Der Teeweg als Zufluchtsort und Utopie – Tanabe Hasselt (Gastbeitrag)

Chado – Ein Leben auf dem Teeweg

Tanabata-Hasselt„Seid euch selbst die Zuflucht, nehmt die Lehre als Zuflucht und sucht nicht anderswo“, das war das Vermächtnis des Buddha an seine Anhängerinnen und Anhänger. Immer wieder hatte er ihnen erklärt, wie sie über die Atembetrachtung als Übungsobjekt Befreiung vom Ich-Wahn finden und die Fließgesetze des bedingten Entstehens und Vergehens von Formen, Gefühlen und Wahrnehmungen, von Denkprozessen und Bewusstseinsinhalten selber erfahren könnten.  Wahrnehmungen über Auge, Nase, Ohr, Mund und Tastsinn sind immer vorhanden, pausenlos werden sie im Speicherbewusstsein nach abstoßend / anziehend digitalisiert, evaluiert und Handlungsimpulse zur Optimierung von Wohl und Minderung von Wehe gesetzt. Den dadurch bedingten Verhaftungen ans Rad der immer wieder gleichen Wiederkehr ein Ende zu setzen war das Ziel der asketischen Übungen des Prinzen Siddhartha. Nur führten sie ihn nicht weiter als bis an die Grenze des Hungertodes. Erst als er erkannte, dass Haben- wie Nicht-Haben-Wollen zwei Seiten der gleichen Münze sind, mit der wir so lange weiterspielen  werden, bis wir ihren Täuschwert durchschauen, tat sich ihm ein mittlerer Weg zur Befreiung jenseits der Extreme von Daseinslust und Daseinsekel auf. Die Übungen dazu sind in der „Großen Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit“ übermittelt.
Die Darstellung beginnt mit dem Hinweis:

Der einzige Weg ist dies zur Läuterung der Wesen, zur Überwindung von Kummer und Klage, zum Schwinden von Schmerz und Trübsal, zur Gewinnung der rechten Methode, zur Verwirklichung des Nibbana.

„Der einzige Weg“ (Ekayano Maggo), diese außerordentliche Kennzeichnung einer Darlegung kommt im klassischen Pali-Kanon nur in der längeren und in der kürzeren Lehrrede über die Grundlagen der Achtsamkeit vor. Sie wurde gewählt, weil Buddha darin die Quintessenz der Methode vermittelt, die er auf seinem Übungsweg als befreiend erprobt und auch zum Erwachen anderer geeignet erkannt hatte. Alle meditativen Techniken, die sich bei der Ausbreitung der Lehre und in Anpassung an die spezifischen soziokulturellen Gegebenheiten unterschiedlicher Regionen entwickelt haben, gehen auf die Grundlagen der Achtsamkeit zurück.
Konkret geht es darum, dass die Übenden – beim reinen Beobachten des Körpers, der Gefühle und der Geisteszustände beginnend – zur eigenen Erkenntnis der Flüchtigkeit aller Erscheinungen gelangen. Dem wahnsinnigen Alltagsbewusstsein ist das nicht möglich, andauernd wird ihm über Gegenständlichkeiten eine Ich-Identität zugespiegelt. Wie daher „weilt der/die Übende beim Körper in Betrachtung des Körpers“, um sich von trügerischen Ich-Fesseln zu entbinden ? Die Übung beginnt mit der Atembetrachtung so:

Da ist der Übende in den Wald gegangen, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung. Er setzt sich nieder, mit verschränkten Beinen, den Körper gerade aufgerichtet, und achtsam atmet er ein, achtsam atmet er aus. Lang einatmend weiß er: „Ich atme lang ein“; lang ausatmend weiß er: „Ich atme lang aus.“ Kurz einatmend weiß er: „Ich atme kurz ein“; kurz ausatmend weiß er: „Ich atme kurz aus.“ Die Dinge in ihrem Entstehen betrachtend, weilt er beim Körper; die Dinge in ihrem Vergehen betrachtend, weilt er beim Körper. „Ein Körper ist da“, so ist seine Achtsamkeit gegenwärtig, eben nur soweit es der Erkenntnis und Achtsamkeit dient.

Aus der emanzipativen Lehre Buddhas zur Selbstbefreiung aus eigener Kraft und ohne Vermittlung von Priestern wurde im Laufe der Jahrhunderte ein esoterisches Heilswissen, von Spezialisten verwaltet und in preisgerecht dosierter Form nur an Gläubige verabreicht. Buddha selbst hatte diesen Niedergang seiner einfachen Lehre nach fünfhundert Jahren vorausgesagt. Diese Zeitangabe stimmt ziemlich genau überein mit der ersten uns bekannten Verschriftlichung ihrer Inhalte im Aluvihara-Kloster im Hochland von Sri Lanka. Erstmals wurden so Begriffe und Lehrinhalte fixiert, konnten in gelehrten Disputen und Exegesen diskutiert, kommentiert und ergänzt werden. Bibliotheken füllten sich, Akademien entstanden und aus ehemaligen Wandermönchen wurden Äbte und Dozenten, die über all ihren klerikalen und akademischen Alltagsgeschäften die Heilsbedürfnisse der illiteraten Massen vergessen hatten, zu denen der Analphabet Buddha so einfach und anschaulich zu sprechen gewusst hatte. Einer weinenden Mutter etwa, die mit ihrem toten Kind im Arm zum Meister kam, damit er helfen und ihr das Kind zurückgeben möge, hielt er nicht etwa eine Predigt über die Vergänglichkeit aller Gestaltungen und unser durch Wohlsuche bedingtes Leid, sondern er bat sie nur, ihm für die Zubereitung der Medizin vom nahe gelegenen Dorf Senfsamen aus einem Haus zu bringen, in dem im letzten Jahr niemand gestorben sei. Derart auf den Weg gebracht kam die Mutter abends ohne die Senfsamen zum Rastplatz der Bhikkhus zurück: Sie hatte selber sehen gelernt, dass der so schmerzlich erfahrene Verlust Teil des alltäglichen Lebens ist und war aufgeschlossen für weitere Darlegungen zur Befreiung aus ihren Verhaftungen.
Mehr wollte Buddha nicht, er entwickelte kein All-umfassendes System der Weltdeutung, sondern lehrte immer nur das Eine: Die Entstehung und Überwindung von Schmerz, Kummer, Gram und Verzweiflung. Ausdrücklich warnte er davor, seine Lehre mit sich herumtragen zu wollen. Einem Floß sei sie vergleichbar, zum Entrinnen tauglich doch nicht zum Festhalten gedacht. Die Geschichte des Buddhismus ist aber nicht nur die Geschichte der Verkirchlichung einer in ihren Anfängen egalitären anti-brahmanischen Reformbewegung:
Immer wieder gab es bei der späteren Ausbreitung ihrer befreienden Botschaft auch Ungläubige, deren reiner Anfängergeist nicht nach Hörensagen und der Autorität heiliger Texte gehen, sondern die selber sehen, ausprobieren und  erleben wollten, wie Befreiung vom Ich-Wahn unter den Lebensbedigungen eines neuen Landes möglich sei. So entstanden auf Grundlage der einen Botschaft viele kulturspezifische Wege und Praktiken.
Doch auch die auf das wortlose Lächeln von Mahakassapa sich berufenden Schulen der wortlosen Übertragung von Herz zu Herz entgingen nicht den universellen Prozessen von Hierachisierung und Verpfründung. Wie anders hätten sie sonst bis auf unsere Tage zu überdauern vermocht?  In reiner Form können alternative Botschaften nur in der Klause bewahrt und bei gelegentlichen Zusammenkünften im kleinen Kreis von Gleichgesinnten praktiziert werden.
RikyuSolch flüchtige Momente der Einstimmigkeit waren auch schon in Rikyus Tagen kostbar, sonst wären sie uns nicht in Protokollen überliefert worden. Der aus verachtetem Händlermilieu stammende Reformator hatte sich und seinen Freunden eine neue Tee-Form außerweltlich-religiös gestimmter Innerlichkeit geschaffen, mit der sie sich gegen den Prunk der fürstlichen Teegelage abgrenzen wollten. 
Wahrscheinlich hätte sich diese Umdefinition eines geselligen Großanlasses zum meditativen Hilfsmittel nicht durchsetzen können, wäre sie nicht dem Emporkömmling Hideyoshi willkommen gewesen, um sich von feudalen Maßstäben des Schwertadels zu emanzipieren: „Viereinhalb Matten oder auch weniger – danke meine Herren, das genügt. Und wollen Sie bitte nicht vergessen, ihre Schwerter vor der Klause abzulegen.“

