Toyohiko Kagawa • japanischer christlicher Reformer, Pazifist, Autor • Ein Porträt • Teil 2

kagawaToyohiko Kagawa wurde am 10. Juli 1888 in Kobe geboren. Er verlor früh die Eltern. Sein Vater war Samurei, seine Mutter eine Geisha. Nachdem er einige Jahre bei seiner Stiefmutteraufgewachsen war, übersiedelte er ins Haus eines Onkels. Das war 1902. 1904 verließ Kagawa seinen Onkel. Er heiratete 1913, 1914 schiffte er sich nach Amerika ein, 7916 kehrte er wieder nach Japan zurück, 1921 gründete er die ersten Gewerkschaften und den ersten Bauernverband in Japan. Schon 1931/1933 wird Kagawa Berater des Wohlfahrtsamtes in Tokio. Nach seinen Plänen wurde das erste Arbeitslosenversicherungsgesetz verabschiedet. 1936 machte er noch einmal eine Reise nach merika. 1945, nach der Kapitulation Japans, wurde Kagawa Mitglied des Oberhauses und Berater des Sozialministers. 1950 hat Kagawa Deutschland besucht. – Zu Teil 1….

Dann kamen für Kagawa Monate schwerster Krankheit. Eine tuberkulöse Lungenentzündung hatte ihn gepackt; von den Ärzten aufgegeben, rang er einige Monate mit dem Tode. Doch er genas. Nach seiner Genesung zog er in ein Fischerdorf am Meer. Dort lebte er eng mit den Fischern zusammen, der Kräftigung seiner Gesundheit und seinen Studien hingegeben; er lernte auch Deutsch, weil er die deutsche Philosophie nicht in der Übersetzung lesen wollte. Und er beschäftigte sich mit höherer Mathematik, um sich im logischen Denken zu üben. Er schwamm im Meer und fuhr mit den Fischern zum Fang hinaus. Langsam gesundete er völlig. Wieder kehrte er an seine Arbeit zurück: in das Seminar, zu dem Geistlichen im Elendsviertel und lebte unter den Armen. Da sprach ihn ein Mann aus der Armengemeinde an, ein ehemaliger Zuchthäusler. Er kam zu ihm und sagte: „Kagawa, ich weiß ein Haus für dich. Mitten zwischen uns steht es.“
Kagawa hätte gern seine Gemeinde auch nachts nicht mehr verlassen, er hätte gern „jenseits der Brücke“ gewohnt, denn dort herrschte ein unvorstellbares Elend. Er wollte nicht nur für die Armen arbeiten, er wollte mit ihnen leben. „Ich habe nur wenig Geld. Ich kann kein Haus mieten“, sagte er zu dem Zuchthäusler.
„In das Haus zieht kein anderer. Du bekommst es ganz billig. Ein Mensch ist dort ermordet worden, und seitdem spukt sein Geist jede Nacht.“
Kagawa rechnete seine wenigen Einnahmen zusammen. Dann meinte er:  „Es mag gehen. Ich arbeite seit einem Monat nebenbei als Kaminfeger, da könnte ich die Miete aufbringen.“
„Du wirst immer noch der Reichste dort sein“, antwortete der Mann. Wie arm man sein kann, das weißt du noch gar nicht, Karyawa. Du kannst es noch nicht wissen. “

