Fauna | Der Sperlingsvater der Tuileries

Im Pariser Tuileriengarten gab es viele Jahre lang ein alltägliches Idyll der besonderen Art.
Um die Mittagsstunden erschien ein nachlässig gekleideter, mit einem unmöglichen Filzhut bedeckter und überhaupt wenig anmutig wirkender alter Herr, der sofort der Mittelpunkt einer wahren Vogelwallfahrt wurde. Von allen Seiten flogen die zahllosen Spatzen des Gartens herbei, setzten sich dem Herrn »Pol« auf den Kopf, die Arme, die Hände, und gaben durch ihr ganzes Gebahren zu erkennen, dass zwischen diesem Mann und ihnen eine innige Beziehung obwaltete; vielleicht noch obwaltet, wenn Monsieur Pol noch leben sollte, und falls der Krieg die zarten Fäden zwischen ihm und der Vogelwelt nicht zerstört hat.
Niemals ist beobachtet worden, dass er die Tierchen »abrichtete« oder durch Kunstgriffe zähmte; sie gehörten eben zueinander, wie die Wesen im Urzustand nach dem Bild, das die Dichter vom goldenen Zeitalter entwerfen. Dass Monsieur Pol die Taschen voller Körner und Brosamen hatte, versteht sich von selbst, konnte aber für die Tatsache nur als Begleitmotiv gelten; denn tausend andere füttern die Vögel, ohne im entferntesten einen derartigen Freundschaftsgrad zur gefiederten Welt zu erzielen.

Foto: Gerhard Bögner
Foto: Gerhard Bögner

Das Merkwürdigste aber war, dass die zahllose Schar von Sperlingen ihm gegenüber keine unterschiedslose große Masse bedeutete, sondern individualisiert war, wie die Schüler einer Klasse. Jeder einzelne Sperling hatte seinen Namen und kannte ihn: Jacques, Philippe, Josephe, Mirabeau, Général Hoche, Jean und Jeannette, und jeder folgte dem Namensanruf umgehend.
Monsieur Pol hatte anfänglich mit den Gärtnern zu kämpfen, denen die Menschenaufläufe unbequem waren. Allein die höheren Instanzen verschafften ihm freien Weg wie staatliche Anerkennung, und eines Tags konnte sich der Vogelzauberer seiner piependen Gemeinde als Ritter der Ehrenlegion vorstellen.

Kategorien Fauna Umwelt-Natur-Technik unterwegs
Piet Marsfeld

Piet Marsfeld studierte Umweltwissenschaften in Lüneburg und engagiert sich seit Jahren im Umweltschutz. Derzeit nimmt er an einem Großprojekt zum Thema Getreideanbau teil. Thema: Weg vom Weizen. Reaktivierung alter Getreidesorten und die Möglichkeiten diese in unserer Ernährung stärker zu integrieren. Dazu hält er sich überwiegend in Griechenland, Ungarn und Schweden auf. Seine Motivation für unser Magazin zu schreiben: Piet ärgert es, dass wir immer mehr den Kontakt zur Natur verlieren. Viele Kinder glauben, dass unser Fleisch schon immer in der Platikverpackung war und können sich nicht vorstellen, dass diese Teil eines Tieres waren. Es ist ihm ein Anliegen uns die Wunder der Natur wieder näher zu bringen und den ein oder anderen zu animieren sich um Umweltschutz zu engagieren, damit wir nicht eines Tages nur noch in Riesenstädten leben und uns von Nahrungspillen ernähren.

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