So fanden alternative Ideen und herrschaftliche Interessen kurzfristig zusammen und schufen einen neuen Stil, dessen Toyotomi_Hideyoshi_250x500Schöpfer von Hideyoshi als Konkurrent im Kampf um soziale Anerkennung desto mehr empfunden werden musste, wie Rikyus Ästhetik sich zu verbreiten und der buddhistische Klerus ihn als Förderer zu schätzen begann. Zwar gestand ihm Hideyoshi einen ritterlichen Tod durch Selbstentleibung und Enthauptung zu, sein Kopf aber wurde öffentlich zur Schau gestellt, „und zwar an einer Kette unter den Füßen der bereits an der Modori-Brücke aufgepflanzten Holzstatue Rikyus“, die er im Dachboden eines von ihm gestifteten Tempeltores des Daitoku-ji in Kyoto hatte aufstellen lassen. Trotz dieser beispiellosen Grausamkeit bei der Ausschaltung des herausfordernden Teemeisters, der Stil Rikyus blieb erhalten: Von Generation zu Generation immer weiter differenziert und systematisiert bestimmt er in Theorie und Praxis die Curricula der japanischen Teeschulen, auch wenn nicht alle Großmeister sich wie die von Urasenke und Omotesenke als direkte Nachfahren Rikyus legitimieren können.
Etwa 2,8 Millionen Menschen, zumeist Frauen, üben in Japan Teezeremonie. „Der Geist des Tees“ ist ihnen in der von Sen Soshitsu XV so eindrucksvoll beschriebenen Komplexität einer mehrstündigen Tee-Einladung allerdings kaum noch zugänglich. Das liegt einmal am Schulungsbetrieb an sich, hat aber abgesehen von den hohen Kosten für eine stilgerechte Bewirtung vor allem auch damit zu tun, dass die elitäre Einfachheit von Teegarten und Teehütte im Dickicht japanischer Ballungsgebiete nicht beliebig verfügbar ist. Gleiches gilt für die nicht mehr als allerhöchstens 140 Teeschülerinnen und Teeschüler in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz: „Der Geist des Tees“ ist auch für sie nicht so stilgerechtund mannigfaltig inszenierbar, wie ihn der XV. Großmeister der Urasenke international propagiert hat.Teegarten

„Frieden durch eine Schale Tee“ ist nicht abhängig vom Aufwand der Zubereitung.  Rikyu und seine Freunde hatten sich in einfache Tee-Hütten zurückgezogen, um dem Geltungskonsum höfischer Teezeremonien zu entweichen und eine neue Form buddhistisch inspirierter Mitweltlichkeit zu üben. Schlichte Teegeräte und deren einfache Handhabung waren ihnen nur Hilfsmittel und nicht Selbstzweck, um sich in Gleichmut zu schulen und die daraus entstehende Friedfertigkeit mit anderen zu teilen.
Im Grunde sind die Dinge leer, sie werden immer nur von unseren eigenen Abneigungen und Sehnsüchten gefüllt. Um diese befreiende Einsicht zu erlangen, gibt es die altehrwürdigen Übungen der Achtsamkeit. Sie sind in ihrer reinen und immer nur vom Einzelnen selbst zu verwirklichenden Form nicht sehr attraktiv, denn die Früchte der Geistesberuhigung wachsen langsam und sollten kontinuierlich  gepflegt werden. Wie einladend daher das geführte Achtsamkeitstraining einer schlichten Tee-Zusammenkunft, die mit ihrer einfachen Harmonie nicht nur den Geist beruhigt, sondern auch die Utopie eines friedlichen Miteinander für den flüchtigen Zeitraum eines einmaligen Beisammenseins konkret werden lässt – „ein zarter Versuch, etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen“, hieß es bei Okakura. 
Rechte Achtsamkeit ist nicht auf Teeräume und Teezeremonien angewiesen. Wir brauchen keine Tatami als Floß, um an die Ufer eines vom Ich-Wahn geheilten Gewahrseins unserer Mitwelten zu gelangen. Wir müssen auch keine Hütten im Nirgendwo herbeisehnen, denn der Übungsweg liegt direkt und überall vor unseren Füßen. Meist ist er asphaltiert, gelegentlich aber führt er über Trittsteine am Bambus vorbei auf eine Teelaube zu: Zum Entrinnen tauglich, doch nicht zum Festhalten gedacht. 

japanisches-teehaus

Gastbeitrag von Tanabe Hasselt (Belgien) übersetzt von Meike Schöler

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