andauernden Frieden erlahmt, so auch auf religiösem Gebiet der Geist der Gottesstreiter. Es fehlte die Propaganda! Während es im Abendland wirkliche praktische Zwecke zu verfolgen gab, die den Klöstern Keime einer durch die Jahrhunderte fortgesetzten Entwicklung einflößten, lebten diese Klöster Ägyptens und des südlichen Orients nur für sich selbst. Dieses Verhältnis wird uns besonders klar, wenn wir die Geschichte der Klöster in Rußland, die dort in ähnlicher Weise wie im Westen tatkräftig in die Geschicke des Volkes eingriffen, derjenigen der Klöster in griechischen Ländern (wo doch ihr Ursprung war) gegenüberstellen.

»Die Mönche des Abendlandes,« sagt Gregorovius so treffend, »waren die Soldaten, die Klöster die Kolonien und Zwingburgen der Hierarchie Roms, die fernsten Länder halfen sie dauernd an den Stuhl Petri ketten, und mitten in der Barbarei finsterer Jahrhunderte warfen sie – ihr bleibendes Verdienst! – Keime der Zivilisation, erhielten die klassische Wissenschaft, kopierend, sammelnd und forschend hinter der Nachtlampe dumpfer Zellen, wenigstens am Leben, und bewahrten endlich als Aufschreiber ihrer verworrenen Zeitereignisse in Chroniken und Dokumenten uns unschätzbare Kunde des Mittelalters.« Nichts von alledem war in Ägypten der Fall, hier hatten die Klöster längst, schon vor der Invasion des Islams, aufgehört, zu dem politischen wie zu dem religiösen Leben ihrer Zeit in Beziehung zu treten, und heute erblicken wir sie in derselben Erstarrung, wie sie seit vielen Jahrhunderten allen geistigen Dingen im Lande anhaftet, immer noch grundsätzlich entfernt von dem Treiben der Welt, als Klöster in der abstraktesten Bedeutung des Worts.

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