Lyrik | Der Schmetterling von Pavel Friedman | Theresienstadt

In diesem Gedicht schildert der Autor seine Eindrücke vom Leben im Ghetto.

Der letzte, der allerletzte,
so kräftig, hell, gelb schimmernd,
als würden sich die Tränen der Sonne
auf einem weißen Stein niederlassen.
So ein tiefes, tiefes Gelb
er hebt sich ganz leicht nach oben.
Er verschwand weil, so glaube ich,
weil er der Welt
einen Abschiedskuss geben wollte.
Seit sieben Wochen habe ich hier gelebt.
Eingepfercht im Ghetto.
Aber ich habe hier meine Freunde gefunden.
Der Löwenzahn verlangt nach mir
und die weißen Kerzen der Kastanien im Hof.
Aber ich habe niemals
einen zweiten Schmetterling gesehen.
Dieser Schmetterling war der letzte seiner Art.
Schmetterlinge leben nicht hier,
im Ghetto.

Pavel Friedman - Schmetterling

Pavel wurde 1921 in Prag geboren. Sein Vater war Jude, seine Mutter Christin. Über den jungen Dichter Pavel Friedman ist wenig bekannt. Das Gedicht schrieb er vermutlich mit  17 Jahren, am 4. Juni 1942 im Ghetto Theresienstadt. Dort heiratete er Adina Schnitzer, die den Holocaust überlebte, nach Israel auswanderte und dort wieder heiratete. Pavels Arbeiten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit Kinderzeichnungen in einem geheimen Versteck gefunden.

Pavel Friedman wurde nach Auschwitz deportiert. Dort kam er am 29. September 1944 um.

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