Das Hypómnema | Sudelbuch im antiken Griechenland

Hypomnema (griechisch. ὑπόμνημα, plural ὑπομνήματα, hypomnemata) ist ein griechisches Wort mit mehreren Übersetzungen ins Englische, einschließlich einer Erinnerung, einer Notiz, einer öffentlichen Aufzeichnung, eines Kommentars, einer anekdotischen Aufzeichnung, eines Entwurfs, einer Kopie und anderer Variationen dieser Begriffe.
Platons Theorie der Anamnese erkannte den neuen Status des Schreibens als ein Gerät des künstlichen Gedächtnisses, und er entwickelte die hypomnesischen Prinzipien für seine Schüler, die er in der Akademie befolgen sollte. Wenn wir ein Blick auf die moderne Nutzung werfen, dann hat sich insbesondere Michel Foucault damit auseinander gesetzt:

Die Hypomnemata bildeten eine materielle Erinnerung an das Gelesene, Gehörte oder Gedachte und boten diese als akkumulierten Schatz zum Nachlesen und späteren Nachdenken an. Sie bildeten auch einen Rohstoff für das Schreiben systematischerer Abhandlungen, in denen Argumente und Mittel notiert wurden, mit denen man gegen einen Mangel (wie Ärger, Neid, Klatsch, Schmeichelei) kämpfen oder schwierige Umstände (Trauer, Exil, Untergang, Schande) überwinden konnte.

Michel Foucault

Er verwendet das Wort im Sinne von „Notiz“, während andere Übersetzer das Wort „notebook“ verwenden, das anachronistisch ist. In Bezug auf Senecas Disziplin der Selbsterkenntnis schreibt Foucault:

„In dieser Zeit gab es so etwas wie eine Kultur des persönlichen Schreibens: Notizen zu gelesenen Texten, Gesprächen und Reflexionen, die man gehört oder an denen man sich beteiligt hat; das Führen von (bei den Griechen Hypomnēmata genannten) Notizbüchern über bedeutende Dinge, die von Zeit zu Zeit wiedergelesen werden mussten, um die Erinnerung aufzufrischen.“

In einem Auszug aus einem Interview mit Michel Foucault sagte er:

„So persönlich sie auch waren, die Hypomnemata dürfen dennoch nicht für intime Tagebücher oder für jene Berichte über spirituelle Erfahrungen (Versuchungen, Kämpfe, Stürze und Siege) genommen werden, die in der späteren christlichen Literatur zu finden sind. … Das Ziel des Erben ist es nicht, die arcana conscientiae ans Licht zu bringen, deren Geständnis – sei es mündlich oder schriftlich – einen reinigenden Wert hat.“

Und warum nutzen wir dieses Format im Magazin?! Von einem Magazin mit journalistischen Bemühungen erwarten wir in der Regel fertig aufbereitete Beiträge. Wir möchten einen anderen Weg gehen. Wir stellen zu einem Hauptthema ausgearbeitete Beiträge neben Fragmente, einzelne Fragestellungen, Zitate und undurchdachte Fetzen,  die durchaus einen spontanen Widerspruch provozieren. Diese Teile nehmen wir immer wieder auf und entwickeln das Oberthema weiter. Und warum das? Wir möchten Sie und uns einladen Lesegewohnheiten zu überprüfen, gegebenenfalls neue zu entwickeln und vielleicht sogar ein neues Lebensprojekt zu beginnen. Wir versuchen eine Fragestellung, ein Thema  fernab der üblichen Anlaufstellen wie wikipedia und „die großen Medien“ anzugehen. Nicht als Kritik, sondern als Reise wobei die einzelnen Etappen wichtiger sind als das große Ziel. Wir vermuten, dass wir dadurch zu einem neuen finden.

Seien Sie willkommen. Da diese, unsere Arbeitsweise auch für uns ein learning-on-the-job ist, freuen wir uns über Anregungen und Gedanken zu unseren hypomnemata. Herzlichen Dank.

***

Die Zitate haben wir einer akademischen Arbeit zum Thema Platons Therie der Anamnese von Anouk Vanthuyne, Antwerpen entnommen.


Also published on Medium.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: