Der Gottesacker – Jens Reinhardt – Fortsetzungsroman – Kapitel 1

Der Gottesacker - Jens Reinhardt - Ein Krimi in Fortsetzungen - Motiv: Caspar David Friedrich: Kügelgens Grab, 1822
Der Gottesacker – Jens Reinhardt – Ein Krimi in Fortsetzungen – Motiv: Caspar David Friedrich: Kügelgens Grab, 1822

Zweiundzwanzig Uhr dreißig

            Walburga weckte mich. Lange konnte ich nicht geschlafen haben. Um halb zehn waren wir ins Bett gegangen, hatten noch unsere ehelichen Pflichten erfüllt und sind dann schnell in Schlaf gesunken. Draußen stürmte es, Regen fiel, der ganze Tag war Schwerstarbeit gewesen, kurzum: ich schlief wie ein Murmeltier. Walburga rüttelte mich an den Armen, zog mir das Federbett weg und zog wieder an mir. Als ich schließlich ein wenig zu mir kam, begriff ich, dass sie mich aus dem Bett zwingen wollte. »Steh endlich auf« sagte Walburga. »Es klopft! Und es ist eh für Dich«.
Der Hund jaulte, als wäre man ihm auf die Rute getreten, und irgendwer hämmerte wild gegen die Haustür.  »Mach«, trieb mich Walburga an, »sonst wachen die Kinder auf…«

            Ich hatte nicht die geringste Lust aufzustehen, aber es half nichts… Ich quälte mich hoch, schaute unwillkürlich zum Wecker, kleidete mich notdürftig an und ging in den Hausflur. Ich ahnte bereits, dass ich nicht so bald wieder ins Bett, an die Seite der warmen, verschlafenen Walburga zurückkehren würde. Nicht zum ersten Mal holte man mich auf diese Weise ab, und von weiterem Schlaf war danach nie die Rede gewesen. Das brachte mein Beruf halt mit sich. Zum Glück kam es nicht so oft vor. Bevor ich die Tür öffnete, sagte ich halblaut: »Moment, Moment! Ich mach’ ja schon auf.«
Ich öffnete. Jäh brachen Wind, Kälte und Regen in den Flur herein und mit ihnen Frau Kleinschmidt und Herr Richter: Sie verweint und auch er irgendwie verstört. Das Wasser lief ihnen aus den Kleidern, und sie schleppten Schlamm in den Flur.

