Der rote Faden: Verbindungen – Risse – Knotenpunkte

Schicksalsfäden
A Golden Thread – John Melhuish Strudwick – 1885.

In der griechischen Mythologie spinnen die Schicksalsgöttinnen, die Nornen, den Lebensfaden für jeden Sterblichen. Sie allein können ihn auch zerreißen, unterbrechen oder neu verknüpfen. Natürlich klingt dies nun sehr esoterisch, aber auch, wenn keine Götter am Werke sind, sondern nur ein Netz aus Beziehungen, die sich verändern, bleiben Lebenswendungen und Verbindungen zu anderen Menschen immer noch ein Stück weit unberechenbar. Das bringt manchmal Schmerzen und Verluste mit sich – aber auch viele neue Chancen.

Ich muss wohl einmal mittendrin in diesem komplizierten Netzwerk fein gesponnener Verbindungsfäden anfangen, wie die Spinne, die ihr Netz überblickt, zerstörte Fäden sieht und schaut, wo sie es erweitern kann. Ich stehe kurz vor einem wichtigen privaten Knotenpunkt meines eigenen „Lebensfadens“, an dem mehrere Fäden sich vereinen – in wenigen Monaten werde ich heiraten. Das ist für mich ein Punkt,  auf den ich freudig vorausblicke, aber von dem ich auch zurückblicke. Er stellt das gesamte Fädennetz, das ich bisher gesponnen habe, auf den Prüfstand, sodass die Gästeliste eine kleine Herausforderung für sich ist. Mit der Liste meiner Liebsten und Wichtigsten vor mir, reise ich auch gedanklich in die Vergangenheit, zu all den Menschen, die ich gerne dabei gehabt hätte bei einem solchen Ereignis – wären die Verbindungen zu ihnen nicht vor Jahren abgerissen.FrühstücksclubIch muss zugeben, das stimmt mich etwas traurig und es erinnert mich daran, dass ich manchen Verlust vielleicht nie richtig verarbeitet oder überwunden habe. Zum Beispiel den meiner ehemals besten Freundin aus Schulzeiten, zu der die Verbindung bereits kurz vor dem Abitur nicht nur unterbrochen, sondern komplett abgerissen ist. Oder sollte ich sagen: ausgefranst? Immerhin gab es kein wirkliches, finales Ereignis, das unsere Freundschaft beendet hätte oder eher, es unmöglich gemacht hätte, dass wir nach einem Reunion-Treffen wieder eine Einheit hätten bilden können – so wie früher, als wir noch wie Pech und Schwefel als beste Freundinnen zusammen hielten. Der Faden, der uns verbunden hat, zerfaserte irgendwann. Ohne besonderen Grund, einfach so. Ich habe seither viel Zeit mit den Versuchen verbracht, alte Netzwerke wieder so zusammenzufügen, wie sie einst waren. Irgendwann, bevor sich an unterschiedlichen Knotenpunkten Bindungen gelöst haben. Jetzt, wo ich selbst wieder vor einem solchen Knotenpunkt meinen eigenen Lebensfaden weiterspinne, stelle ich mein Netzwerk und seine Tragfähigkeit einmal mehr auf die Probe.

Welche Verbindungen sind stabil, trotz aller überwundenen Knotenpunkte auf dem Weg,trotz Umzügen, Berufswechseln, persönlichen Veränderungen, neuen Schwerpunkten? Welche sind bereits im Ansatz zerfasert und angegriffen, lohnen aber eine Wiederaufnahme oder Reparatur? Und wo sind die Fäden bereits so zerstört, dass sie irreparabel sind – und damit unwiderbringlich? Das Leben zeigt uns immer wieder, dass immer neue Verbindungen notwendig und möglich sind und es immer wieder Knotenpunkte gibt, wo sich ein neuer Weg mit neuen Menschen auftut. Die Erfahrung zeigt aber auch, und zwar schmerzlich, dass auch Loslassen und Gehen lassen dazu gehört und dass es manchmal ein schwerer Schritt sein kann, sich mit einer zerstörten Bindung abzufinden. Oder, um wieder mit den Nornen zu sprechen, dies als Fakt oder auch als Schicksal zu erkennen, vielleicht auch als Chance für Neues.

Ernst Klimt - Vor der Hochzeit
Ernst Klimt – Vor der Hochzeit

So geht es mir derzeit mit manch alter Freundschaft aus der Vergangenheit. Ich muss entscheiden, ob der Verbindungsfaden noch „gekittet“ werden kann oder einfach verloren ist. Welche Bindungen sich als tragfähig erwiesen haben und noch am stärksten wirken, wird sich unter anderem schwarz auf weiß zeigen – auf meiner Gästeliste für die bevorstehende Heirat.

0 Kommentare zu “Der rote Faden: Verbindungen – Risse – Knotenpunkte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!