Unsere Erde | Der Weltuntergang von 1524|25

Der Weltuntergang von 1524/25

Dass die Erde nicht ewigen Bestand haben kann, wissen wir. Viel früher noch als die großen astronomischen Umänderungen mit ihr vorgehen, wird alles Leben auf unserm Heimatstern erloschen sein. Der Menschheit bleibt also nur eine gewisse Spanne Zeit bis zu ihrer Vernichtung. Doch dieser Untergang dürfte sich kaum katastrophal, sondern ganz allmählich abspielen, und sicherlich liegt selbst sein Beginn noch ungeheure Zeiten von uns Heutigen entfernt.
Das hat aber die Sternkundigen des Mittelalters nicht abgehalten, oft genug den Untergang der Erde innerhalb kurzer Zeit vorauszusagen. Bei dem großen Ansehen, das die astrologischen Windbeutler in jener düstern Periode genossen, war es kein Wunder, dass sie durch solche Prophezeiungen schlimmste Verwirrung in vielen Köpfen anrichteten. Wenn die Menschen fest überzeugt sind, dass alles Lebende in kurzem mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden wird, so haben sie gewiss alle Ursache, sich absurd zu gebären. Viele kuriose Berichte über solche Weltuntergangsperioden sind uns erhalten.

Johannes Stöffler (Ioannes Stoflerus)
Johannes Stöffler (Ioannes Stoflerus)

Ein ziemlich komischer Hergang dieser Art sei hier dem von Bürgel wiedergegebenen Bericht des Chronisten Haftitz nacherzählt:
„Im Jahre 1518 hatte der damals hochberühmte Sterndeuter Stöffler prophezeit, dass im Februar des Jahres 1524 eine große Sintflut alles Irdische vernichten werde. Stöffler hatte berechnet, dass Saturn, Jupiter und Mars im Februar des genannten Jahrs im Hinweiszeichen der Fische zusammenkommen würden, und diese Annäherung der Planeten musste nach seiner Meinung unfehlbar eine Sintflut herbeiführen. Eine allgemeine Niedergeschlagenheit bemächtigte sich der Bevölkerung in allen Landen, und je näher der ominöse Termin rückte, um so mehr stieg die Angst, und um so törichter bewegten sich die vom Weltuntergang Bedrohten.
Handel und Wandel wurden arg dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Die Bauern bestellten ihre Felder nicht mehr, man unternahm keine größeren Arbeiten mehr, die Schuldner mochten nicht bezahlen und verjubelten angesichts des nahen Tods lieber das Geld, und aus eben diesem Grund lieh auch niemand mehr etwas her. Sehr klug taten die Reichen! Sie reisten ins Gebirge, um dort den Wassern zu entgehen, und einige ließen sogar eine Arche Noah bauen.
Aber der Februar 1524 verging, und die Sintflut kam nicht. Alles atmete auf, und es war, als ob ein entsetzlicher Alp von allen genommen wäre. Nur im Kurfürstlichen Schloß zu Berlin-Cölln an der Spree herrschte nach wie vor dumpfe Beklemmung und Angst. Kurfürst Joachim I., der sich selber mit Sterndeuterei beschäftigte und in einem Schloßtürmchen sogar eine Art Sternwarte besaß, hatte durch seinen hochgelahrten und hochgeschätzten Hofastrologen Johann Carion erfahren, daß sich Stöffler verrechnet habe, und daß die Sintflut erst am 15. Juli 1525 zu erwarten sei. Sie werde auch nicht die ganze Erde, sondern nur die deutschen Lande und speziell das flach gelegene Berlin-Cölln heimsuchen. Der Kurfürst befahl, diese Prophezeiung geheim zu halten, und als am 15. Juli nachmittags eine Wolkenwand im Westen hochstieg, öffneten sich plötzlich die Schloßportale, und eine ganze Reihe von Staatskarossen raste in aller Eile dem Berliner Ararat, dem Kreuzberg, zu, der ja damals noch ziemlich weit draußen vor den Toren der Stadt lag. Die kurfürstliche Familie, die hohen Beamten und die Staatskasse sollten auf der schwindelnden Höhe des genannten »Bergs« in Sicherheit gebracht werden.

Tafelbild des Johannes Stöffler im Stile eines Ideal- und Standesportraits, entstanden 1614 für die Tübinger Professorengalerie
Tafelbild des Johannes Stöffler im Stile eines Ideal- und Standesportraits, entstanden 1614 für die Tübinger Professorengalerie

Die guten Bürger standen starr vor Staunen ob dieses seltsamen Beginnens. Als man aber später erfuhr, was die hohen Heerschaften zur Flucht veranlasst hatte, trat lähmendes Entsetzen ein und nicht geringe Wut darüber, dass die edlen Herren sich so aus dem Staub gemacht hatten ohne Warnung für den Bürger, der sozusagen wie eine Maus ersaufen konnte und durfte. Gegen Abend kam ein kleiner Gewitterregen, und es wurde den Herren auf dem Ararat en miniature recht ungemütlich und bänglich; als aber die Sonne wieder durch die Wolken brach, da ermannte sich der einzige Mann unter den Herrschaften, die Kurfürstin Elisabeth, und überredete ihren Gemahl zur Heimkehr, da offenbar der Weltuntergang abgesagt worden sei.
Man fuhr also, von der Bürgerschaft der Schwesterstädte nicht eben freudigen Blicks begrüßt, ins Schloß zurück, und – welch seltsamer Zufall – kurz vor der Schloßeinfahrt fuhr plötzlich der Blitz eines heraufziehenden Gewitters nieder, tötete den Reitknecht und erschlug die vier Pferde vor dem kurfürstlichen Wagen.
Totenbleich wankte der Kurfürst ins Schloss, wäre er doch beinahe ein Opfer seiner Furcht geworden!”


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