sakura-720702_640„Ich werde es lernen, habe nur Geduld mit mir“, antwortete Kagawa dem Zuchthäusler. Am anderen Tag siedelte er in das Haus um. Seine wenigen Sachen trug er auf der Schulter, während der Zuchthäusler die Bücher auf einen Karren geladen hatte. Der Zuchthäusler hängte das wacklige Büchergestell an die Wand und breitete die Schlafmatten aus. In beiden Räumen konnte sich eigentlich nur knapp ein Mensch bewegen. „Eine Lampe fehlt mir noch, aber jetzt habe ich kein Geld.“ Der Zuchthäusler lachte: „Der Arme legt sich schlafen, wenn es dunkel wird.“ Damit verabschiedete sich der Mann. Kagawa hatte wirklich noch nicht gewusst, wie das ist, wenn man arm ist. Er sah dem Mann nachdenklich nach. Auf einmal merkte er, dass Scharen von Menschen aus allen umliegenden, dichtgedrängten Häusern auf ihn blickten. Manche winkten ihm. Da verbeugte er sich nach der Sitte seines Landes und freute sich, wie hübsch trotz des Elends die kleinen Kinder aussahen. Als es dunkel wurde, legte er sich auf seine Matte und schlief. Der Geist störte ihn nicht. Aber es war die einzige Nacht, die Kagawa allein in seinem Gespensterhaus zubrachte. Zwei Räume, wenn es auch nur schmale Ritzen waren, für einen einzigen Menschen, das bedeutete für den Armen Luxus. Schon am nächsten Tag fand sich ein Mann ein, als Kagawa gegen Abend vom Seminar zurückkehrte. Er studierte nämlich immer noch.
„Kann ich dir helfen?“ fragte Kagawa.
„Du hast so viel Platz. Wo soll ich schlafen?“ „Wo schliefst du denn bisher?“ „Im Gefängnis.“ „Warum im Gefängnis?!“ „Polizei sagt, dass ich ein Mörder sei. Das ist nicht wahr.“ „Du hast also keinen Menschen ermordet?“ ,Nein. Ich, schlug ihn nur tot. Wenn ich zornig bin, dann sehe ich nicht, was ich tue.“ „Wirst du oft zornig?“
ginza-641774_640_baroparo„Manchmal — deswegen haben sie alle Angst vor mir. Du doch nicht, du bist ein Christ, sagen sie, und als Christ muss man zu allen Menschen gut sein. Auch zu denen, die einen totschlagen.“
„Du kannst bei mir wohnen — das soll aber keine Erlaubnis sein, mich totzuschlagen. Als Christ soll man allen Menschen Gutes tun, doch man soll sie nicht töten, und in meinem Haus musst du dich schon nach meinen Gewohnheiten richten.“
„Ich werde es versuchen“, sagte der Totschläger und rollte schon seine Matte neben die von Kagawa.
„Nebenan ist auch noch ein Zimmer.“ „Noch eins?“ fragte der Totschläger erstaunt und ging nach nebenan. Lange sollten sie nicht allein in ihren Zimmern wohnen können, Kagawa so wenig wie der Totschläger. Am anderen Tag stand ein Mann mit einem üblen Ausschlag vor der Tür. „Mich will keiner haben, weil ich anstecke. Kann ich zu dir kommen?“ Kagawa dachte daran, dass er als ansteckend Lungenkranker von einem Missionar ins Haus genommen worden war, und sagte zu.
Da trat der Totschläger hinzu, der das Gespräch mit angehört hatte, und sagte:
„Zu mir kann er nicht ins Zimmer kommen, das musst du verstehen. Ich will mich nicht an seinem Ausschlag anstecken. Ich muss mir Arbeit suchen.“
„Er soll neben mir schlafen.“ Kagawa gab ihm eine zweite Matte. Die Nacht wurde unruhig, denn der Hautkranke bekam Schreianfälle und wurde nur still, wenn Kagawa ihn an der Hand fasste. Natürlich steckte sich Kagawa eines Tages an dem Kranken an, trotzdem behielt er ihn neben sich. Zu diesen beiden Gästen gesellte sich später ein alter, syphilitischer Bettler, der bei dem Totschläger untergebracht wurde. Die drei Gäste zankten sich oft, und wenn Kagawa am Abend müde aus dem Seminar oder von seiner seelsorgerischen Arbeit kam, musste er manche Prügelei schlichten. Auch wehren musste er sich gegen Überfälle und Erpressungen von den Gaunern, die von ihm Kleider verlangten, die er nicht besaß, oder Geld, das er nicht hatte. Der alte Baumwollkimono war sein einziges Kleidungsstück. Er selbst wurde immer magerer und glich auch so seinen armen Freunden.
Ihn schmerzte oft der Hunger, wenn er in die Kollegs ging; denn von seinem wenigen Geld versuchte er einige der Kinder zu sättigen, die in den umliegenden Behausungen lebten. Eines Tages besuchte ihn sein alter Gönner und Helfer, der Missionar Dr. Myers. Er betrat unangemeldet gegen Abend das Häuschen,
„Hier also lebst du. Wird es dir schwer?“
„Manchmal. Wir sollten alle als Christen nach der Bergpredigt leben“, antwortete Kagawa.
„Nicht alle, Kagawa“, meinte der ältere Mann nach einigem Nachdenken. „Nur Auserwählte können es. Du bist einer.“ Er blickte auf die Bücher an der Wand.
„Ach, meine Bibliothek. Ich lese leider fast nichts mehr — viel anderes, was mir unter den Nägeln brennt. Da stehen nun die Dichter, die Philosophen, die Theologen —“ „Wie gut, dass du sie kennst, Kagawa. Sie helfen dir.“

japan-447880_640Ein böser Lärm, ein Fluch unterbrach die Unterhaltung. Kagawa eilte in den Nebenraum. Dort prügelte der Totschläger den Bettler, und der Hautkranke kniff immer abwechselnd den einen oder den anderen. Kagawa brachte sie zur Ruhe. Dr. Myers meinte:
„Man sollte die Kinder waschen, kleiden, füttern und erziehen, dass sie niemals so werden wie diese drei — niemals.“
„Sie sind nicht allein schuldig, Dr. Myers. Das sind sie nicht. Der Totschläger ist im Gefängnis geboren, der Bettler wurde als Kind ausgesetzt, der mit dem bösen Ausschlag Behaftete ist das Kind eines Säufers und einer Dirne.“
„Wie lange lebst du mit diesen schon zusammen?“
„Einige Monate. Ich glaube, jetzt weiß ich, wie Armut ist.“