»Was ist passiert« fragte ich und wurde klar, dass die Sache wirklich wichtig war. Die Richters gehörten nicht zu den Leuten, die einen Menschen grundlos belästigten und wegen irgendeiner Kleinigkeit aus dem Bett holten. »Ein Unglück, Herr Lebert«, presste die Kleinschmidt aus sich hervor und begann wieder zu weinen. »Ein großes Unglück, Jonas ist verschwunden…«
Jonas war der jüngste Sohn der Richters. Er ging mit meiner Maike in dieselbe Klasse. Ein magerer, gedrungener Junge, rothaarig und sommersprossig wie der alte Richter. Er war ein schrecklicher Lausebengel. Frau Sander, die Klassenlehrerin, hatte mit ihm viel Kummer, aber zur Zeugnisausgabe lobte sie ihn im Grunde: »Das ist ein sehr lebendiges und intelligentes Kind«, sagte sie. »Er lernt mühelos und hilft sogar noch anderen. Wenn er nur ein wenig ruhiger wäre…«, und der alte Richter, der wie ich keine Zeugnisausgabe versäumte, ärgerte sich und murrte: »Ich werde ihm das Fell über die Ohren ziehen, dass ihm die Unruhe schon vergeht.« Frau Sander erklärte dem alten Richter, dass es so nicht ginge, dass man ein Kind liebevoll und pädagogisch sinnvoll behandeln müsse. Richter tat, als höre er zu, nickte bejahend, dachte sich aber sein Teil, und fast nach jedem Zeugnis gab er seinem Gürtel Arbeit.
»Wie denn verschwunden…?« fragte ich und trat von einem Fuß auf den anderen; die Tür stand immer noch offen, eine Hundskälte kam herein.  »Naja, er ist nicht da«, sagte Richter. »Wir haben Abendbrot gegessen, hören Radio, dann schauen wir nach, und Jonas ist nicht da. Gegessen hat er noch, dann plötzlich… wie ein Stein ins Wasser… Wir wollen schlafen gehen, und der Jonas ist weg…«
»Und er hat Ihnen nicht gesagt, wohin er geht?« »Kein Wort. Ich hab’ nicht mal gehört, dass er wegging.«
»Vielleicht hat er sich irgendwo in der Nähe des Hauses versteckt?« fragte ich, obwohl ich annehmen konnte, dass sie mit Sicherheit alles durchsucht hatten. »Er ist weg.« Die Kleinschmidt weinte wieder. »Nirgendwo ist er. Ich hab’ sogar in den Brunnen geleuchtet, ob er ertrunken ist… Verschwunden ist er. Irgendwelche Verbrecher haben ihn entführt oder sonst was…«
»Was reden Sie denn da, Frau Kleinschmidt«, empörte ich mich. »Wir leben ja nicht in den USA, hier entführt man keine Kinder. Er hat bestimmt nur irgendein Spielchen draußen vor. Dann kommt wieder. So einfach verschwindet der nicht. Er ist doch kein kleines Kind mehr… Er kommt schon wieder.« 
»Aber er hat das noch nie gemacht«, sagte der alte Richter bekümmert und kratzte sich am Kopf. »Abends geht er nicht ’raus. Vor einem Jahr noch konnte er nachts nicht einmal die Nase aus der Tür stecken, so ängstlich ist er…« 
»Ach was?! Jonas und ängstlich? Dieser Herumtreiber?« »Sie kennen ihn nicht, Herr Lebert. Am Tage kann man ihn nicht zu Hause halten, kaum hat er gegessen, die Schularbeiten hingeschmiert, ist er schon draußen. Er hilft nicht, hat nur seine Rennerei im Kopf… Aber abends… Wenn es schummrig wird, hockt er wie angewurzelt im Zimmer. Er hat Angst vor der Dunkelheit. Von klein auf. Es wurde noch schlimmer, als er dieses Buch gelesen hatte. Ein Urlauber hat es da gelassen, der der vor zwei Jahren hier war…« »Was ist das für ein Buch?« 
»Na ja, irgendwelche Geistergeschichten. Solche albernen… Jonas hat es dauernd gelesen… Ich denke, Herr Lebert, dass er heute Abend kein Spielchen vorhat… Es muss etwas anderes sein. Aber ich weiß einfach nicht, was…« Ich schloss die Haustür, weil ich Gänsehaut in meinem dünnen Schlafanzug bekam, den mir Walburga zum Geburtstag gekauft hatte. In die Wohnung aber bat ich die Richters nicht. In dem einen Zimmer lag Walburga, im anderen schliefen die Kinder. Die Küche war nicht aufgeräumt. Und die Kleinschmidt hätte Walburga leicht ins Gerede bringen können…
Ich wusste nicht recht, was ich den Richters raten sollte. Es kam schon vor, dass sich ein kleines Kind im Wald verirrte. Dann war klar, was man tun musste. Man suchte, rief; das Kind wurde schließlich gefunden, die Sache war erledigt. Aber so ein großer Junge aus der sechsten Klasse war bisher noch nie verschwunden. Unsere Kinder (jedenfalls diejenigen, die zur Schule gehen) sind aufgeweckt, kennen die Umgebung wie kaum ein Alter, und noch keinem von ihnen ist es gelungen, sich zu verirren. Vielleicht ist tatsächlich etwas Ernstes geschehen? Vielleicht ist das Kind einfach von zu Hause weggelaufen?
»Herr Richter, Hand aufs Herz, haben Sie den Jungen in allerjüngster Zeit verprügelt?«
»Behüte mich Gott! Ich hab’ ihn nicht verprügelt. Es gab keinen Grund. Nach dem letzten Mal ist er ein vernünftiger Mensch geworden.«
»Vielleicht hat er etwas ausgefressen«, sagte ich, »und es ist bloß noch nicht herausgekommen. Vor Angst hat er Fersengeld gegeben. Wer weiß…«
»Sie denken also, Herr Lebert, dass er ausgerissen ist?« In Richters Stimme klang Empörung. »Von zu Hause soll er ausgerissen sein? Übrigens, wenn er abgehauen ist, hätte er irgendetwas mitgenommen… Nichts hat er mitgenommen. So wie er war, ist er gegangen…« »So wie er war? Ohne Mantel?« »Äh, das nun wieder nicht. Die Kutte, die Stiefel und die Mütze sind nicht da.« »Na bitte! Er ist also nicht, wie er war, gegangen. Er hat sich angezogen, weil er wusste, dass er für längere Zeit geht…« 
»Aber seine Sparbüchse hat er nicht angerührt…«

