Meine Homosexualität & der Schrei des Pfaus

Wenn ich mich richtig erinnere, begegnete ich ihr im Alter von etwa 14 Jahren zum ersten Mal. Bis heute ist sie meine Schlüsselerinnerung für den gefühlten Beginn meiner Homosexualität.

Sie lehnte träge aber lässig am Tor zum Garten Eden und trug einen prächtigen Pfau auf ihrer Schulter. Dieser spielte verliebt mit ihren langen schweren Haaren. Sie winkte mich heran. Näher, noch näher. Ich folgte und diese Frau legte sanft den Arm um mich und beugte sich zu mir herab. Das Rad des Pfaus schuf dabei ein leuchtendes Dach über uns.
Sein wilder Schrei gellte mir in den Ohren, so dass ich ihre Worte nicht verstehen konnte. Worte, die sie eindringlich und beschwörend auf mich einflüsterte, von denen ich nur wusste, dass sie für mich lebenswichtig waren. Als sie sich wieder aufgerichtet hatte, sah sie mich lange verächtlich an, wandte sich dann ab und verschwand in das glühende Blumenfeld hinter dem Tor zum Paradies. Fast war sie nicht mehr zu sehen, als sie sich umdrehte, die Arme ausbreitete und mich mit süßer Stimme lockte: „Komm, komm doch her!“ Aber ich konnte ihr nicht folgen, da sie selbst die Pforte verschlossen hatte.

Lange Jahre dachte ich nicht an diesen Traum, bis ich sie eines Tages wieder traf. Kurz vor Ladenschluss betrat ich eine kleine, exklusive Boutique, die ich oft aufsuchte. Wie ich von den Verkäuferinnen wusste, war die Besitzerin meist auf Reisen, um in aller Herren Länder neue Modelle einzukaufen. An diesem Abend jedoch sah ich sie vor mir stehen und erkannte sie sofort.  „Wir sind allein hier“, begrüßte sie mich und bot mir eine Zigarette an. „Lassen Sie sich genügend Zeit. Die Mädchen habe ich bereits weggeschickt.“ Als sie meine Unsicherheit bemerkte, trat sie lächelnd neben mich und zog ein weiches schwarzes Samtkleid aus dem Schrank. „Das ist für Sie“, sagte sie. „Nehmen Sie es! – Sie müssen es nehmen! Es gibt nur zwei Modelle davon und das Gegenstück gehört mir selbst.“

Foto: Jessica

Es war das Kleid, das sie damals vor dem Garten Eden getragen hatte. Auf die linke Schulter war der Rad schlagender Pfau gestickt. „Sie brauchen es nicht zu probieren. Wir haben die gleiche Figur.“ Wie zum Beweis strich sie erst sich und dann über meine Brust und Hüften. Dabei flüsterte sie mir wieder ein paar Worte ins Ohr, die ich nicht verstand.
Als ich sie fragend ansah, maß sie mich mit abschätzendem Blick, drehte sich dann um und verschwand hinter einem Vorhang.

Weder habe ich das Kleid gekauft noch das Geschäft jemals wieder betreten. Etwa fünf Jahre später, ich hatte mich inzwischen verlobt und lebte in einer anderen Stadt, traf ich sie wieder. Nun zum dritten Mal. Ich war mit meinem fiancés auf einem Faschingsfest und hatte ihn kurz nach Mitternacht aus den Augen verloren. Inzwischen war es früher Morgen. Ermüdet vom langen erfolglosen Suchen stand ich an einer Balustrade. Die feiernde Menge unter mir verschwamm zu einem bunten Brei, auf dem sich riesige Blasen bildeten, die unter den Knüppeln des Schlagzeugs zerstoben und platzten. Fasziniert von diesem Bild verharrte ich eine Weile, bis ich bemerkte, dass die Pfauenfrau hinter mich getreten war. Ihr Haar tanzte an meinem Hals. Und wieder schien sie mir etwas ins Ohr zu flüstern, und wieder konnte ich sie nicht verstehen. Die Musik schluckte jedes Wort. Die Frau steckte mir eine Zigarette in den Mund und gab mir Feuer. Auf der Vorderseite ihres Feuerzeugs war ein Mosaik aus Edelsteinen eingearbeitet. Es stellte einen Rad schlagenden Pfau dar. Sie drehte mich zu sich herum. Hinter ihr, in einem dunklen Erker fast verborgen, sah ich den fiancés.

Er tanzte mit ihr. Mit der Frau die hier vor mir stand. Er küsste er sie und sie küsste mich. Ich schlug ihr ins Gesicht.

Die Bässe bebten. Und doch konnte ich ihr wildes Gelächter hören. Ein Gelächter wie das Schreien eines Pfaus. Dann folgte ich ihr auf die andere Seite.

Auch wenn mir der Traum nicht schlüssig erscheint; er ist meine innere Festlegung für die Liebe zu meinem Geschlecht. Mit dieser Idee, ihr gefolgt zu sein, fühle ich mich bis heute wohl. Und die Frage nach dem Warum stelle ich mir schon lange nicht mehr. Der Pfau als Symbol von Schönheit, Reichtum, Königlichkeit, Liebe, Leidenschaft aber auch Unsterblichkeit, Arroganz und Eitelkeit ist mir in seinen Auswüchsen durchaus sympathisch.

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