Dr. Myers verschaffte Kagawa durch Sammlungen Geld. Er kaufte die benachbarten Häuser dazu und errichtete eine Unterkunft für die Elenden, ein Missionshaus. Er half den Kindern und immer wieder den Kindern, damit sie niemals so würden wie seine bösen Hausgenossen.
Da war der kleine Matsuzo, den er selbst bei einer Typhusepidemie gesundpflegte, von dessen Bett er in dem überfüllten Spital nicht einmal nachts wich, indem er sich unter dem Bett des kleinen Kranken auf die Erde für kurze Zeit zur Ruhe legte. So entriss er den kleinen Patiencen dem Tode. Eines Tages lernte Kagawa ein schönes Mädchen kennen, die Haro hieß und in einer Buchbinderei arbeitete, in der er zuweilen predigte. Haro war getauft und von einer ähnlich brennenden Liebe zu allen Armen und Verkommenen besessen wie Kagawa. Dieses Mädchen heiratete Kagawa 1913. Sein Freund Dr. Myers vollzog die Trauung.
„Was brachte ich dir als Brautgeschenk — Armut, Sorge …“, so fing eines seiner Liebesgedichte an Haro an.
Das Ehepaar lebte bescheiden und sparte auf eine Amerikareise für den Mann, der an der Princeton-Universität seine Studien fortsetzen wollte. Haro hingegen wünschte sich sehnlich, das Seminar für weibliche Theologiestudentinnen in Yokohama besuchen zu können.
Drei Tage nach Ausbruch des ersten Weltkrieges reiste Kagawa nach Amerika.

KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935
KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935

Kagawa wurde Student in Princeton, lebte dort im Internat und fühlte sich nach fünf Jahren freiwilligen Daseins im Slum wie im Paradies. Weil er ein gesunder und sehr heiterer Mensch war, genoss er das Leben in New Jersey. Er kam mit Studenten aller Nationalitäten zusammen, freundete sich an und beschäftigte sich nicht nur mit Theologie. Seine theologische Ausbildung schien in Japan gründlich und gut gewesen zu sein; denn sein Professor erließ ihm nach einer abgelieferten schriftlichen Arbeit alle Vorlesungen. Kagawa nutzte die Zeit und hörte Vorlesungen über Naturwissenschaften, besonders Anatomie und Zoologie; er saß endlich wieder einmal in einer Bibliothek und las, las. Dieses Mal beschäftigte er sich mit fremden alten Kulturen. Nebenbei entdeckte der aufgeschlossene Mann, das Elend und Hunger auf der Welt überall das gleiche Gesicht trugen und mit den gleichen Mitteln bekämpft werden müssten: mit einer tatkräftigen Liebe.
In den Ferien verdiente er sich Geld als Diener, in einem Beruf, den er erst, wahrscheinlich zum Ärger seiner Arbeitgeber, erlernen musste.
Denn bei dem ersten flog er aus der Stellung, weil er vergessen hatte, nachts die Haustür zu verschließen; der zweite ergrimmte, weil sein Diener ihm versehentlich Soda statt Salz ins Ei gestreut hatte. Dann aber kannte er seine Pflichten besser; denn der dritte Herr behielt ihn.
Nachdem Kagawa seinen Doktor in Princeton gemacht hatte, reiste — er hatte japanischen Tagelöhnern er mit selbstverdientem Geld geholfen, eine kleine Gewerkschaft zu organisieren und ihre Lebensbedingungen zu verbessern – nach seiner Heimat zurück. Seine Frau holte ihn vom Kai ab, musste dann aber noch für einige Monate ins Seminar zurückkehren, um ihre Studien abzuschließen.
Kagawa bekümmerte sich wieder um die Slums, er baute seine Hilfsorganisationen weiter aus. Er Schrieb Romane, die einen großen Absatz fanden. Darin schilderte er das, was ihm umgab, das Leben des heutigen Japaners, vor allem das des kleinen Mannes, im Gegensatz zu der herkömmlichen Literatur, die sich in der Hauptsache mit dem Leben der Samurai befasst hatte, also eine Art Ritterroman mit romantischem Einschlag darstellte.