Ich begriff, dass der alte Richter trotz seiner gegenteiligen Beteuerungen Jonas durchaus der Flucht verdächtigte. Andernfalls hätte er wohl kaum die Sparbüchse untersucht. »Herr im Himmel«, lamentierte die Kleinschmidt, »dass ihm nichts Böses zugestoßen ist, irgendein Unfall oder noch etwas Schlimmeres…« »Ach was, immer gleich etwas Schlimmes…« »Herr Lebert«, die Kleinschmidt gab nicht nach, »vielleicht wäre es gut, Maike zu fragen…«
Ich sträubte mich. Das Kind schläft ruhig, und sie will es wecken. »Aber warum denn? Was hat Maike damit zu tun?« 
»Weil sie in letzter Zeit oft zusammengehockt haben. Also, Jonas mit Maike. Vielleicht weiß sie etwas…?« erklärte sie unsicher. »Verstehen Sie, Herr Lebert… Manchmal macht so ein Kind uns Alten gegenüber nicht einmal den Mund auf, und einem anderen Kind erzählt es alles…«
Es war mir klar, dass auch die Kleinschmidt, obwohl sie von Entführung und Unfall redete, doch glaubte, dass Jonas von zu Hause ausgebüxt war und dass er seine Sorgen vielleicht mit Maike besprochen haben könnte. Sie hatte sicherlich Recht. Man sollte Maike fragen, aber sie schlief ja längst. Wecken oder nicht wecken? Den Morgen abwarten? Die Fragen entschied Walburga. Es zeigte sich, dass sie bereits seit einiger Zeit hinter mir stand und zugehört hatte. 
»Ich frage sie gleich, Frau Kleinschmidt.« Walburga war von der Wichtigkeit der Sache überzeugt. »Ich wecke sie und frage… Warten Sie einen Moment.«
Sie wandte sich um und ging in das Zimmer, in dem die Kinder schliefen. Sie blieb tatsächlich nur einen Moment darin. Wenige Sekunden. Als sie herauskam, erkannte ich sie nicht wieder. Sie war blass und hatte einen geistesabwesenden Blick. Der Bademantel öffnete sich, Walburgas Arme hingen schlaff herab, die Lippen waren blutleer und bebten.  »Walburga! Was ist passiert?« »Maike ist nicht da…«, flüsterte sie fast tonlos.»Was heißt, nicht da?«
»Sie ist nicht da. Sie ist ganz einfach nicht da. Das Bett ist leer…« Wortlos drängte ich sie aus der Tür und stürzte ins Kinderzimmer. Es stimmte. Mark, an sein Bärchen gekuschelt, schlief ruhig im Gitterbett. Maikes Bett war zurechtgemacht, sie aber befand sich nicht darin. Der Stuhl, auf den sie ihre Kleider legte, wenn sie schlafen ging, war leer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!