Tokyo - Auferstehungskathedrale - Foto: 日本語
Tokyo – Auferstehungskathedrale – Foto: 日本語

Durch seine zusätzlichen Bucheinnahmen konnte Kagawa wieder zusätzliche Stiftungen machen. So gründete er eine Abendschule für Arbeiter, deren Lehrkräfte er selbst bezahlte und die er sich aus den besten Universitäten des Landes heranholte. Er gründete eine Poliklinik für mittellose Kranke, und er versuchte, den Arbeitern in ihren Forderungen nach gerechtem Lohn zu helfen und Gewaltmaßnahmen dabei zu verhindern. Einmal saß er auch deshalb für kurze Zeit im Gefängnis, das ihm gegen seine frühere Behausung im Slum feudal vorkam. Unterdessen wurden seine Bücher Bestseller.
Nicht nur den Arbeitern in der Stadt half er mit großgedachten Reformideen, auch dem Landarbeiter, dem kleinen Bauern wollte er helfen. Er gründete Bauernverbände und arbeitete Pläne zur intensiven Bewirtschaftung des Bodens zu einer ertragreichen Viehwirtschaft aus; denn, so meinte er, in Japan brauchte kein Mensch zu hungern, wenn die altmodische Form der Bodenbearbeitung endlich beseitigt würde.
Plötzlich verschlimmerte sich bei ihm ein Augenleiden, das er sich bei der Behandlung augenkranker Kinder in seiner Poliklinik geholt hatte, und er erblindete für Monate. Doch allmählich kehrte das Augenlicht wieder zurück, und Kagawa und seine Frau lebten weiter für andere. Er schreibt: „Es genügt nicht, Ideale zu haben. Wir müssen sie in die Tat umsetzen. Wir müssen unseren eigenen kleinen Winkel der Schöpfung hegen und pflegen.“

Er kämpfte für diese Ideale, er kämpfte gegen Japans kriegerische Handlungen und musste wieder einmal ins Gefängnis. Er hatte sich zum Staatsfeind der Regierung gemacht, weil er gewaltlosen Widerstand predigte. Der Angriff auf Pearl Harbour traf ihn tief; er trat dagegen auf, bis man ihm schließlich seine Arbeit verbot, auch die in den Slums.
Ein Mann wie Kagawa konnte niemals untätig sein. Also verzog er sich auf eine der vielen Inseln im Meer, errichtete dort eine Heilstätte für Lungenkranke und schwieg, wie er versprochen hatte:
„Die Sterne reden nicht, die Blumen singen nicht, aber Farbe und Licht haben eine hellere Stimme als die Stimme selbst“, dichtete er. Nach dem verlorenen Krieg wurde Kagawa in ein Ministerium berufen und konnte so seine Reformpläne endlich verwirklichen. Er wurde vom Kaiser empfangen, wurde um seinen Rat gefragt, und er gehörte dem Oberhaus an. Eine neue Verfassung wurde dem Land auf Grund seiner Vorschläge gegeben: Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit. Auch die Frauen erhielten das Wahlrecht. Nach Kagawas Plänen wurden neue Siedlungen angelegt, die Slums niedergerissen und ein geregeltes Schulwesen aufgebaut. Japan hatte einen Krieg verloren, aber die große Schlacht, geführt von Dr. Kagawa, um seine Menschen gewonnen. Seine sozialen Reformen hatten sich endlich durchgesetzt.

Toyohiko Kagawa_PorträtFür den Christen mag das japanische Reformwerk von Kagawa eine Bestätigung dafür sein, dass die Lehre ihres Gründers einmal auch die asiatischen Religionsformen überwinden wird, weil die ethischen Forderungen des Christentums die höheren sind. Die Christen sind angehalten, die Liebe Gottes zum Menschen weiterzugeben, wie Christus sie ihnen gebracht hat. Und die Europäer können auf Kagawa auch ein wenig stolz sein; denn sie waren es, die Kagawa bildeten und seine hohen Gaben entfalteten. Die abendländischen Philosophen schulten sein Denken, und englische Missionare brachten ihm die christliche Lehre. Sie waren es, die zuerst für seine Pläne Verständnis und auch Geld aufbrachten. Die Reform Japans ist im tiefsten Wesen eine christliche.

Kagawa ist heute in der ganzen Welt bekannt. Er bereiste auch Deutschland. Er hält Predigten und spricht über seine sozialen Gedanken. Er selbst lebt immer noch bescheiden mit seiner Frau, einem Sohn und zwei Töchtern in einem kleinen Haus am Rande Tokios. Im Garten hat er eine Kapelle erbaut, die sonntags dem Gottesdienst und an Wochentagen für einen Kindergarten geöffnet ist. Eine Bibliothek befindet sich auch darin und ein Hörsaal für Abendkurse.

„Es gehört Kraft dazu, ein Kind Gottes zu werden.“ Kagawa besitzt diese Kraft.

Ende.

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